Schulen in der Corona-Krise: Großmut ist jetzt gefordert – keine Korinthenkackerei

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Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

DÜSSELDORF. Die Corona-Krise wirbelt das deutsche Bildungssystem durcheinander wie nichts zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Aber manche Vertreter der Bildungsbürokratie und einige Politiker haben den Schuss offenbar überhört. Aus dem nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg, seit Wochen von Schulschließungen betroffen, wird zum Beispiel kolportiert, dass Lehrern verboten wurde, mit Eltern und Schülern über offene Lernplattformen zu kommunizieren und ihren Unterricht – so gut es eben in der Notsituation geht – weiterzuführen. Weil: Dies könnte in Einzelfällen zu Verstößen gegen den Datenschutz führen.

Hunderttausende von Schülern stehen aktuell vor ihren Abschlussprüfungen – sie benötigen klare Zusagen. Foto: Shutterstock

Tatsächlich empfiehlt die Datenschutzkonferenz in einem Beschluss von April 2018 (als also die Corona-Krise noch lange nicht in Sicht war): „Vor dem Einsatz der Online-Lernplattform ist zu prüfen, ob deren Einsatz rechtlich zulässig ist und ob die Schüler und ggf. die Erziehungsberechtigten in die Nutzung der Plattform einwilligen müssen.“ Hintergrund: Manche Lernplattformen bieten Lehrern Möglichkeiten zur Datenauswertung an, aus denen sich möglicherweise datenschutzrechtlich problematische Persönlichkeitsprofile der Schüler erstellen lassen. Deshalb lauten die Empfehlungen der Datenschützer: „Die Online-Lernplattform ist so zu konfigurieren, dass ausschließlich die zur pädagogischen Aufgabenerfüllung der Schule erforderlichen Daten erhoben und verarbeitet werden.“

Schüler werden alleingelassen

In normalen Zeiten ist das zweifellos ein ernstzunehmendes Problem und ein guter Ratschlag. Jetzt geht es aber in vielen Schulen darum, flott Kommunikationskanäle für den Fernunterricht aufzubauen. In der aktuellen Situation wäre die strikte Befolgung (also erst einmal prüfen, dann konfigurieren, dann Einverständniserklärungen von jedem einzelnen Elternpaar abholen …) ein Stück aus Absurdistan. Weil die abstrakte Gefahr besteht, dass ein Lehrer böswillig Lernprofile seiner Schüler erstellt und damit Unfug treibt, soll digital gestützter Heim-Unterricht in der Krise nicht möglich sein? In der Praxis bedeutet das, dass die Schüler alleingelassen werden. Auch diejenigen, die vor ihren zentralen Abschlussprüfungen wie dem Abitur stehen.

Wohlgemerkt: Datenschutz ist keineswegs überflüssig, normalerweise kaum zu überschätzen. Es geht hier und jetzt allerdings um eine Abwägung des kleineren Übels. Und die muss schnell und unbürokratisch geschehen, weil die Krise ebenso rasant und unter Missachtung aller bürokratischer Vorgaben über die Schulen in Deutschland gekommen ist. Was also nötig ist: Eine Versicherung der Schulbehörden an Schulen und Lehrer, dass niemand nur deshalb mit Konsequenzen zu rechnen hat, weil er versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Das kann doch nicht so schwer sein.

Verunsicherung unter Abiturienten und Eltern

Noch eins: „Wir gehen nach heutigem Stand davon aus, dass die Abiturprüfungen abgelegt werden können“, erklärte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Freitag. Nach heutigem Stand? Das mag ehrlich klingen, trägt aber nicht zur Beruhigung ohnehin schon stark verunsicherter Abiturienten und ihrer Eltern bei. Was ist denn, wenn sich der Stand ändert? Bleiben dann Hundertausende von Schülern 2020 ohne Abschluss?

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf
News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Stellen wir uns mal vor, die Bundeskanzlerin hätte sich vor die deutschen Medien gestellt und erklärt: „Wir gehen nach heutigem Stand davon aus, dass die deutsche Wirtschaft nicht untergehen wird.“ Das hat sie aus gutem Grund nicht getan – sondern gesagt: „Wir sind gewillt, alles zu tun, was notwendig ist, alles zu tun, was Deutschland braucht, damit wir durch diese Krise gut durchkommen.“

Auch Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann (CDU) hat sich der Verantwortung gestellt. Sie hat eine Garantie gegeben: „Die Schülerinnen und Schüler werden keinen Nachteil erleiden.“ Eisenmann versprach „flexible und pragmatische Lösungen“. Alle anstehenden Abschlussprüfungen werde man gewährleisten. Irgendwie, das kann sich jeder über die Situation informierte Bürger selbst hinzudenken. Genau das ist es, was wir jetzt brauchen: Großmut, Flexibilität, Pragmatismus – und keine Korinthenkackerei.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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3 KOMMENTARE

  1. Ich pfeife auf den Datenschutz und begleite meine Kids die Zuhause sitzen per email und werde die ohne Technikzugang per Briefkasteneinwurf versorgen. Unser Lesebuch lasse ich schon über Antolinbearbeiten. Ich werde mir was einfallen lassen damit es den Kids nicht an Bildung fehlt. Ich hoffe die Kids u Eltern ziehen mit.

  2. Apropos Korinthen: Warum wird eigentlich nahezu jeder Beitrag zum Thema mit Mundschutz-Bildern begleitet? Gibt es keine Bilder, auf denen jemand in den Ellenbogen hustet oder sich die Hände wäscht? Dann könnte man alternativ ein Virusbild mit einem Schriftzug verknüpfen.

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