„Kosinussatz streichen! Lyrik verkürzen!“: Das nächste Schuljahr kann nur gelingen, wenn die Lehrpläne abgespeckt werden

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BERLIN. Die Kultusminister drucksen herum. Das Recht auf Bildung lasse sich am besten im Regelbetrieb der Schulen verwirklichen, stellten die Teilnehmer einer KMK-Telefonkonferenz in dieser Woche einhellig fest. Die Kernfrage aber ließen sie unbeantwortet: Wie sieht das nächste Schuljahr denn nun aus? Eine umfassende Analyse von renommierten Fachleuten liefert jetzt einen Ausblick.

Das komplette Lehrplan-Programm wird sich im kommenden Schuljahr kaum durchziehen lassen. Foto: Shutterstock

Einen völlig unbeschränkten Unterricht wie vor der Corona-Krise wird es auf absehbare Zeit wohl kaum geben können. Aber was geht stattdessen? Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung wollte es genauer wissen und hat eine prominent besetzte Expertenkommission aus Wissenschaft, Schulpraxis, Eltern- und Schülerorganisationen und den Schulträgern zusammengestellt. Die Fachleute haben ihren umfassenden Bericht nun präsentiert. Ihre Forderung: Schule muss sich inhaltlich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren – und dafür sowohl Lernpläne kurzfristig verschlanken sowie auf den üblichen Prüfungsturnus verzichten.

Reduzierte Möglichkeiten pädagogischer Arbeit

„In Zeiten, in denen das Schulsystem nicht im Normalbetrieb laufen kann, wächst der Legitimationsdruck für alle Akteur_innen im Schulsystem, diese generellen Ansprüche einerseits aufrecht zu erhalten, aber andererseits auch unter Anerkennung der Krisensituation gezielt notwendige Reduktionen in der Quantität und nicht in der Qualität schulischer Bildung vorzunehmen“, so heißt es in dem Papier. „An dieser Stelle sind die Länder in der Pflicht, angesichts der Pandemie, den reduzierten Möglichkeiten pädagogischer (Beziehungs-)Arbeit und den zusätzlichen psychosozialen Belastungen bei allen Beteiligten, alsbald einen abgestimmten Maßnahmenkatalog zur Adaption schulischer Bildungsziele vorzulegen.“

Wichtig aus Sicht der Experten: „Es sollten keine Stundenplankürzungen ausschließlich zu Lasten der sogenannten Nebenfächer erfolgen. Stattdessen sollte am Konzept einer umfassenden Allgemeinbildung festgehalten werden.“ Heißt konkret: Demokratiepädagogik, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Kulturelle Bildung sollten nicht aufgegeben werden. „Dabei erscheint in der Primarstufe zwar eine Priorisierung der Kompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen notwendig. Dies muss aber als durchgängige Aufgabe aller Fächer angesehen werden.“ Darüber hinaus erschienen – auch vor dem Hintergrund der neuen Lernbedingungen in Krisenzeiten – die Stärkung digitaler Kompetenzen und deren Vermittlung in allen Schulstufen als unumgänglich.

Freiräume für die Lehrer, um das Beste aus der Lage zu machen

Andererseits sei klar, dass nicht das übliche Stoffpensum behandelt werden könne. Deshalb fordern die Fachleute: „Für das Schuljahr 2020/21 sollten Kürzungen in den Lehrplänen bzw. in den erwarteten Leistungszielen aller Fächer vorgenommen werden.“ Und weiter: „Hierzu sollten die KMK und die Länder rechtzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres konkrete Kürzungsvorschläge benennen (beispielsweise Kosinussatz in Mathematik der Mittelstufe oder Reduktion von in den unterschiedlichen Jahrgangsstufen wiederkehrenden Inhalten wie beispielsweise Lyrik im Fach Deutsch).“ Dies müsse nicht zu Lasten der Qualität schulischer Bildung führen, sondern solle den Lehrkräften die notwendigen Freiräume „für den pädagogisch-konstruktiven Umgang mit den hygienebedingten Einschränkungen der Lehr-Lernmöglichkeiten“ bieten.

Dementsprechend sollte dem Gremium zufolge auch das Spektrum der Prüfungsinhalte innerhalb aller Fächer reduziert werden. „Das, was im kommenden Schuljahr getestet wird, kann nicht dasselbe sein wie in den Jahren zuvor. Dieser Prozess muss pragmatisch gestaltet werden; eine langwierige Einberufung von Bildungsplankommissionen etc. verbietet sich angesichts der drängenden Zeit. Vielmehr muss mit klugem fachdidaktischem Blick und hoher fachlicher Durchdringung, aber zugleich beherzt entschieden werden, welche Inhalte in den kommenden Prüfungsdurchgängen verzichtbar sind.“

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Anzahl und Umfang von Klassenarbeiten und Tests reduzieren

Anzahl und Umfang von Prüfungssituationen wie Klassenarbeiten oder Tests müssten ebenfalls reduziert werden. Stattdessen sollten Situationen der Leistungsfeststellung und -bewertung stärker der Feedbackfunktion dienen, damit Schülerinnen und Schüler häufiger und differenzierter als bislang Gelegenheit erhalten, ihren Lernprozess zu korrigieren und zu adjustieren. Die Expertenrunde betont: „Dies ist nicht gleichbedeutend mit einer Senkung des qualitativen Anspruchsniveaus, denn auch innerhalb eines quantitativ eingeschränkten Stoffspektrums können anspruchsvolle Prüfungen gestellt werden.“

Auch bei Abschlüssen und Übergängen raten die Expertinnen und Experten zu großzügigen Regelungen. „In der jetzigen Situation erscheint es unangemessen, wenn nicht sogar rechtlich nur bedingt möglich, die Bedeutung von Noten für Übergangsentscheidungen, aber auch für die Vergabe von Abschlüssen in vollem Umfang beizubehalten. Vor diesem Hintergrund sollte auf das klassische Sitzenbleiben verzichtet werden; auch sollten Abschlüsse, die ohne Erbringung gesonderter Prüfungsleistungen erworben werden (Erster und Mittlerer Schulabschluss in einigen Schulformen und Ländern, Fachhochschulabitur), vom Notendurchschnitt entkoppelt werden. Anstelle auf formale Mechanismen der Entscheidungsfindung zu setzen („bei Notendurchschnitt X keine Versetzung“), sollten die individuelle Beratung der Schüler_innen sowie ihrer Eltern zur Möglichkeit einer freiwilligen Wiederholung, ihre Begleitung und Unterstützung bei der Entscheidungsbildung eine umso größere Rolle spielen.“

Lehrer sind gefordert, den einzelnen Schüler zu betrachten

Dies setze bestimmte strukturelle Rahmenbedingen voraus; beispielsweise sollte ein Wiederholungsjahr nicht auf die Verweildauer in der Primar- und Sekundarstufe angerechnet werden. „Zugleich bedarf es der Bereitschaft und Fähigkeit der Lehrpersonen, sich verstärkt auf ihren informatorischen Auftrag zu konzentrieren und die einzelnen Lernenden in den Blick zu nehmen.“ News4teachers

In einem ersten Beitrag von News4teachers zu der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ging es um die Organisation des Unterrichts im nächsten Schuljahr – hier geht es zu dem Bericht.

Das Expertengremium

Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Kai Maaz, Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, hat die Friedrich-Ebert-Stiftung renommierte Experten für die Stellungnahme zusammengebracht, nämlich:

  • Johanna Antony, Lehrerin an der Kurt-Schumacher-Schule Berlin-Kreuzberg
  • Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Universität zu Köln
  • Azalea Chapman, Berlin Bilingual School, Mitglied im Bezirksschülerausschuss Berlin-Pankow
  • Dr. Martina Diedrich, Direktorin des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung Hamburg
  • Dr. Joanna Eger, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Infektiologie, München
  • Prof. Dr. Birgit Eickelmann, Lehrstuhl Schulpädagogik an der Universität Paderborn und Leiterin des Nationalen Forschungszentrums der Studie ICILS 2018
  • Prof. Dr. Felix Hanschmann, Humboldt-Universität zu Berlin, Juristische Fakultät
  • Klaus Hebborn, Deutscher Städtetag, Leiter des Dezernats Bildung, Kultur, Sport und Gleichstellung
  • Prof. Dr. Martin Heinrich,Leiter der Wissenschaftlichen Einrichtung Oberstufenkolleg Bielefeld, Professur für Erziehungswissenschaft/Schulentwicklung & Schulforschung
  • Gülay Iscan-Pilic, Lehrerin an der Pestalozzischule Durlach
  • Prof. Dr. Dominik Leiss, Dekan der Fakultät Bildung der Leuphana Universität Lüneburg, Professur für empirische Bildungsforschung in der Didaktik der Mathematik
  • Ines Mülhens-Hackbarth, Leiterin der Grundschule Fichtenwalde
  • Miriam Pech, Leiterin der Heinz-Brandt-Schule Berlin-Weißensee und Vorsitzende der Vereinigung der Berliner ISS Schulleiterinnen und Schulleiter
  • Dr. med. Christine Scheinkönig, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Berlin
  • Matthias Siebert, Vorsitzender des Landesverbands Schulpsychologie Berlin e.V.
  • Dr. Ute Teichert, MPH, Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen, Leiterin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. (BVÖGD)
  • Lucia Wagner, Landesschüler_innenvertretung Rheinland-Pfalz, Mitglied der Bundesdelegation
  • Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats
  • Prof. Dr. Birgit Werner, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Direktorin des Instituts für Sonderpädagogik
  • Dr. Anna Aleksandra Wojciechowicz, Universität Potsdam, Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung
  • Prof. Dr. Michael Wrase, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung sowie Professor für Öffentliches Recht mit den Schwerpunkten Sozial- und Bildungsrecht an der Stiftung Universität Hildesheim, Institut für Sozial-und Organisationspädagogik
  • Moderation und beratendes Mitglied: Burkhard Jungkamp, Staatssekretär a. D. und Moderator des Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung

Hier lässt sich die vollständige Analyse herunterladen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Hubig setzt den Rahmen für das kommende Schuljahr: keine Abstandsregeln mehr, Lehrpläne gelten, Verzicht auf Schulfeste

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11 KOMMENTARE

  1. Ganz einfach bleibt ein wieder mal die Perspektiven der Schüler und Lehrer unberührt.

    Meine Perspektive auf die Sache ist folgende: Ich werde, egal was kommt, nicht mehr zulasten meiner Erholungszeiten unentgeltlich weiterarbeiten, weil ein Mix aus Präsenz- und Onlineunterricht zwangsläufig mehr Vor- und Nacharbeitszeit kostet. Außerdem soll mein Sienstherr dafür sorge tragen, dass ich von zuhause Datenschutzkonform von einem Dienstgerät aus arbeite. Andernfalls soll er genug Dienstgeräte in der Schule bereitstellen.

    Bisher habe ich keiner Interessensvertretung gehört, wie konnkret mit den Arbeitszeiten umgegangen werden soll. Stattdessen wird Elternvertretern zu viel Raum mit abstrusen Forderungen nach Sommerschulen und das man gefälligst seinen Teil beitragen soll.

    • Als Kollege finde ich es, auch aufgrund der öffentlichen Wahrnehmung, erstrebenswert, dass du bei derartigen Kommentaren auf deine Rechtschreibung achtest. Das öffentliche Jammern geht mir zudem völlig auf die Nerven. Was sollen Mitbürger denken, deren Existenz auf dem Spiel steht, wenn wir gut bezahlte Lehrer in dieser Situation jammern, weil es zu einem erhöhten Arbeitsaufwand kommt? Viele Dinge können und sollten an den Schulen eigenständig geleistet werden und notfalls auch einmal Erlasse einfach großzügig ausgelegt werden. Dann lassen sich viele Dinge regeln!

  2. Freiwilliges wiederholen funktioniert höchstens in einem von zehn Fällen, alle anderen sind beratungsresistent. Wenn man in meiner Schulform bicht gezwungen wird, hin und wieder was zu lernen, schafft man auch in der Regel keinen Abschluss. Das sind übrigens Erfahrungswerte, von Schülern, die immer wieder pädagogisch versetzt wurden oder durch Ausgleich und dann ohne Abschluss da standen. Diesen Schuh muss man sich dabn übrigens tatsächlich anziehen, da eben diese vermutlich einen Abschluss an einer anderen Schulform erreicht hätten.

  3. Nach den Sommerferien sind alle SchülerInnen in der Schule – wie soll es denn sonst funktionieren. Die Eltern müssen wieder arbeiten – die Infektionen muss man dann in Kauf nehmen – so schlimm es im Einzelfall ist.

    • Arbeiten oder für die Arbeitsvermittlung zur Verfügung stehen?

      Wenn schon Lufthansa 300 Maschinen am Boden lassen will, dann sind das rd. 30 Leute je Maschine. Hinzu kommen Leute am Boden – Checkin, Wartung, Catering etc.
      ZF in Friedrichshafen will um die 19 bis 15 Tsd. Arbeitskräfte freisetzen, weil E-Autos weniger komplexe bis keine Getriebe brauchen.

      Die List lässt sich beliebig ergänzen.

  4. Es soll Menschen mit Kinder geben, die auch bei einer Entlassungswelle arbeit haben werden. Wird es geben, hat es immer gegeben. Solche Aussagen sind unverschämt!

    • Nee, ist klar. Beamte haben echte Vorteile. – Und alle Lehrer sind Beamte …
      Im übrigen müssen narürlich ein Paar Leute arbeiten. Wer soll sonst die beiträge in die AV einzahlen. Ich geh einmal davon aus, dass die azhl der Minijobs steigen wird.

        • Sie auch?

          In NRW sind es 20% aller Lehrkräfte an öffentlichen Schulen, die Tarifbeschäftigte sind.
          Bundesweit ist es ein Viertel aller lehrkräfte an öffentlichen Schulen, da der Prozentz´satz nicht-verbeamteter Lehrkräfte im Osten der republik höher ist.

          Dass die tarifbeschäftigten Lehrkräfte die „Deppen der Nation“ sind, kann man am Nettolohnvergleich sowie der Disparität bei den Arbeitszeiten im Vergleich zum sonstigen ÖD sehen –
          Beamte: 40 Wochenstunden;
          Angestellte: 38,5 Wochenstunden;
          Lehrkräfte unabhängig vom Beschäftigtenstatus:
          Beamte und Angestellte haben die gleiche Wochenstundenzahl, abhängig vom Bundesland und der Schulform, an der sie eingestzt werden.

  5. „abgespeckt“ suggeriert, dass unsere Lehrpläne fett seien. Aber wenn ich 2020 mit 1999 oder gar mit 1990 vergleiche, so sind die Lehrpläne in meinen Fächern sehr mager, sogar spindeldürr geworden.

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