Literaturwissenschaftlerin Conrad: Warum Märchen nach wie vor wichtig sind

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NÜRNBERG. Für viele Kinder beginnt die Leseförderung mit Märchen. Die klassischen Märchen gelten, bei aller aktuellen Kritik, längst als etablierte Literatur mit wichtigen gesellschaftlich-kulturellen Funktionen – im Unterschied etwa zu den meisten Erzeugnissen der aktuell zu beobachtenden „Fantasy-Welle“ am Markt der Kinder und Jugendliteratur. Die Nürnberger Literaturwissenschaftlerin Prof. Maren Conrad nimmt einen weiteren Blick ein.

Märchen helffen Kindern dabei, sich die Welt zu erschließen. Foto: Shutterstock

Märchen gelten als Kulturgut, sind für viele mit Kindheitserinnerungen verbunden. In letzter Zeit sind sie teilweise stark in die Kritik geraten, weil sie Klischees und veraltete Rollenbilder transportieren. Zugleich haben klassische Märchen wichtige kulturelle Funktionen. Doch sind Märchen noch zeitgemäß? Und was macht moderne Märchen aus? Ein Interview mit Maren Conrad, von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Frau Professor Conrad, warum lesen und hören wir so gerne Märchen?

Maren Conrad: Einfach gesagt: Märchen machen glücklich. Das traditionelle Märchen, wie wir es von den Grimms kennen, hat ganz düstere Momente, geht aber immer gut aus. So etwas ist in unserer modernen Welt, die immer komplexer wird, sehr wertvoll.

Worin unterscheiden sich moderne Märchen von den Klassikern?

Maren Conrad: Hauptsächlich sicherlich im Format. Märchen waren früher erst mündlich überlieferte Volksmärchen, dann in Büchern gesammelte Kunstmärchen. Heute können Märchen als Filme, Bilderbücher, Hörbücher, Serien, interaktive Ausstellungen, Comics oder Computerspiele daherkommen. Sie funktionieren aber immer noch wie die eher kurzen Geschichten von Grimm und Co.: Das Gute siegt.

Mit welchen Themen befassen sich zeitgenössische Märchen und warum?

Maren Conrad: Die Kernmotive des Märchens sind zeitlos, denn sie waren schon zu Zeiten der Gebrüder Grimm Erziehungsbücher. Sie behandeln Urängste, die Hänsel und Gretel ebenso betreffen wie Harry Potter, und zeigen uns immer Heldinnen und Helden, die Herausforderungen meistern und dafür reich belohnt werden. Moderne Märchen erweitern dieses Motiv. Für ein modernes Kind ist es zum Beispiel nicht mehr entscheidend, den richtigen Weg durch den Wald zu finden, sondern in der Schule gute Noten zu bekommen.

Konstant bleiben auch zentrale Werte wie Liebe, Treue, Güte, Mut, Freundschaft und Menschlichkeit. Neu hinzukommen jetzt Autonomie und Individualität, Toleranz und Vielfalt, Bildung und kritisches Denken – Dinge, die in unserer heutigen Gesellschaft immer wichtiger werden.

Skandinavische Kinderbücher scheinen ihrer Zeit voraus zu sein: Die Geschichten rund um das starke und unabhängige Mädchen Pippi Langstrumpf zum Beispiel erschienen in den 1940er Jahren. Sind Märchen dort nach wie vor progressiv?

Maren Conrad: Unbedingt! In Skandinavien spielen Diversität, Intersektionalität und Inklusion besonders für Kindergärten und Schulen eine zentrale Rolle und das zeigt sich auch in der Literatur. Astrid Lindgren hat sicher Maßstäbe gesetzt. Besonders spannend ist, dass das auch politisch gewollt ist. Der Aufsatz meiner Kollegin Karina Brehm berichtet etwa darüber, dass in Schweden ein geschlechtsneutrales Pronomen eingeführt wurde, das in Kinderbüchern verwendet wird.

Doch nicht nur die Themen machen ein modernes Märchen aus, sondern auch das Medienformat. Welche Beispiele gibt es da?

Maren Conrad: Das Schöne an Märchen ist: Sie sind unendlich wandelbar. Im Kern geht es um eine bestimmte Art von Geschichte und um bestimmte Motive und Figurentypen. In modernen Märchen werden diese immer wieder neu kombiniert, auch wenn es um ganz andere Themen geht. Auch die Pop-Kultur greift Märchenmotive immer wieder auf. Ob „Germany‘s Next Topmodel“, „Game of Thrones“ oder die „Superman“-Comics: Es werden viele typische Märchenmotive genutzt – von Prinzessinnen über Hexen hin zu Drachen – und zu Märchen für moderne Erwachsene umgebaut.

Inwiefern kann auch ein Computerspiel ein Märchen sein?

Maren Conrad: Computerspiele eignen sich sogar besonders gut dafür, weil sie interaktiv sind. Wie moderne skandinavische Märchen auch, haben Computerspiele als modernes Medium das Potenzial, innovativ zu sein und Vielfalt zu ermöglichen. So gibt es zum Beispiel vom Goethe-Institut Märchen als Computerspiel, in denen die Kinder selbst entscheiden können, ob die Prinzessin den Drachen vor der bösen Stiefmutter retten soll, oder der Drache die Stiefmutter vor der bösen Prinzessin, oder alles ganz anders laufen soll. Und haben wir als Kinder nicht alle gern Märchen selber nachgespielt?

Das Interview führte Susanne Langer.

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