BERLIN. Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe an der Berliner Charité, hat zu einer offeneren Informationspolitik hinsichtlich Corona-Infektionen an Schulen aufgerufen. „Wir müssen in Deutschland eine transparente Datenlage haben“, so fordert er in seinem neuen NDR-Podcast. Wenn zu einer generellen Inzidenzerhöhung in Schulen käme, „wenn es also nicht so wäre, dass wir die Ausbrüche in der Frühphase immer erkennen könnten“, bestehe die Gefahr, dass das Infektionsgeschehen sich unbemerkt auswachse – und zunehmend auch ältere Menschen und andere Risikogruppen bedrohe. Was Drosten kritisiert, illustriert ein aktuelles Beispiel aus Nordrhein-Westfalen.
Stecken sich Kinder gegenseitig mit dem Coronavirus an? Stecken sie ihre Eltern an? Gibt es diese Daten gar nicht? Werden solche Infektionsketten gar nicht nachvollzogen? „Ich glaube, es gibt solche Daten schon in den Gesundheitsämtern, vielleicht nicht in allen Gesundheitsämtern. Das ist ja ein buntes Bild und die sind unterschiedlich gut ausgestattet. Aber ich glaube, dass das im Moment einfach nicht so speziell gemeldet wird“, antwortet Drosten und betont: „Ich fände es gut, wenn das noch mal ein bisschen verbessert würde. Denn es ist schon so, man sollte eigentlich von den jeweiligen Landesämtern oder auch vom RKI erwarten, dass das jetzt sehr transparent veröffentlicht wird.“
Hat sich die Politik zu sehr darauf verlassen, dass es ohnehin keine Ausbrüche an Schulen geben wird?
Grundsätzlich sei es wichtig, auf Infektionen unter Lehrern und Schülern schnell zu reagieren – angemessen. Dafür sei es dann nicht unbedingt notwendig, gleich die ganze Schule zu schließen. Unter Umständen reiche es aus, „eine Infektionseinheit, zum Beispiel eine Klasse“ aus dem Betrieb zu nehmen. In jedem Fall aber komme es auf eine transparente Datenlage an. Sein Eindruck sei allerdings, „dass das nicht so veröffentlicht wird. Vielleicht auch, weil man sich in der Kommunikation vor den Sommerferien auch hier und da in einigen Bundesländern sehr stark auf eine bestimmte Interpretationsweise festgelegt hat, nämlich: ‚Es gibt gar keine Fälle in den Schulen.‘“ Dabei, so Drosten, sei ignoriert worden, dass die Daten von Studien, die solche Ergebnisse nahelegten, in zeitlicher Nähe zu den Schließungen erhoben worden seien – also gar nicht zeigen konnten, was bei einem stärkeren Infektionsgeschehen in Schulen passiert.
Hintergrund: Regierende Politiker, quer durch alle Parteien, haben vor den Sommerferien die These vertreten, dass Kinder weniger infektiös seien als Erwachsene – und damit die weiten Schulöffnungen begründet: „Zwischen eins und zehn ist kaum ein Ansteckungsrisiko vorhanden“ (NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer, FDP), „Kinder infizieren sich deutlich seltener mit dem Virus als Erwachsene“ (Hessens Kultusminister Alexander Lorz, CDU), „Kinder werden anscheinend nicht nur seltener krank, sondern sind wohl auch seltener infiziert als Erwachsene“ (Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Grüne). Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) hat sogar erklärt, dass die Schulschließungen ab März eigentlich gar nicht notwendig gewesen seien – und dass man in Zukunft wohl anders entscheiden werde.
„Ich glaube, man muss jetzt mal aufhören, sich gegenseitig irgendwelche Vorwürfe zu machen“, sagt Drosten zum sich aufheizenden Streit um den Schulbetrieb ohne Schutzmaßnahmen. „Sondern man muss einfach mal ganz transparent die Lage beschreiben und dann sehen, wie man weiterkommt.“
Womöglich sei jetzt – vor Beginn der Herbstferien – ein guter Zeitpunkt, um eine ehrliche Bilanz zu ziehen und über geeignete Maßnahmen für den Herbst und Winter zu beraten. „Ich glaube, dafür muss man eine öffentliche Diskussion führen“, sagt Drosten. Die Interessen gingen weit auseinander – während die eine Seite, Lehrer und Eltern, die selbst oder deren Kinder zu Risikogruppen gehörten, Angst habe, dass sie sich über die Schule ansteckten, heiße es auf der anderen, „die Schüler müssen unbedingt in die Schule – und die Schulen müssen unbedingt offenbleiben“. Beide Positionen seien nachvollziehbar und berechtigt. Aber: „Ohne dass man ein transparentes Bild in der Öffentlichkeit hat, ist es schwierig, diese Diskussion auf faire Art und Weise weiterzuführen. Aus anderen Ländern gibt es schon Zahlen, die sehr klar zeigen, dass es überall Ausbrüche in den Schulen gibt, also in Frankreich zum Beispiel, auch in Kanada.“
Auch in Deutschland gibt es Ausbrüche an Schulen – über die die Kultusminister aber nicht informieren
Versuchen Landesregierungen, das wahre Ausmaß der Betroffenheit von Schulen mit dem Corona-Virus zu verschleiern? Auch in Deutschland gibt es Ausbrüche an Schulen – also Fälle, bei denen nicht nur infizierte Schüler und Lehrer in Schulen festgestellt wurden, sondern sich diese erkennbar auch in der Schule angesteckt haben –, wie RKI-Präsident Prof. Lothar Wieler in dieser Woche bestätigt hat (News4teachers berichtete ausführlich darüber – hier geht es zu dem Beitrag). Als einziger verantwortlicher Kultusminister hat der Hamburger Bildungssenator Rabe daraufhin nach starkem öffentlichen Druck eingeräumt, dass es seit Schuljahresbeginn tatsächlich bereits zu drei Ausbrüchen an Schulen gekommen ist (auch darüber berichtete News4teachers – hier). Wohlgemerkt: allein in Hamburg.
Die KMK – die im Juni beschloss, den Unterricht nach den Sommerferien wieder ohne Abstandsregel aufzunehmen – kümmert sich hingegen nicht um die Folgen ihres Beschlusses: Corona-Daten von Schulen werden von der KMK nicht gesammelt, so ergab eine Anfrage von News4teachers. In Deutschland gibt es keine offizielle Stelle, die das Geschehen in den Schulen beleuchtet.
Wie begrenzt das Interesse von Landesregierungen ist, Corona-Infektionen in Schulen transparent zu machen, zeigt auch das aktuelle Beispiel Nordrhein-Westfalen. Die Deutsche Presseagentur hat am heutigen Samstag Daten veröffentlicht, die das Schulministerium auf Anfrage herausgab. Danach verfügte das Haus gestern, 2. Oktober, angeblich nur über Zahlen vom 24. September. Die gehen aus einer „Umfrage“ unter den Schulen des Landes hervor, an der nicht mal alle teilgenommen haben – acht Prozent fehlen.
Und nicht mal diese acht Tage alten Rumpfdaten werden offen kommuniziert: Bei rund 0,03 Prozent der Schüler sei zu diesem Zeitpunkt eine Corona-Infektion bestätigt worden, hieß es relativierend – ohne eine absolute Zahl zu nennen. Bei weniger als 0,1 Prozent der Lehrkräfte sei eine Corona-Infektion bestätigt worden. Eine absolute Zahl wurde auch hier nicht genannt. „Nur“ elf Schulen seien Corona-bedingt zu dem Zeitpunkt vollständig geschlossen gewesen, hieß es aus dem Ministerium. Zwei andere dann doch genannte Zahlen lassen allerdings das Ausmaß der Betroffenheit erahnen: Mehr als 18.000 Schüler und 1.700 Lehrer in Nordrhein-Westfalen befanden sich nach offiziellen Angaben am 24. September in Quarantäne. Ein Höchststand? Auch das vermochte das Ministerium nicht zu sagen.
Drosten: „Ich glaube, es ist für jeden Politiker nicht gut, wenn man fehlende Transparenz im Nachhinein als ein Versäumnis benennt. Es ist wichtig, diese Schulsituation ganz transparent zu beschreiben, vor allem ab den Herbstferien.“ News4teachers / mit Material der dpa
Die Deutsche Presseagentur hat bei den Ländern nachgefasst: Nach den aktuellsten zum Ende der Woche vorliegenden Daten der zuständigen Landesbehörden oder Kultusministerien der Länder waren zuletzt knapp 40.000 Schüler und fast 4000 Lehrer wegen Infektionsfällen, Verdachtsfällen oder eigener Infektion in Quarantäne oder als Vorsichtsmaßnahme im Fernunterricht. Daneben meldeten Bundesländer, die keine Einzelzahlen zu Schülern veröffentlichen, insgesamt rund 700 Klassen oder Lerngruppen, die zuletzt nicht in der Schule waren. Komplett geschlossen waren den aktuellen Zahlen zufolge 23 Schulen.
Die Bundesländer erheben die Daten ganz unterschiedlich. Manche zählen Schüler und Lehrer in Quarantäne, manche die Zahl der Klassen oder Lerngruppen, die zu Hause unterrichtet werden, manche nur die Zahl der positiv Getesteten. Zudem werden die Daten in unterschiedlichem zeitlichen Abstand und zu verschiedenen Zeitpunkten erhoben. Daher können bundesweit nur sehr grobe Aussagen getroffen werden.
Baden-Württemberg: In Baden-Württemberg waren Stand 1. Oktober 194 von 4500 Schulen von Corona-Maßnahmen betroffen. 304 Schulklassen waren wegen Infektionen oder Verdachtsfällen nicht im Präsenzunterricht, zwei Schulen waren vollständig geschlossen.
Bayern: Rund 11.700 von insgesamt 1,65 Millionen Schülern waren kurz vor dem Wochenende in Quarantäne, daneben rund 970 der bayernweit 155 000 Lehrerinnen und Lehrer. Komplett geschlossen waren zwei der mehr als 6000 Schulen im Freistaat.
Berlin: Die Hauptstadt meldete am Freitag 121 Corona-Fälle an Schulen und Berufsschulen bei Schülern und 27 Fälle bei Lehrern. 80 Lerngruppen – in der Regel Klassen – waren in häuslicher Quarantäne. Der Anteil der Coronafälle liegt sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern im Promillebereich weit unter 0,1 Prozent.
Brandenburg: In Brandenburg waren zum Stichtag 1. Oktober rund 25 Lerngruppen und Klassen in Quarantäne. Seit Schuljahresbeginn sind dem Bildungsministerium neun positive Corona-Tests bei Lehrkräften, einer bei einer Praktikantin und 49 bei Schülern bekanntgeworden.
Hamburg: Nach Angaben von Bildungssenator Ties Rabe (SPD) vom 29. September waren 58 der rund 9500 Hamburger Schulklassen sowie 162 Schulbeschäftigte in Quarantäne. Schulschließungen gab es in Hamburg demnach noch keine. Seit Schuljahresbeginn seien aus den 149 Schulen 355 mit dem Coronavirus infizierte Schüler und Schulbeschäftigte gemeldet worden.
Hessen: Hessen veröffentlicht regelmäßig aktuelle Zahlen im Internet. Demnach konnten am Freitag 5636 von 760.000 Schülern und 511 von 62.500 Lehrern «aufgrund behördlicher Maßnahmen derzeit nicht am Präsenzunterricht teilnehmen».
Nordrhein-Westfalen: Die aktuellsten Daten im bevölkerungsreichsten Bundesland stammen vom 24. September. Zu diesem Zeitpunkt waren laut Schulministerium 11 von den insgesamt rund 5500 Schulen vollständig geschlossen. 4237 boten «regulären Präsenzunterricht» an. 1776 Lehrer waren in Quarantäne, 149 476 in der Schule. Gut zwei Millionen Schüler nahmen vor Ort am Unterricht teil, 18 149 waren in Quarantäne.
Niedersachsen: Stand 1. Oktober war an 92 von 3000 Schulen für einzelne Klassen oder Jahrgänge «Distanzlernen» angesagt – manchmal auch vorbeugend wegen Verdachtsfällen. Laut Kultusministerium waren insgesamt 134 Klassen, 84 Lerngruppen und 23 Jahrgänge nicht im Präsenzunterricht. Komplett geschlossen war eine private Berufsfachschule.
Rheinland-Pfalz: Die aktuellsten Daten stammen vom 25. September. Demnach waren in Rheinland-Pfalz wegen Corona-Verdachts 2568 Schüler und 357 Lehrer in Quarantäne. Hinzu kommen 60 Infektionsfälle bei Schülern und 11 bei Lehrern. Zwei Realschulen plus (eigener Schultyp in Rheinland-Pfalz) waren komplett geschlossen.
Saarland: Stand 30. September war für rund 850 von insgesamt rund 120 000 Schülern sowie für rund 120 von insgesamt rund 9400 Lehrkräften) Quarantäne durch die Gesundheitsämter angeordnet.
Sachsen: Der Freistaat meldete für die Woche vom 21. bis 25. September – neuere Daten liegen noch nicht vor – rund 500 Schüler in Quarantäne. Seit Schuljahresbeginn seien rund 1400 Schüler kurzfristig in Quarantäne gewesen, bei insgesamt rund 413 000 Schülern in ganz Sachsen. Seit Schuljahresstart mussten drei Grundschulen vorübergehend komplett geschlossen werden.
Sachsen-Anhalt: Stand 1. Oktober ging das Kultusministerium auf Nachfrage von 450 bis maximal 500 Schülern in Quarantäne aus. Betroffen seien etwa zehn Schulen. Zudem gebe es weitere Schüler («Gesamtzahl unbekannt»), die aus «schulorganisatorischen Gründen» aktuell «im Fernlernen» seien, beispielsweise, wenn deren Lehrer unter Quarantäne gestellt sind.
Schleswig-Holstein: In Kiel liegen keine Zahlen zu Schülern in Quarantäne vor, «da allein die Örtlichen Gesundheitsämter über Quarantänen entscheiden», heißt es. Positiv getestet worden seien in den vergangenen 14 Tagen 65 Schüler und 4 Lehrer. Stand 1. Oktober waren drei Schulen in Schleswig-Holstein geschlossen.
Thüringen: Im Freistaat wird im Internet veröffentlicht, welche Schulen zu sind. Stand Freitag waren es zwei. Daneben wird veröffentlicht, an welchen Einrichtungen es Einschränkungen gibt, wo also einzelne Gruppen in Quarantäne geschickt wurden. Das waren Stand Freitag elf. Genaue Zahlen zu betroffenen Schülern und Lehrern gibt es nicht.
Aus Bremen und Mecklenburg-Vorpommern lagen keine Angaben vor.
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