Digitale Großveranstaltung mit bildungspolitischer Strahlkraft: Der Deutsche Schulleiterkongress hatte als Online-Event Premiere

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HAMBURG. Der Deutsche Schulleiterkongress, der als digitale Großveranstaltung Premiere feierte, ist heute zu Ende gegangen. Die Teilnehmer zeigten sich froh, endlich mal wieder in den kollegialen Austausch kommen zu können, wenn auch aus der Ferne. Das Programm – mit einem Schwerpunkt auf Digitalisierung – bot ein buntes Angebot an Wissenswertem und Nutzbarem für die Praxis. Die politische Botschaft war unüberhörbar. Fünf Erkenntnisse aus Deutschlands größtem Bildungskongress.

Der Bildungsjournalist Lothar Guckeisen moderierte den Deutschen Schulleiterkongress von Hamburg aus. Foto: DSLK

Erste Erkenntnis: Auch ein digitaler Kongress hat eine Dynamik – und seine Stars. Dies wurde spätestens beim (virtuell) vielbeklatschten Vortrag von Dr. Patrick Bronner deutlich, einem Mathematik- und Physiklehrer sowie Lehrerausbilder, der mit auch über die Distanz spürbarer Begeisterung sich, passenderweise, über digitalen Fernunterricht ausließ. „Wirkungsvoll, kompetenzorientiert und personalisiert“, müsse ein solcher sein, und wer Bronners Energie und Engagement über den Bildschirm zu spüren bekam, merkte schnell: Der Pädagoge lebt, was er sagt. Und es funktioniert, was er präsentiert.

Lehren ist Beziehungsarbeit – auch im digitalen Unterricht

Das Ergebnis einer Schnell-Umfrage unter den Teilnehmern ergab: 70 Prozent hielten den Vortrag für „spitze“; einige wollten Bronner am liebsten gleich für eine Fortbildungsveranstaltung in ihrer Schule engagieren (entsprechende Anfragen kamen über den Chat). Dabei dürften die Botschaften des Freiburgers für viele Schulleitungen gewöhnungsbedürftig sein. „Der Lehrer ist der DJ im Lernprozess“, postulierte Bronner beispielsweise – und machte anhand eines Schaubildes deutlich, was er damit meint: Statt eine Platte aufzulegen und lediglich abzuspielen, müssten Pädagogen sich flexibel auf ihr „Publikum“, die Schüler also, einstellen und, je nach Unterrichtssituation und Bedarf, an Reglern wie „Lernziel“, „Lernansatz“, „Lerntempo“ und „Sozialform“ justieren. Statt Inhalte vorzugeben, müsse im digitalen Unterricht forschendes Lernen ermöglich werden.

Bronner machte aber auch deutlich: Digitaler Unterricht benötigt ein Fundament („Lesen, Schreiben und Rechnen müssen sitzen“). Lehren ist Beziehungsarbeit – auch im digitalen Unterricht. Und: Digitaler Unterricht funktioniert nicht reibungslos. Freimütig räumte er Fehlschläge in Form von verhauenen Tests ein und gab dem Publikum auch einen Brief empörter Eltern zu lesen, der sich über seinen Unterricht – konkret: ein Physik-Projekt zum Thema Beleuchtung – beschwerten. „Physik und dieses Projekt sind hier im Haus inzwischen ein derart rotes Tuch, dass allein die sich bei mir entwickelnde Energie locker reichen würde, die Lämpchen sämtlicher Arbeiten zum Leuchten zu bringen. Lassen Sie uns dieses Schuljahr einfach irgendwie zu Ende bringen…“, so schrieb der Vater.

Zentral aus Bronners Perspektive: Schüler müssen früh Eigenverantwortlichkeit lernen, fürs Leben, aber auch für den digitalen Unterricht. „Das größte Problem bei Corona war nicht die fehlende Technik, sondern dass die Schüler nicht eigenständig arbeiten konnten“, meinte er deshalb auch.

Zweite Erkenntnis: Ein Kongress, auch ein digitaler, lebt von der Vielfalt. Die hatte der Deutsche Schulleiterkongress zu bieten: von sehr praktischen Informationen – etwa über mobile Luftfilteranlagen, die sich (wie ein Experte des Herstellers Mann + Hummel erklärte), bereits ab zwei Euro monatlich pro Schüler monatlich leasen lassen – über Konfliktlösungsstrategien („Je mehr ich den Streitdialog verlangsame, desto mehr komme ich zum Kern“, wie die erfahrene Schulleiterin a. D. Dr. Katrin Basold betonte), über die persönlichen Erfahrungen und Einsichten des ehemaligen Fußball-Managers und rheinischen Originals Reiner Calmund („Kulltusminister sollen nit über Digitalisierung quatsche‘ – se‘ sollen machen“), über die lustigen Anekdoten des Kinderfernseh-Moderators Ralph Caspers („Sendung mit der Maus“, „Wissen macht Ah“), der bei Recherchen in einem Parfüm-Museum in Paris erschnuppern durfte, welchen Duft Napoleon aufzutragen pflegte – nämlich einen, der dem seiner Großmutter recht nahekam („Napoleon roch wie meine Oma nach Kölnisch Wasser“) – bis hin zu den grundlegenden Erkenntnissen des Neurowissenschaftlers Dr. Henning Beck, der zum Abschluss des Kongresses ein engagiertes Plädoyer „weg von einer Abspeicherkultur“ hielt – und deutlich machte, wie sehr es in der digitalen Gesellschaft auf Ideen, nicht auf Speicherwissen, ankommt.

Engagierter Vortrag: Prof. Klaus Hurrelmann. Sceenshot

Spannend zu hören waren die fundierten „Spekulationen“ (nach eigener Darstellung) von Deutschlands renommiertestem Jugendforscher, dem Soziologen Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, über die Generation Alpha – die kommende Schülergeneration also. Wenn sich die Trends fortsetzten, dann stünden diese Kinder unter noch stärkerem Druck durch ihre Eltern als die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von heute. „Die Eltern bleiben ihnen ganz dicht auf den Fersen. Sie schaffen es nicht, ihren Kindern den nötigen Freiraum zu geben“, prophezeit Hurrelmann.

Den sozial abgehängten Schülern wird sich die Schule künftig noch mehr widmen müssen

Die Folge: Selbstständigkeit, soziale Fähigkeiten, Arbeitsdisziplin – all diese Kompetenzen müssten Schulen künftig noch stärker vermitteln als heute schon. Die meisten der jetzigen 0- bis 5-Jährigen kämen künftig in der digitalen Medienwelt wohl gut klar; ein Fünftel aber werde Probleme damit bekommen. Dieser Klientel, den sozial Abgehängten, werde die Schule sich künftig noch mehr widmen müssen als heute schon. Die Spaltung, die sich bereits abzeichne, werde sich sonst vertiefen.

Lehrkräften – und Schulleitungen – komme deshalb bei der Gestaltung der künftigen Gesellschaft eine Schlüsselrolle zu. „Sie haben eine so ungeheuer bedeutende Position“, rief Hurrelmann den am Bildschirm versammelten Schulleitern zu. Der prominente Wissenschaftler bekannte, als Schüler selbst von einem verständnisvollen Schulleiter für eine Bildungskarriere „gerettet“ worden zu sein, nachdem er als verhaltensauffälliges Kind von seiner ursprünglichen Schule verwiesen worden war.

Dritte Erkenntnis: Die persönliche Begegnung ist kaum zu ersetzen – aber: Wertvolle Kontakte lassen sich auch auf einem digitalen Kongress knüpfen. Dafür hatte der Veranstalter eigens digitale Räume zur Verfügung gestellt. „Ich finde es wirklich, ganz fantastisch, wie leicht man hier zum Beispiel im Networking-Bereich mit fremden Menschen ins Gespräch kommen kann. Das ist sinnvolles Vernetzen. Man kann neue Dinge ausprobieren und das bietet ganz viel Innovationspotenzial“, sagte Vivian Breucker, Schulleiterin der Offenen Schule Köln – die, während sie den Vorträgen zuhörte, neben sich noch einen Stapel zu korrigierende Arbeiten liegen hatte und zwischendurch darauf zugriff.

Die Technik kam zeitweilig an ihre Grenzen, weil die Schulleiter so eifrig diskutierten

Die Referate wurden rege in begleitenden Chats kommentiert („Sehr gute Präsentation – lebendig, ansprechend, interessant“). Die 2.100 Teilnehmer sowie 80 Referenten kommunizierten so intensiv miteinander, dass die Technik dadurch zeitweilig an ihre Grenzen kam und am ersten Kongresstag sogar kurzzeitig aussetzte. Die meisten Schulleitungen zeigten dafür Verständnis. „Ich finde es beeindruckend, dass der DSLK überhaupt digital auf die Beine gestellt wurde. Ich finde es richtig und toll, wie das technisch umgesetzt wird. Auch wenn die Pionierarbeit noch etwas Reibung verursacht“, sagte etwa Lars Buchalle, Schulleiter des Goethe-Gymnasiums Ibbenbüren.

Blick in den Regie-Raum. Foto: DSLK

Vierte Erkenntnis: Der Deutsche Schulleiterkongress hat sich einmal mehr als Deutschlands Leitveranstaltung für das Thema Schule gezeigt – auch als digitales Treffen mit bildungspolitischer Strahlkraft. Spitzenpolitikerinnen wie Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und KMK-Präsidentin Stephanie Hubig (SPD), Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, waren mit Grußworten präsent, in denen sie auf die Herausforderungen für die Kollegien durch Corona zu sprechen kamen. Giffey: „Es hat geklappt.“ Hubig: „Ihr Engagement ist ein zentraler Baustein dafür, dass die Schulen die Pandemie so erfolgreich bewältigt haben.“

Bei den Aufgaben für Schulleiter wird seit Jahren immer nur draufgesattelt

Der VBE, Mitveranstalter des Kongresses, hielt dagegen – mit einer Umfrage unter Schulleitungen in Deutschland, die eigens für den Schulleiterkongress in Auftrag gegeben worden war, und die ein dramatisches Absinken der Berufszufriedenheit der pädagogischen Führungskräfte in der Krise dokumentiert (News4teachers berichtet ausführlich über die Ergebnisse der Schulleiter-Umfrage). VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann unterstrich: „Die Ergebnisse sind ein Armutszeugnis für die Politik, die dafür zuständig ist, Schulleitungen zu unterstützen und nur so viele Aufgaben an sie zu geben, wie auch bewältigt werden können. Stattdessen wird seit Jahren immer nur draufgesattelt. Das rächte sich schon vor, aber gerade während der Corona-Pandemie.“ Die Umfrage und der Kongress finden aktuell ein breites Medienecho.

Kurzweilig: Fernsehmoderator Ralph Caspers. Screenshot

Fünfte Erkenntnis: Schulleitungen sind ein dankbares Publikum – wie die Reaktionen zum Abschluss belegen. Hier eine Auswahl: „Schade, och Mensch, macht doch weiter, jetzt schon vorbei?“ „Macht wirklich Spaß, könnte gern weitergehen.“ „Weisheit meiner Oma: ‚Du kannst so alt werden wie eine Kuh, aber du lernst immer noch dazu‘.“, „Auch wenn es ein paar technische Schwierigkeiten gab, sie haben alle Großartiges geleistet – vielen Dank! Es war ein tolles digitales Event! Dennoch freue ich mich auf ein Wiedersehen (hoffentlich) live und in Farbe im nächsten Jahr!“ „Danke, es hat sehr viel Freude gemacht und ich konnte sehr interessante Vorträge verfolgen. Meine Hochachtung für diese Organisation.“ „Vielen Dank an alle, die zur Gestaltung des Kongresses beigetragen haben!!“ „Hochachtung für die Umsetzung, Respekt vor dem Mut und Dank für das Engagement.“ „Super Moderation und exzellente Referent/innen!“ „Ein großes Kompliment und ein Dankeschön aus der Schweiz.“ „Eine beeindruckende und inspirierende Veranstaltung! Vielen Dank dafür.“ „Es ist toll, wie sie gezeigt haben, dass auch unter den aktuellen Bedingungen Fortbildungen für Schulleitungen stattfinden kann. Danke!!“ News4teachers

Der Deutsche Schulleiterkongress, so informierte der Veranstalter, wird im kommenden Jahr (geplant ist er für den 25. bis 27. November 2021) als „hybrider“ Kongress sowohl live in Düsseldorf wie auch digital im Netz angeboten.

Dicke Luft im Lehrerzimmer – VBE-Umfrage zum Deutschen Schulleiterkongress

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4 KOMMENTARE

  1. „Das größte Problem bei Corona war nicht die fehlende Technik, sondern dass die Schüler nicht eigenständig arbeiten konnten“

    Dies halte ich für die zentrale Erkenntnis, auf die wir in Zukunft im Bildungssystem aufbauen müssen, schon längst hätten aufbauen müssen und können.
    Wir müssen weg von einer Abi-orientierten Leistungskultur hin zu einer Kultur des Lernens!

    Erst brauchen Kinder die Grundlagen, jeder so gut und so schnell wie er kann, mit so viel Hilfe wie er braucht – und dann kommt alles andere.
    Kinder brauchen Lesen, Schreiben, Rechnen und die Lust am Lernen – sonst können wir uns noch so anstrengen, Beziehungen knüpfen, digitalisieren… die Kinder werden uns nicht folgen können!
    Kinder müssen außerdem in einer Gesellschaft groß werden, in der Bildung einen wirklichen Stellenwert hat. Nicht das Abitur, sondern das Lernen, das, was ich am Ende einer Schulkarriere weiß, kann, in die Zukunft projeziere.
    Dazu wiederum braucht es eine Gesellschaft, die Schule und Bildung nicht nur billig haben möchte, die Lehrer wertschätzt, ihre Arbeit anerkennt, sie unterstützt und die Arbeit der Lehrer als Ergänzung für die Erziehungsarbeit zu Hause sieht – nicht als Ersatz dafür oder Abladeplatz aller gesellschaftlichen, familiären, persönlichen Probleme oder einfach der Kinder, die zu Hause nerven.

    Und wenn wir in Zukunft (auch) digitale Bildung (als Ergänzung) etablieren wollen, müssen wir den Kindern von Anfang an beibringen, dass digitale Geräte nicht allein Spielzeug oder „Lolly“ sind, weil die Eltern ihre Ruhe haben wollen, sondern potentielle Arbeitsgeräte mit vielen, heute noch nicht absehbaren Möglichkeiten, aber auch Gefahren.

    Der Gedanke, „wie sehr es in der digitalen Gesellschaft auf Ideen, nicht auf Speicherwissen, ankommt.“ ist einmal mehr einer näheren Betrachtung wert:
    Man sollte dringend nochmal auf bewährte, „alternative“ Konzepte schauen, in denen Kinder seit über 100 Jahren genau nach diesen Prinzipien lernen und arbeiten, eben fürs Leben lernen, sich selbst entwickeln, die eigene Persönlichkeit gestärkt finden – und nicht nur für die nächste Arbeit abspeichern und wieder vergessen.
    Kinder (und Lehrer) aus solchen Systemen kommen mit allen Veränderungen – die sicher noch auf uns zu kommen werden – leichter und innovativer zurecht, weil sie Selbständigkeit und Kreativität gelernt haben!

  2. „Kinder brauchen Lesen, Schreiben, Rechnen und die Lust am Lernen “
    Es ist schwierig für Schüler oder Lehrer, motiviert zu sein, wenn sie in überfüllten Räumen mit Innentemperaturen unter 10 ° C sitzen und sich Sorgen machen, ob ihr Sitznachbar ein tödliches Virus trägt.

  3. Bezüglich des Vortrags von Dr Brönner. Unser Kind ist von den vielen Projekten und dem Arbeitsaufwand nur noch genervt. Manchmal wäre es besser erst mal die wichtigen Inhalte, von mir aus auch frontal, zu erklären. Wenn man G8 einführt, Lehrinhalte eher noch erweitert, Sozialprojekte, Berufsprojekte, umfangreiche Präsentationen und in den verschiedenen Fächern Projekte durchführt, und das bei drei vollen Unterrichtstagen, wann soll man das Alles lernen und dann noch Zeit für persönliche Entwicklung haben.

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