Nur jede fünfte Hochschul-Lehrkraft will nach Corona zurück zur reinen Präsenzlehre

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GÜTERSLOH. Trotz Corona sind an deutschen Hochschulen kaum Vorlesungen und Prüfungen ausgefallen, zeigt eine aktuelle Befragung von Studierenden und Professoren. Bei Exkursionen und Laborterminen sieht es nicht ganz so gut aus. Nur jeder fünfte Hochschullehrer will nach der Pandemie zurück zur reinen Präsenzlehre.

Vorlesungen und Seminare funktionieren recht gut auf Distanz. Foto: Shutterstock

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie betreffen auch den Studienalltag. Dennoch konnten die deutschen Hochschulen ihren Vorlesungs- und Prüfungsbetrieb fast vollständig aufrechterhalten. Dies zeigt eine aktuelle Befragung von mehr als 27.000 Studierenden und 665 Professorinnen und Professoren. Für die Zukunft wünschen sich Lehrende und Studierende demnach, weiter verstärkt auf digitale Lehrelemente zu setzen. Nur jede fünfte Lehrkraft wünschte sich eine Rückkehr zur reinen Präsenzlehre.

Ein Großteil der geplanten Veranstaltungen an deutschen Hochschulen konnte durchgeführt werden, indem die Hochschulen ganz oder auf digitale Studienangebote umgestellt haben, wie das CHE Centrum für Hochschulentwicklung, der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz ermittelt hat. Nur knapp ein Prozent der im Rahmen der Analyse befragten Professorinnen und Professoren gab an, dass im Wintersemester Vorlesungen ganz ausfallen mussten. Auch Seminare, Übungen und Tutorien konnten von fast allen Lehrenden wie geplant angeboten werden. Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, zeige der Blick ins Ausland. Dort berichteten etwa ein Drittel der Studierenden aus dem Bereich Pflege, dass während der Corona-Pandemie ein Großteil ihrer Veranstaltungen ausgefallen sei.

Schwierig sei es allerdings auch an deutschen Hochschulen, das Studienangebot bei Fächern mit besonderen Präsenzveranstaltungen komplett aufrechtzuerhalten. „Eine Informatik-Vorlesung lässt sich beispielsweise problemlos Corona-konform digital durchführen. Naturwissenschaften mit verpflichtenden Laborpraktika oder Exkursionen stellte die aktuelle Situation vor ganz andere Herausforderungen“, stellt Studienautor Marc Hüsch fest. So mussten 43 Prozent der befragten Professorinnen und Professoren aus den Fächern Geografie und Geowissenschaften Präsenzveranstaltungen wie Exkursionen im Wintersemester ersatzlos absagen.

Auch mit der allgemeinen Studienorganisation, hätten sich die Studierenden flächendeckend zufrieden gezeigt. Drei von vier vergaben gute oder sehr gute Noten für die Möglichkeit, an ihren Hochschulen weiter Prüfungsleistungen zu erbringen und angerechnet zu bekommen.

„Die Aufrechterhaltung des Lehr- und Prüfungsbetriebs während der bisherigen Corona-Pandemie ist ein Kraftakt der deutschen Hochschulen, den man nicht hoch genug würdigen kann“, bilanziert CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. Den Studienfortschritt auch unter schwierigsten Bedingungen zu ermöglichen, werde von den Studierenden honoriert und zeige sich in den guten Bewertungen der Befragten für ihre Hochschulen. „Die Autonomie der Hochschulen ist der entscheidende Schlüsselfaktor im Krisenmanagement. Im Gegensatz zu den Schulen ermöglicht diese Autonomie, kurzfristig, individuell und flexibel Lösungen vor Ort zu finden und während der Corona-Pandemie reaktions- und handlungsfähig zu bleiben“, so der CHE Geschäftsführer.

Zu den entscheidenden Faktoren gehörten auch die technischen Voraussetzungen, die es den Hochschulen ermöglichte, zum Teil von einem Tag auf den anderen auf digitale Lehrangebote umzustellen.

Für die langfristige Zukunft von Studium und Lehre nach der Pandemie wünschen sich viele Studierende wie auch Lehrende, dass digitale Lehrelemente weiter gezielt eingebunden werden, ohne dabei auf Präsenzformate zu verzichten. Insbesondere teildigitalisierte Modelle wie Blended Learning oder eine digital angereicherte Präsenzlehre werden von den befragten Professorinnen und Professoren als Lernsetting der Zukunft gesehen. Lediglich jeder fünfte Befragte wünscht sich nach der Pandemie eine Rückkehr zur reinen Präsenzlehre.

Allerdings sehen sowohl Lehrende als auch Lernende aktuell noch Handlungs- bzw. Unterstützungsbedarf im technischen und didaktischen Bereich der digitalen Angebote. „Bei der fachspezifischen Weiterentwicklung digitaler Lehr- und Lernformate dürfen Lehrende nicht wieder auf sich allein gestellt sein, wenn der Alltag nach Corona wieder Einzug hält“, fordert Studienautor Hüsch einen kontinuierlichen Ausbau einer guten digitalen Infra- und Supportstruktur auf Grundlage der aktuellen Erfahrungen. (zab, pm)

Hochschulrektorenkonferenz: Studierende und Hochschulen bei Corona-Beschlüssen mitdenken

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8 KOMMENTARE

  1. Das hier Beschriebene deckt sich mit den Erfahrungen meines eigenen Studiums, obwohl dieses schon lange zurückliegt.
    Ich habe viele Vorlesungen „gehört“. Gelernt haben wir nach Skript. An Studierenden, also an der Lehre, hatten die meisten Profs kein Interesse. Manche zogen ihre komplette Lehrveranstaltung in einer Woche durch, damit sie nur einmal im Semester kommen mussten. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihnen gut gefallen würde, ihre Vorträge künftig von zuhause aus zu halten. Macht noch weniger Arbeit.
    Einen wirklichen Nutzen habe ich persönlich nur aus den beschriebenen Laborpraktika und kleineren Seminaren gezogen. Die Laborpraktika wurden allerdings oftmals durch Doktoranden betreut, nicht durch Professoren.
    Ein wichtiger Punkt wird in der Befragung leider ausgelassen: Wie steht es denn um die mediale Ausstattung der Studierenden? Auch ein leistungsfähiger PC muss erstmal angeschafft werden. Zu meiner Zeit nutzten die ärmeren Studierenden die PCs im Rechenzentrum der jeweiligen Uni.

  2. Kaum Ausfälle…
    wenn man sein Studium denn ohne Corona-bedingte Einkommensverluste und ohne Existenzängste fortsetzen kann…

  3. „Wie steht es denn um die mediale Ausstattung der Studierenden? Auch ein leistungsfähiger PC muss erstmal angeschafft werden“

    Ist bei uns kein Problem. Wir haben extra als Fachbereich eine Reihe von Notebooks angeschafft, um diese kostenlos an bedürftige Studierende zu verleihen. Das Angebot wurde kaum genutzt.

    „Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihnen gut gefallen würde, ihre Vorträge künftig von zuhause aus zu halten. Macht noch weniger Arbeit.“

    Schwarze Schafe gibt es immer. Tatsächlich macht vernünftige (!) Online-Lehre mehr Arbeit als Präsenzlehre.

    Ich werde vermutlich nach Corona auch das Konzept des „Inverted Classroom“ testen. Durch Corona existieren nun sehr viel Videomaterial. Dieses können die Studierenden zu Hause in beliebigem Tempo und in beliebiger Stückelung ansehen. Die Präsenzzeit (nach Corona) kann man dann besser nutzen, um Beispiele vorzuführen, praktische Dinge zu tun, bei Verständnisproblemen zu helfen und den Stoff als solchen in Ruhe zu diskutieren.

    • „Ist bei uns kein Problem. Wir haben extra als Fachbereich eine Reihe von Notebooks angeschafft, um diese kostenlos an bedürftige Studierende zu verleihen. Das Angebot wurde kaum genutzt.“

      Ist das Angebot auch den richtigen Stellen angekommen?

      • „Ist das Angebot auch den richtigen Stellen angekommen?“

        Ja, zudem ist es sehr niederschwellig.

        Es wurde so gemacht, dass alle Dozierenden darüber informiert wurden mit dem Ziel, dass sie die Bedürftigen darauf hinweisen. Bei mir war das genau eine Person von vielleicht 80, die den Rechner dann auch ohne große Bürokratie (ich habe bestätigt, dass der Bedarf für meine LV besteht) bekommen hat.

        Damit erreicht man diejenigen nicht, die gar kein Mittel haben, an den digitalen LV teilzunehmen, aber wir haben festgestellt, dass die Studierenden allesamt Zugang zu Smartphones haben, mit denen sie dann an den LV teilnehmen. Das reicht aber in Modulen, in denen man tatsächlich einen PC braucht, nicht aus – an der Stelle greift dann das Angebot.

  4. CHE und Bertelsmann sind natürlich auch genau die richtigen Leute für solche Fragen. 🙂 Wollte nicht Bertelsmann schon vor Jahren seine Video-Vorlesungen gewinnbringend verkaufen? Da könnte man doch glatt Dozentenstellen einsparen, wird jeder Finanzminister scharfsinnig schließen. Die technischen Geräte bezahlt ja der Bund, also könnten die Länder was einsparen. Und Humboldt dreht sich möglicherweise im Grabe um.

  5. Die Uni Mainz hat allen Lehrenden einen detaillierten Fragebogen zur Lehre zum Ende des Semesters zukommen lassen und abgefragt, welche Lehrformen gewählt wurden, welche Software, welche digitalen Formate und welche pädagogischen Möglichkeiten genutzt wurden. Und sie hat gefragt, wie der Support verbessert werden könnte.

    Selbst in Veranstaltungen, die keine alljährlichen Standard-Stoffe behandeln, bietet die digitale Lehre teils große Vorteile – so z.B. kann man z.B. Schalten zu Kolleg*innen ins Ausland nutzen, die mal eben an einem Seminar teilnehmen, was sie sonst niemals machen würden, weil der Aufwand viel zu groß wäre. Ich denke, dass die meisten Kolleg*innen digitale Lehrformen teilweise beibehalten werden oder dass sie zumindest digitale Formate in die Präsenzlehre einbinden werden.

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