Hass-Kommentare: Was Schulen dagegen tun können – und wo Hürden liegen

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BERLIN. Hass-Kommentare und Hate Speech im Netz sind keine Seltenheit. Das gilt auch – oder gerade – in Zeiten der Pandemie. Dabei sind junge Menschen besonders betroffen: Wie eine Studie zeigt, haben 94 Prozent der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland bereits Hate Speech im Internet wahrgenommen. Dies ist nicht nur eine belastende Situation für die Betroffenen, sondern auch eine Gefahr für die Demokratie, wie Expertinnen und Experten warnen. Die gute Nachricht ist jedoch: Schulen können an dieser Stelle wertvolle Präventionsarbeit leisten – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Hate Speech ist nicht nur eine Belastung für die Betroffenen. Die Menge an Hasskommentaren stellt auch eine Gefahr für die Demokratie dar. Foto: shutterstock/myboys.me

„Hass und Hetze treiben Menschen auseinander und gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, so heißt es in dem Text „Hate Speech als Schulproblem?“, den Sebastian Wachs gemeinsam mit Wilfried Schubarth und Ludwig Bilz veröffentlicht hat. Sebastian Wachs vertritt den Lehrstuhl für Erziehungs- und Sozialisationstheorie der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört unter anderem „Hate Speech als pädagogische Herausforderungen im Jugendalter“. „Ich beschäftige mich seit Langem mit dem Thema Gewalt unter Jugendlichen sowie Online-Risiken im Jugendalter“, erzählt der Erziehungswissenschaftler im Interview. „Das Phänomen Hate Speech ist in den letzten Jahren verstärkt hinzugekommen und grenzt sich von Mobbing oder verbaler Gewalt noch einmal ab.“

Dies ist die Definition, auf die Sebastian Wachs seine Forschung stützt: „Hate Speech verstehen wir als kommunikative Ausdrucksform, die mit dem Ziel ausgeübt wird, Personengruppen beabsichtigt auszugrenzen, abzuwerten oder zu entwürdigen. Sie kann sich gegen diese Personengruppe oder aber auch gegen eine Person stellvertretend für diese Gruppe richten. Und es handelt sich dabei stets um eine Handlung mit der Absicht, andere zu schädigen.“ Der Hass bezieht sich beispielsweise auf die Religion, die Herkunft, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, die soziale Herkunft oder auch das Aussehen.

Studien: Angriffe und Betroffenheit nehmen zu

Dabei stellt Hate Speech an sich kein neues Phänomen dar, wie Sebastian Wachs deutlich macht. Jedoch habe der in dieser Form öffentlich ausgedrückte Hass in jüngster Zeit eine neue Dimension und Dynamik angenommen – weshalb die Relevanz für Jugendliche und somit auch für Schulen zugenommen habe. „Das fängt damit an, dass Hate Speech stark beeinflusst, wo die Grenzen des öffentlich Sagbaren liegen und was in unserer Gesellschaft als verletzend wahrgenommen wird – und was nicht.“

Wie relevant das Phänomen inzwischen ist, zeigen auch aktuelle Studien. Laut einer forsa-Befragung aus dem Jahr 2020 zur Wahrnehmung von Hassrede, die jährlich von der Landesanstalt für Medien (LfM) NRW in Auftrag gegeben wird, zeigt sich, dass Hass und Hetze im Netz ein wachsendes Problem darstellen. Vor allem seien die Befragten im Alter von 14 bis 24 Jahren in hohem Maße betroffen, heißt es in der Auswertung der Erhebung. Von ihnen gaben 94 Prozent an, persönlich schon Hate Speech im Internet wahrgenommen zu haben.

Und die 2019 veröffentlichte Studie „#Hass im Netz“ der Initiative Campact und des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) zeigt ebenfalls, dass besonders junge Menschen von Hate Speech betroffen sind: 73 Prozent der 18 bis 24-Jährigen gaben an, bereits Hate Speech im Internet beobachtet zu haben (insgesamt waren es nur 40 Prozent der Befragten). Zudem wurde jeder sechste junge Erwachsene schon persönlich durch Hasskommentare angegriffen (in der Gesamtheit war es nur jeder Zwölfte). Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Hassrede ist eine Bedrohung für Meinungsvielfalt und die Demokratie in Deutschland.

Die Doppelrolle der Schule

„Es ist deshalb auch die Aufgabe der Schule, dieses Thema nicht zu ignorieren und dafür zu sensibilisieren“, stellt Sebastian Wachs fest. Er selbst leitet derzeit zusammen mit Ludwig Bilz und Wilfried Schubarth eine DFG-Studie zum Thema „Hate Speech als Schulproblem?“. Die qualitative Befragung der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler ist bereits abgeschlossen, derzeit läuft – verzögert aufgrund der Corona-Pandemie – die quantitative Erhebung an Schulen. „In den Interviews bestätigen Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrkräfte, dass Hate Speech etwas ist, was ihnen im Schulalltag regelmäßig begegnet“, berichtet Sebastian Wachs. Interessant sei, dass die meisten zunächst an ein reines Online-Phänomen dächten, sich in den Befragungen aber herausgestellt habe, dass Hate Speech auch offline eine Rolle spiele.

Insgesamt habe sich gezeigt, dass der Schule beim Thema Hate Speech eine Doppelrolle zukommt: „Einerseits ist es so, dass durch die Heterogenität der Schülerschaft die Schule den perfekten Ort darstellt, an dem soziale Konflikte entstehen und Hate Speech das schulische Zusammenleben entscheidend beeinflusst. Zum anderen ist Schule aber auch prädestiniert dafür, Hass durch die Vermittlung von Demokratie-, Sozial- und Medienkompetenzen entgegenzuwirken“, so der Erziehungswissenschaftler. Doch nicht alle Schulen gehen in gleicher Weise mit dem Thema um: „Wir sehen teilweise eine sehr hohe Sensibilität für das Thema und eine hohe Einsatzbereitschaft. Gleichzeitig gibt es aber auch Lehrkräfte, die das Thema eher bagatellisieren.“ Insgesamt sei es häufig ein Problem, dass Konfliktthemen oder Themen mit Konfliktpotenzial in der Schule gar nicht erst aufgegriffen würden.

Ansätze und Herausforderungen für Schulen

Woran hakt es also, wenn das Thema im Unterricht keinen Platz findet oder Lehrkräfte bei Fällen von Hate Speech nicht intervenieren? Sebastian Wachs nennt dafür mehrere Gründe: Informationsmangel („Ist das schon Hate Speech?“), fehlende Ressourcen (Zeit, Personal, geschulte Fachkräfte für Präventions- und Interventionsmaßnahmen), Verantwortungsdiffusion (Verweis auf Partner und Institutionen außerhalb der Schule) und nicht zuletzt fehlende Präventionsprojekte für Schulen in diesem Bereich.

„Wichtig erscheint es mir deshalb, Lehrkräfte ganz konkret zu unterstützen“, sagt Sebastian Wachs. „Sie müssten beispielsweise eine Handreichung bekommen, wie sie das Thema aufgreifen können, bevor es überkocht und es zu sozialen Konflikten an der Schule kommt oder sich eine verrohte Sprache manifestiert.“ Darüber hinaus müssten die Schülerinnen und Schüler, beispielsweise im Rahmen der Medienbildung, für das Thema sensibilisiert werden und angehalten werden, ihr eigenes Verhalten im Netz kritisch zu hinterfragen. Zudem sollen sie lernen, wo sie sich Hilfe holen oder wie sie Counter Speech betreiben können (siehe dazu auch den Infokasten).

Bei solchen Ansätzen handelt es sich in der Regel um konkrete Unterrichtsreihen oder Einzelmaßnahmen. Derzeit entwickelt der Erziehungswissenschaftlermit seinem Team im Auftrag der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention selbst ein Präventionsprogramm mit dem Titel „HateLess“. Um Schulen bei der Prävention von Hate Speech möglichst konkret zu unterstützen, wird das Programm nach der Fertigstellung allen Schulen frei zur Verfügung stehen. Das ist Sebastian Wachs wichtig. Er sieht aber darüber hinaus – wie andere Expertinnen und Experten in diesem Bereich – eine große Notwendigkeit, beim großen Ganzen anzusetzen.

Demokratiebildung als Grundlage

„Es geht insgesamt darum, die Schulgemeinschaft für das Thema zu sensibilisieren und sich gemeinsame Regeln im Umgang zu geben“, nennt der Erziehungswissenschaftler ein Beispiel. Darüber hinaus sieht er eine Reihe von Möglichkeiten, Hate Speech umfassend und präventiv zu begegnen – und schaut dabei auch auf die Politik:

  • Schulen bräuchten mehr Zeit und Ressourcen, um dem Thema effektiv begegnen zu können.
  • Die Themen Hate Speech sowie soziale Konflikte müssten schon in der Ausbildung von Lehrkräften verankert werden.
  • Es müsste mehr Präventionsprojekte für Schulen geben.
  • Schule muss als ganzheitlicher Lernort mit einer partizipativen Schulkultur verstanden werden.
  • Wertebildung und Persönlichkeitsentwicklung sollten wichtige Ziele der schulischen Bildung sein.
  • Demokratiebildung und die Entwicklung von demokratischen Kompetenzen müssten im Lehrplan und an den Schulen selbst deutlich aufgewertet werden.

In dem Text „Hate Speech als Schulproblem?“ finden Sebastian Wachs und seine Kollegen klare Worte dafür, was ihrer Meinung nach auf dem Spiel steht. Dort heißt es: Es wird deutlich, dass Hate Speech eine aktuelle Herausforderung für Praxis und Forschung darstellt und mehr Anstrengungen unternommen werden müssen, um auch in Zukunft ein friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft zu sichern.“

Hilfen und Anlaufstellen im Netz
Es gibt einen kleinen Lichtblick beim Thema Hate Speech. Wie die von der LfM in Auftrag gegebene forsa-Studie zeigt, dass vor allem in der jungen Befragtengruppe Hasskommentare inzwischen sehr viel häufiger gemeldet werden: 67 Prozent der 14- bis 24-Jährigen gaben an, sich bereits an Meldestellen gewandt zu haben (2016 waren es 34 Prozent). Das ist ein positiver Trend, der von Schulen weiter gefördert werden kann. Unterstützung bieten beispielsweise diese Seiten und Initiativen:

  • Das Netzwerk „No Hate Speech“: In der Rubrik Wissen gibt es beispielsweise Antworten auf die Frage „Was kann ich gegen Hate Speech tun?“ und die Rubrik „Konter“ bietet Daten, Fakten und Argumente, um in Form von Counter Speech auf Hassbeiträge gegen verschiedene Gruppen zu reagieren.
  • Die Amadeu Antonio Stiftung hat online einen großen Bereich zum Thema Hate Speech aufgebaut. Dort geht es zum Beispiel um die Fragen „Was tun, wenn mir Hate Speech begegnet“, „Was tun, wenn ich persönlich von Hate Speech betroffen bin?“ und „Was tun, wenn ich für eine demokratische Netzkultur eintreten will?“.
  • Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) liefert eine hilfreiche Definition, was Hate Speech eigentlich ist, gegen wen sich der Hass in der Regel richtet und welche Folgen er haben kann.
Demokratiebildung: Kostenloser Online-Kurs für Lehrer

„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.“ Foto: Shutterstock

Die Demokratiebildung in der Schule hat im Zuge der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sich als Part der Gesellschaft zu begreifen, der diese aktiv verändern kann. Doch wie können Lehrkräfte dies erreichen? Unterstützung bietet der kostenlose Online-Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover entwickelt hat.

Hier gibt es weitere Informationen.

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3 KOMMENTARE

  1. Und noch ein Thema, das ein akademischer Spezialist als so bedeutsam einschätzt, dass es unbedingt in der Schule in Form von zusätzlichen Unterrichtseinheiten thematisiert und präventiv erarbeitet werden muss.
    Es braucht dazu natürlich einfach mehr Zeit, die für dieses Thema aufgewendet werden soll…die notwendigen Informationen werden als Broschüren (wahrscheinlich in laminierter Form, wie bei den Lüftungshinweisen) an die KuK gegeben, nach denen diese dann die SuS für dieses Thema sensibilisieren.

    Ja, – diese Thema ist bedeutsam
    Ja, – es gibt ein Problem mit Hate-Speech im Netz
    Ja, – Kinder und Jugendliche sollten darüber besser Bescheid wissen und für eigenes Verhalten nachdenklich gemacht werden….

    Aber, was sollen die Schulen denn noch alles leisten…?
    Wenn alle gesellschaftlichen Herausforderungen u d Probleme in Schulen vorbereitend bearbeitet werden, sodass mit einem Schulabschluss diese Aufgabenfelder alle abgearbeitet sind, dann können die SuS von den eigentlich in den Fachcurricula vorgeschriebenen Inhalten nix, weil dafür keine Zeit war…klar könnten wir die Schulzeit auch bis zum Alter von 25 oder 26 Jahren verlängern…dann kämen wir mit den ganzen Arbeitsfeldern irgendwann wieder hin…die SuS wären umfassend mit allen Fairnissen des Lebens vertraut gemacht…hätten aber noch keinerlei Schritte in die reale Arbeitswelt der „Erwachsenen“ im Sinne eines Broterwerbsberufes unternommen.

    Forderung: für jedes Thema, das zusätzlich in Schulen implementiert wird müss ein anderes Thema weichen.

    Mal sehen, was dann am Ende überbleibt.

  2. Vielleicht sollte man den Zugang zu sozialen Netzwerken erst ab 18 erlauben? Und Kindern noch keine Smartphones überlassen?
    Es gibt Altersbeschränkungen bei WhatsApp an die sich niemand hält. Was sollen wir Lehrer da noch retten? Mir wurden schon oft Chatverläufe von Schulerinnen gezeigt, da glaubst du an garnix mehr. Wozu brauchen Grundschüler ein Smartphone? Damit sie daheim ihren Eltern nicht auf die Nerven gehen. Warum haben diese Menschen eigentlich Kinder bekommen? Wenn man mit diesen Menschen redet, bekommt man mitgeteilt, dass sie eigentlich nicht bereit sind, ihre Kinder zu erziehen. Das kann Schule nicht leisten. Da könnt ihr noch so viele Studien machen und Empfehlungen geben, wenn daheim keiner mitmacht ist das alles für die Tonne.

  3. Unsere Kindwr haben Smartphones um sich on erster Linie mit uns verständugen zu können, wenn Sie unterwegs sind. Aber Sie haben Recht, genau wie @Andre Hog.

    Der Zugang sollte wirklich strikt begrenzt sein. Ich sehe es nicht als Aufgabe der Schule sich darum zu kümmern, das gehört für mich in dem privaten Bereich. Wir leben ländlich, d.h. die Kinder haben bald wieder längere Wege mit den Öffis vor sich. Ohne Tel würde ich 1000 Ängste in der heutigen Zeit durchstehen…was ist, wenn sie Hilfe brauchen und an den falschen geraten? Sie sind mittlerweile zu groß, um sie ständig zu bemuttern, für uns ist das ein guter Kompromiss und wir haben vorher drüber geredet

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