Mitgestalten statt konsumieren! Wie Schülerbeteiligung auch auf Distanz funktioniert

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DÜSSELDORF. Partizipation ohne Präsenz? Und nebenher noch mediale und demokratische Kernkompetenzen fördern? Ein Praxisbeispiel zeigt, wie Schüler und Lehrer gemeinsam fit für digitale Mitbestimmung werden können – ohne technisch hochgerüstet sein zu müssen.

Die Psychologin und ehemalige Piraten-Politikerin Marina Weisband engagiert sich für mehr Mitwirkung in Schulen. Foto: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Ob Schulen Infektionsherde in der Corona-Pandemie sind, darüber grassieren verschiedene Meinungen und Diskussionen. Fakt ist: Mit rasant steigenden Infektionszahlen wird auch das Thema Schulschließungen wieder akut. Zwar sind viele Schulen inzwischen für den Fernunterricht sehr viel besser aufgestellt als noch im Frühjahr, doch ergab eine Umfrage des ARD-Politmagazins „Report Mainz“ unter 3.000 Lehrkräften im August ein wenig hoffnungsfrohes Bild. Rund fünf Monate nach den ersten Corona-bedingten Schulschließungen gaben 68 Prozent der Befragten beispielsweise an, dass an ihrer Schule kein schlüssiges Konzept für digitalen Fernunterricht existiere. Die technische Ausstattung der Schülerinnen und Schüler sei überwiegend mangelhaft (84 Prozent) ebenso die der Schulen (73 Prozent).

Hybride Konzepte nötig

„Wir brauchen Konzepte, wie Schule hybrid, also sowohl in Präsenz als auch digital funktionieren kann“, sagt auch Marina Weisband. Die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piraten-Partei leitet seit 2014 das Projekt „aula“ für digitale Partizipation und engagiert sich bei den Grünen für Themen der Digitalen Bildung.

Wichtig ist der Diplom-Psychologin dabei besonders ein Aspekt: „Das in den Schulgesetzen verankerte Recht auf Beteiligung darf durch den Wegfall oder durch das Aufholen von versäumtem Unterricht nicht hintenüberfallen.“ In einer Krise sei es zwar gut und richtig, zunächst einmal möglichst wenige Personen in die Entscheidungsfindung einzubeziehen, um handlungsfähig zu sein. „Doch als Demokratie müssen wir mittelfristig wieder dahin kommen, diese ersten Entscheidungen mit allen gemeinsam zu reflektieren und, wo nötig, zu verändern oder zu gestalten. Das ist kein Luxus, den wir uns nur dann leisten sollten, wenn alles andere gut läuft“, so Weisband weiter.

Partizipation gegen Kontrollverlust

Beteiligung sei gerade in unsicheren und unübersichtlichen Zeiten wichtiger als je zuvor, meint Weisband. Besonders jetzt sei es elementar, dass sich Schülerinnen und Schüler als handelnde Subjekte erleben können. „Der aktuell stark empfundene Kontrollverlust verstärkt die psychische Belastung durch die vielen Veränderungen“, erklärt sie. „Durch Partizipation können die Jugendlichen erleben, dass die Schule ihr Raum bleibt und sie nicht vollkommen fremdbestimmt sind. Außerdem ist es eine heilsame Ressource, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.“

Praxisbeispiel „aula“

Eine Möglichkeit, wie das auch auf Distanz funktionieren kann, zeigt der Verein Politik-Digital mit dem Projekt „aula“, das mit Unterstützung der Bundeszentrale für Politische Bildung entwickelt wurde. Seit 2014 ermöglicht das Beteiligungskonzept hauptsächlich Schülerinnen und Schülern weiterführender Schulen aktive Mitbestimmung im Schulalltag. Mediale Bildung geht hier Hand in Hand mit Demokratiebildung. Dabei setzt aula – das steht für „ausdiskutieren und live abstimmen“ – da an, wo Kinder und Jugendliche digital beheimatet sind: Über ihr Smartphone können sie auf eine Online-Plattform zugreifen und dort konstruktive Ideen zur Gestaltung des Schullebens einstellen oder Ideen anderer schulweit einsehen, kommentieren, weiterentwickeln und darüber abstimmen. Der Prozess wird didaktisch begleitet und sieht im Normalbetrieb regelmäßige Präsenzbesprechungen vor, funktioniert aber auch vollständig auf Distanz von Zuhause aus.

Die Elemente, die Demokratie ausmachen wie Mehrheiten für Ideen zu generieren und diese umzusetzen, auch wenn dies komplexer ist oder mehr Zeit und Kompromissfähigkeit als gedacht koste, meint Dejan Mihajlovic, sei genau das, was die Schülerinnen und Schüler durch aula lernten. „Für mich geht es um eine Haltung“, sagt der Lehrer, der an der Pestalozzi Realschule in Freiburg unterrichtet, in einem Video über den Einsatz von aula an seiner Schule. „Ich möchte, dass die Schüler die Schule verlassen und nicht das Gefühl haben: ‚Ich bin ohnmächtig, ich kann nichts verändern.‘ Ich hätte gerne, dass die Schüler die Schule verlassen und sagen: ‚Ich bin Teil der Gesellschaft.‘“ Partizipation, so der SMV-Verbindungslehrer weiter, sei kein „Add-On“. Im Gegenteil: So lange Schülerinnen und Schüler nur als Konsumenten teilhaben dürften und nicht als Mitgestalter teilnehmen, sei es nicht ihre Schule.

Demokratie ist unbequem

Die Freiburger Schule zählte zu den ersten, die aula schulweit eingeführt haben. So haben die Schüler und Schülerinnen beispielsweise über einen Smartphone-Tag an der Schule abgestimmt – und erlebt, dass Demokratie nicht immer einfach ist. Zum einen musste die Idee auf Machbarkeit geprüft und diskutiert werden. Wer den Vorschlag nicht gut fand, musste dies begründen oder Gegenvorschläge machen. Und schließlich galt es, die Mitschüler über die Abstimmung zu informieren. Zwei Anläufe brauchten die Initiatoren der Idee, um die nötigen Mehrheiten zu mobilisieren.

Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, Kritisches Denken: All diese Kompetenzen, die für demokratische Beteiligung wichtig sind, aber auch zu den Schlüsselkompetenzen des digitalen Zeitalters gerechnet werden dürften, werden durch das Projekt eingeübt. Doch darüber hinaus geht es den Initiatoren von aula unter anderem auch darum, die Schülerinnen und Schüler fit zu machen für einen reflektierten Umgang mit digitalen Medien.

Herausforderung „Digital Citizenship“

Politische Beteiligung habe sich bereits durch digitale Medien geändert, sagt Professor Caja Thimm in einem Interview im Rahmen der Online-Lehrkräftefortbildung „Citizenship Education – Demokratiebildung an Schulen“ der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover. Doch „basale Demokratiekompetenzen wie die Urteilskraft, der Perspektivwechsel oder die Konfliktfähigkeit zählen nicht zum Wesenskern digitaler Öffentlichkeit“, so die Medienwissenschaftlerin weiter. Diese Fähigkeiten müssten durch „Demokratiebildung über Digitalisierung“ angeeignet werden, damit die „Digital Citizens“ ihre eigene Rolle in der Kommunikationsstruktur bewältigen können. Zur adäquaten Nutzung digitaler Medien, so Thimm, gehöre es, drei Fragen beantworten zu können: „Wie funktioniert das?“, „Wie wirkt das?“ und „Wie nutze ich das?“.

An der Pestalozzi Realschule in Freiburg habe sich bereits einiges bewegt, ist sich Dejan Mihajlovic sicher. Nicht nur bei den Schülern, sondern auch im Kollegium. Es sei wichtig, die Unterstützung von vielen bei einem Partizipationsprojekt wie aula zu haben. „Man braucht die breite Masse, die es trägt. Sonst verbrennt man daran oder es verpufft“, sagt er im Film. Und Marina Weisband, die als Projektinitiatorin von aula interviewt wird, ergänzt: „Ich glaube, wenn Lehrer aula zulassen, dann lernen sie selber dabei eine Menge und das, was sie vor allen Dingen lernen, ist, wieviel Ressourcen, wieviel Wissen und wieviel Ernsthaftigkeit in ihren Schülerinnen und Schülern steckt.“

Weitere Informationen zu „aula“ und zur jetzt auch online stattfindenden Multiplikator*innen-Ausbildung finden Sie unter http://aula-blog.website/.

Demokratiebildung: Kostenloser Online-Kurs für Lehrer
„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.“ Foto: Shutterstock

Die Demokratiebildung in der Schule hat im Zuge der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sich als Part der Gesellschaft zu begreifen, der diese aktiv verändern kann. Doch wie können Lehrkräfte dies erreichen? Unterstützung bietet der kostenlose Online-Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover entwickelt hat.

Hier ist ein Trailer zum MOOC zu sehen.
Hier geht es direkt zum MOOC.

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„Demokratie steht auf dem Spiel“: Demokratische Bildung ist Aufgabe aller Fächer

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