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Der Luftfilter-Skandal weitet sich aus – auch im nächsten Schuljahr bleiben Kita-Kinder und Schüler ohne vernünftigen Infektionsschutz

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BERLIN. Die Katze kommt aus dem Sack: Es wird in den allermeisten der über 52.000 Kitas und 32.000 Schulen in Deutschland zum Herbst hin keine Luftfilter geben. Dies lassen Äußerungen von Kultusministern und Medienberichte aus den vergangenen Tagen erkennen. Damit bleibt das Öffnen der Fenster in der kalten Jahreszeit für Kita-Kinder und Schüler der einzige Schutz vor möglicherweise Corona-belasteten Aerosolen in der Atemluft von Gruppen- und Klassenräumen – heißt: Auch im nächsten Winter wird es frostig in Deutschlands Bildungseinrichtungen. Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

Mobile Luftfilter können Viren aus der Raumluft beseitigen – kosten aber Geld. Das Foto zeigt einen Klassenraum im bayerischen Unterbiberg, der mit Luftfilter und Plexiglas-Schutzwänden ausgestattet ist. Foto: Shutterstock / Alexandra Goertz

Im vergangenen Herbst und Winter hatte das Robert-Koch-Institut immer wieder darauf hingewiesen, dass ein verstärktes Infektionsgeschehen in Kitas und Schulen festzustellen ist. Wie RKI-Präsident Prof. Lothar Wieler gestern berichtete, werden schon jetzt wieder mehr Corona-Ausbrüche in Kitas und Schulen registriert. Ursache ist die Delta-Variante. Das „Lüftungskonzept“ der Kultusministerkonferenz (ein vierseitiges Faltblatt, das Lehrern erklärt, in welcher Taktung sie die Fenster zu öffnen haben) verhindert solche Ausbrüche offensichtlich nicht. Damit weitet sich der Skandal um unzureichenden Gesundheitsschutz in Kitas und Schulen nach bald anderthalb Jahren Pandemie absehbar ins kommende Schuljahr aus.

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) erklärte laut „Rheinischer Post“ gestern, es werde von der Landesregierung kein neues Programm zur Anschaffung von Luftfiltern aufgelegt. Sie verwies auf ein bestehendes Landes- und ein neues Bundesprogramm für solche Anlagen, die (noch) nicht ausgeschöpft seien. Das können sie auch nicht. Beide Programme sind an Bedingungen geknüpft, die sich in der Praxis nicht erfüllen lassen.

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«Die Idee, umfangreiche Luftfilteranlagen während der Sommerferien einzubauen, ist eine Illusion»

Das Landesprogramm greift nur für (kaum mehr existente) Klassenräume, in denen es keine Fenster gibt, die sich öffnen ließen. Und das vorvergangene Woche für Kitas und Schulen geöffnete Bundesprogramm fördert lediglich den Einbau von großen raumlufttechnischen Anlagen – was sich bis zum Schuljahresbeginn überhaupt nicht umsetzen lässt. «Die Idee, umfangreiche Luftfilteranlagen während der Sommerferien einzubauen, ist eine Illusion», stellte der Städte- und Gemeindebund in dieser Woche denn auch fest. Mobile Luftfilter, die sich einfach in die Räume schieben ließen und schon deshalb wesentlich billiger in die Fläche zu bringen wären, werden ausdrücklich nicht gefördert.

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, kritisiert darüber hinaus, dass die Bundesprogramm auf Grund- und Förderschulen beschränkt sei – er sprach gegenüber der „Rheinischen Post“ deshalb von einem „Skandal“.

Tatsächlich ist das Volumen des Pakets mit insgesamt 500 Millionen Euro, aus dem auch noch Lüftungsanlagen in anderen öffentlichen Gebäuden und Versammlungsstätten bezahlt werden sollen, viel zu klein ausgelegt, um mit dem Geld sämtliche der insgesamt mehr als 80.000 Bildungseinrichtungen in Deutschland (selbst wenn es auf die Schnelle möglich wäre) ausstatten zu können. Der Höchstbetrag für die Förderung einer Maßnahme ist auf 500.000 Euro festgelegt. Auch wenn der nicht überall ausgeschöpft würde, ließen sich mit dem Geld also bestenfallsfalls mehrere Tausend Kitas und Schulen mit einem technischen Corona-Schutz bestücken. Ein Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs also.

Engagement für den Gesundheitsschutz der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sieht anders aus. Gebauers Staatssekretär Mathias Richter (FDP) findet die Luftnummer aber gar nicht so schlimm – er stellt laut “Rheinischer Post” den Nutzen von Luftfiltern ohnehin infrage.

Das sah seine Chefin zumindest im vergangenen Jahr noch anders. Gebauer (FDP) erklärte im August 2020 bemerkenswert offen, News4teachers berichtete, Luftfilter in Klassenräumen gegen das Coronavirus seien zwar eine gute Lösung – aber: leider zu teuer. Die Geräte würden bei rund 3000 Euro Kosten pro Klasse «Unsummen verschlingen», meinte sie.

Tatsächlich käme damit auf jeden Schüler eine Investition von rund 100 Euro. Zu viel für einen Staat, der die Lufthansa mit einer Bürgschaft von neun Milliarden Euro subventioniert und gerade ein Corona-Paket beschlossen hat, aus dem sozial schwachen Familien ein Geldgeschenk von 100 Euro pro Kind gemacht wird, das sie womöglich auch lieber in den Gesundheitsschutz ihrer Kinder gesteckt hätten. Es hat sie aber keiner gefragt. Lieber wird die nächste vom weitgehend ungeschützten Betrieb der Kitas und Schulen verstärkte Corona-Welle in Kauf genommen. Zum Vergleich: Die Kosten der Krise für Deutschland insgesamt werden auf mittlerweile mehr als 400 Milliarden Euro geschätzt. Die Ausstattung der Schulen mit mobilen Luftfiltern, die womöglich viel von dem materiellen Schaden hätte verhindern können, wird auf eine Milliarde taxiert.

«Das Lüften der Klassenräume verursacht keinerlei gesundheitliche Risiken, auch keine Erkältungen – im Gegenteil»

Dass aber – natürlich – Geld genug vorhanden ist, um Politiker mit Luftfiltern vor Ansteckungen zu schützen, sei hier nur am Rande erwähnt: Im Düsseldorfer Landtag beispielsweise wurden zum Corona-Schutz 41 Luftfilteranlagen platziert. 21 wurden von der Landtagsverwaltung bestellt, um sie unter anderem am Besuchereingang, an Aufzügen und in der Wandelhalle zu postieren. Zudem hatte die Landtagsverwaltung den Fraktionen angeboten, auch für deren Bereiche Geräte zu besorgen. Dadurch kamen noch mal 20 Luftfilter dazu – Geräte also, die FDP-Bildungsstaatssekretär Richter für nutzlos hält. Dass die FDP-Fraktion das Angebot abgelehnt hätte, ist nicht überliefert. Wie sagte Helmut Schmidt doch einst so schön? „In der Krise beweist sich der Charakter.“

Richter, das festzustellen gebietet die Fairness, steht mit seiner Haltung nicht allein da. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) erklärte diese Woche im niedersächsischen Landtag: Luftfilter ersetzten keine einzige Maßnahme. Lüften könne nicht durch mobile Geräte ersetzt werden. Die Feststellung ist so banal wie irreführend. Natürlich ersetzen Luftfilter ohne Frischluftzufuhr die Fensterlüftung (schon wegen des steigenden CO2-Gehalts) nicht. Die Geräte ziehen aber mögliche Corona-Viren aus der Atemluft, sodass das Lüften sich auf ein Normalmaß reduzieren lässt – im Winter ist das keine Kleinigkeit.

Im Dauerlüften bei Minusgraden kann der Kultusminister aber kein Problem erkennen – er verkauft sein Nichtstun sogar noch als gesundheitsförderlich. In einem Brief an die Oldenburgerin Amira Mohamed Ali, Vorsitzende der Linken-Fraktion im Bundestag (die von Tonne Luftfilter für Kitas und Schulen gefordert hatte), schreibt er: „Frische Luft ist gesund, das Lüften verursacht keinerlei gesundheitliche Risiken, auch keine Erkältungen – im Gegenteil, das regelmäßige Lüften wirkt hier sogar vorbeugend.“

Bemerkenswert: In Bayern werden Luftfilter anders beurteilt als in Nordrhein-Westfalen oder in Niedersachsen. Der Freistaat hat Schulen mit den Geräten ausgestattet, die angeblich nichts nützen – leider bei weitem nicht genug. Der Bayerische Rundfunk meldet aktuell, dass 14.000 Klassenräume mittlerweile mit der Filtertechnik gegen Infektionen durch Aerosole gesichert wurden. Allerdings gibt es in Bayern insgesamt rund 75.000 Unterrichtsräume. Und das Programm ist jetzt ausgelaufen. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) ruft deshalb die Kommunen auf, ihrerseits in Luftfilter zu investieren.

Etwas besser ist die Bilanz in Berlin, wo – immerhin – ein Drittel der Klassenräume mittlerweile mit mobilen Luftreinigern, die andernorts angeblich nichts nützen, bestückt wurden. Knapp 8.000 solcher Geräte hat die Bildungsverwaltung angeschafft. Aber auch hier ist jetzt Schicht im Schacht. „Es ist nicht das Ziel, einen Luftfilter in jedem Raum zu haben“, so zitiert der „Tagesspiegel“ einen Sprecher. Warum eigentlich nicht? Darauf gibt es keine Antwort.

So bleibt es bei punktuellen Initiativen. Obwohl bereits seit spätestens Mai 2020 bekannt ist, dass Coronaviren über Aerosole – kleinste Schwebeteilchen in der Atemluft also – übertragen werden, hat es bislang keine angemessene Reaktion der Kultusministerkonferenz darauf gegeben. Außer eben: das Faltblatt zum Lüften. Die 16 deutschen Kultusminister selbst haben sich übrigens das gesamte zu Ende gehende Schuljahr lang nicht auf offene Fenster verlassen: Die KMK tagte vom Sommer 2020 an bis heute lediglich per Videokonferenz.

Für den Chef-Virologen der Charité, Prof. Christian Drosten, war die unzureichende Vorbereitung auf das laufende Schuljahr unverständlich, wie er in einem Interview mit dem „Spiegel“ im Januar erklärte. Bitter-ironisch sagte er seinerzeit: „Ich dachte ja, man diskutiert das und findet dann praktische Lösungen. Wie etwa, Fensterscheiben rauszuschneiden und zu ersetzen durch ein Stück Pappe mit einem Ventilator drin. Aber dann wurde die Infektiosität von Kindern so lange negiert und nichts gemacht, keine Entscheidung getroffen (…) über den Sommer. Das war für mich schon sehr, sehr erstaunlich“, sagte er.

Jetzt sind wir ein halbes Jahr weiter und das nächste Schuljahr ist in Reichweite. Geändert hat sich am Nichtstun der Kultusminister: praktisch nichts. News4teachers

Der Luftfilter-Skandal: Wie das Umweltbundesamt den Einsatz der Geräte in Schulen schlechtredet – und was dahintersteckt

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