Die meisten Studienfächer setzen (überraschend?) hohe Mathe-Kenntnisse voraus

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KIEL. Viele studieninteressierte Schülerinnen und Schüler beenden die Schule in dem Glauben, Mathematik bräuchten sie nie wieder. Spätestens im Studium wird ein Großteil von ihnen dann doch wieder mit Mathematik konfrontiert – selbst wenn sie Studiengänge außerhalb der klassischen MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gewählt haben. Diese Lernvoraussetzungen gehen teilweise deutlich über basale Grundkenntnisse und -fertigkeiten hinaus, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Viele Schüler glauben, sie benötigen Mathe später nicht mehr – von wegen. Illustration: Shutterstock

Eine Studie des IPN Kiel zeigt, dass Lehrende an Hochschulen mathematische Lernvoraussetzungen auch bei Studierenden jenseits der mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Fächer erwarten. Es ist anzunehmen, dass Mathematik jenseits basaler Grundkenntnisse und Grundfertigkeiten von mehr als 80 Prozent der Studierenden benötigt wird. So stellen auch Studienfächer wie beispielsweise die Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Sportwissenschaften oder Architektur mitunter hohe mathematische Anforderungen, die bei einem Teil der Studierenden zu einer Überforderung führen und in schlechten Noten bzw. einem Studienabbruch münden können.

Welche mathematischen Lernvoraussetzungen Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer von Studierenden außerhalb der MINT-Fächer erwarten, wurde nun in einer Studie des IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik erhoben. Rund 550 Hochschullehrende beteiligten sich an dieser deutschlandweiten Delphi-Studie. Über drei Runden hinweg wurden die Einschätzungen der Expertinnen und Experten erfasst, strukturiert und zur erneuten Bewertung zurückgespiegelt, um sich einem Konsens anzunähern.

In der Studie ließen sich fünf Studienfachgruppen außerhalb des MINT-Bereichs identifizieren, in denen jeweils ähnliche mathematische Lernvoraussetzungen als Erwartungen an die Studienanfängerinnen und Studienanfänger geäußert wurden. Diese fünf Gruppen umfassen

  • Gruppe 1: Ingenieurnahe Studienfächer wie Architektur oder Raumplanung,
  • Gruppe 2: Studienfächer der Wirtschaftswissenschaften und Psychologie,
  • Gruppe 3: Medizinische und naturwissenschaftsnahe Studienfächer,
  • Gruppe 4: Sozialwissenschaftliche Studienfächer mit umfangreicheren mathematischen Anforderungen wie Soziologie oder Sportwissenschaft sowie
  • Gruppe 5: Sozialwissenschaftliche Studienfächer mit grundlegenden mathematischen Anforderungen wie Kommunikationswissenschaft/Publizistik oder Soziale Arbeit.

Teils werden umfangreiche mathematische Kenntnisse und Fertigkeiten vorausgesetzt

Über alle Studienfachgruppen hinweg werden Lernvoraussetzungen aus den Bereichen Mathematische Inhalte, Mathematische Arbeitstätigkeiten sowie Persönliche Merkmale als Voraussetzung zum Mathematiklernen erwartet. Darüber hinaus werden (mit Ausnahme von Gruppe 5, zu der hier ein uneinheitliches Meinungsbild vorliegt) auch noch adäquate Vorstellungen über Mathematik als wissenschaftliche Disziplin vorausgesetzt.

In der Regel liegt das Anspruchsniveau der Lernvoraussetzungen jenseits basaler mathematischer Kenntnisse und Fähigkeiten und ist in Teilbereichen vergleichbar mit dem Niveau, das auch im MINT-Bereich erwartet wird. Mitbringen sollten Studienanfängerinnen und Studienanfänger beispielsweise sichere Kenntnisse und Fähigkeiten zu einem anschaulichen Verständnis des Stetigkeitskonzepts (in den Gruppen 1-4), zum Differenzieren und Integrieren (Gruppen 2 und 3), zu elementaren Operationen mit Vektoren (Gruppen 1-3) oder zum sicheren Umgang mit grundlegender mathematischer Formelsprache oder zur Nutzung von Taschenrechnern und Computern (Gruppen 1-5). Im Bereich der Stochastik werden sogar teils differenziertere Lernvoraussetzungen erwartet als in den MINT-Fächern, wie beispielsweise ein Verständnis der bedingten Wahrscheinlichkeit oder der stochastischen Unabhängigkeit (Gruppen 2-5).

Die Hochschullehrenden erwarten außerdem, dass Mathematik auch als Schulung des präzisen und abstrakten Denkens verstanden werden sollte, das weit über das schablonenartige Anwenden mathematischer Methoden auf Standardprobleme hinausgeht (Gruppen 1-4). Überdies waren sich die Hochschullehrenden einig, dass die Studierenden Offenheit gegenüber der Mathematik als wissenschaftliche Disziplin und dem Mathematiklernen an der Hochschule, aber auch Interesse, Freude, Motivation und Neugier an bzw. gegenüber der Anwendung von Mathematik in außermathematischen Bereichen mitbringen müssen (Gruppen 1-5).

Transparenz zur Vermeidung falscher Vorstellungen

Im Rahmen der Studie bemängelten Hochschullehrende, dass viele Studierende mit falschen Vorstellungen in Bezug auf die mathematischen Anforderungen des Faches ihr Studium aufnehmen. „Diese Erfahrungen verdeutlichen einmal mehr, dass es wichtig ist, die Erwartungen an Studienanfängerinnen und Studienanfänger transparent zu machen und die Rolle der Mathematik für eine große Bandbreite an Fächern und Themengebieten zu verdeutlichen“, so schreiben die Studienautoren.

Details zur Studie und ihren Ergebnissen stehen hier zum Download bereit.

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45 KOMMENTARE

  1. Vernünftig. Einziger Ausweg ist massive Ausweitung des Mathematikunterrichts, insbesondere im Abstraktheitsgrad. Es ist zum Beispiel ein Unding, dass der Mathe LK in nrw nach Lehrplan ohne einen einzigen Beweis auskommen kann.

    Wird aber nicht passieren, weil damit die Gymnasialquote nicht gehalten werden kann.

  2. Inwiefern bzw. für wen ist es „überraschend“, dass man in akademischen Ausbildungen Mathematik braucht?
    Gegenderte Texte enthalten eine Selbstaussage über den Autor.

        • Woran machen Sie das fest?? Im übrigen sagt JEDER Text etwas über den Autor/die Autorin aus … Ihr Post übrigens auch!

          • Die Autorin beschwert sich über die viel zu hohen Mathematikansprüche der Dozenten. Bale Kenntnisse sind aus ihrer Sicht vermutlich das Kopfrechnen im Bereich bis 100. Sogar Prozentrechnung ist für viele Schüler und damit angehende Studenten eine Hürde, weshalb die Statistik Vorlesung für die Sozialwissenschaftler extrem schwer ist. Vielleicht können diese darum den gender pay gap nur auf das angebliche Patriarchat zurückführen und Korrelationen gleich für Kausalitäten halten.

  3. Wer in den Hauptfächern einen Unterkurs hat oder jeweils mehr als einen Unterkurs pro Bereich (Mint, Geisteseisdenschaften usw.) hat, der sollte nicht zum Abitur zugelassen werden sonder höchstens noch die Fachhochschulreife erlangen können. Es wäre echt allen geholfen, wenn diese Schmalspurakademisierung ein Ende hätte.

    • „Wer in den Hauptfächern einen Unterkurs hat oder jeweils mehr als einen Unterkurs pro Bereich (Mint, Geisteseisdenschaften usw.) hat, der sollte nicht zum Abitur zugelassen werden sonder höchstens noch die Fachhochschulreife erlangen können.“

      Das Niveau an den Fachhochschulen entspricht heute denen der Universitäten – weshalb es auch gleiche Abschlüsse in beiden Einrichtungen gibt. Somit ist ihr Argument hinfällig.

          • Doch, wobei ich mich insbesondere auf die seit der Umstellung neu geschaffenen Bachelor-Studiengänge beziehe. Bei den direkten Nachfolgern der Diplom-Studiengänge sollte es noch halbwegs gehen, wenngleich der Anteil Mathematik an „meiner“ Universität in Physik Hauptfach und Mathe Lehramt in den Anfängervorlesungen halbiert wurde.

  4. Mich würde viel eher interessieren, ob die von den Uni-Dozierenden gewünschten Vorkenntnisse denen der Curricula der Länder, den gemeinsamen Abituraufgaben oder den Bildungsstandards der KMK entsprechen.

    Geht es da um „Wünsch dir was“ oder sind die Anforderung mit dem Abitur erreichbar?

    • Die Dozenten in den meint-Fächern bauen die Mathematik von ganz unten neu auf. Sie setzen in dem Sinne überhaupt keine Fachkenntnisse voraus. Sie verlangen allerdings Arbeitsbereitschaft und abstrakte Denkfähigkeit. Letztere würde aus den schulischen Lehrplänen wegen der Abiturquote gestrichen.

      • „von ganz unten neu auf“ – aha
        Wo ist denn „ganz unten“?
        „ Sie setzen in dem Sinne überhaupt keine Fachkenntnisse voraus. “
        Brauchen wir das Fach Mathematik dann überhaupt in Schulen?

        • Schreiben wir es mal so:
          Mathematik für Mathematiker fängt in der Regel bei den natürlichen Zahlen und Verknüpfungen zwischen ihnen oder abstrakteren Strukturen an.
          Mathematik für Naturwissenschaftler setzt mehr auf das praktische Rechnen und macht gerade diese grundlegenden Sachen etwas schneller, baut dennoch die benötigten Rechenmethoden auf. Beweise sind aber ggf. etwas dünner gesät.
          Mathematik für Sozialwissenschaftler konzentriert sich meines Wissens eher auf Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik, baut aber auch die systematisch auf. Den Studenten hilft die in der Schule erworbene Routine natürlich, wenn sie im Rahmen der Mathevorlesung auch mal eine Kurvendiskussion durchführen müssen.

          Sie sind doch Grundschullehrerin. In Ihren Mathematikveranstaltungen (Fachwissenschaft, nicht Didaktik) dürfte doch auch viel definiert und bewiesen worden sein. Das ist Mathematik.

          Aber ja, natürlich brauchen wir Mathematik in der Schule. Abstraktes Denken ist Grundvoraussetzung in einer technisierten Gesellschaft. Für das Alltagsleben ist Schulmathematik ab spätestens Klasse 8 vermutlich unnötig. Das gilt aber vermutlich für den überwiegenden Teil des Lehrplans ab Klasse 8 aller Schulfächer.

          • Gerade weil ich an der Grundschule unterrichte, stoße ich mich an der Formulierung, es würde „von ganz unten neu“ aufgebaut werden.
            „Von ganz unten“ ist mein Alltag, sicher nicht der an der Uni und auch an vielen anderen Schulformen nicht.

            Wenn es alles so entspannt wäre und Uni-Dozierende der Mathematik keine Kenntnisse voraussetzen, dürften ja die Mathe-Kurse an der Uni kein Problem sein.

            Transparenter und ehrlicher wäre es, nicht allein darauf zu verweisen, dass man in vielen Studienrichtungen Mathematik benötigt, sondern auch, dass man bestimmte Kenntnisse mitbringt oder sie in zusätzlichen Kursen erwerben muss, wie dies z.B. Sprachen und musisch-kulturellen Fächern vorgegeben wird.

          • Sie verstehen das tatsächliche Wesen der Mathematik nicht. Als beweisende Wissenschaft braucht sie ein axiomatisches Fundament, auf das sie sich stützen kann. Dieses kann in der Schule nicht gebildet werden, weil den meisten Schülern die Fähigkeit zur Abstraktion in dem Ausmaß fehlt. Dafür braucht es Begabung und Interesse. Erstere muss in der Schule gefunden und letzteres in der Schule geweckt werden.

            In Klasse 1 führen Sie die natürlichen Zahlen ein. Allerdings nicht mit den Peano-Axiomen, wie es die reine Mathematik tut. Ebenso behandeln Sie in Klasse 1 nicht die Mengenlehre oder Gruppentheorie. All das ist an weiterführenden Schulen auch weder notwendig noch sinnvoll.

          • @Georg und @Palim
            Vielleicht einigen Sie sich darauf: in der Schule lernt man Rechnen als elementares Handwerk in der Mathematik, und zwar von der Pike auf. Dabei ist die Vermittlung eines Mengenverständnisses in der Grundschule unabdingbar. In der SEK 2 darf man dann mit Analysis und analytischer Geometrie in die „richtige“ Mathematik reinschnuppern. An der Uni lernt man dann unter anderem den Aufbau der Zahlenbereiche und ihrer Funktionalitäten, die Abstraktheit in Ringen, Körpern, Polynomen; sprich das abstrakte Ding, was hinter der Funktionalität des Handwerkzeugs steht.
            Studenten, die das Handwerkzeug aus der Schule nicht beherrschen, haben es an der Uni schwer.

          • „Schwer Haben“ und „unmöglich“ sind zwei Dinge. Vorwissen aus der Schule sind hilfreich, aber streng genommen nicht notwendig. Schnell schreiben sollte man aber können, dazu ehrgeizig und frustrationstolerant.

          • Na wenn Sie es so genau nehmen, muss ich Ihnen widersprechen. Sie schrieben, dass die Dozenten in den Mint- Fächern die Mathematik „von ganz unten“ aufbauen. Was Sie hier beschreiben, betrifft allerdings das Mathematikstudium. Physiker und Informatiker beschäftigen sich auch im Studium nicht mit dem axiomatischen Aufbau der Mathematik, sondern nutzen im Normalfall nur deren Werkzeuge. Damit ist es zumindest in diesen beiden Mint-Fächern so, dass das Beherrschen der Schulmathematik weitestgehend vorausgesetzt wird.
            Von „unmöglich“ haben weder Palim noch ich gesprochen – da fehlt mir jetzt der Bezug, allerdings sind Studenten, die ohne profunde Kenntnisse der Schulmathematik ein Mint- Studium erfolgreich absolvieren, meines Wissens nach die absolute Ausnahme – die meisten Mitglieder dieser Gruppe dürften bald aufgegeben haben.

          • Zu meiner Studienzeit, allerdings noch zu Diplom- und Staatsexamenszeiten, saßen die Physiker, Meteorologen, Informatiker und Mathematik-Lehrämtler bei den Diplommathematikern in den Anfängervorlesungen. Chemiker und Biologen saßen in Mathematik für Naturwissenschaftler. Die haben aber auch die komplette Schulmathematik in den Vorlesungen nochmal systematisch durchgenommen. Wie das heute ist, weiß ich aktuell nicht.

            Aber ja, ich widerspreche nicht, dass profundes Wissen aus der Schulmathematik sehr sinnvoll ist. Allerdings eher auf der Meta-Ebene im Sinne zur Fähigkeit des strukturierten, logischen und abstrakten Denkens.

  5. Ach ja, die progressiven Bildungspolitiker und -journalisten tun jetzt „überrascht“, dass Mathematik an den Hochschulen gebraucht wird, und zwar „über basale Grundkenntnisse hinaus“. Na so was, wie kommt denn das, wer hätte das für möglich gehalten?? 47 % aller Studierenden benötigen in ihrem Studium irgendeinen Mathekurs, so stellten die drei math. Fachverbände kürzlich fest. Aber vorher hat man den mathematischen Schulstoff „entrümpelt“ bis zum geht nicht mehr. Auch beim Übergang von G9 zu G8 und dann zurück zu G9 blieb einiges auf der Strecke, zumal alles durch die Kompetenzorientierung noch schön vernebelt wurde. Die Probleme mit der Mathematik bei Studienanfängern sind größtenteils hausgemacht durch Reformen und Reförmchen des Mathematikunterrichts an Schulen, die man durchgeführt hat, ohne die Hochschulen zu fragen. Es pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass die Reförmchen inzwischen von einer angestrebten immer höheren Abitur- und Hochschulzugangsberechtigungsquote dominiert werden, nicht von fachlichen Erwägungen.

  6. Mathe-Kenntnisse brauchte man auch früher. Also, nichts Überraschendes.
    Die Sachanwendung lernt man an der Hochschule.
    In der allg. bildenden Schule hat man dafür, v.a. durch G8, keine ausreichende Zeit. Die Schule dient dazu, Grundlagen zu vermitteln, dazu lediglich paar Anwendungsaufgaben.
    Dass man in der NRW-Abiturprüfung nicht lernkonforme, olympiadeähnliche Klausuren stellt, noch dazu mit schlecht und somit falsch formulierten Texten, ist keine Prüfung der mathematischen Kenntnisse.

    • G8 ist im NRW kein Argument, weil die Sek II nach wie vor bei drei Jahren blieb. Die abiturklausuren 2021 waren lang, aber von einer Mathe Olympiade sowohl vom Stil als auch vom Schwierigkeitsgrad weit entfernt.

      Die Entkernung des Lehrplans auf die leichten zwei Drittel von dem, was für Studierfähigkeit erforderlich ist, ist das Problem. Dadurch wurde aber die Quote erreicht.

  7. Apropos Mathe-Kenntnisse:
    Trotz der schlechten Mathe-Ergebnisse herrscht in Bayern Einser-Flut.

    Grund dafür ist die doppelte Günstiger-Regelung. Sie besagte, dass Schüler ihre Leistungen im Ausbildungsabschnitt 12/1 durch die im Abschnitt 12/2 ersetzen konnten – sofern die Noten dann besser waren. Da im Abschnitt 12/2 viel weniger Klausuren geschrieben wurden, fallen die Noten im Abschnitt 12/2 extrem gut aus. D.h. die bayerischen Abiturient:innen konnten eine dieselbe Leistung für zwei Semester anrechnen lassen. Für Weiteres: https://www.merkur.de/bayern/einser-schwemme-beim-abitur-90829629.html

    So viel zum bayerischen Abitur. Allein die doppelte Anerkennung einer gleichen Leistung ist rechtswidrig.

    • Man kann glatt das Gefühl haben, dass es mittlerweile in Bayern schwieriger ist, nach der Grundschule auf das Gymnasium zu kommen als dort das Abitur zu bestehen.

  8. Ich glaube, dass die Profs auch noch mangelnde Mathe-Kenntnisse anprangern würden, wenn das Abi aus 100% vertiefender Mathematik bestehen würde.

    Ach ja, das gleiche sagten meine Matheprofs vor 26Jahren an der Fh auch schon….

    • Das werden die Professoren immer tun, genauso wie die Lehrer der weiterführenden Schulen über die Grundschul(un)kenntnisse schimpfen und die Firmenchefs über die Kenntnisse ihrer Auszubildenden.

      Es ist allerdings eine andere Hausnummer, wenn Studenten der Naturwissenschaften unabhängig von der Abiturnote in Mathematik mit quadratischen Gleichungen Probleme haben.

  9. Ein Beispiel aus der Praxis: Studierende des dritten Semesters eines MINT-Studiengangs sollen (im Kontext einer umfangreicheren Programmieraufgabe) die digitalen Werte, die ein AD-Wandler liefert, in Spannungswerte umrechnen. Der Zusammenhang ist linear, es geht also um einen simplen Dreisatz. Wenn 0 V dem Zahlenwert 0 entsprechen und 2,5 V dem Zahlenwert 1023, welche Spannung habe ich dann beim Zahlenwert 300?

    Diese Aufgabe stellt manche vor ein unlösbares Problem.

    Dieses Beispiel ist nicht ausgedacht, sondern wirklich so passiert, und zwar mehr als einmal.

    • Ich finde es schon schlimm, wenn meine Azubis mit angeblichem Realschulabschluss an sowas scheitern, dann brauchen wir selbst Bewerber mit Abitur nicht mehr einstellen. Von Dreisatz noch nie etwas gehört. Unsere Schweizer mit Matura lachen bei solchen Situationen nur. Wenn man bei den Lehrern reklamiert, über das was die abliefern, nur einfältigen Grinsen. Ist ja auch zu einfach wenn man für seine Versäumnisse nicht gerade stehen muss und keine Verantwortung für seine Arbeit übernehmen muss. Die Unis, FHs und Ausbildungsbetriebe müssen dann diese Mängel ausbaden. Den letzten beissen die Hunde. Als grosser Betrieb können wir das noch kompensieren, aber was machen die Kleinen? Die bleiben auf dem Schrott sitzen. Für die grosse Zahl an Ausbildungsunfähigen sollten die zuständigen Lehrer endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Ich kann mir nicht erklären, wie man solchen Schülern einen Schulabschluss geben kann. Da ist wohl die Meinung: Aus den Augen aus dem Sinn.

      • Ich gehe mal davon aus, dass den meisten Mathematiklehrern das Problem durchaus bewusst ist. Für die Lehrpläne können sie nichts, für die vielen Schüler an der falschen Schulform, für den gesellschaftlich anerkannt schlechten Ruf der Mathematik auch nicht.

        • Klar, jetzt ist der Lehrplan schuld. Wann wurden denn die Dreisätze rausgestrichen?
          Von Pünktlichkeit ganz zu schweigen, zu meiner Schulzeit schon, die Schüler müssen sich wegen 2 Minuten entschuldigen, rechtfertigen und einen Anschiss kassieren. Die vorbildlichen Lehrer kommen 5, 10 oder 20 Minuten zu spät, es ist aber nichts von Entschuldigung oder Gründen der Verspätung gegenüber der Schüler zu hören. Meine Klassenlehrerin Schloss die Türe ab, damit die Verspäteten nicht reinkamen. Die Türe ist der Fluchtweg! Tolle Vorbilder. BRAVO!

          • @Andreas

            „Wann wurden denn die Dreisätze rausgestrichen?“

            Das ist ja wohl die falsche Frage, wenn Sie die Lehrer verantwortlich machen wollen, so wie Sie es eigentlich immer und bei allen Dingen wollen, die Ihnen nicht passen …
            Die richtige Frage wäre dann wohl „Von wem wurden denn die Dreisätze rausgestrichen?“

            „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“
            oder hier passender:
            „Andreas, bleib bei deinen Zahlen!“
            (Ja, ganz bewusst „Zahlen“, denn mit der Logik hapert es auch bei Ihnen ganz offensichtlich, wenn auch nicht zum ersten Mal.)

      • Diese Problematik ist bei mir als Grenzgänger in die Schweiz auch wohlbekannt. Leider ist das deutsche Ausbildungssystem dem Unseren überlegen. Im Gegensatz zum Schulsystem, welches in der Schweiz um Größenordnungen besser ist. Die Lehrer müssen sich alle drei Jahre Wiederbewerben und ihre Qualifikation und Wertungen von Schülern und Eltern nachweisen. Wer nichts taugt, sucht sich was anderes, wie ALLE anderen Berufe auch.
        Wir schicken unsere Lernenden ins benachbarte Deutschland zur Ausbildung. Die Schweizer Firmen bezahlen die Ausbildungsvergütung, die viel höher ist als die deutsche und zusätzlich den Ausbildungsfirmen eine Gebühr. Das ist Winwin für alle Beteiligten, die Deutschen haben gute Lehrlinge, verdienen dabei noch gut und die Schweiz gute Fachkräfte.

        • @Stefan

          „Die Lehrer müssen sich alle drei Jahre Wiederbewerben und ihre Qualifikation und Wertungen von Schülern und Eltern nachweisen. Wer nichts taugt, sucht sich was anderes, wie ALLE anderen Berufe auch.“

          Ach!
          In der Schweiz müssen sich die Berufstätigen ALLER Berufsgruppen alle drei Jahre wieder bewerben???
          Wie interessant!

          Wie oft haben Sie selbst denn schon etwas anderes gesucht?

          • „Wer nichts taugt, sucht sich was anderes“
            Kapiert?
            Die Wiederbewerbung bezieht sich auf Lehrer, nicht auf alle.
            Kapiert?

        • „Die Wiederbewerbung bezieht sich auf Lehrer, nicht auf alle.
          Kapiert?“

          Ach, Stefan, sind Sie denn gerade auch in Deutschland in einem Paulanergarten?

          Sie hatten doch selber geschrieben: „Wer nichts taugt, sucht sich was anderes, wie ALLE anderen Berufe auch.“

          Obwohl das natürlich den eklatanten Lehrermangel in der Schweiz erklärt, wo man sich in den Kantonen (ach, sogar innerhalb der Kommunen) gegenseitig kannibalisiert und versucht untereinander die Lehrer abzujagen.

          Und nur in Zürich sollen die Lehrer neuerdings länger arbeiten, um 250 Lehrerstellen zu ersetzen (weil die Stellen nicht besetzt werden können)…

          „Die Lehrer müssen sich alle drei Jahre Wiederbewerben und ihre Qualifikation und Wertungen von Schülern und Eltern nachweisen.“

          Also hören Sie auf Märchen zu erzählen und trinken Sie nicht so viel Hefeweißen!

          Soviel dann auch zu:
          „Im Gegensatz zum Schulsystem, welches in der Schweiz um Größenordnungen besser ist“

          Was macht es besser? Also bis jetzt habe ich kein Argument dafür gefunden, außer dass in Deutschland (von Referendaren einmal abgesehen) die Schüler eher feste Bezugspersonen unter der Lehrerschaft haben als in der Schweiz, wo Lehrer von heut auf morgen auch einfach mal nicht mehr an der Schule sind, weil ein anderer Landkreis mal eben mehr Gehalt geboten hat.

  10. Genau das gleiche Problem habe ich mit Auszubildenden und Praktikanten aller Schulformen. Einfachster Dreisatz und normale Prozentrechnung stellen sie vor unlösbare Probleme. Hier muss wirklich in der Schule an der Nachhaltigkeit des Wissens gearbeitet werden, was ja wirklich machbar wäre. Man bräuchte doch nur in jeder Klassenarbeit nach Einführung des Themas eine einfache Aufgabe zu den wirklich wichtigen Themen stellen, damit sich der dauerhafte Lerneffekt einstellt. Das wären für die meisten SuS dann spätestens beim 3. Mal sichere Punkte, es würde kaum Zeit in Anspruch nehmen und das Grundlagenwissen würde gefestigt.

    • @Ursula: Ja, und wenn der Lehrplan/das Curriculum entsprechend geändert würde, dann dürften die Mathematiklehrkräfte das auch tatsächlich genau so einführen/ausprobieren…

    • Ja klar… gegen schlechte Mathekenntnisse hilft nur noch „weniger“ (sprich einfacherer) Matheunterricht…

      Ich bin da ganz anderer Meinung: vielleicht sollte man aufhören die Schüler weiter durchzuschleusen und in Watte zu packen, die den Stoff der Klassenstufe nicht begriffen haben und anwenden können. Vielleicht ist eher Selektion (oh, wie böse) die bessere Wahl.
      Und vielleicht sollte es in der Gesellschaft, anstatt sich leichteren Mathematikunterricht zu wünschen, es nicht länger eine lustige Anekdote sein, wenn man auf einer Party mit seinen schlechten Mathematikkenntnissen prahlt, sondern eine Peinlichkeit.

      Und nein, Deutschland braucht nicht „Grundschulmathematik“ bis in die 13. Klasse. Wer es, selbst mit einer angehenden Mittleren Reife (10. Klasse), nicht geschafft hat den Dreisatz oder Prozentrechnung zu verstehen, der hat es schlicht nicht verdient den Abschluss zu machen.
      Wer es bis dahin nicht verstanden hat, der hat die Eigenverantwortung dafür zu tragen und das selbstständig nachzuarbeiten oder er hat den Abschluss nicht verdient.

      Mittlerweile ist es ja bereits schwerer einen Schulabschluss NICHT zu machen – und genau so sieht dann auch das Ergebnis aus.

      Wenn Deutschland für sich den Anspruch hat weiter eine führende Industrienation zu bleiben, dann wird das nur durch ein hohes (ich würde sogar sagen: höheres) (Bildungs-)Niveau gelingen.
      Bereits jetzt ist Deutschland schon abgeschlagen und diese Lücke wird immer größer. Wer das nicht will, der wird, früher oder später, erklären müssen, wie er die Rechnungen der Sozialkassen bezahlen will.

  11. Völlig richtig, es geht auch nicht darum, die Anforderungen herunterzuschrauben sondern das Gelernte zu verinnerlichen. Die Aufgaben zu den elementaren Themen sollen natürlich zusätzlich zum jeweils neuen Stoff abgefragt werden und es kann auch nicht sein, dass man für das Abfragen bereits vermittelter Inhalte Lehrpläne oder Curricula ändern muss. Es geht vielmehr darum, den SuS zu verdeutlichen, welche Fähigkeiten alle Menschen beherrschen müssen, um im ( Berufs-)leben zurecht zu kommen. Diese Erkenntnis wird allerdings schon teilweise auf der ersten Informationsveranstaltung am Gymnasium in Frage gestellt, wenn ich mir da ernsthaft anhören muss, dass z.B. eine Englischlehrkraft nicht in der Lage ist, in der Lernzeit Kindern (in Klasse 5!!) bei Fragen in Mathe zu helfen und umgekehrt. Jeder, der selber Abitur gemacht hat, sollte meiner Meinung nach in der Lage sein, zumindest den Stoff in Mathe und Englisch bis mindestens zum Niveau des Mittleren Schulabschlusses zu beherrschen und auch in der Lage sein, das den SuS bei Rückfragen zu vermitteln. Was macht es denn für einen Eindruck bei SuS, wenn sie sich anhören müssen, dass ihre LuL das, was von ihnen selbst erwartet wird, nicht beherrschen???

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