Praxisbeispiel Blended Learning: Wie Lehrkräfte neue Lernformen selbst erleben und ihre Rolle weiterentwickeln

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LÜNEBURG. Alle reden über „New Learning“ (engl. Neues Lernen) – doch was genau bedeutet das? Welche Möglichkeiten gibt es, Präsenz-Lernräume mit digitalen Lernumgebungen zu verknüpfen und welche Veränderungen gehen damit für die Rolle der Lehrkraft und die Strukturierung von Lernphasen einher? Unsere Gastautorinnen Franziska Köpnick und Judith Holle, beide Expertinnen für Education Design und didaktische Konzepte, beschreiben für uns am praktischen Beispiel einer Lehrer*innenfortbildung, wie das selbstgesteuerte neue Lernen funktioniert.

Blended Learning ist ein mögliches und in der beruflichen Bildung bereits etabliertes Konzept, um das Beste aus Präsenz- und Digitalunterricht miteinander zu verknüpfen. Foto: Shutterstock.

Die meisten Lehrkräfte haben Lernen selbst so erlebt, wie es den Anforderungen an zeitgemäßes Lernen nicht mehr entspricht. So werden Erfahrungen aus der eigenen Lernbiografie schnell auf die Gestaltung des eigenen Unterrichts übertragen – was fehlt, sind Gegenentwürfe und Selbsterfahrung, die diese Lernbiografie um neue Lernformen erweitern.

Lernen, Probleme zu lösen

Die Anforderungen an das Bildungswesen verändern sich enorm – demografischer und technischer Wandel sowie globale Krisen brauchen neue Herangehensweisen an Probleme und Herausforderungen. Zudem findet Lernen heute schon zum großen Teil über die technischen Möglichkeiten des Web 2.0 und Social Media statt. Wissen ist nicht mehr wie früher begrenzt, sondern ständig abrufbar. Die große Herausforderung ist, mit diesem Wissen reflektiert und kritisch umzugehen und es in sich ständig wandelnden Problemfeldern situationsbezogen anzuwenden. Es ist daher wichtig, dass diese digitalen Wissensquellen in Lernprozesse einbezogen werden – sowohl in der Lehrkräftebildung als auch in der Schule.

Blended Learning als Chance für neue Lernprozesse

Es geht also um die Verknüpfung digitaler und analoger Lernumgebungen – und genau das ermöglicht das Konzept des Blended Learning. So werden die Vorteile aus digitalen Lernsettings und Präsenzveranstaltungen genutzt und in ein Lernkonzept gebracht, das den Kompetenzerwerb fördert.

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Präsenzunterricht in der Schule, Homeschooling oder Blended Learning?

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Blended Learning ist in der betrieblichen Weiterbildung bereits ein etabliertes Konzept – in der Lehrkräftefortbildung ist es hingegen bisher kaum verankert. Dabei ist diese Möglichkeit der Selbstlernerfahrung ein hervorragender Ansatzpunkt, um auch mit Schüler*innen neue Wege des gemeinsamen Lernens zu beschreiten und das Prinzip des selbstorganisierten Lernens in den Mittelpunkt zu stellen.

Neue Rollen für Lehrende und Lernende

Mit der Neugestaltung von Lehr-Lernprozessen im Blended Learning-Format hat die Lehrkraft eine ganz neue Rolle. Statt über Methodik Lernprozesse von Schüler*innen zu steuern und den Schwerpunkt auf eine fachliche Wissensvermittlung zu legen, gestaltet eine Lernbegleitung innovative Lernumgebungen. In diesen wird Lernenden ein Ermöglichungsraum (sowohl digital als auch in Präsenz) eröffnet, um selbstorganisiert und gemeinschaftlich zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Diese individualisierten Lernprozesse von Lernenden gilt es in Zukunft einerseits zu initiieren und andererseits professionell zu begleiten – sowohl für Lehrkräfte als auch für Schüler*innen.

Ein Beispiel: Blended Learning in der Fortbildung von Lehrenden

Wir haben ein solches Blended Learning-Format mit einer Gruppe von Lehrenden einer Bildungseinrichtung durchgeführt, die ihr Lern- und Bildungskonzept komplett umstellen und mehr Selbstlernphasen und projektorientierten Unterricht einführen wollten.

In der Weiterbildung eigneten sich die Teilnehmenden einerseits selbstständig fachliches Wissen aus der Lernforschung sowie didaktisch-methodisches Know-How an und reflektierten andererseits ihre Rolle als Lehrkraft gemeinsam mit Kolleg*innen und einer erfahrenen Lernbegleitung von beWirken, um sich in ihrer Professionalität weiterzuentwickeln.

Verschiedene Lernphasen digital und in Präsenz miteinander verknüpfen

In einer Zeit von drei Monaten tauchten die Lernenden in einem Wechsel aus Selbstlernphasen und Workshops (sowohl digital als auch in Präsenz) intensiv in das Thema und ihre ganz individuellen Herausforderungen ein.

Gearbeitet wurde in Lerngruppen, die sich selbstständig organisierten. Wann immer nötig, konnte die Lernbegleitung als Coach digital hinzugezogen werden, um Unterstützung, Impulse oder Feedback zu geben. Die Lernbegleitung war zudem für das Management dieses Prozesses zuständig, entwickelte die digitale Lernumgebung im Lernmanagementsystem und gestaltete die Gruppenworkshops. Sie stellte Wissensbausteine (sogenannte Lernimpulse) in Form von Online-Trainings, Podcasts, Videos, wissenschaftlichen Artikeln, Blogs oder Wikis zur Verfügung und begleitete die Lehrkräfte in den selbstorganisierten Lernprozess, in dem sie die Lernenden Stück für Stück in eine Haltungsänderung führte. So wurde die Lernumgebung mit Leben gefüllt und die Verantwortung für den eigenen Lernprozess lag bei den Lernenden.

Eine wichtige Grundlage für Blended Learning-Formate ist ein Lernmanagementsystem, über das Inhalte zur Verfügung gestellt und miteinander geteilt werden können, in dem Austausch und Feedback innerhalb der Gruppe möglich ist und über das sich die Gruppe ihre Arbeitstreffen selbstständig organisieren kann.

Ablauf einer Blended Learning Weiterbildung – ein Beispiel

Im Folgenden stellen wir kurz den Ablauf der beschriebenen Weiterbildung dar, um greifbarer zu machen, wie Blended Learning aussehen kann. Dies ist natürlich in hohem Maß variabel und kann über kürzere oder längere Phasen laufen oder mit sehr häufigen oder eher seltenen Gruppenterminen gestaltet werden. Gerade bei der Übertragung auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind die Engmaschigkeit der Begleitung sowie die Zeitfenster der jeweiligen Lernphasen eine wichtige Stellschraube, um den Lernprozess an die jeweilige Zielgruppe anzupassen.

Workshop 1: Kick-Off (virtuell)

Die Lernenden entwickeln ein Verständnis für die Struktur des Lernprozesses und bilden Lerngruppen für die folgende Selbstlernphasen. Sie legen Themenschwerpunkte sowie ihre Gruppen- und Arbeitsstruktur fest.

Selbstlernphase (4 Wochen)

Die Lernenden setzen sich einzeln und in ihren Lerngruppen mit ihren gewählten Themen auseinander. Unterstützt wird diese Phase durch Materialien, die die Lernbegleitung bereitstellt. Die Lernenden ergänzen diese durch eigene Materialien und Quellen.

Workshop 2 (Präsenz)

Die Teilnehmenden präsentieren ihre Ergebnisse und diskutieren ihre Erkenntnisse. Sie bereiten zudem die nächste Selbstlernphase in ihren Arbeitsgruppen vor.

Selbstlern- und Praxisphase (4 Wochen)

Neben der Erarbeitung von Themen geht es in dieser Phase insbesondere darum, neue Erkenntnisse in der Praxis zu erproben und Stück für Stück neue Lernformen zu etablieren.

Workshop 3 (virtuell)

Die Lernenden reflektieren ihre Praxiserfahrungen in der großen Gruppe, geben einander Feedback und entwickeln gemeinsam Lösungsansätze für ihre individuellen Herausforderungen. Sie bereiten anschließend erneut die nächste Selbstlernphase in ihren Lerngruppen vor.

Selbstlern- und Praxisphase (4 Wochen)

Diese Phase entspricht der vorangegangenen Selbstlern- und Praxisphase.

Workshop 4: Abschluss (Präsenz)

Die Teilnehmenden reflektieren ihre intensive Lernerfahrung und setzen sich damit auseinander, wie sie weitere Schritte gehen möchten, um das gesammelte Wissen, die gemeinsamen Erfahrungen und die Arbeitsergebnisse nachhaltig in die eigene Praxis und die Bildungseinrichtung zu integrieren.

Was bedeutet das für Schule?

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass wir auch in Schule zunehmend mit der Chance und Herausforderung konfrontiert sein werden, ähnliche Lernprozesse zu etablieren.

Die zentrale Struktur des Blended Learning, dieser Wechsel aus Phasen des Selbstlernens und der Vergemeinschaftung, des eigenständigen Wissenserwerbs und der Reflexion sowie des Transfers anhand von realen Problemsituationen, ist auch für Schule ein zukunftsfähiges Modell.

Selbstlernphasen können zu Hause oder in der Schule stattfinden – sie sind jedoch auf Strukturen und Räume für individuelles Lernen und die Nutzung digitaler Medien angewiesen. Nicht nur für Lernimpulse, sondern auch für kreative Präsentationen und gemeinsame Projektphasen. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist daher dabei ein Querschnittsthema, die Schüler*innen bei der Entwicklung von Medienkompetenz zu unterstützen, um sich selbstsicher und kritisch in ihrem digitalen Lernumfeld bewegen zu können.

Eine solche Lernstruktur erfordert ein Umdenken verbreiteter Lernstrukturen, die in vielen Schulen nach wie vor auf der Fixierung von Klassenräumen und 45-Minuten-Fachunterricht beruhen. Doch Praxisbeispiele zeigen: Es geht – und es lohnt sich.

Den Prozess gestalten

Als zukünftige Gestalter*innen von innovativen Lernumgebungen kommt Lehrkräften an Schulen die herausfordernde Aufgabe zu, die Fähigkeit des Selbstlernens bereits in jungen Jahren zu fördern. Deshalb setzen wir uns als beWirken dafür ein, Transformationsprozesse in Schulen anzustoßen und gute Voraussetzungen für eine neue Lernkultur zu schaffen. Ohne einen Wandel der Lehrkräftebildung werden Initiativen und Veränderungsprozesse im Sande verlaufen, da die Rahmenbedingungen von Schule und ein damit überholtes Verständnis von Lernen bestehen bleiben. Gelingt es uns über die Lehrkräfte als Lernbegleitungen Strukturen und Haltungen in Schulen zu verändern, können Schulen Orte der Potenzialentfaltung und Innovation werden, in der die Zukunft von jungen Menschen gestaltet wird.

Zusätzliche Informationen

“Methodenbuch für digitalen Unterricht”

Foto: beWirken

Welche Methoden eignen sich für Online-Unterricht und digitale Workshops? Unser Methodenbuch für digitalen Unterricht enthält konkrete Tipps und 50 Methoden für interaktive digitale Lernformate. Mehr erfahren!

“Lernbegleiter Journey”

Sie sind neugierig geworden und möchten selbst ein Blended Learning-Format erleben? Dann laden wir Sie ein, sich in unserer drei- oder sechsmonatigen sogenannten “Journey” auf den Weg zu machen. Wachsen Sie selbst in die Rolle der Lernbegleitung hinein und entwickeln Sie neue Handlungskompetenzen, die Sie direkt in Ihrem Praxisalltag erproben werden. Mehr erfahren!

Über die Autorinnen:

Franziska Köpnick ist als Expertin für Education Design verantwortlich für die transformativen Lernangebote sowie -formate und die Entwicklung neuer Rollen und Haltung in der Akademie von beWirken.

Judith Holle hat berufliche Bildung und Sozialpädagogik studiert und entwickelt als pädagogische Leitung bei beWirken didaktische Konzepte für Schüler*innen und Lehrkräfte.

Weitere Infos auf www.bewirken.org

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14 KOMMENTARE

  1. Da sind nette Ideen drin und ich würde sehr gerne damit herumexperimentieren und so manchen unsäglich halbkomatösen bis hyperaktiven Nachmittagsunterricht (gesponsort von Döner und RedBull) damit sofort ersetzen wollen und sicher auch die allermeisten SuS, die ich kenne … aber hallo! Was für ein steiler Einstieg is’n das hier, my blended friends:

    „Die meisten Lehrkräfte haben Lernen selbst so erlebt, wie es den Anforderungen an zeitgemäßes Lernen nicht mehr entspricht. So werden Erfahrungen aus der eigenen Lernbiografie schnell auf die Gestaltung des eigenen Unterrichts übertragen – was fehlt, sind Gegenentwürfe und Selbsterfahrung, die diese Lernbiografie um neue Lernformen erweitern.“

    Ich hatte ganz hervorragend „gegenentwürfige, zeit- und unzeitgemäße“ Lehrer/-innen. Z.B. den einen der nur mit einer Latein-Lektüre und sitzend alle Stunden über zwei Jahre durchzog, nur frontal mit beißender Ironie und Satire und derben Sprüchen (wer wäre ich ohne diesen Einfluss, schnüff?) und alles bei nur etwa 4 Tafelanschrieben in der ganzen Zeit. Gegen die Denkakrobatik, die er provozierte, kommen die allermeisten Methoden-Spielchen als Flachlandveranstaltungen daher: Leicht, locker, ohne Hindernisse und niemand muss stolpern auf’m Weg.
    Dann ein anderer, der dermaßen konfus und verpeilt war, aber mit sehr großem Herz. Was blieb einem übrig, wenn man das Fach verstehen wollte: Selber arbeiten, denn von ihm war es quasi unmöglich das Zeug zu lernen. Und das wollten nicht viele, aber die, die es wollten, die wurden richtig gut gerade dadurch. „Ich hatte schlechte Lehrer. Das war eine gute Schule für das Leben.“
    Dann die Ex- oder Aktiv-Alkoholiker, mal sehr nett, mal völlig verballert. Wer hätte besser lehren können, was es bedeutet, sich in Sucht und Suff zu verlieren, als diese Persönlichkeiten, die durchaus viele der SuS sehr schätzten. War es pädagogisch korrekt? Natürlich nicht, diese moralische Gefahr für die instabile Jugend, gottohgott … und doch: Besser hätte mir das niemand sonst beibringen können, wenngleich ihre Fächer ganz andere waren.
    Noch ein anderer ließ uns zu viert alleine mit Bohrmaschine, Flex und Schweißgerät an einem scharfkantigen Metallobjekt von rund 100kg werkeln über Wochen hinweg ohne Aufsicht im Technikraum und außerhalb davon. Saugefährlich und genial, was wir dabei erlebt und gelernt haben. Neue Lernformen, Erfahrungen, Gestaltung des Unterrichts, mit Schnittverletzungen auf der Nase vom Blech … dämmert’s?

    „was fehlt, sind Gegenentwürfe und Selbsterfahrung, die diese Lernbiografie um neue Lernformen erweitern“ – Da bin ich also gespannt, womit man mich kurzsichtigen Tropf nun aus meiner monoton eingetrichterten Lernbiografie befreien und ins wahre Lichte leiten wird. Ich erwarte nicht weniger als ein Feuerwerk der Erkenntnis (mit voriger Gefährdungsbeurteilung nach Standardschema und getipptem Stundenentwurf auf die Minute genau, versteht sich).

    Gnädiglichst zu Diensten,
    Ihro blendender Hofnarr Ihrer Majestät

    PS: Natürlich ist dies stereotypisch anekdotisch zugeschnitzt und es ist im Zitat die Rede von „den meisten Lehrkräften“ und die bin ich alleine eher nicht, aber was bitte erwartet man nach so einem „Kick-Off“? Man bleibe gerne dran am blended learning, aber unterschätze nicht das scheinbar Unzeitgemäße.

    • @Dil Uhlenspiegel

      Yes, SIR !!!

      Du hast mir sehr viel Tipperei erspart, manches erledigt sich halt (fast) von allein, wenn man nur lange genug wartet. 😉 🙂
      (Habe ich in den letzten 1 1/2 Jahren von der Politik gelernt!)

      Die Lehrer haben uns weitergebracht, die „Guten“, die „Mittelmäßigen“ und die „Schlechten“.
      Sie haben uns weitergebracht, aber gelaufen sind wir unseren Lernweg von alleine.
      DAS ist das ganze Geheimnis.

  2. >>Alle reden über „New Learning“ (engl. Neues Lernen)<<
    Englisch ist wirklich leicht zu lernen, sie übernehmen sogar deutsche Begriffe! 😉

  3. “ und begleitete die Lehrkräfte in den selbstorganisierten Lernprozess, in dem sie die Lernenden Stück für Stück in eine Haltungsänderung führte. So wurde die Lernumgebung mit Leben gefüllt und die Verantwortung für den eigenen Lernprozess lag bei den Lernenden.” – liegt sie das nicht immer?
    Ich stelle mir das bei meinen SuS an der Gesamtschule vor…
    Gib dem Kind einen neuen Namen und füge ein paar englische Vokabeln ein und fertig ist das neue Konzept – ganz so einfach ist es dann doch nicht in der Realität. Abgesehen von den ganzen neuen Materialien , die ja erst mal passend zum Thema zusammengestellt werden müssen.
    Auch beim “flipped classroom” ( zu Hause eignen sich die SuS die Grundlagen eines neuen Themas selbst an, in der Schule wird die wertvolle Unterrichtszeit zum gemeinsamen Üben genutzt und Probleme geklärt) kann man schnell scheitern: SuS haben sich einfach nicht vorbereitet, nicht damit beschäftigt, es angeblich nicht verstanden, war zu schwer…1000 Ausreden.
    Übrigens sind wirklich gute Fortbildungen zu neuen, aber in der Praxis erprobten Konzepten, die nicht nur viel heiße Luft und bedeutungsschwangere Vokabeln enthalten, schwer zu finden. Ich wurde nur im Netz bzw. im Ausland fündig. Der Tag der Mathematik veranstaltet vom Lisum ( Landesinstitut für Schule und die Medien) erinnert da eher ans 19. JH.
    Ich bin immer offen für neue Ideen und probiere auch einiges aus, aber wie in so vielem die Dosis ist entscheidend.

    • „sind wirklich gute Fortbildungen zu neuen, aber in der Praxis erprobten Konzepten, die nicht nur viel heiße Luft und bedeutungsschwangere Vokabeln enthalten, schwer zu finden“

      Absolute Zustimmung!

    • @Rike

      “ und begleitete die Lehrkräfte in den selbstorganisierten Lernprozess, in dem sie die Lernenden Stück für Stück in eine Haltungsänderung führte. So wurde die Lernumgebung mit Leben gefüllt und die Verantwortung für den eigenen Lernprozess lag bei den Lernenden.”

      Liebe Rike,
      bei Ihrer Eröffnung musste ich schmunzeln, denn das war auch meine Lieblingsstelle!

      Aber bei den ganzen neuen Projekten zur immer besser (?) werdenden Lernwelt ist der Grundgedanke offensichtlich ein anderer, so ähnlich wie bei irgendwelchen ach so gesunden Lifestyle-Lebensmitteln (z.B. Fruchsaftgetränke oder Smoothies, das klingt ja erstmal gesund), die eigentlich kaum noch etwas Ursprüngliches enthalten – dafür aber dehydriert, chemisch hochgradig bearbeitet, als kleinste Portiönchen mit viel Umverpackung (fröhlich bunt-bunt) präsentiert und am anderen Ende mit viel Wasser (ebenfalls verarbeitet und teuerer als aus der Leitung) aufbereitet und vermarktet werden.

      Und warum das ganze?

      Einfach weil es viel bequemer ist, einen „Smoothie“ rasch runterzuschlucken anstatt den Apfel oder das Möhrchen selber zu kauen, denn letzteres dauert länger und ist ja auch schon ziemlich anstrengend!
      Es ist diese Grundhaltung, die das Lernen immer unmöglicher macht.

      Lernen ist
      1. Eigenaktivität
      2. Eigenverantwortung.

      Und da hilft auch die beste und modernste Verschleierungstaktik GAR NIX, auch nicht, wenn sie in immer neue Methoden-Phantasien und in ein pralles Pädagogen-Denglisch-Neusprech verpackt oder gepresst werden, welches eigentlich nur dazu führt, dass die Beteiligten sich gegenseitig und (am Ende?) sich selbst nicht mehr verstehen.
      Dieses Pädagogik-Neusprech ist letztlich selbst ein Teil der Verschleierungstaktik, dient aber auch nur der Vermarktung von Projekten, Studien, usw. und ist ein Teil eines neu entstehenden Indrustriezweiges, der gerade vor unseren Augen entsteht und teilweise eigenartige Blüten treibt.
      Welch ein Glück (?), dass man schon einiges gewohnt ist …

      Ein Spiel für Doofe und alle, die nichts merken (wollen) – also ein Spiel ohne Grenzen!
      🙁
      So weit, so schlecht.

      Mal kurz und im Klartext:
      Es hilft alles nichts, wenn die lernende Person eigentlich gar nicht lernen will – denn:
      Lernen ist nicht nur erhellend und erheiternd, oft ist es auch einfach nur anstrengend, manchmal auch frustrierend, das alles gehört als Teil des erfolgreichen lebenslangen Lernprozesses dazu!
      Lernen ist eben so wie viele andere Dinge im Leben auch.
      Lernen ist also ein Teil des Lebens und bereitet aufs Leben vor, trotz und gerade auch wegen der als negativ verschrieenen angeblich negativen Facetten wie vorübergehender „Misserfolg“ und „Langeweile“.
      Das Leben selbst ist ja auch kein Freizeit-Park!
      Dem muss man sich stellen, wenn man Erfolg haben will (auf seinem eigenen Leistungsniveau, denn auch mit der tollsten und neuesten Strategie/Methode/Technik werden nicht alle zum gleichen Lernerfolg kommen können).
      Belohnt wird man dann aber mit dem guten Gefühl, dass man selber etwas hinbekommen hat – auch mal gegen (innere) Widerstände.
      Das nennt man dann: (selbst) verdienten Stolz.

      Selbst verdienter Stolz?
      Wenn das nicht „sexy“ genug klingt oder sonst irgendwie „old-fashiond“ und darum „abturned“, dann nennt es doch einfach … Selbstwirksamkeit.
      Und dazu machen wir ’nen schönes Webinar mit Digi-Workshops.

      *kopfklatsch*

      • Lieber Pit 2020,
        100% Zustimmung! Vor allem auch zu
        “ Es ist diese Grundhaltung, die das Lernen immer unmöglicher macht.”
        Genauso ist es. Ich habe mich nur nicht getraut, es so brutal ehrlich auszusprechen.
        Die Sache mit dem Smoothie ziehe ich auch manchmal als Vergleich heran. Und ohne nachzudenken wurden dann auch noch zu viele Kalorien geschluckt
        Aber führen wir diese Gedanken doch mal zu Ende: ein kleines Kind ist ständig neugierig und auf Entdeckungstour, scheut keine Mühe, bis es etwas herausfindet oder ihm etwas gelingt – wir alle kennen zig Beispiele. Und irgendwann haben wir die Kinder durch unser ständiges Helfen-wollen und Schwierigkeiten abnehmen soweit, dass sie sich nicht mehr anstrengen wollen, nicht mehr hungrig auf Neues sind, keine Enttäuschungen mehr aushalten können (Stichwort: Frustrationstoleranz). Und dann sitzen sie in der Schule. Wir sollen sie bespaßen, die Neugier auf Wissen wecken, noch eine neue Methode, noch mehr Abwechslung – das Ganze im Wettbewerb zu YouTube, Whatsapp usw. – das kann einfach nicht gut gehen.
        Soll nicht heißen, dass ich nicht offen für Neues bin, aber es muß begründet und in meinen Augen wirklich gut sein. Und das ist es meist nicht. Leider.

        • @Rike

          Jetzt sind wir schon zu zweit … !
          😉

          Nein, tatsächlich sind wir – auch, aber nicht nur – hier im Forum deutlich mehr Leute, die so denken, und zwar auf Grund von jahrelangen Erfahrungen.
          Wir beobachten was passiert und diese Erfahrungen sind ja keine einzelnen, keine „exotischen“ Erfahrungen.

          Seit über einem Jahr mit Beginn der Corona-Ereignisse gibt es hier auch immer mehr Mitleser und auch Mitschreiber, die ähnliche Erfahrungen schildern.
          Längst nicht alle sind Lehrkräfte, es gibt auch Eltern und teilweise auch ältere SuS; eben der Teil vom „Volk“, der mit dem Bildungswesen unmittelbar zu tun hat.
          Die Erfahrungen können je nach Ort (Großstadt/Land) oder Schulform und anderen Faktoren Abweichungen zeigen, allerdings lässt sich ein deutlicher Trend ausmachen.
          Dieser Trend zeigt mit immer gößerem Tempo und mit immer größerer Deutlichkeit in die falsche Richtung.
          Jeder klar denkende Mensch würde die Richtung ändern, anstatt dümmlich grinsend, lustig winkend und Neusprech-Phrasen schwätzend vor die riesengroße und eigentlich unübersehbare Wand zu rasen!

          Ich bin der Ansicht, dass
          – in Verbindung mit Corona-Ereignissen
          – aber auch schon mit Blick auf die letzten 20 Jahre
          endlich mal mit maximaler Öffentlichkeit „brutal ehrlich“ benannt werden muss, wie es tatsächlich aussieht im „Bildungsland Deutschland“.

          Andernfalls wird es mit der Bildung – schneller als uns allen lieb ist – so enden wie jetzt in den Hochwassergebieten:
          Vor Ort sitzen traumatisierte Menschen in Dreck und in den Trümmern ihres Lebens und zeitgleich in großen Büros (mit Luftfilter und täglicher Reinigung) sitzen „saubere“ Typen und tun … was sie leider schon seit Jahren tun.
          Deren Programm ist bestimmt tagesfüllend, aber „das Volk“ vor Ort sieht kaum positive Ergebnisse. Dass bedeutet, dass da etwas gewaltig schief läuft.
          „Das Volk“ in seiner ganzen Vielfalt (!!!) fühlt sich auch nicht mehr ernstgenommen, wenn jahrelang
          – begründet gewarnt wurde
          – begründet gesagt wurde, was dringend wirklich nötig ist (eben kein Luxus) und wie es umgesetzt werden müsste.
          Aber dafür bekommt man im Bildungsbereich in der Regel
          – gar keine Reaktion (= „günstigste“ Variante)
          – wenn eine Reaktion erfolgt, dann am ehesten Druck in hässlicher Form (persönliche Nachteile in allen denkbaren Erscheinungsformen)
          – Hohn, Spott, …
          – neue Arbeitsfelder, die den sinnvollen Forderungen diametral entgegenstehen. Bei diesem letzten Punkt muss man sich seit Jahren wundern, ob das nur noch mit Unkenntnis der Materie/Dummheit zu erklären ist. Eigentlich grenzt ein solches Ausmaß an Ignoranz gegenüber dem „Fußvolk“ schon an Arbeitsverweigerung an den „entscheidenden“ Stellen … Aber die entscheidenden Stellen sind nicht das, wofür sich einige „Nieten in Nadelstreifen“ halten (vielleicht hatten die früher selbst krankheitsbedingt in Geschichte und Politik gefehlt?). Sie sind nämlich keine Herrscher wie im Mittelalter – sie sind gewählt, vom Volk eingesetzt und es ist ihr Job, dem Volk zu dessen Wohl „zu dienen“.

          Während ich das hier tippe, ist im ARD-„moma“ der Bürgermeister von Grimma.
          Dort hatten sie schon 2 Hochwasser-Katastrophen!
          Er schildert den „Schlüssel zum Erfolg“ (anfangs stemmten auch dort ein Großteil der Arbeit extrem viele Freiwillige, die angepackt haben – also auch wieder „privates“ Engagement!) und spricht aber auch von harten und ehrlichen Entscheidungen, damit sich so etwas nicht laufend wiederholt. Ich selbst erinnere auch noch, dass damals die staatlich organisierte Hilfe (finanziell) recht träge anlief.
          (Schon damals fand ich das erstaunlich. Und auch jetzt ist es beschämend, wie träge man aktuell in RLP und NRW „arbeitet“, dass die Betroffenen vor Ort auch in dieser Situation immer öfter kritisieren, sie würden einfach noch nicht einmal an Informationen gelangen! Sie wurden bei den Politiker-Besuchen teilweise nicht einmal an den Ort der „Auftritte“ herangelassen!!! Aber schon gestern, nach 5 Tagen, wurde stolz verkündet, die Anträge für finanzielle Hilfen müssten „möglichst einfach“ sein! Oh Mann!!! Tolle Erkenntnis!)
          Das Ergebnis in Grimma kann man sich ja im TV/Netz anschauen.
          Und ich frage mich seit den aktuellen Hochwasser-Ereignissen, warum seit einem Jahr (Stichwort „nationaler Warntag“, Warn-Apps usw., ist ja vielerorts ein Voll-Flop gewesen) nichts passiert ist, außer dass JETZT wieder „intensiv beraten wird“, ob z.B. in jedem Ort/Stadtteil die ganz altmodischen akustischen Sirenen auf den Dächern aufgebaut und natürlich gewartet werden sollen, die ja – ohne Not, nur aus Kostengründen und Blauäugigkeit – vor 30 Jahren am Ende des Kalten Krieges abgebaut wurden. (Diese Sirenen hatten sich stets bewährt, denn die Bevölkerung wusste damals durch regelmäßige Übungen, was zu tun gewesen wäre. Das erinnere ich noch aus meiner eigenen Grundschulzeit.)
          HIER sehe ich deutliche Parallelen zu
          – aktuell der (insgesamt peinlichen) Diskussion um Luftfilter in ausreichender Zahl in jedem Klassenraum, in jedem Raum von Kitas
          – Schließung von Förderschulen, weil diese zu teuer sind und das ganze wird als großer Segen (Inklusion) „verkauft“ … und wehe dem, der die Art der Umsetzung kritisiert!
          – immer höhere SuS-Zahlen bei immer heterogener werdender SuS-Struktur in den „Regel-„Klassen
          – immer mehr und mehr und mehr …
          Und das alles ist oft ein Sparmodell, sonst nichts.

          „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

          Noch mal ganz brutal ehrlich:
          Auch Ignoranz und „verordnet anerzogene“ Stumpfheit und Unwissenheit wird keiner fressen können.

          Ich hoffe, das war deutlich genug.

          Und ich hoffe, dass trotz der aktuellen Hochwasser-Ereignisse dennoch Mitarbeiter anderer Medien (Print, Radio, TV …) auf immer wieder mal bei n4t erscheinende Artikel und Posts darunter stoßen und
          – endlich
          – und immer wieder
          auch über diese Thematik berichten, immer wieder den Finger in die Wunde legen … bevor die Heilungschancen im Bildungsbereich gegen Null gehen, mit allen hässlichen Folgen – die werden nicht weniger hässlich als ein „Jahrhundert-Hochwasser“ … das wievielte in diesem Jahrhundert ist das mittlerweile?

  4. Ich habe das Blended Learning als Hybridvariante im Zuge einer Weiterbildung kennengelernt. Besonders der soziale Austausch und die Feedbackmethoden sind mir positiv in Erinnerung; außerdem suggeriert das System eine Rolle als Lernbegleitung mit Möglichkeiten der inneren Differenzierung und somit individualisiertes Lernen.

    M. E. wird die notwendige Selbständigkeit aber nicht allein durch die Methode vermittelt. Es braucht – wie bei allen digitalen Formen des Lernens – ein gewisses Maß an Eigenverantwortlichkeit und Disziplin schon vorab. Also eine Methode eher für ältere Kinder – vereinzelt ab den oberen Jahrgängen der Primarstufe.

    Darüber hinaus müssen Infrastruktur und technische Ausstattung stimmen. Generell gilt, dass die Kohorten heterogen sind, so dass die Passung ein Hindernis sowohl bei der Ausstattung als auch bei beim Verständnis sein kann. Die sozialen Verhältnisse sind hierbei noch nicht beachtet.

    Fazit: Die Methode ist vielversprechend, aber die Passung ist der Knackpunkt. Somit nur vereinzelt in der Breite praxistauglich. Wer es in Erwägung zieht, sollte sich vorher Transparenz verschaffen und alles möglichst gut vorbereiten, damit die Erwartungen nicht in Enttäuschungen enden.

  5. Soll „Blendet Learning“ = „Blindes Lernen“ bedeutet a la „Blind Date“? Warum kann man das dann nicht einfach so sagen? Heutzutage scheint es bereits ein Qualitätsmerkmal zu sein, wenn etwas auf Englisch daherkommt. Oft handelt es sich aber in Wahrheit um einen alten Hut, der mit einem neuen „Gewand“ aufgehübscht werden soll.

    Siehe auch „Kick off“????????? Keine Ahnung, was das nun wieder sein soll, aber handelt es sich hier nicht eh um das bereits sattsam bekannte ENTDECKENDE Lernen? Was sind die Unterschiede?

    • @Quacksalber

      „Soll „Blendet Learning“ = „Blindes Lernen“ bedeutet a la „Blind Date“? “

      Entweder ist das grober Unsinn oder Sie machen sich bitte mal die Mühe und geben in der Google-Suche ein:
      false friend.
      Da gibt es allerlei zu entdecken.

      PS.:
      Im Artikel oben steht es richtig: „Blended“ mit „d“ am Ende.
      Ich habe meinen Google-Tipp eingerückt, den können Sie dann einfach rüberkopieren in die Suchezeile, damit Sie die zielführenden Treffer angezeigt bekommen.

      In der Sache („alten Hut, der mit einem neuen „Gewand“ aufgehübscht werden soll.) stimme ich bedingt zu, allerdings ist das nur ein Teil des Problems.
      Oftmals ist das gar kein „echtes“ oder gar sprachlich korrektes Englisch, es sind immer häufiger sinnfreie Wortneuschöpfungen.

  6. @Pit2020
    Wunderbar auf den Punkt gebracht!
    Leider bin ich mir nicht sicher, ob und wann wirklich ein Umdenken und geändertes Handeln in der breiten Gesellschaft stattfinden wird: zu den verschiedenen genannten Problemen. Nur bei der Bildung kann man vieles lange unter den Teppich kehren und dann anderen die Schuld zuweisen.

    Übrigens kenne ich die Sirenen mittwochs um 12 Uhr auch noch…
    Wenn wir in andere Länder schauen, dann kommt mir Deutschland in Bezug auf den Katastrophenschutz wie ein Entwicklungsland vor.
    Ich habe mit meiner Familie lange in den USA gelebt (da ist bei weitem nicht alles rosig) aber: da war klar, was vor einem Sturm, Hurrikan, Schneesturm zu tun war: Bargeld zu Hause, Auto volltanken, Wasser für ein paar Tage zu Hause haben, Lebensmittel, die nicht so schnell verderben und ohne Zubereitung gegessen werden können, Medikamente und Akkus sowie batteriebetriebenes Radio. Bei der dortigen Infrastruktur war klar, dass man durchaus ein paar Tage ohne Wasser und Strom auskommen muss.
    Tja, Deutschland war bisher von größeren Naturkatastrophen weitgehend verschont.

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