Söders Vorstoß, Luftfilter für Kitas und Schulen anzuschaffen, macht Kretschmann Druck

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STUTTGART. Die Sorge vor einer vierten Corona-Welle im Herbst steigt. Womöglich droht ein weiterer Schul-Lockdown, weil Kinder nicht geimpft werden können. In Baden-Württemberg haben sich Ministerpräsident Kretschmann und seine neue Kultusministerin bislang gegen teure und angeblich zu laute Luftfilteranlagen gesträubt – doch jetzt soll es ein erstes Gespräch darüber zwischen Landesregierung und Kommunen geben.

Kommt offenbar in Sachen Luftfilter ins Grübeln: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

ngesichts der Gefahr durch die Delta-Variante des Coronavirus steigt der Druck auf Grün-Schwarz die Schulen im Südwesten bis zum Herbst mit Luftfiltern auszurüsten. «Es muss jetzt jede Maßnahme ergriffen werden, um das Infektionsrisiko für unsere Kinder im Herbst zu senken», sagte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch in Stuttgart. Viele Schülerinnen und Schüler würden dann noch nicht geimpft sein. «Deshalb braucht es Luftfilter in allen Klassenzimmern des Landes», forderte der Ex-Kultusminister Stoch. Es dürfe nicht an der falschen Stelle gespart werden. Die Regierung dürfe sich «nicht erneut sehenden Auges in Schulschließungen hineinmanövrieren». Auch die FDP und Lehrerverbände fordern seit langem die Anschaffung von mobilen Raumluftfiltern.

«Diese Luftfilter, ehrlicherweise sind die, wie wenn Du eine kleine Cessna in deinem Raum mithättest»

Ministerpräsident Winfried Kretschmann und auch Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) hatten sich zuletzt beide skeptisch über die Wirkung der mobilen Filteranlagen geäußert, die etwa 3000 bis 4000 Euro kosten sollen. «Das ist nicht das Ei des Kolumbus», hatte Kretschmann gesagt. Mobile Geräte seien zu laut und große Umbaumaßnahmen auch nicht die Lösung. Schopper erklärte erst am Donnerstag im Landtag: «Diese Luftfilter, ehrlicherweise sind die, wie wenn Du eine kleine Cessna in deinem Raum mithättest.»

Der FDP-Bildungsexperte Timm Kern forderte dagegen: «Die Landesregierung muss ihren Widerstand gegen die Luftfilter in den Klassenzimmern endlich aufgeben.» Er hat die Regierung per Antrag gefragt, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sie über die Luftfilter hat. «Denn solange die Kultusministerin die Lautstärke eines Luftfilters mit einem startenden Kleinflugzeug vergleicht, werden wir wohl keine sachliche Diskussion zum Thema führen können.»

Tatsächlich wird die Behauptung von Experten bestritten. Zumindest gilt sie nicht für hochwertige Geräte. „Es bewegt sich auf dem Niveau einer Spülmaschine“, sagt etwa Prof. Christian Kähler, Physiker, Leiter des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in München und Erst-Autor mehrerer Untersuchungen zur Wirkung von mobilen Luftfiltern, gegenüber „Hallo München“.

Das Umweltbundesamt hatte erklärt, dass mobile Luftfilter nur eine Ergänzung zum aktiven Lüften sein könnten. Wie auch? Die Geräte verfügen über keine Verbindung nach außen. Schon der steigende CO2-Gehalt in der Atemluft macht Lüften notwendig. Aber: Mobile Luftfilter holen möglicherweise Corona-belastete Aerosole aus der Atemluft, wodurch sich der Lüftungsbedarf in Klassen- und Gruppenräumen auf ein normales Maß reduziert. Im bevorstehenden Winter bei Minusgraden ist das im Bildungsbetrieb keine Kleinigkeit.

Deshalb ist nun der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vorgeprescht und hat das Ziel ausgerufen, dass es bis zum Herbst in allen bayerischen Klassenzimmern einen Luftreiniger geben soll. Der Freistaat will den Kommunen dafür 50 Prozent der Anschaffungskosten erstatten. Auch die Grünen-Bundestagsfraktion fordert schon länger die Ausrüstung der Klassenzimmer mit Luftfiltern, um die Schulen offen halten zu können. FDP-Chef Christian Lindner hat sich ebenfalls mittlerweile für Luftfilter in Kitas und Schulen ausgesprochen, wie News4teachers berichtet.

Im Südwesten gibt es mehr als 67.000 Klassenzimmer. Die SPD schätzt die Kosten für die Ausrüstung auf etwa 120 Millionen Euro

In Baden-Württemberg kommen Landesregierung und Kommunen an diesem Montagabend zur Gemeinsamen Finanzkommission zusammen. Dabei soll es dem Vernehmen nach neben Corona-Hilfen für gebeutelte Städte und Gemeinden auch um die Luftfilter gehen. Im Südwesten gibt es mehr als 67.000 Klassenzimmer. Die SPD schätzt die Kosten für die Ausrüstung auf etwa 120 Millionen Euro. Das Kultusministerium verwies noch mal darauf, dass das Land den Schulen über die Schulträger schon ein Budget von 40 Millionen Euro zur Verfügung gestellt habe, das auch für die Beschaffung mobiler Luftreiniger eingesetzt werden könne. Allerdings konnten mit dem Geld auch digitale Geräte beschafft werden.

Langfristig sprechen sich die Fachleute des Umweltbundesamtes dafür aus, Schulen mit Wärmetauschanlagen auszustatten. Bei solchen Lüftungsanlagen wird Frischluft von außen angesaugt und gleichzeitig durch die nach außen strömende Abluft erwärmt. Das sei die nachhaltigste Lösung für den Abtransport von Viren, verbrauchter Luft und Feuchte. In Neubauten ist das mit einer zentralen Lüftungsanlage am einfachsten umzusetzen, in bestehenden Schulgebäuden wären aufwendige Umbauten nötig. Schopper hatte mehrfach auch mit Blick auf ein entsprechendes Bundesförderprogramm erklärt, dass solche Umbaumaßnahmen nicht so schnell umzusetzen seien. News4teachers / mit Material der dpa

Warum keine Luftfilter für Kitas und Schulen? Wenn die Argumente ausgehen…

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11 KOMMENTARE

  1. Die Politik und KM bzw. Herr Kretschmann ( der Kittel brennt) und Frau Schopper (knutschen ist angesagt) es erfordert keine Ausreden: “ Wie heranwachsende Kinder sind keine Treiber in der Pandemie, oder Luftfilter sind zu teuer zu laut, genug Kosten für Förderprogramm usw.“ Gerede gab es im Ausnahmezustand bis zum Anschlag und es wird Handlunsfähigkeit und Taten eingefordert für eine vergessene Schülergeneration. Der Ausnahmezustand hat mit aller Deutlichkeit gezeigt Kinder, Jugendliche und deren Familie sind die Verlierer und die letzten in der Reihe. Welche Aufforderungen oder Mahnungen braucht es noch um Gehör zu finden.

  2. Kultusministerin Schopper:“ «Diese Luftfilter, ehrlicherweise sind die, wie wenn Du eine kleine Cessna in deinem Raum mithättest.»

    Boah…das ist so unglaublich stumpf und irgendwie surreal eigenartig. Was da teilweise einfach so hinaus gefachsimpelt wird, ohne Hintergrund, realitätsfern und offensichtlich und ganz bewusst unwahr, ist einfach nur noch erschreckend.

    Ich hoffe, dass es eine Zeit geben wird, in der sich die heute Verantwortlichen auch dafür verantworten müssen. Für die unsäglichen und bewussten Lügen, die das Chance auf „Bildung UND Gesundheitsschutz“ verhindert und dazu geführt haben, dass eben nicht gehandelt wurde, somit Kinder erkrankten und Eltern und Lehrer*innen starben.

    Es ist furchtbar und es tut mir leid – vor allem für unsere Kinder, die erleben müssen, dass wir sie so im Stich lassen und zur Zeit einer Pandemie allen Ernstes in Massen in Klassenräume und stopfen (lassen), während Erwachsene sich geimpft, mit Luftfiltern und Abstand in Plenarsälen der Dampfplauderei hingeben. Unfassbar. Unfassbar. Unfassbar!

    • @FatalError:
      Dein Nickname ist – finde ich – falsch gewählt 🙂 , denn ich gebe dir umfänglich recht mit deinem Kommentar…und ja – auch ich finde es immer wieder „Unfassbar, Unfassbar, Unfassbar!“

    • Ich bin immer wieder in einem Klassenzimmer mit solch einer „kleinen Cessna“ und ich stand auch schon neben echten kleinen Cessnas. Kein Vergleich. Der mobile Luftfilter (und das ist kein Witzgerät) ist etwa wie ein Ventilator.

      Vor Wochen führten wir mündliche Prüfungen in einem kleinen Raum mit demselben Gerät durch. Nullkommanull akustische Störung dadurch, obwohl alle durch Masken sprachen in der Fremdsprache.

      • Schade, dass uns das niemand mehr glauben wird – nach der öffentlichkeitswirksamen Diffamierung der mobilen Luftfilter durch perverse – ähhh, sorry – diverse KMs.

        Ab jetzt wird es in der Öffentlichkeit heißen und sich entsprechend in den Köpfen der Masse festsetzen, dass die mobilen Luftfilter mindestens so laut sind, wie startende Düsenjets oder dauerexplodierende Weltkriegsbomben…das macht den Verzicht auf die von uns so erhofften und erwünschten Geräte leichter….

      • Hach ja…in den Händen der beiden Chaoten würde ich mich wohler und sicherer fühlen als unter der Fürsorge von Yvonne Gebauer…
        Sehr hübsch die Analogie vom zweimotorigen Flugzeug und Ventilator…. 🙂

  3. Zusätzlich zu den mobilen Luftfiltergeräten würden Frischluftwärmetauscher helfen und für frische Luft sorgen.

    Diese sparen Energie, sind leise im Betrieb und sorgen permanent für Frischluft.

    Auch simple Abluftventilatoren helfen.
    Es muss nur sichergestellt werden, dass frische Luft in den Raum gelangt.

  4. Komisch, die „Cessna“ scheint in den Ministerien, Rathäusern, Arztpraxen und Restaurants niemanden zu stören.
    Wir hatten mal für 2 Tage ein Hochleistungsgerät, gespendet von Eltern, in einem Klassenraum stehen. Das surrende Geräusch empfanden LuL und SuS als weit weniger störend als den Verkehrslärm bei den geöffneten Fenstern!

  5. Frau Schopper hat dem Artikel nach nicht behauptet, dass der Motor der Cessna im Klassenzimmer an ist.

    Somit besteht die Gefahr, dass vergessen wird, diese Geräte bei Verlassen des Klassenzimmers auszuschalten. Dies muss erfolgen, da im Klassenzimmer kein elektrisches Gerät ohne Aufsicht laufen darf. (So wurde mir verboten, einen Brutapparat im Klassenzimmer dauerhaft laufen zu lassen.)

    Diese doofen Luftfilter sind für Frau Schopper einfach zu leise. Kennt jemand lautere Geräte?

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