Digitale Bildung: Schere geht auseinander – ein Drittel der Schulen marschiert voran, ein Drittel wird abgehängt

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BERLIN. An den Schulen in Deutschland gibt es einer Studie zufolge große Unterschiede bei der Digitalisierung. Die Bildungsgewerkschaft GEW spricht sogar von einer «digitalen Spaltung» und fordert Investitionen in Zeit für die Weiterbildung von Lehrkräften sowie Schuladministratoren, die sich um die Technik kümmern, damit Lehrerinnen und Lehrer damit nicht zusätzlich belastet werden. «Wir dürfen die Digitalisierung an der Schule nicht auf Ausstattungsfragen reduzieren. Drei Balken im Wlan-Symbol bedeuten nicht automatisch gute Bildung», sagt GEW-Vorstandsmitglied Ralf Becker.

Die Schere geht bei der Digitalisierung zwischen Schulen auseinander – ein Gutteil wird abgehängt (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Für die repräsentative Studie hatte die Kooperationsstelle Hochschule und Gewerkschaften der Universität Göttingen Anfang des Jahres 2.750 Lehrkräfte in Deutschland befragt, unter anderem dazu, ob es an ihrer Schule eine Digitalstrategie gibt, ob dort neue digitale Unterrichtsformen erprobt werden, ob es digitale Geräte für den Unterricht gibt oder ob Räume so eingerichtet sind, dass digitales Lehren und Lernen unterstützt wird.

«Die Unterschiede zwischen digitalen Vorreiter- und Nachzügler-Schulen beim Lehren und Lernen mit digitalen Medien und Tools sowie der digitalen Infrastruktur sind gewaltig», sagte Studienleiter Frank Mußmann. Rund jede dritte Schule wird in der Studie zu den «Nachzüglern» gezählt. 38 Prozent werden als «Vorreiter» oder «digital orientiert eingestuft und 29 Prozent als «digitaler Durchschnitt».

Mußmann verwies darauf, dass Schüler an «Vorreiter-Schulen» deutlich intensiver lernten, digitale Inhalte zu erstellen und Informationen im Netz zu prüfen. Er sprach von großen Auswirkungen auf das demokratische Gemeinwesen, wenn digitale Bildung in der Schule nicht darauf abziele, dass Schüler Digitalkompetenzen entwickelten. «Alle Schulakteure sollten alles daran setzen, die digitale Spaltung abzubauen.»

„Die Ad-hoc Digitalisierung hat die angespannte Arbeitssituation an Schulen noch einmal verschärft“

Allerdings betonte der Wissenschaftler: Die Digitalisierung erfordere zeitliche Kapazitäten und personelle Ressourcen der Schulen. Genau hier gebe es jedoch ein Problem: „Die Lehrkräfte arbeiten am Limit. Ihre Belastung war auch während der Ad-hoc Digitalisierung in der Pandemie sehr hoch und hat die ohnehin angespannte Arbeitssituation an Schulen sowie die Entgrenzungserfahrungen der Lehrkräfte noch einmal verschärft“, hob der Studienleiter hervor. „Ausgelöst durch Coronakrise und Digitalisierungsschub ist die wöchentliche Arbeitszeit der Lehrkräfte um rund 30 bis 60 Minuten gestiegen. Dabei überschritt die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit der Lehrkräfte schon vor der Pandemie die Normarbeitszeit deutlich. Von einem Viertel sehr stark belasteter Lehrkräfte wird sogar die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden in der Woche überschritten. Das ist eine sehr hohe Arbeitsbelastung und gefährdet die Gesundheit.“

Lehrkräfte und Schulen hätten während der Coronakrise vielfach in Eigeninitiative pragmatische Lösungen gefunden, um digitale Medien und Techniken einzusetzen sowie digitale Lehr- und Lernkonzepte zu entwickeln und mit diesen zu arbeiten, hob Mußmann hervor. Seit der Pandemie würden digitale Medien häufiger genutzt als in der Vor-Corona-Zeit, Lehrkräfte hätten ihre digitalen Kompetenzen an gestiegene Anforderungen angepasst. Der Studienleiter bemängelte aber die meist unzureichende institutionelle Unterstützung. „Eine fehlende systematische Schulentwicklung gefährdet die Zukunft der Digitalisierung“, sagte er.

„Die Schulen brauchen dringend mehr Ressourcen, um gute Konzepte für eine digitale Lehr- und Lernstrategie zu entwickeln“

Die GEW mahnt deshalb eine Strategie- und Qualitätsoffensive für Medienkompetenz an den Schulen an. „Nach dem Digitalisierungsschub durch die Coronakrise brauchen die Schulen dringend mehr zeitliche und personelle Ressourcen, um gute Rahmenkonzepte für eine digitale Lehr- und Lernstrategie zu entwickeln und diese auch umzusetzen“, sagte Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstandsmitglied Schule, mit Blick auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie „Digitalisierung im Schulsystem 2021“, die am Mittwoch in Berlin im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Sonst drohe die Weiterentwicklung der Medienkompetenz der Lehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler „im Technikstress unterzugehen“.

Ralf Becker, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung, machte deutlich, dass digitale Ausstattung und Infrastruktur wichtig seien, weil sie die Grundlage bilden, damit alle Schulen digitale Tools und Technik gleichberechtigt nutzen können. „Digitalisierung an Schulen ist aber eben auch eine Qualitäts- und Zeitfrage. Der pädagogisch-sinnvolle Einsatz digitaler Technik und Formate im Unterricht erfordert Zeit sowie Ressourcen für Fort- und Weiterbildung ebenso wie für die Anpassung analoger an digitale Formate, wenn dies möglich ist. Lehrkräfte dürfen nicht mit zusätzlichen IT-Aufgaben belastet werden, sondern sollen sich in ihrer Arbeitszeit auf den Lehrberuf konzentrieren können“, sagte Becker. Die Digitalpaktmittel für IT-Administratorinnen und -Administratoren müssten endlich an den Schulen ankommen. News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen.

Bürokratie, Fachkräftemangel, Datenschutz: Scheitert die Digitalisierung der Schulen, bevor sie richtig begonnen hat?

 

 

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11 KOMMENTARE

  1. Kann ich gar nicht verstehen die Überschrift bzw. was ist neu dran??
    Wir haben zwar iPads für den Distanzunterricht erhalten, müssen die aber wieder abgeben, damit werden die Klassen 5 des Gymnasiums nach Pandemieende ausgestattet.
    Aus dem Digitalpakt ist noch nichts angekommen, allerdings haben wir nun schon zwei Mal Bestelllisten ausfüllen dürfen. Damit die Not aber nicht so groß ist, hat man bei uns folgendes gemacht: Die Ausstattung der Gymnasien wurde vorfinanziert und wird hinterher mit den Fördermitteln verrechnet, die anderen Schulen müssen damit leben, dass, so die Ankündigung, versucht wird, zumindest einen Teil der gewünschten Ausstattung zu liefern.

    Das führt dazu, dass ein Blick aus den Fenster rüber in die andere Schulform große wlan-fähige Flatscreens und iPads an den Lehrerpulten zeigt – und zwar in allen.

    Ich drucke derweil meine ABs weiter zu Hause aus und kopiere die auf dem noch funktionierenden Kopierer und habe da schon immer Glücksgefühle.

    Also jetzt mal ehrlich: Wer regt sich darüber noch auf? Es ist wie immer und es wird sich nichts ändern.

  2. Digitalisierung hat dann geklappt, wenn sie
    in jedem Raum und täglich geht,
    über Internet und zuhause geht,
    nach einer – gelegentlichen – Störung schnell wieder geht,
    nach etlichen Jahren noch immer solide geht,
    weil gute Fachleute
    mit gutem Zeitbudget
    und gutem Geldbudget
    permanent im Hintergrund daran arbeiten,
    so dass kein User etwas davon merkt,
    außer eben, dass „alles stabil läuft“.
    Auch in Schulen.

    Nun darf gelacht werden – oder auch geweint.

  3. Wo bleibt eigentlich der Nachweis, dass diese „digitale Bildung“ unterm Strich besser oder leichter zu erwerben ist oder mehr Erfolg verspricht als die gute alte Bildung mit Büchern und anderem auf Papier? Wenn heute Referate von Wikipedia oder sonst vom Internet übernommen werden, so wurden sie vor Jahrzehnten vom großen Brockhaus oder anderen Büchern übernommen. Den prinzipiellen Fortschritt sehe ich dabei nicht. Es ging nur alles ohne IT-Experten, die die Geräte am Laufen halten müssen.

    • Die Frage ist ähnlich weiterführend wie die Frage, wozu eine Schule elektrischen Strom braucht – Lernen geht doch auch ohne.

      Klar, geht alles. Lernen läuft aber über Kommunikation – und digitale Medien sind nunmal die Kommunikationsmittel des 21. Jahrhunderts. Sie vergrößern die Möglichkeiten, das Instrumentarium von Lehrkräften – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

      Sie können sich als Lehrer natürlich gerne ins 18. Jahrhundert zurückbeamen und so tun, als wären Sie Goethe in Weimar. Ich bezweifele aber, dass Ihnen dorthin dann aber noch ein einziger Schüler folgt. Man sollte vielleicht den Kontakt zu seiner Umwelt nicht völlig verlieren, wenn man nicht als Einsiedler enden möchte. Das gilt auch für Lehrkräfte.

      • Das ist (wieder mal) billige Polemik. In der Praxis scheitert die Benutzung der Geräte daran, dass kaum jemand weiß, was zu tun ist, wenn das alles nicht reibungslos funktioniert. Ganz zu schweigen von den vielen Vorschriften zum Datenschutz. Selbst Geräte wie Beamer funktionieren merkwürdigerweise nicht immer, und viel Zeit geht dadurch verloren. Forderungen kann man immer aufstellen: mehr Lehrer, mehr Sozialpädagogen, mehr IT-Spezialisten als Systemverwalter usw., aber man kann nicht aus begrenzten Mitteln alles gleichzeitig bedienen. Daher frage ich mich schon, warum man die guten alten Bücher auf Papier quasi schon ablehnt, obwohl deren Benutzung viel einfacher ist. Mit Goethe hat das nichts zu tun. Die lieben SuS sollten vielleicht wieder mehr in Büchern lesen. Wenn man nicht lesen kann, kann man auch im Internet nichts lesen (was eigentlich sollen E-Books bringen, sie nerven beim Umblättern mehr als Bücher aus Papier). Und es stellt sich die Frage, wer an der postulierten Digitalisierung eigentlich verdient. Das sind neben den Hardware-Herstellern natürlich auch die Hersteller von Lern-Software, und nicht jede ist gut. Wer trennt bei der letzteren eigentlich mal die Spreu vom Weizen?

          • Wow, Kommunikation und Kollaboration geht also nur digital?
            Ok, in SEK2 ist das gut (große Reichweite), aber für GS gibt es andere Wege:
            Miteinander sprechen
            Partner- und Gruppenarbeit
            Ich würde mir eine differenzierte Herangehensweise wünschen!

      • Es bleibt meine eingangs gestellte Frage, ob schon nachgewiesen ist, dass die Digitalisierung der Schulen für die üblichen Lehrinhalte (nicht die Bedienung der Geräte) nachweislich Vorteile bringt. Das gilt besonders für Grundschulen. Schließlich frisst die Beschäftigung mit den Geräten auch Zeit, die anderswo fehlt. Und es gibt Frust, wenn mal wieder was nicht funktioniert und kein IT-Experte in der Nähe ist.

  4. Tja, ich würde gerne aus dem Protokoll der letzten Fachkonferenz Informatik am Gymnasium unserer Töchter zitieren (November 2020!!):
    „Die XP-Images laufen inzwischen durchgehend stabil und störungsfrei. Es sollte über einen Umstieg auf Windows 7 Images nachgedacht werden…“

    Also ein seit über 10 Jahren totes Betriebssystem soll jetzt durch eines ersetzt werden, welches erst seit 3 Jahren total outdateted ist.
    Aber die Flatscreens mit Touchfunktion für die Unterrichtsräume sind vom Schulträger schon bestellt…dafür werden jetzt alle Waschbecken an der Schule wegsaniert. Braucht man ja nicht mehr, es muss ja nicht mehr Tafel gewischt werden.

    Aber das einzige Problem welches wir mit der Digitalisierung an Schulen haben, ist der übertriebene Datenschutz 🙂

    • „ dafür werden jetzt alle Waschbecken an der Schule wegsaniert. Braucht man ja nicht mehr, es muss ja nicht mehr Tafel gewischt werden.“

      Die Becken werden demontiert, weil es kaum Wasserentnahmen in der Schule gibt, insbesondere in den Ferien. In der Folge verkeimen die Trinkwasserleitungen durch Stagnationswasser. Deshalb werden die Becken i.d.R. bundesweit abgebaut.

      • Und das mit den Keimen ist erst jetzt so und war die letzten 100 Jahre nicht so? Würde es nicht genügen zu sagen, dass man dieses Wasser nicht trinken sollte? Zum Tafelwischen sollte es noch gut genug sein. Selbst an Universitäten gibt es noch Tafeln, die mit Kreide beschrieben werden. Das „Trockenwischen“ führt zu enormer Staubentwicklung und ist bestimmt auch nicht gesund.

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