„Modellversuch“: Köln (Inzidenz bei Kindern: 368) will Corona-Schutz in Schulen aufweichen

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KÖLN. Die Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen liegen in Nordrhein-Westfalen auf Rekordniveau. Gestritten wird nun aber nicht darüber, wie der Schutz der Schülerinnen und Schüler erhöht werden kann. Debattiert wird vielmehr darüber, ob eine Schutzmaßnahme gelockert werden soll: Gibt es einen Corona-Fall in einer Klasse, müssen enge Kontaktpersonen in NRW für 14 Tage in Quarantäne. An dieser Regelung gibt es viel Kritik. Die Stadt Köln will sie deshalb im Rahmen eines „Modelversuchs“ außer Kraft setzen.

Wird der Corona-Schutz in Klassenräumen trotz steigender Inzidenzen weiter aufgeweicht? Foto: Shutterstock

Kinder und Jugendliche sind offenbar Treiber der Pandemie – in Nordrhein-Westfalen jedenfalls. Ihre Inzidenzwerte liegen aktuell bei 232,3 (bis neun Jahre) und 316,4 (zehn bis 19 Jahre). Über alle Altersgruppen hinweg meldete das Landeszentrum Gesundheit NRW am Montag eine Inzidenz von 124,9.

Politisch diskutiert wird nun aber nicht darüber, wie der Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Infektionen erhöht werden kann – gestritten wird darüber, ob die Quarantäne zu lang und zu umfangreich ist. Die Stadt Köln will mit einem Modellversuch vorpreschen und nur noch positiv getestete Schüler nach Hause schicken. Selbst direkte Banknachbarn sollen prinzipiell in der Klasse bleiben dürfen. Die SPD-Fraktion im Landtag plädiert dafür, für die ganze Schulklasse nur noch fünf Tage Quarantäne anzuordnen. Bislang muss in Nordrhein-Westfalen die ganze Klasse für 14 Tage nur dann in Quarantäne, wenn das Gesundheitsamt vor Ort aufgrund besonderer Umstände entsprechend entscheidet.

Auch bei Eltern von Kita-Kindern gibt es massive Kritik an der aktuell geltenden 14-tägigen Quarantäne. «14 Tage Quarantäne für alle Kontaktpersonen sind nicht verhältnismäßig», kritisierte der Landeselternbeirat (LEB) der Kindertageseinrichtungen in NRW.

Am Donnerstag wird der Landtag auf Antrag der SPD in einer Sondersitzung über die Situation der Jugendlichen und Kinder in der Corona-Krise diskutieren. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Jochen Ott, warf der Landesregierung am Dienstag eine fehlende Strategie in der vierten Corona-Welle vor. Er forderte mehr Tests an den Schulen. Bei einem Corona-Fall solle zunächst die gesamte Klasse in Quarantäne geschickt werden – allerdings müsse für die Schüler die Möglichkeit bestehen, mit einem negativen Test nach fünf Tagen in den Präsenzunterricht zurückzukehren.

«Infektionen bei Kindern und Jugendlichen nehmen nur äußerst selten einen schweren Verlauf»

Die Stadt Köln – Inzidenz unter Fünf- bis 14-Jährigen: 367,5 – will mit einem Schul-Modellversuch einen anderen Weg einschlagen. In Quarantäne sollen dort nur noch positiv getestete Schülerinnen und Schüler. Direkte Sitznachbarn der Infizierten sollen stattdessen täglich getestet werden und nicht mehr mit in Quarantäne müssen, wie ein Sprecher mitteilte. Die Stadt führe wegen des Modellversuchs Gespräche mit der Uniklinik Köln.

«Infektionen bei Kindern und Jugendlichen nehmen nur äußerst selten einen schweren Verlauf», teilte die Stadt mit. Durch das Verfahren sollen demnach die psycho-sozialen Folgen der Quarantäne gemindert werden. Unter welchen Voraussetzungen der Modellversuch starten könnte, blieb zunächst offen. Über Einzelheiten solle bald informiert werden, hieß es. Vom NRW-Gesundheitsministerium hieß es lediglich, der Vorschlag der Stadt Köln sei eingegangen und werde geprüft.

Am Freitag gab es in Köln laut Stadtverwaltung 742 infizierte Schülerinnen und Schüler, von denen 337 im infektiösen Zeitraum in der Schule waren sowie 107 infizierte Mitarbeitende (von denen 35 im infektiösen Zeitraum in der Schule waren). Zudem gab es den Angaben zufolge 92 infizierte Kita-Kinder, von denen 37 im infektiösen Zeitraum in der Kita waren und 33 infizierte Mitarbeitende, von denen zwölf im infektiösen Zeitraum in der Kita waren.

Aktuell müssen Kinder, die engen Kontakt mit einem Infizierten hatten, 14 Tage in Quarantäne. Als enge Kontaktpersonen gelten nach einem Erlass des NRW-Gesundheitsministeriums Schüler und Schülerinnen, die vor, hinter, rechts oder links vom Infizierten gesessen haben. Geimpfte ohne Symptome sind davon ausgenommen.

«Nur die positiv Getesteten in Quarantäne zu schicken, greift unseres Erachtens viel zu kurz»

Nach Ansicht von SPD-Fraktionsvize Ott kommt das geplante Projekt in Köln viel zu spät. Der Sprecher der Elterninitiative «Mobile Raumluftfilter NRW», Franz-Josef Kahlen, kritisierte den Modellversuch. Es sei ein «äußert riskantes Spiel». Durch die hochansteckende Delta-Variante sei das Risiko, sich in einem Klassenraum anzustecken, sehr groß. «Nur die positiv Getesteten in Quarantäne zu schicken, greift unseres Erachtens viel zu kurz.»

Die Initiative (die nach eigenen Angaben 260.000 Eltern vertritt) fordert, alle Klassenräume zum Schutz der Kinder mit Luftreinigern auszustatten. Sie war der Landesregierung vor, nicht die notwendigen Voraussetzungen für den Präsenzunterricht nach den Sommerferien geschaffen zu haben. «Die altersbezogenen Inzidenzwerte gehen durch die Decke, nur wenige der 53 Kreise und kreisfreien Städte in NRW liegen bei den 5- bis 14-Jährigen noch unter 200; in der Spitze lagen wir bereits über 700. Hier sind die Ergebnisse des Schulbetriebs noch gar nicht enthalten, der läuft ja gerade erst zwei Wochen lang. Und trotzdem sind heute schon über 30.000 Kinder in NRW in Quarantäne», erklärt Kahlen. Tatsächlich befanden sich nach Angaben des Schulministeriums von Montag befanden sich in NRW mit Stichtag 26. August 30.018 Schüler und Schülerinnen in Quarantäne. Bei 6.561 Schülern wurde eine Corona-Infektion bestätigt.

Kahlen: «Angesichts dieser vorhersehbaren Entwicklung hat sich die Landesregierung entschieden, beim Schutz der Jüngsten den Elternwillen zu ignorieren. Sie kapituliert beim Generationenvertrag von Alt und Jung und diskutiert die Abschaffung der letzten Schutzmaßnahmen in Schulen: In den letzten sieben Tagen hat Ministerin Gebauer Bestrebungen befeuert, Quarantänezeiten zu reduzieren, und die Maskenpflicht in Schulen in Frage gestellt. Programme für mobile Raumluftfilter sind aufgrund der Bedingungen fast nutzlos.» Sein Fazit: «Die Landesregierung gibt damit die Kinder der Durchseuchung preis.» News4teachers / mit Material der dpa

Über 6.500 Schüler infiziert, mehr als 30.000 in Quarantäne – nach nur anderthalb Wochen Unterricht in NRW. Was tut Laschet?

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15 KOMMENTARE

  1. „In Quarantäne sollen dort nur noch positiv getestete Schülerinnen und Schüler. “
    Gibt es in NRW doch schon:
    Praxisbeschreibung
    Nachricht Montagfrüh: 14 SuS Q2 in Quarantäne aber Geimpfte/Genesene ausgenommen
    Monntag gegen 14 Uhr: Alle 14 laut Liste in Quatrantäne
    Dienstagabend: alle 14 SuS mit Sympthomen bleiben zu Hause, Rest G+G hat Schulpflicht.

    Dagegen eine Klasse 9 verbleibt bis 03.09. geschlossen ohne LuL in Quarantäne.

    Eine Klasse 5 nur die Infizierten und direkten Sitznachbarn (davon +dahinter + rechts +links)
    EF-Jahrgang auch nur direkte Sitznachbarn (davon +dahinter + rechts +links)

    Gebauer soeben im Landtag: „Unsere Schutzmaßnahmen greifen“
    Gebauer verwies auf die Hygienemaßnahmen an den Schulen und die laufende Impfkampagne bei 12- bis 17-Jährigen. Bis zu den Herbstferien würden zudem nicht geimpfte Schüler weiter getestet. Es sei jedoch „unrealistisch“, davon auszugehen, dass angesichts des beschlossenen Präsenzunterrichts jede einzelne Infektion an den Schulen verhindert werden können, so Gebauer.

    Die steigenden Infektionszahlen mit Schuljahresbeginn vor zwei Wochen seien absehbar gewesen. Sie seien auch durch Reiserückkehrer ausgelöst worden. Daher müssten die bisherigen Schutzmaßnahmen weiter gelten. „Unsere Schulen waren sicher und sind auch weiterhin SICHERE ORTE“, sagte die FDP-Politikerin.

    Noch Fragen?

    • Je öfter man was behauptet, um so wahrer wird es.

      (Leitsatz nach Gebauer)

      Realität wird ausgeschlossen – um jeden Preis wie letztes Jahr im Herbst.

  2. Sehr gerne möchte ich auch mal wissen, wie sich die Kultusminister diese weiteren Lockerungen für den Herbst und Winter so vorstellen???

    Die meisten Kollegen*innen in der Schule sind bis Ende November/Anfang Dezember einfach NICHT mehr geschützt … die Impfungen sind dann 1/2 Jahr und länger her!!!

    Hat sich bisher auch nur ein einziges Mal irgendjemand geäußert???

    Sollen etwa all die Lehrer*innen; OGTS-Mitarbeiter und sonstiges Schulpersonal dieser „Säuchenhöhle: Schule“ einfach so … ganz und gar ungeschützt aussetzen???

    Viele meiner Kollegen*innen sind bereits über 60 Jahre alt und viele haben Vorerkrankungen. Und NIEMAND redet darüber, wie diese Schulmitarbeiter bei diesen extrem hohen Inzidenzen an den Schulen lebend durch den Winter kommen sollen????

    Sollen sie alle dort ihr Leben lassen??? Wann kommt für das Schulpersonal die Booster-Impfung???

    Warum werden so elementar wichtige Dinge immer erst dann in den Medien angesprochen und diskutiert, wenn schon viele Mitarbeiter mit Impfdurchbruch (weil die Impfung schon ein halbes Jahr her ist) in der Klinik sind … oder gar tot???

    Ich fasse es einfach NICHT!!!
    Alle Mitarbeiter müssten ab sofort eine Gefahrenzulage erhalten!!!

    Die Politik versagt auf ganzer Linie!!! Und das nicht nur in NRW und auch nicht nur von CDU … ALLE Parteien sind sich da einig:
    „Wir lassen die Kinder krank werden und das Schulpersonal auch … die gehen uns eh am Allerwertesten vorbei“

    Das sieht man auch in Baden Württemberg bei den Grünen … die lockern die Regeln zu Lasten der SuS und dem Schulpersonal. Was sagt denn dazu eine Annalena Baerbock???

    Überall der selbe Scheiß … auch in Bayern!!! Herr Söder fährt nicht mehr auf Sicht und Vorsicht.

    Aber was sagen eigentlich die Eltern dazu??? Es geht um IHRE Kinder!!!

    Die brauchen wohl erst schwer kranke Kinder zu Hause, mit denen sie dann monatelang 3xwöchtl. zu irgendwelchen Therapien fahren müssen … weil ihr Kind an Long COVID leiden? Oder sie müssen es erst selber erleben, wie ihr Kind schwer krank in der Klinik landet, bevor sie auf die Barrikaden gehen, dass ihre Kinder in den Schulen durchseuchen???

    Passiert ja immer nur den anderen … nicht mir selber. Kann man nur hoffen, dass das gut geht!

    Ich habe jedenfalls die Nase voll!!! Und ich erwarte, als Schulmitarbeiterin, einen adäquaten Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz!!! Das erwarte ich von den Politikern!!!

  3. Ist das nicht die falsche Reihenfolge? Ich hatte die Expertenmeinungen bisher so verstanden: sobald in ALLEN Räumen Luftfilter stehen (Aerosolübertragung vermindert) und für die ganze Klasse TÄGLICH PCR-Pooltests stattfinden, sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, pauschale Quarantänen von 14 Tagen zu minimieren. Sowas aber ohne Luftfilter und mit nur zwei Antigen-Selbsttests pro Woche zu starten, ist nicht verantwortungsvoll, finde ich. Stattdessen dann doch lieber mal das Experiment „Schulpflicht aussetzen“.

  4. Immer mehr wird deutlich, dass es nicht um Unterricht geht, sondern um reine Betreuung. Hauptsache, Kinder betreut und Eltern für die Wirtschaft verfügbar und/ oder zufrieden. Darum auch Präsenzpflicht. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, über die GESUNDHEIT seines Kindes nachzudenken und entgegen diesen offensichtlich wirtschaftlichen Interessen entscheidet
    Der „Schwund“ bei den Alten war groß, da mussten Schutzmaßnahmen her; anders wäre politisch nicht korrekt. Und die wählen auch ..
    Schutzmaßnahmen, die unsere Entscheidungsträger für sich gerne, selbstverständlich und seit langem in Anspruch nehmen, sind zu teuer. 50,- € pro Schüler???? Geht nicht, und nützt NUR BEI WICHTIGEN Personen.
    Bisschen Schwund bei den nicht wählenden Kindern wird in Kauf genommen. Und dann als „Sorge um Bildung“ schön geredet.
    Ich hoffe, dass das Leben noch eine Quittung für dieses verantwortunglose, macht- und profilierungssüchtige Agieren auf Kosten anderer bereithält.

  5. Die klugen Empfehlungen und Forderungen von Herrn Kahlen müssten bundesweit umgesetzt werden!

    In Mainz heute am dritten Schultag eine Inzidenz von 101,5 in der Allgemeinbevölkerung und von 199,9 bei den unter 20-Jährigen.

    Gestern (31.9.) schrieb ich noch in einem Post: „Hier in Mainz liegt die Inzidenz am 30. August bei 74,1, die Inzidenz bei unter 20-Jährigen bei 134,2.“

    Wenn wir in dem Tempo weitermachen – und davon ist auszugehen, da das Wachstum ja exponentiell verläuft – , sind wir in Kürze bei über 1000 Neuinfektionen.

    • „sind wir in Kürze bei über 1000 Neuinfektionen.“

      Vermutlich nicht… man wird vorher einfach das Testen zurückfahren und dann sagen, dass man alles ganz toll im Griff hat.

      …bis dann die ITS-Zahlen zeigen, dass sie sich von solchen Taschenspielertricks nicht beeindrucken lassen.

      • Da von den ITS immer mehr Betten aufgrund des wachsenden Personalmangels abgemeldet werden, werden bestenfalls auch die ITS-Zahlen nicht steigen. Alles paletti also für die Großhirne in der Politik.
        Ich habe langsam echt keine Lust mehr…

  6. Ja, das wird noch lustig (Galgenhumor).

    Die Schulen sind sichere Orte zum Anstecken, hier findet die Durchseuchung in Massen statt – gut gelungen, gut ausgedacht, gut daran verdient?

    Und KuMis weiter per Videoschalte oder wie?

    Ach Leute, mir fällt echt nichts mehr ein – Generalschulstreik?

    Die Situation ist den – hust – Verantwortlichen – röchel, doch schon lange entglitten. Sie sind die Einzigen, die es nicht peilen.

    Wählen gehen und Wahlzettel durchstreichen, bekleben, lustige Witze drauf schreiben, die aktuellen Corona-Zahlen, Papierschiffchen falten…. denn mit diesen Wesen an der Spitze der Macht (kaum zu glauben, dass mir noch schlechter wird) geht es trotz (ich würde ja eher sagen – wegen – ) steigender Zahlen bergab.

    Passt gut auf euch auf!

  7. Tja das war doch klar, und jetzt wird es auch nicht mehr verheimlicht. Die Durchseuchung der Kinder ist beschlossene Sache. Angeblich erkranken sie nur leicht und ob es Folgeschäden gibt, das wollen die KuMis bei diesem Massenexperiment erst noch herausfinden. Da stören die Quarantänemassnahmen nur…
    Die Frage ist doch, welchen Einfluss der Zeitfaktor hier hat: die Infektion schnell laufen lassen und dann schneller das Ziel (welches auch immer?) erreichen. Oder alles hinauszögern mit “störenden” Quarantänemassnahmen. Wenn es nicht so traurig wäre…
    Aber leider wird niemand zur Verantwortung gezogen werden, wie hier schon so oft gefordert. Vielleicht gibt es in 30 Jahren mal eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Aufarbeitung der Entscheidungen rund um Corona beschäftigen wird, dabei aber zu falschen Erkenntnissen kommt, da Zahlenmaterial nicht die Realität widerspiegelt (Dunkelziffer!) und die KuMis schon für eine passende Geschichtsschreibung gesorgt haben.
    Kleine Anekdote am Rande: beim heutigen Elternabend zuckten die Eltern kurz zusammen, dass sie sich neben jemand aus einem anderen Haushalt setzen mussten (so wie ihre Kinder jeden Tag) und es sich anfühlte, als ob wir uns auf der Kreuzung treffen, da alle Fenster offen waren und der Verkehr vorbei brauste…und da war es ja noch nicht einmal kalt!!!

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