Im Fadenkreuz: Querdenker richten Morddrohungen gegen Lehrer und Schulleitungen

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HANNOVER. Es sind nur wenige Eltern, die das regelmäßige Testen und Masketragen ihrer schulpflichtigen Kinder ablehnen oder Impf-Aktionen an Schulen behindern. Trotzdem müssen sich bundesweit Schulleitungen mit Widerstand aus dem Querdenker-Lager herumschlagen. Kritik sei zulässig, betont das niedersächsische Kultusministerium. Doch bei Drohmails werde die Polizei eingeschaltet – tatsächlich wird auch vor Morddrohungen nicht zurückgeschreckt.

Im Fadenkreuz: Schulen ziehen den Zorn von Querdenkern auf sich. Illustration: Shutterstock

Sie steht etwas verloren in einem albernen Hasenkostüm am Straßenrand vor einer Schule im Landkreis Wittenberg (Sachsen-Anhalt), berichtet die „Mitteldeutsche Zeitung“. Die Frau hält ein Spruchband fest: „Kinder sind keine Versuchskaninchen“, so steht darauf zu lesen. Schulen, so sagt sie, würden „gefährlich“ missbraucht. Die Frau erklärt, sie gehöre einem „Netzwerk besorgter Eltern“. An mehreren Schulen im Landkreis werde auf diese Art demonstriert, jeweils dort, wo am entsprechenden Tag Impfungen für Schüler und Eltern angeboten würden. Eine harmlose Aktion – es geht allerdings auch anders.

«Es geht um Einzelfälle, jeder ist allerdings einer zu viel»

So ist an einer Gemeinschaftsschule im nordfriesischen Niebüll ein anonymer Drohbrief eingegangen. Der Absender kündigt Gewalt an, sollte es an der Schule zu einer Impfaktion kommen. Wie der NDR berichtet, listet der Brief eine Reihe von Lehrerinnen und Lehrern des Kollegiums namentlich auf. Wenn die Pädagogen mithelfen würden, Kinder mit Impfungen zu „vergiften“, werde man vor Gewalt nicht zurückschrecken, heißt es in dem Schreiben, das der Schule anonym zugestellt wurde.

Ein weiterer aktueller Fall aus Schleswig-Holstein: Gegen Lehrkräfte und Schulleitung einer Grundschule in Altenholz gab es wegen der Maskenpflicht einen anonymen Mordaufruf über eine Chatgruppe beim Messengerdienst Telegram, wie ebenfalls der NDR berichtet. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln.

Seit Unterrichtsbeginn nach den Sommerferien werden Schulen bundesweit immer wieder mit heftigen Angriffen von Eltern wegen der Corona-Maßnahmen konfrontiert. «Es geht um Einzelfälle, jeder ist allerdings einer zu viel», sagte der Sprecher des Kultusministeriums in Hannover, Sebastian Schumacher. Eltern versuchten mit zweifelhaften Attesten eine Befreiung von der Präsenz-, Test- oder Maskenpflicht zu erwirken und drohten Schulleitungen mit Klagen. In Einzelfällen erhielten Schulleitungen und Lehrkräfte Drohmails oder würden persönlich beschimpft. Zahlen zu den Vorfällen nannte das Ministerium nicht.

In einem Brief hatte Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) Mitte September Schulleitungen und Lehrkräften Rückendeckung zugesichert. Zulässige Kritik, Proteste und Demonstrationen seien zuletzt unter anderem in Sachbeschädigungen in Form von Schmierereien an den Schulen, Beleidigungen und Verletzungen des Hausrechts gemündet, heißt es in dem Schreiben des SPD-Politikers. Die Vorfälle gefährdeten den Schulfrieden, Schulleitungen sollten sich Rat von der Polizei holen und bei Straftaten auch Anzeige erstatten. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) befand, es sei unter keinen Umständen akzeptabel, dass Schulleitungen und Lehrkräfte bedroht werden, weil die Schule Räume für Impfaktionen zur Verfügung stellt.

«An jeder Schule gibt es das Thema, dass Eltern ihre Kinder nicht testen lassen wollen»

Die Vorsitzende des Deutschen Schulleitungsverbands, Andrea Kunkel, stellt fest: «An jeder Schule gibt es das Thema, dass Eltern ihre Kinder nicht testen lassen wollen.» Die Auseinandersetzung mit ihnen absorbiere viel Kraft im Alltag.

Kein Wunder: Das Aggressionsniveau bei den Gegnern von Corona-Schutzmaßnahmen steigt. Auch im Süden Deutschlands: „Die städtische Mörderbande fällt in die Heilbronner Schulen ein“, heißt es in einem Aufruf, der einem Arzt zugeschrieben wird, der zu den führenden Mitgliedern der „Querdenken“-Szene gehört.

Der Absender listet Ort und Uhrzeit auf, wann mobile Impfteams an welcher Schule Station machen. Weiter heißt es: „Die holländischen Eltern haben die Impfbusse aus den Schulen vertrieben. Das kriegen wir auch hin.“ Die Polizei hat die Situation einem Bericht der „Heilbronner Stimme“ zufolge im Blick. „Natürlich beobachten wir das“, sagt ein Polizeisprecher. „Wir werden präsent sein.“ Die Polizei ermittle, von wem der Post stamme und inwieweit zu einer Straftat aufgerufen werde. Die Polizei sei außerdem in Kontakt mit den Dienststellen, bei denen es in der Vergangenheit zu ähnlichen Aufrufen gekommen sei.

Es geht noch krasser: Im rheinland-pfälzischen Hargesheim gab es im Zusammenhang mit einer Impf-Aktion ein Drohschreiben gegen eine Schulleitung, in dem auf den Mord an einem jungen Tankstellen-Mitarbeiter in Idar-Oberstein verwiesen wurde. Die Schule liegt gerade mal 60 Kilometer vom Tatort entfernt. News4teachers / mit Material der dpa

Pöbeleien in der Corona-Krise gegen Lehrer – zumeist von (querdenkenden) Eltern

 

 

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14 KOMMENTARE

  1. Ich finde es immer wieder interessant, wie Menschen, die für sich alle Freiheiten fordern und ihre Grundrechte vom gesamten Universum bedroht wissen, klardenkende Menschen bedrohen, als Lügner beschimpfen und nun auch noch ihr Leben bedrohen. Wohlgemerkt werden die Menschen bedroht, die der ganzen Sache im Grunde auch ausgeliefert sind.
    Schaut man in die Intensivstation, liegen dort zu 99% ungeimpfte Menschen.
    Schade, dass diese das Gesundheitssystem belasten und wieder auf die Solidarität aller bauen, von der sie selber so wenig übrig haben.
    Menschen die andere bedrohen und solche, die Zertifikate fälschen, müssen mit höchsten Geld- oder Freiheitsstrafen belegt werden. Sie sind eine Gefahr für die Gesellschaft und für diese nicht tragbar.
    Mein Mitgefühl und Verständnis ist am Ende.
    Das für die KMK Pfeifen allerdings auch.

  2. Mmhhhhmm, so langsam wird es dann an der einen oder anderen Stelle eng.

    Sowohl von der politischen Elite verraten als auch von hirnamputierten Anti-Impf-Faschisten („es gilt nur unsere ‚Wahrnehmung‘ von ‚Realität‘!!) an Leib und Leben bedroht….so werden die kommenden Generationen von nicht vorhandenen Lehrkräften den einzigen „Rohstoff“, den wir gewinnbringend in unserem Land generieren können – eine gute und umfassend ausgebildete Jugend, die sich ihren Interessen gemäß spezialisiert, um “ den Laden am laufen zu halten“, NICHT!!! unterrichtet werden.

    Hier wäre der Staatsschutz mit uneingeschränkter Handlungsoption gefragt….so, wie auch die KuMis gefordert gewesen wären, an entsprechender Stelle für die notwendigen Rahmenbedingungen einer umfassenden, optimierten, verfassungsgemäßen, den Grundrechten entsprechenden Bildungschance zu sorgen.

    Lasst mich raten:
    Es wird von Einzelfällen gesprochen (wenn jenseits dieses Forums überhaupt irgendjemand Kenntnis von solchen Vorgängen nimmt – was ich mir Fug und Recht behaupte) … dann wird nichts passieren, weil die Ermittlungsbehörden – wenn diese überhaupt tätig werden – nach spätestens 3 Wochen die Ermittlungen einstellen.

    Und da – bei der mangelnden Information an die Allgemeinheit über solche Zustände – kaum jemand davon weiß, wird nix … aber auch gar nix passieren.

    Diese hirnlosen Kretins werden ihre Pläne weiterverfolgen (wenn wir Pech haben) oder obschon des Schreckens, den sie partiell verbreiten konnten ihre Befriedigung feiern und sich für die nächste Todesdrohung präparieren, wenn ihnen mal wieder was nicht passt.

    Auch hier könnte man Frau Ernst zitieren:
    „Wir sehen keinen Anlass dazu, uns zu beunruhigen!“

    Das „trifft“ es sehr schön …. und zeigt mir, dass ich mich besser selber um mich kümmere.

    War es Roald Dahl, der in einer kurzen Geschichte etwas ähnliches erzählte:
    „Von den Kaninchen, die an allem Schuld waren“

    Mir bleibt das Lachen im Halse stecken!!!

  3. Da würde man doch erwarten, dass sich die Kultusministerien der Länder dieser Fälle annehmen würden, ihre Rechtsabteilungen den Schriftverkehr übernehmen und entsprechend der Erlasse agieren,
    damit Schulleitungen und Lehrkräfte den Rücken gestärkt bekommen und genug Luft für den anstrengenden Schulalltag haben.
    Und natürlich würden Schulleitungen dann Rechtshilfe im Amt erhalten und Prozesskostenhilfe, damit sie die Anzeige stellen können.

    • Eben – alles im Konjunktiv: müsste, sollte, würde…
      Ein Traum, mehr nicht. Ein Kranz zur Beerdigung ist preiswerter als dass sich politisch Veranwortliche wirklich um den Schutz ihrer Bediensteten kümmern. Wären Lehrkräfte nicht vorwiegend Beamte, sondern Beschäftigte, liefen die Gewerkschaften Sturm und vor diesem Druck müssten sich die Kultusminister:innen bewegen. Aber eben das geschieht nicht.

      Das ist zumindest gefährliche Körperverletzung, wenn nicht fahrlässige Tötung, wenn sich Lehrkräfte aggressiven Eltern aussetzen müssen, ohne ihnen dass Schulleitungen oder gar Dienstherren aktiv zur Seite stehen. Ich für mein Teil ziehe die Konsequenz und gehe mit ungeimpften Schüler:innen nicht auf Klassenfahrt – und da diese z. Zt. 50% meiner Klasse ausmachen, findet sie auch mit den geimpften Schüler:innen derzeit nicht statt. Das Risiko will ich nicht übernehmen, denn wenn sich jemand infiziert, stehe ich schutzlos da – nicht nur vor den Eltern, die ihre Sprößlinge nicht impfen lassen, sondern auch vor denen, die ihre Kinder tatsächlich schützen.

      Aber auch Ärzte, die zugelassene Impfungen an Kindern mit dem Hinweis verweigern, sie könnten die minimalen Risiken von Koronarerkrankungen bei Kindern nicht abschätzen, verunsichern diese Eltern. Dabei gibt es immer Impfrisiken, gegen Masern, Röteln, Scharlach, Polio etc. liegen sie sogar höher als gegen Corona. Dagegen wurden Eltern bisher seitens der Ärzte aufgeklärt und die weitaus meisten Kinder dennoch geimpft – nun ist es ärztlicherseits zunehmend in Mode, sich einfach zu verweigern.
      Wer „auf der Strecke bleibt“? Kinder, Jugendliche und vulnerable Lehrkräfte. Ein eklatanter Verstoß gegen staatliche Fürsorgepflichten und damit Führungsversagen auf ganzer Linie! Das müsste anders werden – müsste! Wird aber nicht!

  4. „Kinder sind keine Versuchskaninchen“

    Hmm… und genau die Leute, die solche Sprüche ablassen, haben kein Problem damit, ihre Kinder mal eben mit einer weitgehend unbekannten Krankheit zu durchseuchen? Werden sie damit nicht auch zu „Versuchskaninchen“, denn bislang gibt es damit keinerlei Langzeiterfahrungen?

    • Das wird aber ausgeblendet. Die Krankheit wird in Kauf genommen, aber nicht nicht selbst herbeigeführt, die Impfung schon. Wird es dann schlimmer als erwartet, können sich diese Leute immer noch (zumindest vor sich selbst) rechtfertigen, dass man sie im Unklaren gelassen habe bzw. das nicht absehbar gewesen sei. Nichts anderes wurde politisch vorgelebt.
      Und viele Stunkmacher sind ja nichtmal Eltern, kämpfen aber trotzdem gegen die Maßnahmen an Schulen und Kitas.

      Wichtig ist nur, dass es einen Schuldigen gibt. An der Situation, an der Angst, an allem. Einen menschlichen Boxsack für den angestauten Frust.

  5. Ich bin auch nicht generell dafür, Jugendliche gegen Corona zu impfen.
    Ich selbst bin geimpft und denke, wenn jeder Erwachsene, der sich impfen lassen kann, geimpft wäre, müssten unsere Jugendlichen auch nicht geimpft werden.

    Ich finde es von Erwachsenen ein Unding, lieber Kinder impfen zu lassen, als sich selbst.
    Was anderes ist es natürlich, wenn der Jugendliche selbst den Wunsch hat sich impfen zu lassen.

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