Opernsänger als Lehrer? BLLV übt heftige Kritik an Einstellung von Quereinsteigern

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MÜNCHEN. Ein Sänger, der an einer Mittelschule unterrichtet? Vielerorts in Deutschland sind Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf längst verbreitet. In Bayern kocht um das Thema jetzt ein politischer Streit hoch. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband fürchtet um die gute Schulbildung der Kinder und wirft dem Freistaat vor, Löcher zu stopfen. Das Kultusministerium sieht das etwas anders.

„Wer steht denn da“: BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann zweifelt an der Qualifikation von Seiteneinsteigern. Foto: Shutterstock

Viel zu wenig Lehrkräfte, überbordende Bürokratie, kaum Zeit für die Kinder und ihre Sorgen und Nöte – der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hält die Situation an vielen Schulen im Freistaat für dramatisch. Sie distanziere sich klar von dem Narrativ der Staatsregierung, die Bildung sei bestens aufgestellt, sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann am Montag in München. „Ganz ehrlich – das ist Schönfärberei und davon haben wir jetzt wirklich genug“, empörte sie sich. „Ja: Besser, es steht ein Mensch vor jeder Klasse als keiner. Aber wenn wir mal näher hinschauen, dann müssen wir die Frage stellen: wer steht denn da?“

Die Einstellung von Quereinsteigern hält Fleischmann für den falschen Weg. «Das sind Menschen mit tollen Berufen und spezifischen Kompetenzen, keine Frage. Ergotherapeuten, Opernsängerinnen und Ethnologen sind eben keine ausgebildeten, echten Lehrerinnen und Lehrer.» Dabei brauche es gerade mit Blick auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie bei Kindern und Jugendlichen besondere Fähigkeiten der Pädagogen. Besonders schlimm sei es an den Mittelschulen (wie im Freistaat die Hauptschulen heißen), wo etwa wichtige Förderungsmaßnahmen nicht mehr flächendeckend angeboten werden könnten

Das bayerische Kultusministerium wies die Kritik zurück. Mittlerweile seien 100 000 staatliche Lehrkräfte an den Schulen in Bayern tätig, so viele wie noch nie. Der Freistaat habe zudem massiv investiert und die Relation von Schülern und Lehrern deutlich verbessert. Zudem halte man die Klassengrößen auf niedrigem Niveau.

«Die Bildungsqualität leidet massiv, es findet regelrecht eine Entprofessionalisierung unseres Lehrerberufs statt»

Anders als in vielen anderen Bundesländern würden in Bayern auf Planstellen im staatlichen Schuldienst grundsätzlich voll ausgebildete Kräfte mit zwei Staatsexamina eingestellt. Ein Quereinstieg ohne Lehramtsprüfung sei nur in sehr eng begrenzten Bereichen möglich an Mittel- und Förderschulen. Rund 100 Personen qualifizierten sich zudem nach, um eine vollwertige Lehramtsbefähigung für Mittelschulen zu erhalten. Auch Realschul- und Gymnasiallehrer könnten sich weiterbilden, um an Grund-, Mittel- und Förderschulen zu unterrichten – das seien aber keine Quereinsteiger, sondern hoch qualifizierte voll ausgebildete Lehrkräfte, so das Ministerium.

BLLV-Vize Tomi Neckov kritisierte, dass Quereinsteiger oft sogar als Klassenleitungen eingesetzt würden. Es gebe einzelne Mittelschulen, an denen nur noch knapp die Hälfte der Stellen mit ausgebildetem Personal besetzt sei. In anderen Fällen leiteten drei Studierende gemeinsam eine Klasse. «Die Bildungsqualität leidet massiv, es findet regelrecht eine Entprofessionalisierung unseres Lehrerberufs statt», stellte Neckov fest. Viele Quereinsteiger seien zwar lernwillig und motiviert, aber die jahrelange Ausbildung zum Lehramt fehle eben. Die Liste an sonstigem Personal sei lang und reiche von Zweitqualifikanten und Schulassistenten über Ein-Fach-Lehrer bis zu Drittkräften und anderem externen Personal.

Neckow: „Solche Unterstützungs- und Aushilfskräfte können aber wirklich nur Notlösungen sein und uns als professionelles pädagogisches Personal niemals ersetzen.“ News4teachers / mit Material der dpa

Meidinger: Schlecht qualifizierte Seiteneinsteiger vor Schulklassen zu stellen, „ist ein Verbrechen an den Kindern“

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7 KOMMENTARE

  1. Für mich, der seine Ausbildung in der Zeit der Lehrerschwemme gemacht hat, fühlt sich das wie ein Schlag ins Gesicht an. In unserem Referendariat wurden von 21 Referendaren gerade mal eine in eine Planstelle gesetzt, alle anderen mussten schauen, wo sie bleiben. Viele haben umgeschult, andere Berufe ergriffen oder eine Wartezeit von 5-8 Jahren in Kauf genommen, mit mickrig bezahlten Zeitverträgen und/oder Honorarstunden überbrückt. Und das waren top ausgebildete Pädagogen! Wurden alle im Regen stehen gelassen, um nun Quereinsteiger zuzulassen, von denen vielleicht ein paar Wenige eine Eignung haben, wenn auch ohne 5 Jahre Studium und 2 Jahre Referendariat, na ja, aber jeder weiß, dass dies nicht zielführend ist. Planung und Vorausschau in der Bildungspolitik geht anders, aber ich habe das Gefühl, dass die Kultusminister wenig bis gar kein Gespür für die Probleme in den Schulen haben. Hauptsache man hat den Posten. Alles andere wird schon werden. Aber es ist jetzt die Zeit, in der nichts mehr einfach nur erduldet wird, man geht endlich auf die Barrikaden. Die Kultusministerien sind eindeutig mit den falschen Personen besetzt, es muss endlich ein Umdenken stattfinden. „Bildung ist unser höchstes Gut“ die Worte der Kanzlerin zu Beginn ihrer Amtstätigkeit. Man hat ihr geglaubt. Und was ist dabei herausgekommen? Sparmodelle und unfähige Minister. Ich habe es lange vorausgesehen, das konnte nicht gut gehen. Der Lehrerberuf könnte so schön sein ohne diese hyperbürokratische realitätsferne Gängelei seitens der Regierung. Wenn es so weitergeht, dann gibt es bald keine Lehrer mehr. Dann können Microsoft, Zoom und andere digitalen Anbieter ihr Vermögen potenziell steigern und die pädagogische Variante der Schulbildung endlich begraben.

  2. Alle schimpfen, aber niemand fordert eine Aufarbeitung der Frage, WARUM eigentlich dieser krasse Lehrermangel besteht, während er im PISA-Wunderland Finnland nicht besteht. Vielleicht waren es vorwiegend Fehlleistungen von Ministerialbürokraten im Auftrag von Parteipolitikern, aber das ist nur meine Vermutung. Jedenfalls hat man lange Jahre die Schülerzahl zu niedrig prognostiziert. Und wenn mehr Schüler längere Jahre zur Schule gehen als früher, dann führt das auch zu einem höheren Bedarf an Lehrern. Hat man den richtig eingeschätzt?
    Keinen Mangel haben wir jedenfalls an Schulbürokraten in Ministerien, Landesinstituten sowie in der Testindustrie, wir haben auch keinen Mangel an drittmittelfinanzierten wiss. Artikeln zu schulischen Themen, wobei die Drittmittel aus dem BMBF kamen. Also reiner Geldmangel scheidet als Ursache aus.

    • Absolut richtig. Schlimm ist allerdings, dass – durch die Bank – alle Bundesländer hier super viel geschlampt haben. Und noch schlimmer, dass es immer noch so weitergeht!

    • Als Finnland PISA-Wunderland wurde, hatten wir gerade erst vor 2 Jahren das Schulsystem umgestellt.
      Von einer extrem autoritären Struktur auf eine modernere Struktur. Seitdem werden wir leider nach unten durchgereicht.
      Trotzdem, es hat sich gelohnt! Jeder Schüler, der keinen Selbstmordversuch unternimmt, ist ein Erfolg.
      Aber wir investieren immer noch sehr viel in Schule, große Autonomie, schöne Gebäude, ein angenehmes Lernumfeld, wir beschulen die Inklusionskinder in eigenen Gruppen mit Fachleuten, und wir arbeiten eng mit Universitäten zusammen.
      Lehrer, besonders für die Kleinen Grundschüler, geniessen ein hohes Ansehen bei uns.
      Deshalb denke ich, das wir nie so schlecht werden wie Deutschland!

      • „wir beschulen die Inklusionskinder in eigenen Gruppen“
        Das klingt nicht danach, als ob dasselbe in Deutschland auf Gegenliebe stoßen würde. Es würde vermutlich heißen, da ist wieder eine versteckte Ausgrenzung, und die ist gegen die Menschenrechte.

  3. Der Verband hat absolut Recht!
    Aber leider ist heute die Wegbetreuung der Kinder um ein Vielfaches wichtiger als Bildung. Damit schafft Deutschland sich ab. Ohne Pointe!

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