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Kretschmann: „Hinterher ist man immer schlauer“ – drei Bundesländer führen Maskenpflicht im Unterricht wieder ein

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STUTTGART. Die Maskenpflicht im Unterricht – die vielerorts erst vor wenigen Wochen gegen energischen Widerspruch aus der Wissenschaft gestrichen wurde – kehrt zurück. Mit Schleswig-Holstein, dem Saarland und Baden-Württemberg haben seit gestern gleich drei Bundesländer die Kehrtwende vollzogen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann räumte indirekt einen Fehler ein: „Hinterher ist man einfach immer schlauer“, sagte er.

Wie viele “Hinterher” braucht die Politik in dieser Pandemie? Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Sieht so eine seriöse vorausschauende Corona-Politik aus? Erst vor zweieinhalb Wochen war in Schleswig-Holstein die Maskenpflicht im Unterricht gestrichen worden. Vom 1. November an mussten Schüler im Norden keinen Mund-Nasen-Schutz mehr tragen, wenn sie in den Schulen an ihren Plätzen sitzen. „Damit gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung Normalität. Wir bitten herzlich darum, dass alle verantwortungsbewusst mit dem Schritt umgehen“, sagte der Regierungschef – was immer das bedeuten sollte.

Die Begründung war kurios: Weil sich Schüler privat ja mit Freunden auch ohne Maske treffen… Bei Günther klang das so: Ein wichtiger Grund für die Entscheidung sei, dass Kinder sich außerhalb der Schule – zum Beispiel beim Sport oder im Freundeskreis – ohne Maske treffen könnten. Oftmals sei der Kreis identisch mit der Schulklasse.

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Nun dürfte sich daran wenig geändert haben. Noch immer treffen sich Kinder und Jugendliche privat mit Freunden auch ohne Maske. Ebenfalls ist nicht überliefert, dass irgendein Schüler oder Lehrer unverantwortlich mit dem Aussetzen der Maskenpflicht im Unterricht umgegangen sei (wie immer das möglich sein soll). Jedenfalls: Die Maskenpflicht im Unterricht kehrt plötzlich zurück.

„Wir haben immer sehr, sehr frühzeitig gehandelt, vielleicht auch frühzeitiger als andere”

Wie Günther heute ankündigte, müssen ab Montag Kinder am Platz im Klassenraum wieder einen Mund-Nase-Schutz tragen. „Wir haben die niedrigste Infektionsrate in ganz Deutschland“, sagte der Ministerpräsident. „Wir haben immer sehr, sehr frühzeitig gehandelt, vielleicht auch frühzeitiger als andere, und das ist der Grund, warum wir heute in dieser Lage sind. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass die Lage in Schleswig-Holstein so bleibt.” Und das war vor zweieinhalb Wochen nicht absehbar? Warnungen aus der Wissenschaft gab es genug.

Die hatte auch die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) nicht hören wollen, als sie Anfang Oktober die Maskenpflicht im Unterricht strich. Jetzt verlautete sie: „Die dringende Empfehlung zum Tragen einer Maske in der Schule werden wir bei der anstehenden Überarbeitung der Corona-Verordnung in eine allgemeine Maskenpflicht in den Schulen überführen. Ich hätte es mir anders gewünscht, aber die Entwicklung lässt uns keine Wahl.“

Dass die Entwicklung durch ihre Politik mit befördert wurde? Kein Gedanke. „Es sind einfach zu wenig erwachsene Menschen geimpft, und die vierte Welle schlägt deswegen mit voller Kraft zu. Das können wir an unseren Schulen ablesen“, so Streichert-Clivot. Wütend machen die Ministerin nach eigenem Bekunden Impfgegner und Corona-Skeptiker. „Ich bin einfach sauer, dass es immer noch Menschen gibt in dieser Gesellschaft, die glauben, mit ihrer Impfverweigerung auf der sicheren Seite zu stehen.“ Tatsächlich gibt es sogar Politiker, die glauben, mit Wissenschaftsverdrängung auf der sicheren Seite zu stehen.

Auch in Baden-Württemberg. Im Süden der Republik gilt die Maskenpflicht im Unterricht ebenfalls plötzlich wieder. Sie wurde, holterdipolter, am Montagabend angekündigt und schon Dienstagmorgen in Kraft gesetzt.

Die Maßnahme erfolge automatisch dadurch, dass auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg die Zahl der Covid-19-Patientinnen und -Patienten die Marke von 390 am zweiten Werktag in Folge überschritten habe, erklärte Kultusministerin Theresa Schopper. Dadurch gelte ab Mittwoch im Land die Alarmstufe. „Die Alarmstufe bedeutet für die Schülerinnen und Schüler sowie für die Lehrkräfte, dass die Maske auch am Platz getragen werden muss. Es hat oberste Priorität zu verhindern, dass unser Gesundheitssystem überlastet wird. Deswegen haben wir das automatische Sicherungssystem installiert, das jetzt greift“, sagte die Grünen-Politikerin gestern.

Erst vor einem Monat hatte Schopper die Maskenpflicht im Unterricht ausgesetzt. „Masken sind ein Sicherheitszaun, erschweren aber auch die Kommunikation“, teilte das Kultusministerium dazu seinerzeit mit. „In Abwägung der Vor- und Nachteile hat sich die Landesregierung zu einer Lockerung entschieden.“

„Wir haben ein riesiges Sicherheitskonzept innerhalb der Schulen aufgebaut”

Noch vergangene Woche – bei bereits rasant steigenden Inzidenzen insbesondere unter Kindern und Jugendlichen – verstieg sich Schopper dazu, die Schulen für sicher zu erklären. „Wir haben ein riesiges Sicherheitskonzept innerhalb der Schulen aufgebaut. Nirgends wird so viel getestet, nirgends wird so viel gescreent wie an den Schulen“, sagte sie. Außerdem gebe es ein „ausgeklügeltes Quarantänesystem“. Es sei zudem ein „wirkliches Märchen“, dass die Schulen Treiber der Infektionen seien. Allerdings ließ die Kretschmann-Intima gleichzeitig durchblicken, dass die Maskenpflicht im Unterricht wohl zurückkommen werde („Und wir werden in den nächsten Tagen diese Alarmstufe erreichen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“). Warum aber, wenn die Schulen doch so sicher sind? Eine schlüssige Begründung blieb die Kultusministerin schuldig.

Die GEW zeigt deshalb auch wenig Verständnis für das Hin und Her. Inkonsequente Maßnahmen hätten keine hohe Akzeptanz und stellten ein unnötiges Risiko dar, so erklärt die Lehrergewerkschaft.

„Mit Blick auf die zu niedrige Impfquote in der Gesamtbevölkerung und immer noch fehlende Sicherheitsmaßnahmen wie Luftreinigungsgeräte bleibt uns derzeit nichts anderes übrig, als weiterhin Masken zu tragen, wenn wir die Präsenz in Kitas und Schulen nicht gefährden wollen“, sagt GEW-Landeschefin Monika Stein. „Auch wenn kaum Kinder und Jugendliche schwer erkranken, wir wissen noch viel zu wenig über Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Vor einem Jahr haben wir es im Dezember bereut, dass wir im Herbst nicht vorsichtiger waren“, so sagt sie.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat allerdings nach den Schulschließungen im vergangenen Winter augenscheinlich wenig bereut. Die waren nötig geworden, weil die Länder partout die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts nicht einhalten und zum Beispiel keinen Wechselunterricht bei hohen Inzidenzen einführen wollten. Als seine Landesregierung nun die Maskenpflicht für die Klassenräume im Oktober strich, geschah das – schon wieder – entgegen einer ausdrücklichen Empfehlung des Robert-Koch-Instituts. Auf die Frage, ob das ein Fehler gewesen sei, antwortete der Ministerpräsident gestern lapidar: „Hinterher ist man einfach immer schlauer.“ Wie viele „Hinterher“ braucht die Politik in dieser Pandemie noch?

„Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm“

Die Virologin Prof. Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, die zum Beraterstab von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gehört, hatte frühzeitig deutlich gemacht, was sie von der Streichung der Maskenpflicht im Unterricht hielt. „Wenn man etwas abschaffen möchte, dessen Nutzen wissenschaftlich erwiesen ist und das fast nichts kostet, kann man das machen. Die Frage ist nur, ob es klug ist“, sagte sie. „Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften, und hierzu zählen die Kinder, halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm.“ News4teachers

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