Leidet das Handschreiben in der Corona-Krise? VBE und Schreibmotorik Institut fragen Lehrkräfte

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HEROLDSBERG. Wie gut können Schülerinnen und Schüler von Hand schreiben? Gibt es womöglich Auswirkungen der Corona-Krise auf die schreibmotorischen Fertigkeiten der Kinder und Jugendlichen? Und welche Konsequenzen hat die Digitalisierung? Das Schreibmotorik Institut hat jetzt gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) eine Umfrage unter Lehrkräften gestartet, die aktuelle Antworten auf diese Fragen liefern soll.

Hier geht es zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/STEP2022/

Hat das Handschreiben in der Corona-Krise gelitten? Foto: Shutterstock

„Das Erlernen der Handschrift wirkt sich nachweislich positiv auf die Entwicklung der motorischen und geistigen Fähigkeiten von Kindern aus. Was wir handschriftlich notieren, können wir uns besser merken. Diese Vorteile gilt es zu nutzen. Ob das gelingt, ist jedoch unklar. Deshalb wollen wir die Erfahrung der Lehrkräfte erneut in einer aktuellen Umfrage bündeln, um wichtige Erkenntnisse zu gewinnen und so Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren“, begründet der VBE Bundesvorsitzende Udo Beckmann die Initiative.

Die Studie trägt den Titel STEP 2022 („Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben“). Grundschullehrkräfte und Lehrkräfte aus weiterführenden Schulen bekommen dabei jeweils andere Fragen vorgelegt, um die unterschiedlichen Entwicklungsstände ihrer Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen. Unklar ist, wie viele Schülerinnen und Schüler derzeit Schwierigkeiten haben, eine „gut lesbare, flüssige Handschrift“ zu entwickeln, wie es in den Bildungsstandards vorgegeben ist. In diesem Jahr wird der besondere Schwerpunkt der Studie die aktuelle Situation sowohl in Bezug auf die Pandemie wie auch auf die fortschreitende Digitalisierung sein. Die Ergebnisse sollen im Frühsommer 2022 veröffentlicht werden. Die Studie ist – nach 2019 und 2015 – die dritte Untersuchung ihrer Art.

Beckmann betont, dass es jedoch nicht um ein Ausspielen des Handschreibens gegen den Einsatz digitaler Endgeräte gehe: „Im Gegenteil finden wir es spannend, wie immer mehr Lehrkräfte, jetzt, wo sie besser dafür ausgestattet sind, digitale Medien im Methoden-Mix einsetzen. Mit der Umfrage legen wir einmal mehr den Finger an den Puls der Zeit und wollen auch Fragen zur Dualität der bewährten und modernen Kulturtechniken beantworten.“ Auch Fragen zur Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zum Thema werden gestellt.

„Es geht dabei nicht in erster Linie ums Schönschreiben oder um eine Kulturtechnik, die heute mehr oder weniger verzichtbar erscheint. Beim Handschreiben – dies belegen auch zahlreiche Studien – geht es um Bildung. Handschreiben unterstützt die Rechtschreibung, das Lesen, das Textverständnis, letztlich die schulischen Leistungen insgesamt“, sagt Dr. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts. Sie verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen, die deutlich machen, dass sich mit wenig Aufwand durch spielerische Übungen die schreibmotorischen Fähigkeiten der Kinder schnell verbessern lassen. Allerdings benötigen die ohnehin durch die Folgen der Coronapandemie schon stark belasteten Kitas und Schulen dafür Unterstützung.

Udo Beckmann und Dr. Marianela Diaz Meyer appellieren an Lehrkräfte aller Schulformen, sich an der Online-Umfrage (Zeitaufwand: 20 Minuten) zu beteiligen, um die aktuelle Situation repräsentativ abbilden zu können und Herausforderungen öffentlich zu machen.

Hier geht es zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/STEP2022/

Das Schreibmotorik Institut

Das Schreibmotorik Institut ist das führende Forschungsinstitut in Europa zum Thema Handschreiben und Schreibmotorik. Sein interdisziplinärer Ansatz vereint Fachkompetenzen aus den Bereichen Schreibmotorik, Ergonomie, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Neurologie, Ergotherapie, Medizin und Ingenieurwesen. Das Schreibmotorik Institut führte gemeinsam mit der Regierung von Mittelfranken, der Regierung von Niederbayern, der Deutschen Bildungsdirektion der Autonomen Provinz Bozen (Italien), Ideum (Österreich) und dem Landesschulrat Steiermark (Österreich) ein europäisches Forschungsprojekt zur Förderung der Schreibfertigkeiten in europäischen Schulen durch. Derzeit entwickelt das Schreibmotorik Institut federführend im Rahmen eines Erasmus-plus-Projektes ein Zertifikat „Schreibmotorik-Schule“.

Der VBE

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vertritt als parteipolitisch unabhängige Gewerkschaft die Interessen von ca. 164.000 Pädagoginnen und Pädagogen – aus Kinderbereich, Primarstufe, Sekundarstufen I und II und dem Bereich der Lehrerbildung – in allen Bundesländern. Der VBE ist eine der beiden großen Lehrergewerkschaften in Deutschland und mitgliederstärkste Fachgewerkschaft im dbb Beamtenbund und Tarifunion. Unter dem Dach des dbb vertritt der VBE gleichermaßen die Interessen der verbeamteten und tariflich beschäftigten Mitglieder. Er setzt sich für die Stärkung des Lehrerberufs, eine an der Profession orientierte Lehrerbildung, die Anerkennung der Gleichwertigkeit der Lehrämter und eine gleiche Bezahlung für alle Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen ein. Er fordert für die Erzieherinnen und Erzieher eine Ausbildung an Fachhochschulen auf europäischem Niveau. Bundesvorsitzender des Verbandes ist Udo Beckmann.

 

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4 KOMMENTARE

  1. Das Handschreiben leidet, weil die SuS einfach nicht mehr schreiben, sondern Lücken ausfüllen.

    Das Handschreiben litt schon vor Corona.

    Das Handschreiben wird Dank der fortschreitenden Digitalsierung auch nach Corona leiden.

  2. Seit Jahrzehnten wird die Grundlage für alles andere, Lesen und Schreiben, nicht mehr konsequent gelehrt. Ist zu anstrengend… „die armen Kinder“…

    Der Weg zum Denken geht über alle Sinne – ohne Handschrift wird das nichts.
    Das ist nichts Neues!

    Die Folge sind einige Schulabgänger, die es dank guter Voraussetzungen irgendwie trotzdem lernten und viele, viele, die es nie lernten und damit auch alle andere Kompetenzen nicht ausreichend beherrschen, die darauf basieren.
    Auch in den Abschlussklassen können viel zu viele Schüler nicht mehr ausreichend sinnentnehmend, nicht mehr ausreichend zügig lesen, Texte nicht mehr bearbeiten, keine eigenen Texte mehr schreiben… die Ergebnisse ihrer Versuche muten wie ein Horrorkabinett an. In der Sekundarstufe rennen wir hinter den verpassten Kenntnissen und Fähigkeiten aus der Grundschule her, in der Grundschule rennen sie hinter den verpassten Entwicklungen aus dem Vorschulalter her…
    Digital ist ein Witz, wenn die Kids zunehmend nicht mehr lesen und schreiben können.
    Computer können nicht denken, Kinder haben keine Lust mehr dazu.

    Gemerkt, gesagt und gewarnt wurde lange genug.
    Der Gesellschaft scheint es egal zu sein.
    Corona ist nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

    Ich fürchte, jetzt wird man dann mal wieder Arbeitsgruppen bilden, Forschungsarbeiten anfertigen, 100-seitige Empfehlungen schreiben… während weitere Schülergenerationen unter den Nachwirkungen von „schreib wie du kannst“- und “ mach was du willst“-Experimenten leiden.

    Irgendwann merkt dann jemand, dass Computer strohdoof sind, wenn man keinen mehr hat, der sie intelligent programmieren kann…

    • @kanndochnichtwahrsein

      „Digital ist ein Witz, wenn die Kids zunehmend nicht mehr lesen und schreiben können.
      Computer können nicht denken, Kinder haben keine Lust mehr dazu.“

      Exakt.
      Geht den meisten Menschen aber mittlerweile sogar sehenden Auges am Allerwertesten vorbei.
      Die entspannen lieber bei einer Kochsendung und bestellen danach schnell und lecker (grübel) bei Lieferando.

      Und morgen wird es noch bekloppter … und übermorgen … und …
      🙁
      Besser wird es erst, wenn die Computer doch das Denken gelernt haben. Also … besser für die Computer.
      Die ziehen dann auch den perfekten Minimalismus durch. Auf wen die dann wohl verzichten?
      😉

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