Aufholprogramme in der Kritik: Lehrer beklagen Flaute bei „Lernen mit Rückenwind“

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STUTTGART. Mit zum Teil aus Bundesmittel finanzierten „Aufholprogrammen“ wollen die Bundesländer Schülerinnen und Schülern beim Aufarbeiten Corona-bedingter Lernlücken helfen. Es hakt allerdings in der Praxis. Beispiel Baden-Württemberg: Beim Projekt «Lernen mit Rückenwind» soll der Name Programm sein – eigentlich. Was zum Wohle der Schülerinnen und Schüler sein soll, geht aber auf Kosten der Lehrer, beklagt der VBE. Und präsentiert Zahlen.

Begeisterung über die Aufholprogramme mag nicht aufkommen. Foto: Shutterstock

Lehrer und Schulleitungen sehen sich nach einer neuen Umfrage des VBE durch das Förderprogramm «Lernen mit Rückenwind» zusätzlich belastet. Außerdem fehle vor allem bei den Rektorinnen und Schulleitern die Zeit, um das millionenschwere Nachhilfeprojekt für Lernrückstände durch die Corona-Pandemie planen und koordinieren zu können. «Wenn die Lehrerinnen und Lehrer das Programm trotzdem unterstützen sollen, muss das Land sie für diese Zeit von außerunterrichtlichen Aufgaben entlasten», sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand am Freitag.

An der VBE-Umfrage hatten Lehrkräfte aus rund 120 Schulen teilgenommen. Demnach beteiligt sich etwa jede vierte Schule nicht an dem Programm. Rund die Hälfte der Befragten gab zudem an, nicht ausreichend über das Programm informiert gewesen zu sein, 60 Prozent fühlten sich bei der Umsetzung nicht ausreichend unterstützt. Es sei vor allem wichtig, die Schulleitungen zu entlasten, sagte Brand. Die Leitungszeit müsse ausgebaut werden, außerdem müsse es Anrechnungsstunden geben für besondere Aufgaben.

«Die Grenze des Möglichen ist erreicht, wenn nicht bereits überschritten», sagte der VBE-Landeschef. Eine jüngere Umfrage habe bereits gezeigt, dass fast jeder dritte Schulleiter im Südwesten in Corona-Zeiten seinen Job nur ungern oder eher ungern ausübe, jeder zweite würde den Beruf nicht weiter empfehlen.

Zwar hielten die meisten Lehrerinnen und Lehrer «Lernen mit Rückenwind» für ein sinnvolles und notwendiges Programm. «Allein: Sie sind nach nunmehr knapp zwei Jahren Pandemie an der absoluten Belastungsgrenze angekommen», sagte Brand. «Viele Schulen verfügen schon zu Normalzeiten nicht über das nötige Personal, um den Pflichtunterricht stemmen zu können.» Das auf zwei Jahre angelegte Programm stehe allerdings auch erst am Anfang. «Noch hat die Landesregierung Zeit, um nachzusteuern», sagte der VBE-Landeschef.

Mit dem Förderprogramm «Lernen mit Rückenwind» versucht das Land seit den Herbstferien, die klaffenden Corona-Lücken im Schulunterricht zu stopfen. Im Rahmen des Programms können Einzelne zum Beispiel durch weitere Lehrkräfte im normalen Unterricht und durch eine engere Betreuung zusätzlich gefördert werden. Auch gesonderter Förderunterricht für kleine Gruppen in Extra-Schulstunden ist möglich. Zudem gibt es Bildungsgutscheine, die Schülerinnen und Schüler etwa bei einem Nachhilfe-Institut einlösen können.

Ziel sei es, gezielt Rückstände in den Kernfächern Deutsch und Mathe und bei Fremdsprachen aufzuholen, hatte das Land vor dem Start erklärt. Das Programm mit seinen Tausenden zusätzlichen Kursen richtet sich vor allem an Abschluss- und Übergangsklassen: die vierten Klassen der Grundschulen, die Klassen 9 und 10 und die Abiturjahrgänge.

Der baden-württembergische Landeselternbeirat und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) waren nach dem Auftakt ebenso scharf mit «Rückenwind» ins Gericht gegangen wie der VBE. Es bleibe ein hoher Arbeits- und Organisationsaufwand an den Schulen hängen, hatte dieser schon vor Wochen kritisiert. Das Programm werde auf dem Rücken der Lehrer und Schulleitungen ausgetragen, außerdem fehle es an fertigem Material für Lehr- und Hilfskräfte. News4teachers / mit Material der dpa

„Aufholprogramm“ in der Kritik: Falsch konzipiert, zu klein, zu bürokratisch, zu kurz gedacht – und ohne genügend Personal

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21 KOMMENTARE

  1. Eins ist doch merkwürdig: Seit Beginn der Corona-Krise wird Kritik an dem vermeintlichen, oft aber auch echten Corona-Missmanagement der Regierungen in den diversen Ländern geübt. Gerade hier bei news4teachers wird ständig mächtig geschimpft, von der Redaktion und im Forum. Aber die zwischenzeitlich abgehaltenen Wahlen ergaben dann meist, dass die Regierung wiedergewählt wurde (so in BaWü und Berlin) oder jedenfalls diejenigen Parteien, die für das Chaos maßgeblich verantwortlich sind, gewählt wurden. Auch Herr Scholz war ja vorher keineswegs ein Oppositionspolitiker, nicht wahr?
    Fazit: Das Schimpfen dient nur einem gewissen Dampf-Ablassen, ist aber offenbar gleichzeitig mit einer gefühlten Alternativlosigkeit verbunden. Die eigentliche Opposition (Linkspartei sowie AfD) ging geschwächt aus den Wahlen hervor. Ich will hier auch keineswegs zum Wählen dieser beiden aufrufen, aber mich irritiert doch etwas diese wiederholte Zustimmung an der Wahlurne für diejenigen, denen man gleichzeitig massive Versäumnisse vorwirft.

    • Lieber Carsten60,

      wir „schimpfen“ nicht, wir bringen – wie es Aufgabe von Medien ist – begründete Kritik an politischen Maßnahmen zu Gehör. Zweitens: Natürlich kann jemand auch eine Partei wählen (ihr sogar angehören), die er oder sie kritisiert. Demokratie bedeutet ja nicht, mit allem einverstanden zu sein, wenn man sein Kreuz auf dem Wahlzettel setzt. Damit vergibt der Bürger oder die Bürgerin zunächst mal nur ein Mandat. Konkret zur Corona-Politik: Wie die AfD oder die Linkspartei für Menschen, die sich ein präventiveres Agieren wünschen, wählbar sein sollen, erschließt sich uns nicht. Die AfD leugnet Wissenschaft, die Linkspartei hat in Thüringen mit die schlimmste Corona-Bilanz aller deutschen Bundesländer zu verantworten. Nur weil eine Partei „anders“ tickt, ist sie ja noch lange nicht besser.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

    • @ Redaktion: Ich spreche oben (und auch anderswo) ausdrücklich nicht für die AfD oder die Linkspartei. Die können es auch nicht. Aber es gibt ja noch viele kleinere Parteien, z.B. die Piraten , die Tierschutzpartei, die freien Wähler usw. Zudem ist es eine gute angelsächsische Tradition, dass die Sozis abgewählt werden, wenn sie versagen, und dass die Konservativen genauso abgewählt werden, wenn die versagen. In USA: Demokraten und Republikaner. Diese Wechselstimmung scheint es bei uns nicht zu geben. In BaWü werden die Leute auf Schopper schimpfen und weiter grün wählen, in Berlin schimpfen sie auf rot-rot-grün und wählen weiter rot-rot-grün, in Bremen regiert die SPD ununterbrochen seit 1946 usw.
      Nebenbei: Das Wort „schimpfen“ sollten Sie nicht zu eng auslegen. Ich meinte hauptsächlich den Stil vieler Forumsbeiträge, aber auch so manche Äußerung in den sog. „Analysen“ von Herrn Priboschek. Da wird doch gelegentlich an unseren Kultusministern kein gutes Haar gelassen. Aber wer kann es besser, wo sind die Alternativen?

      • „ Aber wer kann es besser, wo sind die Alternativen?“
        Ich vermute mal, dass ca. 60% der engagierten Lehrkräfte in den jeweiligen Bundesländern das besser könnten, allein schon deshalb, weil sie Ahnung vom Mikrokosmos Schule haben. Die wären aber unbequem, also kommen sie nicht zum Zuge. Zeigt sich leider bei jeder Partei, unabhängig von der politischen Ausrichtung. Macht korrumpiert eben.

      • QCarsten60: Die kleinere Partei der Freien Wähler stellt in Bayern den Kultusminister und wenn die es könnten, wüsste ich davon.

  2. In BW ist kein Rückenwindprogramm angekommen und Frau Schopper hat Mogelpackungen ohne Inhalt an die Schulen verteilt. Die Verprechungen die Frau Schopper Schulleitungen, Lehrern, Schüler und Eltern mitgeteilt hat, sind ausgeblieben. Frau Schopper hat die Notlage der G8 Schulen nach einem G7 Schuljahr nicht anerkannt und keine tragende und faire Aufarbeitung geschaffen.https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/foerderprojekt-lernen-mit-rueckenwind-100.html

  3. Herr Ralf Scholl vom PhV-BW spricht sich mit viel Nachdruck für bessere Arbeitsbedingungen an den Schulen und im Klassenverband aus.https://www.phv-bw.de/phv-bw-zur-corona-lage-an-den-schulen-und-zu-den-geplanten-umstrukturierungen-im-kultusministerium/ Frau Schopper strebt keinen Austausch auf Augenhöhe an mit Herrn Scholl um ein besseres Lernumfeld und Lernfreude zu schaffen. Frau Schopper hat die Ernsthaftigkeit der langen Bildungkrise an den Schulen immer noch nicht anerkannt und setzt die Defizite als etwaige Rückstände an. Diese Haltung von Frau Schopper trägt zu keiner Motivation bei und der Lernfrust ist für viele eine schwere Last und eine große Herausforderung. Welche Aufforderungen benötigt unsere KM noch um Bereitschaft für ehrliche Aufarbeitungsprozesse sich an Schulen einzusetzen.

  4. Nicht ist besser geworden nach den Sommerferien, sondern die Situation hat sich an den Schulen noch mehr verschlechtert. Die Arbeitsbelastung ist für alle an die am Schulleben beteiligt sind groß.https://arge-stuttgart.org/index.php?id=153 Frau Schopper bekennt sich in einer schweren Bildungskrise zu den Gemeinschaftsschulen und ist von dieser Schulform begeistert. Dies ist ein harter Schlag für die anderen Schulformen die auch Ihre Berechtigung haben und vor allem eine Wahlfreiheit sollte allen Familien zur freien Verfügung stehen. Jede Schulart ist von diesem Ausnahmezustand getroffen und alle sozialen Schichten egal welcher Herkunft. Jede Schule führt einen harten Kampf mit den Pandemie Folgen im Schulunterricht zu meistern. Die Schulleitungen und Lehrer haben sich in dieser schweren Lernkrise und Lebenskrise der heranwachsenden Kinder sehr engagiert für die Schülerschaft und Elternschaft. Frau Schopper glänzt mit Abwesendheit und bezieht keine Stellung zu Ihrer nicht geleisteten Arbeit der Lernrückstände.

  5. Jegliche Hilfestellung bleibt einer Schülerschaft verwehrt und Herr Kretschmann schaut zu….https://www.news4teachers.de/2021/11/aufholprogramm-in-der-kritik-falsch-konzipiert-zu-klein-zu-buerokratisch-zu-kurz-gedacht-und-ohne-genuegend-personal/ Sogar Aufschreie, Mahnungen, Forderungen finden keine Ressonanz bei unsere KM Frau Schopper. Frau Schopper wirkt in Ihrem Amt total überfordert und ist dieser Herausforderung nicht gewachsen um sich mit anderen Verbänden an einen Tischzu setzen und gemeinschaflich ein tragendes Konzept entstehen zu lassen. Der Flickenteppisch gehört dringen entsorgt nur Frau Schopper hat es noch nicht erkannt und ist nicht bereit mit anderen erfahrenen Menschen einen neuén Weg gemeinschaftlich einzuschlagen. Frau Schopper hat die Position als KM in BW nicht verstanden und kann Sie nicht vertreten.

  6. Die nicht erledigte Hausgabenliste und nicht eingelösten Versprechungen von Frau Schopper sind sehr lang. https://www.phv-bw.de/zumeldung-des-philologenverbands-baden-wuerttemberg-phv-bw-zur-dpa-meldung-schopper-blitzt-mit-forderung-nach-hunderten-stellen-ab-vom-26-10-2021/ In der Schule wird ein Schüler abgemahnt und hat die Folgen zu tragen und Frau Schopper betreibt weiterhin Augenwischerei. Frau Schopper hat ein Talent zum Märchen erzählen und hat die Realität und die Spuren der Pandemie nicht erkannt. Die letzten in der Reihe müssen die Unfähigkeit weiter aushalten und haben jeglichen respekt vor der KM verloren. Alle wollen an der Schule nicht mit sich umgehen lassen und die Arbeitsathmosphäre an der Schule ist sehr bedrückend.

    • @Emil

      „Finde den Fehler…..“

      *grübel*
      Antwort: MSB NRW?

      Nächste Frage:
      Und was macht der Fisch vom Kopf her?

      Nein, denken 😉 tut er nicht …

  7. BaWü:
    „18:18 Uhr

    Der Chef-Epidemiologe des Landesgesundheitsamts, Stefan Brockmann, geht davon aus, dass Baden-württembergs Schulen ohne Lockdown durch die Weihnachtszeit kommen werden. „Es wäre falsch zu sagen, dass mit den Kindern und Jugendlichen die vierte Coronawelle steht oder fällt“, sagte Brockmann der „Stuttgarter Zeitung“. Zwar hätten Kinder und Jugendliche einen erheblichen Anteil am Infektionsgeschehen, aber dieser sei sogar, trotz weiter hoher Zahlen, etwas gesunken – von 33 bis 34 auf noch knapp 30 Prozent. „Wir sehen in Baden-Württemberg nicht, dass Kinder und Jugendliche die Corona-Entwicklung zunehmend beherrschen.“ Daher erwarte er, dass die Schulen regulär in die Weihnachtsferien gingen und mit dem Unterricht im neuen Jahr starten könnten, so Brockmann.“

    https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/coronavirus-live-blog-in-bw-282.html#BioNTech-Chef

    • „Mehr als 11.000 Neuinfektionen in BW

      18:27 Uhr

      In Baden-Württemberg ist die Sieben-Tage-Inzidenz am Freitag wieder gestiegen. Laut Landesgesundheitsamt lag der Wert bei 525,3 – am Donnerstag war er bei 517,6. Insgesamt starben am Freitag im Zusammenhang mit dem Coronavirus 60 Menschen – am Donnerstag waren es 40. Es wurden 11.132 Neuinfektionen gemeldet. Die Hospitalisierungsrate stieg von 6,3 am Donnerstag auf 6,6 am Freitag. Derzeit werden laut Daten des DIVI-Intensivregisters 636 Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen des Landes behandelt – über die Hälfte wird invasiv beatmet. Aktuell sind in Baden-Württemberg 28,3 Prozent der Intensivbetten mit Covid-19-Fällen belegt. Bislang wurden acht Fälle der neuen Omikron-Variante an die baden-württembergischen Behörden übermittelt.“

      https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/coronavirus-live-blog-in-bw-282.html#BioNTech-Chef

  8. Statt zusätzlicher Arbeit für alle – Besinnung auf das Notwendige und das in Ruhe bearbeiten und lernen.

    Es geht m.E. darum, allen Kindern in der Schule Lernerfolge und damit Selbstsicherheit zu geben, diese zu sichern und do zu festigen, dass sie auf sich bauen können (das ist sonst auch der Fall!), aber während Corona, Maske auf, Maske ab, LD 1, LD liggt, steigenden Zahlen, ZickZackkursen, Hilflosigkeit und was sonst noch alles als Erschwernisbeipack dabei ist, muss das das vorrangige Ziel sein.

    Also: Lernstoff reduzieren, Zeit und Ruhe zum Lernen geben!

  9. Ich verstehe das alles nicht. Wir als Eltern haben während der Schulschließungen gehört: es gibt keine Lücken, es gibt keine Defizite.
    Jetzt gibt es keine Schulschließungen, die Kinder, die in Quarantäne sind, werden seitens der Schule nicht mit Material versorgt (es ist ja Präse-henz! Der Unterricht findet ja sta-hatt! Aber eben in der Schuuuuule), Lernen ist 100% Holschuld.
    Und dann geht die Debatte über millionenschwere (!) Nachhilfe (!) los.
    Das kann sich echt niemand ausdenken.

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