Schwieriger Lehrstellenmarkt: Wirtschaft und DGB nehmen Schulen in die Pflicht

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BERLIN. Nach den ersten Corona-Wellen wird in den Betrieben zwar wieder etwas mehr ausgebildet und die Zahlen könnten weiter leicht steigen. Aber im Kampf gegen den Fachkräftemangel ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der DGB nimmt die Schulen in die Pflicht. Er fordert eine bessere Berufsorientierung. Auch die Wirtschaft sieht Handlungsbedarf in den Bildungseinrichtungen.

«Wer Fachkräfte haben will, der muss sie auch ausbilden.» Foto: Shutterstock

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt könnte sich nach Einschätzung der Bundesregierung zwar weiter leicht entspannen. Ein großes Problem bleibt aber, dass Unternehmen und potenzielle Azubis nur schwer zusammenfinden. Auch in diesem Ausbildungsjahr spiele die «Passungsproblematik» eine entscheidende Rolle, heißt es im aktuellen Berufsbildungsbericht, der am Mittwoch vom Bundeskabinett in Berlin verabschiedet wurde. Wirtschaft und Gewerkschaften haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie gegengesteuert werden müsste.

Die wesentlichen Zahlen des Berichts: Zum Stichtag 30. September 2021 wurden 473.100 neue Ausbildungsverträge geschlossen – 5600 mehr als 2020. Im kommenden Ausbildungsjahr könnte die Zahl um weitere 20.000 steigen, wird vorsichtig prognostiziert. Damit wäre aber immer noch nicht das Vor-Corona-Niveau von 2019 erreicht. Das Angebot an Lehrstellen ist ebenfalls um 8.800 leicht auf 536.200 gestiegen und könnte den Prognosen zufolge weiter wachsen. Aber auch hier ist man noch weit vom Vor-Corona-Niveau entfernt.

Insgesamt hat sich die «Marktlage», wie es im Bericht heißt, für junge Bewerber zwar verbessert und zumindest rechnerisch wäre für jeden, der einen Ausbildungsplatz sucht, auch einer da. In der Realität sieht es aber so aus: 63.200 Ausbildungsstellen blieben 2021 unbesetzt – ein Plus von 3.200 und mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Gleichzeitig blieben 24.600 Bewerberinnen und Bewerber unversorgt.

Die fehlenden Azubis heute sind die fehlenden Fachkräfte von morgen – darin sind sich Wirtschaft und Gewerkschaften einig. Wie das «Matching-» oder «Passungsproblem» angegangen werden soll, dabei gehen die Meinungen aber auseinander.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht Wirtschaft und Politik in der Pflicht: «Wer Fachkräfte haben will, der muss sie auch ausbilden», sagte die stellvertretende Vorsitzende Elke Hannack am Mittwoch und forderte eine verbesserte Berufsorientierung an Schulen und bekräftigte die DGB-Forderung nach einer Ausbildungsgarantie.

«Dass jährlich rund 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, dürfen wir nicht weiter hinnehmen»

In ihrem Koalitionsvertrag hatten sich die Ampel-Parteien dafür ausgesprochen. Die Gewerkschaften fordern ein solches Instrument schon lange und verweisen dabei auf Österreich, wo allen Jugendlichen, die keine Lehrstelle in einem Betrieb finden, ein außerbetrieblicher Ausbildungsplatz zugesichert wird. Finanziert werden sollte das laut DGB über einen Fonds, in den alle Unternehmen einzahlen. Betriebe die ausbilden, bekommen als Anreiz Fördergelder aus dem Topf. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte am Dienstag beim DGB-Bundeskongress gesagt, dass die Ausbildungsgarantie umgesetzt werden und dabei eine Umlage für Unternehmen eine Rolle spielen solle.

Die Wirtschaft lehnt das ab. Es mangele nicht an der Bereitschaft der Unternehmen auszubilden, sagte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander am Mittwoch der dpa. «Es mangelt schlichtweg an Bewerbern. Staatliche Eingriffe wie eine Ausbildungsgarantie führen weder zu mehr Bewerbern noch zu mehr Ausbildungsplätzen.» Vielmehr müsse die Ausbildungsfähigkeit sämtlicher Schulabgänger zum Ziel gemacht werden. «Dass jährlich rund 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, dürfen wir nicht weiter hinnehmen.»

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer erklärte, es entschieden sich immer noch nicht genügend Jugendliche für eine Berufsausbildung, obwohl das Handwerk zukunftssichere und zukunftsgestaltende Berufe biete. «Die Berufsorientierung muss dringend in allen Bundesländern auf die Gymnasien ausgeweitet werden», forderte er. Die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag, Ria Schröder, sagte: «Jungen Menschen müssen schon in der Schule, auch an Gymnasien, die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt aufgezeigt werden zum Beispiel mit Hilfe von Azubi-Botschaftern.»

Nach Ansicht von Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, muss das Ansehen der Ausbildungsberufe in der Gesellschaft gesteigert werden, «vor allem hinsichtlich ihres Bildungspotenzials und der mit ihnen verbundenen Karriereperspektiven».

Die Lage am Ausbildungsmarkt ist ganz unterschiedlich, wie der Berufsbildungsbericht zeigt. Es gibt Branchen mit Azubi-Mangel, etwa im Lebensmittelverkauf, in der Gastronomie, bei Metzgereien, Klempnerbetrieben, Kurierdiensten oder im Beton- und Stahlbau. Anderswo gibt es zum Teil mehr Bewerber als Plätze, zum Beispiel in der Mediengestaltung, Tierpflege oder Fitnessbranche. Dazu kommen regionale Unterschiede. «Wie gut die Zusammenführung von Angebot und Nachfrage gelingt, unterscheidet sich erheblich zwischen Regionen und Berufen», heißt es im Bericht. Von Jörg Ratzsch, dpa

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Realist
8 Tage zuvor

Die eierlegende Wollmichsau namens „Schule“ soll’s mal wieder richten. Natürlich ohne zusätzliche finanzielle Mittel und ohne zusätzliches Personal.

Schon klar…

Finagle
8 Tage zuvor

Vielleicht sollte in dem Zusammenhang auch mal bei den entsprechenden Stellen einsickern, dass nicht jede/r Abitur machen muss und dass nicht jede/r, die/der „nur“ ein MSA erlangt „nicht ausreichend gefördert wurde“.

Solange von Entscheidungsträgern der Öffentlichkeit suggeriert wird, dass der einzige „erfolgreiche“ Schulabschluss das Abitur ist und eine akademische Berufswahl anzustreben sei, müssen wir uns nicht wundern, wenn Ausbildungen für viele nur eine Notlösung bleiben.

Und ja, da ist auch viel Prestigedenken der Schulen im Spiel.

Da wird stolz verkündet, dass man dieses Jahr 10% mehr MSA-GO Abschlüsse hat und diese SuS dann natürlich auch gen Abi und Uni empfohlen werden.

Es wird mE viel zu oft „Chancengleichheit“ mit „Ergebnisgleichheit“ identifiziert.

Es ist für alle Beteiligten besser, ein guter Bäcker als ein schlechter BWLer zu sein.

Aber dazu gehört, dass gesellschaftlich Akademiker nicht auf ein Podest gehoben werden und auf Ausbildungsberufe herabgeschaut wird. Das beinhaltet im Übrigen auch, dass die Schieflage der finanziellen Würdiguung der Arbeitsleistung bereinigt wird. Und hier könnte der Staat schon mal in entsprechender Vorbildfunktion aktiv werden – z.B. in den sozialen Berufen, um mal „völlig zufällig“ etwas herauszugreifen.

dickebank
7 Tage zuvor
Antwortet  Finagle

Aber durch den BWLer werden die Brötchen billiger – was ja nicht auch besser heißt.

Georg
7 Tage zuvor
Antwortet  Finagle

Bildungsmarxismus halt. (Und jetzt Hirnregnenlassen und rote Daumen verteilen)

Konfutse
7 Tage zuvor

Soso, aha!
Und ich fordere eine bessere Bildungspolitik und wenn wir schon dabei sind, endlich mal fähige, ideologiefreie Kultusminister (ihre Politkommissare inbegriffen) mit Realitätsnähe.
Solange vor allem die SEK I Schulen vom KuMi und von der Gesellschaft als großer Indoorspielplatz angesehen werden, kann „die Wirtschaft“ und der DGB in die Pflicht nehmen, wen sie wollen. Wo keine stabilen Basics geschaffen werden können, so kein Aufbau auf das Gerüst.
Ich möchte schon lange mein Kerngeschäft gut und gründlich machen, aber man lässt mich ja nicht….

Lehrer_X
7 Tage zuvor

«Dass jährlich rund 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, dürfen wir nicht weiter hinnehmen»

Na dann macht halt weiterhin einfach die Prüfungen leichter und wundert euch dann wieder, warum ihr auch das alle paar Jahre nochmal machen müsst. Erbärmlich ist das.

Markus Webber
6 Tage zuvor

Leider sind dank des zunehmenden Einsatzes von Computern und Roboter sowie der Fabrikverlagerungen infolge der Globalisierung erheblich weniger Arbeitskräfte nötig. Daher finden viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz mehr.