„Nutzungsverbote bringen die Bildung nicht voran“: VDR-Chef Böhm über Lernplattformen – und übertriebenen Datenschutz

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KÖLN. Digitale Vorreiter Realschulen? Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Deutschen Realschullehrerverbands (VDR), erklärte auf dem didacta-Stand von AixConcept – dem IT-Dienstleister für Schulen – im Gespräch mit News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek, warum oftmals Realschulen bei der Digitalisierung vorangehen, wieso ein Datenschutz mit Augenmaß gefordert ist und weshalb der Staat mit der Entwicklung von Lernplattformen kein gutes Bild abgibt.

Der Vorsitzende des VDR: Jürgen Böhm. Foto: Marco Urban / VDR

Gerade die Realschulen scheinen bei der Digitalisierung im Vergleich der Schulformen recht weit zu sein. Ist der Eindruck richtig – und, wenn ja, woran liegt das?

Jürgen Böhm: „Die Realschulen haben bereits in den 1990ern auf digitale Inhalte und Informationstechnologie im Unterricht gesetzt. Die Lehrplaninhalte wurden stets an die Anforderungen der Realität angepasst und weiterentwickelt. In der Lehrerbildung gibt es eigenständige Studiengänge, die eine fundierte und qualitätvolle Bildung und einen entsprechend hochwertigen Unterricht gewährleisten. Digitale Inhalte und Techniken werden schon seit Jahren nicht mehr nur auf IT beschränkt, sondern finden in der Praxis in vielen anderen Fächern und Unterrichten Anwendung.“

Auf der didacta im vergangenen Jahr haben Sie berichtet, „nach dem Schock der ersten Schulschließungen haben die Schulen sehr schnell versucht, auf digitale Formate umzustellen“, zumeist wohl mit professionellen Lösungen, die ihnen aus der Wirtschaft angeboten wurden. Wie stellt sich die Lage für Sie derzeit dar?

„In manchen Bundesländern sollen hauseigene Plattformen die bisherigen kommerziellen ablösen. Dies wird sehr kritisch gesehen“

Jürgen Böhm: „Die digitalen Formate wurden konsequent weiterentwickelt und haben Einzug in alle Bereiche der Realschulbildung gefunden. Durch länderspezifische Entwicklungen und politische bzw. durch den Datenschutz begründete Entscheidungen, ob gewisse Plattformen weiterhin (kostenfrei) genutzt werden dürfen, kam und kommt es jedoch immer wieder zu Verunsicherungen und Unmut bei den Kollegen. In manchen Bundesländern sollen hauseigene Plattformen die bisherigen kommerziellen ablösen. Diese Entwicklung wird sehr kritisch gesehen. Die Kapazitäten, der pädagogische Nutzen und Zweckmäßigkeit dieser Plattformen können oft mit den bewährten kommerziellen Anwendungen nicht konkurrieren. Weiterhin würde mit dieser Entwicklung eine Kluft zwischen allgemeinen in der Gesellschaft und Wirtschaft angewendeten Standards und der Bildung erzeugt.“

Die Debatte um Datenschutz in Schulen nimmt mitunter einen sehr breiten Raum ein – breiter als in anderen Bereichen, wo gleichfalls sensible Daten verarbeitet werden. Brauchen wir in der Bildung diesbezüglich einen pragmatischeren Ansatz?

Jürgen Böhm: „Der Datenschutz hat natürlich seine Berechtigung. Er darf sinnvolle inhaltliche Anwendungen und Entwicklungen nicht einschränken oder gar blockieren. Sobald der Datenschutz Lehrwerke nicht mehr alltagstauglich macht (QR-Codes) oder pädagogische digitale Konzepte zunichtemacht, muss man überlegen, ob es nicht Anpassungen und Absprachen mit den professionellen Anbietern in Europa und Übersee braucht. Die praktische Arbeit vor Ort, sowohl im Unterricht als auch in der Verwaltung, muss gewährleistet werden, ohne die Beteiligten unnötig zu gängeln oder künstliche Barrieren aufzubauen.“

„Der Staat ist weit davon entfernt, eine einheitliche Lösung anbieten zu können“

Der Staat hat sich bislang bei der Entwicklung von Lernplattformen für Schulen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Brauchen wir auch hier einen pragmatischeren Ansatz, der auf Vielfalt statt auf Einheitslösungen setzt?

Jürgen Böhm: „Der Staat ist weit davon entfernt, eine einheitliche Lösung anbieten zu können. Dazu müssten die einzelnen Bundesländer konsequent zusammenarbeiten. Die Vielfalt der Bildung würde darunter nur leiden. Schließlich bedarf es nicht nur einer Lernplattform als Softwarelösung, sondern auch der methodischen und didaktischen Inhalte, die diese Plattformen füllen. Diese müssen sich auf die vielfältigen Lehrpläne und Curricula der Länder beziehen und echte Angebote für die Lehrkräfte darstellen. Davon sind wir weit entfernt. Wichtiger wäre es, hier den Freiraum der pädagogischen Gestaltung einzuräumen. Nutzungsverbote bringen die Bildung nicht voran. Passgenaue Anwendungen müssen genutzt werden können – Anpassung modernster Standards statt ‚Eigenkreationen‘ auf niedrigem Niveau.“

Sie sagen, die Lehrkräfte sollten die digitale Entwicklung, die sich in der Corona-Krise ergeben hat, mitnehmen. Welche Lehren sollten Lehrkräfte aus den bisher gemachten Erfahrungen ziehen?

Jürgen Böhm: „Die Kollegien sind breit aufgestellt, nutzen Fortbildungsangebote und bieten ihr eigenes Wissen und Können in schulinternen Kurzfortbildungen an. Wichtig ist jetzt, diese Kenntnisse zu nutzen und umzusetzen. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass die Lehrkraft nur noch als bloßer Lieferant von digitalem Material für Schüler und Eltern gesehen wird. Wir müssen die Kinder und Jugendlichen wieder dazu erziehen, selbstständig und eigenverantwortlich am Unterricht teilzunehmen und auch ihre Pflichten wieder zu erkennen. Die Digitalisierung dient der Didaktik und der Methodik, nicht umgekehrt.“

Wie sieht für Sie der Unterricht der Zukunft an der Realschule aus?

Jürgen Böhm: „Die Realschule greift schon seit jeher die realen und aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft, Wissenschaft, Ökonomie und Technik auf. Auch ist die Verbindung von Theorie und Praxis das bestehende pädagogische Prinzip an den Realschulen. Das heißt Bezüge zur Lebenswirklichkeit in einer digitalen Welt gehören zur DNA der Realschulbildung. Der digital gestützte Präsenzunterricht muss die Vorteile der Digitalisierung mit der analogen Präsenz und Kommunikation verbinden. Der Kontakt zur Wirtschaft und Wissenschaft wird gerade durch die digitale Kommunikation aus dem Klassenzimmer heraus weiter verstärkt werden. Auf der anderen Seite wird die Expertise der Wirtschaft in die Schulen hineingeholt.“

AixConcept-Gespräche

AixConcept-Gespräche über die Digitalisierung der Schulen hat News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek im Rahmen der Bildungsmesse didacta auch mit

Ein weiterer Termin auf dem Stand von AixConcept, dem IT-Dienstleister für Schulen (Halle 6, Stand B30-C37):

  • Maike Finnern, Bundesvorsitzende GEW: „Chancengerechtigkeit nicht aus dem Blick verlieren“, Freitag, 10. Juni 2022, 10.15 – 11.00 Uhr

Ebenfalls zu Gast: Der Ehrenpräsident des didacta-Verbands Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis. Der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete ehemalige Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und Professor für Entwicklungspsychologie wird am Freitag, den 10. Juni, um 12.15 Uhr mit dem Journalisten Stefan Malter über digitale Bildung sprechen.

„Die große Chance der Digitalisierung liegt darin, dass wir endlich individualisiertes Lernen möglich machen“: Bildungsforscher Rolff im Interview

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3 Kommentare
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Riesenzwerg
25 Tage zuvor

„„Nutzungsverbote bringen die Bildung nicht voran““ – Soso.
Sparprogramme aber auch nicht.

Georg
19 Tage zuvor
Antwortet  Riesenzwerg

Kürzen der Lehrpläne noch weniger

Ron
13 Tage zuvor

Es geht im Kern ja darum, dass Apps bzw. Programme wie Teams oder WhatsApp nicht den datenschutzrechtlichen Vorgaben entsprechen, die für Schulen und öffentliche Verwaltungen gelten. Sowohl die Speicherung oder Weiterleitung von Daten auf amerikanische Server als auch der laxe Umgang mit personenbezogenen Daten steht dabei in der Kritik. Lehrer und Schulen, die trotz Nutzungsverbot entsprechende Angebote mit Schülern genutzt haben, wurden verwarnt oder sogar abgemahnt. Dies stand in diametralem Widerspruch zu der Notwendigkeit, auch in Coronazeiten und Zeiten des Homeschoolings Kontakt zu Schülern bzw. Klassen zu halten. Die alternativ angebotenen Kernplattformen waren in der Regel nicht in der Lage, einen gleichwertigen Ersatz anzubieten, da sie oft weder von der Leistungsfähigkeit noch von der technischen Handhabung praktikabel waren.