Nach IQB-Studie: SPD-Fraktion sieht Probleme an Grundschulen – „zu wenig Ganztagsangebote“

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KIEL. Die Landesregierungen in Schleswig-Holstein bemühen sich nach eigenem Bekunden seit Jahren um eine Verbesserung der Grundschulausbildung. Aus Sicht der oppositionellen SPD-Fraktion haben sich die Probleme jedoch wieder vergrößert. Nicht nur wegen Corona.

Absturz: Der aktuelle IQB-Viertklässler-Test ist schlechter ausgefallen als der von 2011. Illustration: Shutterstock
Absturz: Der aktuelle IQB-Viertklässler-Test ist schlechter ausgefallen als der von 2011. Illustration: Shutterstock

Die SPD-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag bemängelt eine Reihe von Problemen im Grundschulbereich des Landes. Schlechtere Ergebnisse bei Viertklässlern im IQB-Bildungstrend in den Fächern Deutsch und Mathematik könnten nicht nur mit der Corona-Krise und den damit verbundenen Schulschließungen erklärt werden, betonte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Habersaat. Die KMK-Präsidentin und schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte die Schulschließungen für den Leistungsabsturz verantwortlich gemacht, wie News4teachers berichtete.

Im Vergleich zur letzten Erhebung 2016 entsprechen die Kompetenzrückgänge Habersats Angaben zufolge im Lesen etwa einem Drittel eines Schuljahres, in Rechtschreibung und Mathematik einem Viertel. Die Studie bestätige nicht nur, dass Erfolg in der Schule stark vom Elternhaus abhänge, sondern komme zu dem Ergebnis, dass der Zusammenhang zwischen Kompetenzen und sozioökonomischem Status der Familie in allen Bereichen zugenommen habe.

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«All das sind besorgniserregende Befunde, zu denen sicherlich auch Corona und die Schulschließungen beigetragen haben», teilte Habersaat mit. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) habe allerdings auch schon von 2011 auf 2016 Verschlechterungen ausgemacht. «Die Probleme an unseren Grundschulen liegen also tiefer. Man würde es sich zu einfach machen, schöbe man alles auf Corona.»

Das Problem beginnt nach Habersaats Auffassung bereits im Kindergarten. «Noch immer fehlen in Schleswig-Holstein zigtausende Kita-Plätze. Vorhandene Einrichtungen leiden unter Personalmangel und müssen teilweise ihre Angebote einschränken.»

Weiter kritisiert der Abgeordnete: Im dritten Jahr in Folge habe es keine flächendeckenden Schuleingangsuntersuchungen im Land gegeben. Dadurch fehlten wichtige Informationen und Hilfsangebote können nicht passgenau entwickelt werden. In keinem Bundesland sei die Teilnahme an Ganztagsangeboten von Grundschulkindern so niedrig wie in Schleswig-Holstein. Nur ein knappes Drittel der Kinder sei dabei. Außerdem litten die Grundschulen unter Fachkräftemangel. Bei der Inklusion habe es in den vergangenen Jahren keine Fortschritte gegeben. News4teachers / mit Material der dpa

Unterfinanziert, unterbesetzt: Verband kritisiert Bedingungen für Grundschul-Lehrkräfte

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Lera
6 Monate zuvor

Richtig:
– Corona erklärt nur einen kleinen Teil des Leistungsrückgangs.
– mehr Kita-Plätze
– Schuleingangsuntersuchungen müssen sein. (Dann die Ergebnisse noch ernstnehmen und entsprechend handeln wäre noch besser.)

falsch:
methodisch und inhaltlich nichts ändern

Noch 5 Jahre
6 Monate zuvor

Also müssen die Kinder weg von ihren Eltern und in die Fremdbetreuung?!?
Schauriges Fazit und arme Kinder…. die mir in der kommenden Woche mehr als leid tun bei 40 Grad im Nachmittagsangebot.

Friedenstaube
6 Monate zuvor

SPD-Fraktion sieht Probleme an Grundschulen – „zu wenig Ganztagsangebote“
Diese Erklärung nennt man heutzutage wohlfeil. Die SPD nutzt ganz offensichtlich gerne die Gelegenheit, um sein Lieblingsvorhaben aktuell neu zu untermauern. Es gab aber früher auch keine Ganztagsschulen, als die Grundschulleistungen wesentlich besser waren.

Carsten60
6 Monate zuvor
Antwortet  Friedenstaube

Genau! In den letzten 10 Jahren ist gerade bei den Grundschulen die Zahl der Ganztagsschulen erheblich gestiegen, gleichzeitig sind die Ergebnisse beim IQB-Test aber gesunken. Niemand fühlt sich bemüßigt zu erklären, wie das kommt. Die Erwartungen an die Ganztagsschule sind ein Art von „Prinzip Hoffnung“, sie sind bislang nicht durch empirische Untersuchungen gedeckt. Auch ist nicht klar, ob die Ganztagsschule besser ist als Halbtagsschule plus Hort.

Petra
6 Monate zuvor

Meint man etwa, die IQB-Studie hätte etwas mit Ganztagsangeboten zu tun?
Seien wir ehrlich: der Ganztag ist nur dazu da, die Kinder länger als früher in der Schule aufzubewahren (festzuhalten), damit beide Eltern einer beruflichen Tätigkeit nachgehen und das Bruttosozialprodukt Deutschlands erhöhen können.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie dreist Maßnahmen, die nicht kindgerecht sind, als kinderfreundlich verkauft werden (können).
Und „Studien“ tragen kräftig dazu bei, mal wieder etwas zu beweisen, was bewiesen werden soll, denn wenn Studien etwas sagen, schweigt gewöhnlich der Verstand.

Carsten60
6 Monate zuvor
Antwortet  Petra

Typisch für die Behandlung des Themas sind die „23 Thesen“ hier:
https://www.ganztaegig-lernen.de/system/files/document/Webversion_23%20Thesen_DKJS_2019_1.pdf
Da wird alles mögliche postuliert, und das allermeiste könnte an Halbtagsschulen auch realisiert werden, z.B. „Ich brauche keine Angst vor der Schule zu haben“. Allein das Mittagessen scheint einen objektiven Unterschied zu definieren.
In den wissenschaftlichen Studien heißt es dann z.B.: „Ganztagsschulen sind bei guter Schulqualität gut“ oder „Ganztagsangebote fördern die psycho-soziale Entwicklung, wenn die Qualität hoch ist“. Das soll wohl suggerieren: Halbtagsschulen sind immer schlecht, selbst bei guter Schulqualität. Wobei „Qualität“ nicht etwa im Sinne von guten Testergebnissen beurteilt wird, sondern nur auf Befragungen basiert. Was die Kinder mögen, gilt als ein gutes Angebot. Da ist es plausibel, dass das mit dem IQB-Test nichts zu tun hat.

Schattenläufer
6 Monate zuvor

Standard Antwort der SPD zu Bildungsfragen.

Sind die Lehrpläne noch zeitgemäß? – Ganztagsschule
Haben wird genug Lehrer? – Ganztagsschule
G8 oder G9? – Ganztagsschule
Ist das Niveau an den Gymnasien gesunken? – Ganztagsschule
Sind die Schulgebäude veraltet? – Ganztagsschule

Das geht ganz vollständig automatisiert.

Realist
6 Monate zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Wie lässt sich „mehr Ganztag“ mit dem Lehrermangel vereinbaren? Hat sich das die SPD auch schon einmal gefragt? Oder sollen die „faulen S…“ im SPD-schröderschen Sinne einfach länger arbeiten? Während die SPD sonst überall 35-Stunden-Woche, 4-Tage-Woche usw. fordert. Scheint alles nicht für Lehrkräfte zu gelten.

Alla
6 Monate zuvor
Antwortet  Realist

Das kommt darauf an.
In SH haben wir nur den Offenen Ganztag, das bedeutet, dass sämtlicher Unterricht vor dem Mittagessen stattfindet. Danach können die Kinder weiter betreut werden oder gehen nach Hause. Das Angebot ist kostenpflichtig! Will ein Lehrer zusätzlich zu seiner normalen Unterrichtsvrrpflichtung an der OGS arbeiten, muss er sich vom Träger anstellen lassen und vom Ministerium die Erlaubnis dazu einholen. Das Gehalt wird auf Steuerklasse 6 besteuert.

Anders ist es bei der Teilgebundene Ganztagsschule ( gibt es zT in HH). Da werden einige Unterrichtsstunden an 2 Tagen in den Nachmittag verlegt. Die Teilnahme ist für die Kinder dann verpflichtend und kostenlos. Die Anzahl der Unterrichtsstunden für Lehrkräfte wird nicht erhöht, sie finden dann halt zum Teil am Nachmittag statt.
Welchen Vorteil es für GS Schüler hat, an 2 Vormittagen nur 3 bzw. 4 Uterrichtsstunden zu haben um dann in die Betreuung zu gehen und dann um 15 Uhr noch eine Unterrichtsstunde zu haben, erschließt sich mir allerdings nicht so recht! An Tagen ohne Nachmittagsunterricht dürfen die SuS sich allerdings vom Ganztag abmelden.

Alla
6 Monate zuvor

Der Ganztag wird schlecht besucht. Das stimmt, für die GS in vielen Orten in SH.
Es melden sich viele Erstklässler an, nach 3-4 Wochen geht das Abmelden los und die Eltern suchen nach anderen Betreuungsmöglichkeiten.

Warum?
Eine schlechte Hausaufgabenbetreuung die eher der Versuch ist, 25 Kinder 30 Minuten an ihren Plätzen zu halten.
Ständig wechselndes Personal, zu wenige Profis, zu viele Praktikanten und nicht pädagogische Hilfskräfte. Viele Krankheitsausfälle, ständige Fluktuation.
AGs fallen ständig aus oder finden gar nicht erst statt.
Fehlende Räumlichkeiten, die Kinder müssen den ganzen Tag die Klassenzimmer nutzen, wenn das Wetter die Nutzung des Schulhofs nicht zulässt.
Fehlende Aufsichtspersonen, weshalb es immer wieder zu unbemerkten Streit- und Mobbingsituationen kommt.
Fehlende Ruhe- und Rückzugsräume.

Deshalb gehen auch viele Kinder der 3. und 4.Klassen nach dem Mittagessen lieber nach Hause, zur Oma, zu Freunden usw, besonders wenn sie noch Hobbys nachgehen (Verein, Reiten, Musik oä).

Realist
6 Monate zuvor
Antwortet  Alla

Vernünfitger Ganztag funktioniert nur mit qualifiziertem Personal. Und das gibt es nicht für eine Handvoll Euro auf Stundenbasis für den Nachmittag. Qualifiziertes Personal wird aktuell überall gesucht. Und „überall“ wird besser gezahlt. „Ganztag“ für Schüler wird daher zwangsläufig auf „Ganztag“ für Lehrkräfte hinauslaufen. Und damit wird klar, welchen Bärendienst SPD und GEW den Lehrkräften wieder leisten… Und nach dem „Ganztag“ in der Schule ist keine einzige Klassenarbeit oder Klausur korrigiert, kein Unterricht vorbereitet, keine Konferenz abgehalten und kein Elterngespräch geführt. Da kommt dann alles nach dem „Ganztag“.

„Lehramt? Ich bin doch nicht blöd.“

Carsten60
6 Monate zuvor

Hier der Link zu dem, was Habersaat geschrieben hat:
https://www.martinhabersaat.de/2022/07/13/studien-und-politik-iqb-bildungstrend-2021/
Darin steht z.B.: „Man fühlt sich an der Schule wohl, interessiert sich aber weniger für die Fächer und hat weniger Lernzuwachs.“
Auch ein Aspekt, wenn Schulqualität daran gemessen wird, wie zufrieden die Kinder sind. Von Ganztagsschulen ist in dem Link übrigens nicht explizit die Rede.

Carsten60
6 Monate zuvor

Hier ein kleines Zitat aus einem offiziellen Bericht der Schulinspektion zu einer Berliner Gesamtschule mit Oberstufe:
„Die Schülerinnen und Schüler nutzen die Nachmittagsangebote nicht immer gern. ie Sie klagen über zu lange Schultage und sind daher nicht gewillt, über den Unterricht hinaus noch solche ergänzenden Angebote wahrzunehmen. Schülerinnen und Schüler, die nachweisen können, dass sie in einem Verein trainieren, können sich in der 7./8. Unterrichtsstunde vom AG-Angebot befreien zu (!) lassen.“
Das falsche „zu“ steht so im Bericht.
Der letzte Satz klingt jedenfalls wie das genaue Gegenteil der allgemeinen Ganztags-Euphorie: offensichtlich flüchten einige in einen Sportverein, um der Ganztagsschule dadurch zu entgehen. Ob man so auch in die Musikschule flüchten kann, steht nicht da.