BERLIN. Kitas und Schulen leeren sich, Infektionen beschäftigen momentan zahlreiche Familien. «Die Erkältungswelle schlägt früher ein, als wir es gewohnt sind. Wir haben ordentlich zu tun», sagte Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), am Dienstag. «Ich glaube, die Schlangen vor den Praxen bundesweit sind lang und die Wartezimmer voll», so der Berliner Kinderarzt. Er macht die Corona-Schutzmaßnahmen für die aktuelle Welle verantwortlich – doch dagegen regt sich fachlicher Widerspruch.
«Es sind winterliche Verhältnisse, die wir derzeit haben», berichtet Maske, der mit einem Kollegen am Montag allein in seiner Praxis 160 junge Patienten behandelte. «Das ist der Wahnsinn.» Sonst kämen etwa 90 bis 110 Kinder und Jugendliche pro Tag in die Praxis. «Im Moment ist es eher ein Durchschleusen als eine gute Medizin.» Die Kunst bestehe darin, die wirklich kranken Kinder herauszufiltern. Die Situation mache ihm und Kollegen sehr zu schaffen. «Hinzu kommt, dass wir wirklich kranke Kinder kaum noch in den Kliniken unterbringen können, weil die alle so runtergespart sind, dass sie kaum noch Betten haben.»
Service-Tweet: Es gibt kein “Infektions-Konto”, dass man abarbeiten muss, damit man am Ende des Jahres bei null ist. Wenn man sich weniger ansteckt als der Durchschnitt, dann muss man das nicht später nachholen. Man ist dann einfach weniger krank & fehlt weniger (z.B. Schule).
— Isabella Eckerle (@EckerleIsabella) November 23, 2022
Verschiedene Erkältungsviren, Influenza und RS-Viren seien momentan im Umlauf. «Wir haben eine Anhäufung von Infekten. Die Kinder sind teilweise rund um die Uhr krank und die Eltern machen sich Sorgen, dass sie gar nicht mehr gesund werden», berichtet der Arzt. Dabei seien es oft einfach viele Infekte, die aufeinanderfolgten und in der Regel harmlos seien. Durch die Corona-Pandemie und das Tragen von Masken hätten viele Kinder nicht die Möglichkeit gehabt, ihr Immunsystem zu trainieren, behauptet Maske. Hintergrund: Er und sein Verband haben über zwei Jahre lang gegen alle Corona-Schutzmaßnahmen in Schulen getrommelt (News4teachers berichtete).
“Das Immunsystem kann sich gar nicht stärken, indem es alle Erreger durchmacht. Jede Krankheit ist für ein Kind auch eine Belastung“
Prof. Dr. med. Isabella Eckerle, Leiterin der Abteilung Infektionskrankheiten an den Universitätskliniken in Genf, hält die These schlicht für Unsinn. „Es gibt kein ‚Infektions-Konto‘, dass man abarbeiten muss, damit man am Ende des Jahres bei null ist. Wenn man sich weniger ansteckt als der Durchschnitt, dann muss man das nicht später nachholen. Man ist dann einfach weniger krank & fehlt weniger (z. B. in der Schule)“, so schreibt sie auf Twitter.
Sie hat ein Interview des “Zeit-Magazins” mit dem Kinderarzt und Bestseller-Autor Dr. med. Herbert Renz-Polster retweetet (weitergeleitet), in dem er zu dem „beliebten Narrativ: Infektionen sind gut fürs Immunsystem!“ Stellung nimmt. „Schon der Umkehrschluss zeigt, dass es so einfach nicht ist: Ist ein Kind seltener krank, hat es ein schlechtes Immunsystem? Nein. Das kindliche Immunsystem ist von Anfang an gut gerüstet.“
Dass das Immunsystem durch Infektionen gestärkt werde, so Renz-Polster, stimme lediglich „in Bezug auf Erreger, die man einmal durchmacht und gegen die man dann für den Rest des Lebens geschützt ist – Kinderkrankheiten wie Masern oder Röteln, gegen die viele Kinder ja ohnehin geimpft sind. Für die Feld-Wald-Wiesen-Erreger gilt das aber nicht, und von denen gibt es bestimmt 1000. Es ist gut, wenn man da einen abgehakt hat, aber der Schutz hält oft nicht lange an, manchmal gerade mal ein paar Wochen. Und die anderen 999 warten schon auf ihre Chance. Das Immunsystem kann sich also gar nicht stärken, indem es alle Erreger durchmacht. Deswegen will ich in diese Glorifizierungs-Arie nicht einstimmen. Jede Krankheit ist für ein Kind auch eine Belastung.“ Corona auch.
Kind, 13J.
Ständige Infekte seit C19.
Aktuell wieder richtig krank.
Welchen Erreger nehmen wir denn da…?🙄 #ImmunsystemAmLimit pic.twitter.com/CdxYELInsX— Dr.C.Werner (@DrCWerner) November 27, 2022
Deshalb gibt es in der Debatte um die Folgen der Corona-Pandemie für Kinder auch eine Gegenposition, wie tagesschau.de berichtet. Eben die: Das Virus selbst könnte seine Spuren im Immunsystem hinterlassen haben – auch bei denen, die (wie die meisten Kinder) einen milden Covid-19-Verlauf hatten und keine Post-Covid-Symptome entwickelt haben. Manche Kinderärzte äußern – anders als der Verband – diese Vermutung, denn von anderen Viren ist das laut Bericht durchaus bekannt und gut belegt: Masern etwa hätten längerfristige Auswirkungen auf die T- und B-Zellen, der Immunschutz gegen andere Erreger werde schwächer: Wer eine Masern-Infektion durchgemacht hat, muss oft noch lange mit Folgeerkrankungen kämpfen.
Das hieße: Nicht die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus in Kitas und Schulen wären ursächlich für die aktuelle Situation – im Gegenteil: Zu wenig Schutz in den Klassen- und Gruppenräumen hätte für eine Durchseuchung der Kinder und Jugendlichen mit dem Coronavirus gesorgt, was sie in der Folge anfälliger für weitere Infekte macht.
“Eine starke Influenza-Epidemie/Pandemie ist nicht unwahrscheinlich in den kommenden Jahren”
Ein Hausarzt aus Bremervörde twittert deshalb auch mit Blick auf die Position des bvkj: „‘Immunschuld‘ – was für einen Schwachsinn lassen sich die Leute eigentlich noch einfallen? Das ist nichts weiter als der erneute Beweis, dass wir in der postfaktischen Zeit leben.“ Und eine Medizinerin berichtet von einem 13-jährigen Patienten, der seit seiner Coronainfektion immer wieder mit Erkrankungen zu kämpfen hat. Sie postet den aktuellen Befund für den Schüler: drei Infektionen, nämlich Rhinovirus, Haemophilus influenzae und Streptococcus pneumoniae, gleichzeitig.
Eckerle: “Eine starke Influenza-Epidemie/Pandemie ist nicht unwahrscheinlich in den kommenden Jahren. Wie man aktuell sieht, sind Kinderkliniken & auch Schulen nicht in der Lage, bei einem hohen Infektionsaufkommen noch ihren Auftrag zu erfüllen. Viel wurde in der Vergangenheit verschlafen.” News4teachers / mit Material der dpa
Kinderärzte-Verband fordert, die Durchseuchung der Lehrerschaft in Kauf zu nehmen („Berufsrisiko“)
