Klick-Bringer: Wie unreflektiert manche Eltern ihre Kinder in sozialen Medien präsentieren

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BERLIN. Kinder kommen in sozialen Medien gut an. Doch egal ob Elternstolz oder kommerzielle Interessen dahinter stehen: Die Videos sind oft noch Jahre später im Internet zu finden. Expertinnen und Experten raten zu einem sensiblen Umgang mit Kinder-Bildern.

Kinderfotos machen sich gut in sozialen Medien (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Die Youtube-Stars Nastya und Ryan gehören seit Jahren zu den erfolgreichsten ihrer Branche. Dabei sind sie noch Kinder. Millionen Menschen schauen zu, wenn sie zum Beispiel Spielzeug testen, unterhaltsame Experimente machen oder eine Stadt erkunden. Nach Schätzungen des US-Magazins Forbes verdienten die beiden damit im vergangenen Jahr 28 beziehungsweise 27 Millionen US-Dollar.

Doch nicht nur in den USA, auch hierzulande gibt es Kinder, die in den sozialen Medien viele Fans haben. «Unseren Erfahrungen nach boomt die Szene», sagt Sophie Pohle vom Deutschen Kinderhilfswerk. Das liegt zum einen daran, dass Kinder und Jugendliche ihren Vorbildern auf Youtube, Instagram oder Tiktok nacheifern wollen. Es kann aber auch finanzielle Gründe haben. «Mit Kindern lässt sich beim Influencer-Marketing viel Geld verdienen», sagt die Expertin.

Denn Kinder kommen in den sozialen Medien gut an. So ergab eine Analyse des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center der englischsprachigen Videos auf Youtube in der ersten Woche 2019, dass solche, die Kinder unter 13 Jahren zeigten, im Durchschnitt fast dreimal so oft geklickt wurden wie andere Videos.

«Die Kinder werden einfach geteilt, weil es die eigenen sind. Ihnen wird damit aber jegliche Wahl genommen, zu entscheiden, ob sie das wollen oder nicht»

«Das Teilen von Kinderinhalten hat zugenommen», bestätigt auch die Kommunikationswissenschaftlerin Claudia Lampert vom Hamburger Leibniz-Institut für Medienforschung, dem Hans-Bredow-Institut. Ganz selbstverständlich zeigen stolze Eltern ihren Nachwuchs in den sozialen Medien, posten Videos von tanzenden Kleinkindern und Foto-Storys von der Einschulung. «Für die Eltern ist das süß und witzig, für die Kinder nicht immer», sagt sie. Vor allem, weil die Videos noch Jahre später im Internet zu finden seien.

«Sharenting» – zusammengesetzt aus Share (Teilen) und Parenting (Kindererziehung) – nennen Fachleute dieses Phänomen. «Die Kinder werden einfach geteilt, weil es die eigenen sind. Ihnen wird damit aber jegliche Wahl genommen, zu entscheiden, ob sie das wollen oder nicht», kritisiert die Würzburger Psychologin Caroline Bechmann, die in der Familienberatung arbeitet und sich für einen sensibleren Umgang mit Kinder-Bildern im Netz einsetzt. Unter Umständen könne das sogar das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern stören, meint sie. «Im Einzelfall kann bei Kindern das Gefühl entstehen, dass die Eltern immer nur die Kamera auf sie halten, aber keine Zeit zum Spielen haben.»

Über virale Video-Trends wie die «Egg Crack Challenge», bei der Eltern ihren kleinen Kindern ohne Vorwarnung ein rohes Ei gegen die Stirn schlagen und diese daraufhin meist zu weinen anfangen, können Bechmann und Lampert nur den Kopf schütteln. «Die Kinder werden vorgeführt, um Clicks zu bekommen», kritisiert Lampert. «Diese Trends sind nicht lustig. Sie tun weh, emotional und körperlich», ergänzt Bechmann.

Doch es gibt noch eine andere Sorte Beiträge, die die Expertinnen ebenfalls kritisch sehen: perfekt durchchoreographierte Videos, in denen Kinder eindeutig einstudierte Sätze in die Kamera sprechen. Oder Fotos in typischer Hochglanz-Ästhetik auf den Accounts erwachsener Influencerinnen und Influencer, auf denen sie ihre Kinder unverpixelt in Szene setzen. Und das oft von Anfang an.

«Diese Kinder sind später Jugendliche und junge Erwachsene. Was macht das geballte Filmmaterial mit deren Werdegang?»

Es gebe zum Beispiel Influencerinnen, die sich mit Babybauch und später mit dem Säugling zeigten und dabei bestimmte Produkte bewerben, sagt Pohle. Dabei gewähren diese nach Angaben von Bechmann oft tiefe Einblicke in die Privatsphäre des Kindes: Man kann ihnen beim Schlafen zuschauen, sehen, wie sie gestillt werden oder zum ersten Mal Brei versuchen. «Diese Kinder sind später Jugendliche und junge Erwachsene. Was macht das geballte Filmmaterial mit deren Werdegang?», fragt sich Bechmann.

Aber auch bei vielen jungen Youtube-Stars stehen Erwachsene dahinter, denn Minderjährige brauchen die Erlaubnis der Eltern, um die Plattform zu nutzen. «Es gibt sehr viele Kanäle, die von Eltern betrieben werden», erläutert Pohle. Zum Teil stehen diese mit vor der Kamera, sind als Kommentatoren zu hören oder pflegen die Kanäle.

Natürlich macht es Kindern Spaß, Selfies und Videos aus dem eigenen Leben aufzunehmen oder anderen auf den Plattformen zu folgen. «Kinderbilder im Netz verteufeln wir nicht per se. Kinder sind Teil der Gesellschaft und sollen sichtbar sein», sagt Pohle. «In vielen Fällen können aber weder Kinder noch Erwachsene reflektieren, was passiert, wenn fremde Menschen im fünfstelligen Bereich Einblicke in die Privatsphäre bekommen.»

Problematisch findet die Expertin es, wenn Eltern ihre Kinder extra so in Szene setzen, dass diese möglichst viele Clicks bekommen. «Ab wann wird es vor allem für die Kinder zu anstrengend, die gleiche Szene immer wieder zu drehen, damit alles sitzt?» Ist das dann noch Spaß oder schon Arbeit? Spätestens dann, wenn die Kinder zum Einkommen der Familie beitragen, verschwimme die Grenze, sagt Pohle. «Die Eltern rutschen in die Rolle des Arbeitgebers. Für die Kinder ist es dann emotional schwierig, sich abzugrenzen und Nein zu sagen.» Von Irena Güttel, dpa

Soziale Medien: Aufwärtsvergleiche mindern das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen

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polly
7 Monate zuvor

Kann mir jemand erklären, wozu wir das alles überhaupt brauchen? Was wäre denn mit „da gibt es soziale Medien, aber niemand schaut hin“ ? Wo haben denn die Leute die viele Zeit her, sich überhaupt damit zu beschäftigen? Ich denke, alle sind durch Kinder und Beruf überlastet. Oder stimmt das gar nicht?

Einer
7 Monate zuvor
Antwortet  polly

Die Bezeichnung „soziale“ Medienist dich schon falsch. Es geht immer um Selbstdarstellung und/oder Angriffe auf andere. Es sind also durch und durch asozial Medien!

Monika, BY
7 Monate zuvor
Antwortet  polly

„Ich denke, alle sind durch Kinder und Beruf überlastet. Oder stimmt das gar nicht?“

Doch, es stimmt, nur manche mehr, manche doch viel weniger.

Lisa
7 Monate zuvor
Antwortet  polly

Doch, das stimmt. Aber diese Videos, die mir auch vorgeschlagen werden , sind oft sehr kurz, zwischen 30 Sekunden und 3 Minuten lang. Die Leute gucken sie zwischendurch schnell zur Entspannung wie auch Videos mit kleinen Katzen – oder Hundewelpen.

Biene
7 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Hundewelpen und Katzen haben keine Zukunft, die ihnen durch solche womöglich auch putzigen Filmchen verbaut wird. Einfach weil die Eltern gerade wieder auf einem „Elternprotztripp“ sind. (Sorry,ich habe einfach keinen passenden Begriff dafür gefunden.) Per se habe auch ich nichts gegen Fotos und Videos von den Kindern, doch die sollten bitte da bleiben, wo sie hingehören, ins analoge, PRIVATE Fotoalbum oder auf ein gut verwahrtes Speichermedium. Hier dürfen es die stolzen Eltern dann gern dem Besuch zeigen. Vorteil von dieser „veralteten“ Methode, die Eltern sehen, wer sich die Bilder anschaut.

Lisa
7 Monate zuvor
Antwortet  Biene

Ich hatte nur versucht, @Pollys Frage : Wo haben denn die Leute die viele Zeit her, sich überhaupt damit zu beschäftigen? zu beantworten, nicht es gut zu heißen.
Manches wie das man keine Fotos mehr von Klassenausflug und Einschulung machen darf, halte ich aber für schade Wir haben noch 2004 von jedem Erstklässler im Laufe des Schuljahres Fotos gemacht und jedem Kind als Überraschung am Ende des Schuljahres ein Album geschenkt. Das wäre heutzutage nicht mehr möglich.

Lanayah
7 Monate zuvor

Mir fehlt in diesem Artikel der Hinweis, dass Schulen und Lehrkräfte für dieses Problem doch irgendwie zuständig sind. Oder kommt das noch, wenn die traumatisierten Kinder aufgefangen werden müssen?

Mika
7 Monate zuvor
Antwortet  Lanayah

Das kommt noch, etwa so:
„… insbesondere Schulen kommen ihrem gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag nach, indem sie monatlich themenzentrierte Elternabende auch für Eltern von Kindern unterhalb des Grundschulalters anbieten, beispielsweise zu den Themen gesunde Ernährung, Datenschutz und Medienbildung.
Für angestellte und verbeamtete Lehrkräfte gilt dabei, dass die Vor- bzw. Nachbereitung und Durchführung solcher Veranstaltung zu ihren Dienstpflichten gehört. Der dafür notwendige zeitliche Aufwand ist daher mit dem Gehalt/ den Bezügen bereits abgegolten.“
Mal sehen, wer von den Sweet Sixteen hier mitliest und eine solche Verordnung demnächst erlässt…

Dil Uhlenspiegel
7 Monate zuvor

clickbait … der kleine Wurm als Köder am Haken für den ganz großen Fang.

GriasDi
7 Monate zuvor

Würde der Schwachsinn nicht angeklickt, würde niemand solche Videos posten.