Mit Kindern und Jugendlichen über den Nahost-Konflikt sprechen: Stresstest für Lehrkräfte

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BERLIN/DÜSSELDORF. Die derzeitige Nachrichtenlage sieht düster aus: Terror-Angriffe der Hamas gegen Israel. Mobilisierung des israelischen Militärs. Demonstrationen und Ausschreitungen auch in Deutschland. Solche Schlagzeilen dürften die Freude über das Wiedersehen nach den Herbstferien in vielen Bundesländern trüben. Gleichzeitig stehen Lehrkräfte jetzt vor der Herausforderung, angemessene Antworten für ihre Schüler zu finden – und sich klar gegen Antisemitismus zu positionieren.

Thema Nahost-Konflikt: Derzeit stellt sich die Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland das Thema aufgreifen und Antisemitismus entgegentreten können. Foto: shutterstock

Es sind grausame Bilder, die derzeit um die ganze Welt gehen – und über Smartphones und soziale Netzwerke auch Kinder und Jugendliche in Deutschland erreicht. Das stellt Schulen vor besondere Herausforderungen, denn der Konflikt wird nun teilweise auch in deutschen Klassenzimmern ausgetragen. Palästinaflaggen und Gewaltverherrlichungen auf dem Schulhof seien keine Seltenheit, wie Desirée Galert von der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ (KIgA) gegenüber der Tagesschau erklärt. Sie bekomme häufiger Anrufe von verzweifelten Lehrkräften, die Angst hätten, in die Schule zu gehen und von Konflikten berichten.

Schlagzeilen machte vergangene Woche besonders ein Fall, der sich an einer Schule in Berlin ereignet hat. An einem Gymnasium in Neukölln war es wegen einer Palästina-Flagge zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen einem Lehrer und einem Schüler gekommen (wir berichteten). Daraufhin hatte die Senatsverwaltung eine Mail mit Handlungsempfehlungen und Beratungsangeboten an die Schulen geschickt.

Angst vor Antisemitismus

In Nordrhein-Westfalen hat Schulministerin Dorothee Feller (CDU) zum Ende der Herbstferien und vor dem Hintergrund des Kriegens einen friedlichen, respektvollen Umgang an den nordrhein-westfälischen Schulen angemahnt. „Unsere Schulen stehen durch ihr Handeln für demokratische Werte ein“, so Feller am heutigen Montag in Düsseldorf. Sie wies darauf hin, dass die Schulleitungen bereits in der vergangenen Woche mit Informationsmaterialien zum Umgang mit möglichen Konflikten versorgt worden seien. „Wir haben unsere Lehrkräfte ermuntert, das Thema aktiv anzusprechen“, so die Schulministerin. „Uns ist bewusst, dass das Thema von heute an, zum Schulstart nach den Herbstferien, auch unsere Schulen bewegen wird.“

Schulleitungen berichten gleichzeitig von den Sorgen ihrer Lehrerinnen und Lehrer. In NRW gibt es zum einen die größte jüdische Gemeinschaft Deutschlands, zum anderen kann hier jeder fünfte Schüler dem muslimischen Glauben zugerechnet werden. Auseinandersetzungen scheinen vorprogrammiert. Die Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalens, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, hatte bereits im Mai darauf hingewiesen, dass Antisemitismus an Schulen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe, etwa in Form von Äußerungen und Beschimpfungen.

In der Handreichung des Schulministeriums geht es daher unter anderem um die Frage, was Lehrkräfte tun können, wen Auseinandersetzungen oder Antisemitismus in den Klassen oder auf dem Schulhof ausgetragen werden. Auch den rechtlichen Rahmen macht das Ministerium in der Handreichung noch einmal deutlich: Bei Rechtsverstößen muss in Schulen gehandelt werden. Strafrechtlich relevant seien unter anderem der Hitlergruß, das Verbreiten von Propagandamitteln und Kennzeichen (etwa das Hakenkreuz), Volksverhetzung, das Leugnen des Holocausts oder die Verletzung von Flaggen und Hoheitszeichen ausländischer Staaten.

Lehrkräfte sollen Thema angemessen aufgreifen

In Thüringen wurden die Lehrerinnen und Lehrer von Bildungsminister Helmut Holter (Linke) aufgefordert, mit ihren Schülern über den Angriff der Hamas auf Israel und seine Folgen aktiv zu sprechen. In einem Brief des Bildungsministers an die Schulen heißt es: „Ich möchte Sie bitten, die Auswirkungen der terroristischen Angriffe ernst zu nehmen und sie im Rahmen unseres pädagogischen Auftrags aufzugreifen.“ Und weiter: „Seien Sie offen für Gespräche mit Kindern und Jugendlichen, die das Thema beschäftigt.“ Es sei die Aufgabe der Lehrkräfte, Raum für Diskussionen zu schaffen, sensibel auf das Thema einzugehen und auch auf mögliche Fake-News hinzuweisen.

Keine leichte Aufgabe für Lehrerinnen und Lehrer, die dafür in der Regel nicht ausgebildet sind. In seinem Brief schreibt Helmut Holter, er habe das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien gebeten, aktuelles Material für den schulischen Bereich zur Verfügung zu stellen. Außerdem solle es noch in diesem Jahr Fortbildungen für Lehrer geben.

In Mecklenburg-Vorpommern unterstützt das Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Lehrkräfte ebenfalls mit aktuellem Material. Das Institut für Qualitätsentwicklung habe altersangemessene Inhalte zu dem folgenschweren Angriff zusammengestellt, die online heruntergeladen werden können, so das Ministerium. Und auch in Hessen hat das Kultusministerium ein umfangreiches Unterstützungspaket mit Hilfen für den Unterricht und den Umfang mit möglicherweise auftretenden Konflikten zusammengestellt. „Antisemitismus und Aggressionen gegenüber Israel sind mit unseren Werten unvereinbar und haben an unseren Schulen keinen Platz“, sagte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) laut einer Pressemitteilung. „Es ist daher wichtig, die Situation im Nahen Osten altersgemäß zu thematisieren und zu verhindern, dass sich Hassgefühle und Gewalt auch im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof ausbreiten. Dabei wollen wir den Schulen helfen.“ News4teachers mit Material der dpa

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4 Kommentare
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Lisa
8 Monate zuvor

Ich sehe ein Problem darin, dass wir nicht die gleiche Ausgangslage haben. Deutschland ist auf Grund seiner Geschichte verpflichtet, Israel zu schützen und an seiner Seite zu stehen. ( Nicht falsch verstehen, ich bin damit absolut einverstanden) Aber die jungen Leute aus dem Orient fühlen diese Verpflichtung nicht. Sie stehen auf der Seite der Palästinenser genauer gesagt der Bewegung, die eigenen Staat will. Ein neutraler Beobachter würde wieder zu einem anderen Schluss kommen und viele Ereignisse gegeneinander abwägen. Die Verhältnisse in Gaza waren auch schon vor Kriegsbeginn untragbar. Schon Südeuropa nimmt bei der Beurteilung eine andere Position ein als Deutschland. Ein Weg wäre konsequenter Pazifismus, Priorität des Lebens über allem und das Töten von Menschen zu ächten. Doch den vertritt Deutschland auch nicht, wie die Ukrainehilfe zeigt . Daher ist es wirklich verzwickt. Nur auf strafbare Handlungen Hakenkreuz und Co abzuzielen, ist ein Minimalkonsens , der jedoch die Wurzeln des Hasses nicht bekämpft. Dazu bräuchte es eine neue Ethik.

Nick
8 Monate zuvor

Leider gehört es eben nicht zur Selbstverständlichkeit, dass in einem Klassenzimmer gläubige Jungen eine Kippa tragen.

SoBitter
8 Monate zuvor
Antwortet  Nick

Das dürfte aber hauptsächlich an der geringen Anzahl jüdischer Kinder in Deutschland liegen. Allerdings hoffe ich bei den Jungs mit Kippa genauso wie bei den Mädchen mit Kopftuch, dass sie sie wirklich freiwillig ohne familiären Druck tragen.

Clemens
4 Monate zuvor

Es ist nicht der internationale Strafgerichtshof, sondern der internationale Gerichtshof, der sich mit möglichen Verletzungen der Völkermordkonvention annimmt.
Feiner Unterschied. Bitte korrigieren!