BNE-Monitoring: Nachhaltigkeit bisher nur ein „Add-on“ im Bildungssystem

8

BERLIN. Den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen haben sich Bund und Länder auf verschiedensten Ebenen verschrieben. Im Hinblick auf die Umsetzung der Bildungskampagne „Bildung für nachhaltig Entwicklung“ identifizieren Forscherinnen und Forscher allerdings noch viel Luft nach oben.

Bis 2030 soll Bildung alle Menschen in die Lage versetzen, aktiv zur Gestaltung einer nachhaltigeren Zukunft beitragen zu können. Diesem Ziel der Vereinten Nationen (UN) folgen nominell auch Bundes- und die Landesregierungen in Deutschland. Nachhaltigkeit ist in der formalen Struktur des deutschen Bildungssystems allerdings auch 24 Jahre nach Auflage des BLK-Programms 21 nur ein „Add-on“, ermittelte jetzt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin im Rahmen des nationalen Monitorings zu Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Jemand auf einem Waldweg hält in der linken Hand ein Buchenblatt vor sich, das aus Sicht des Betrachters gezeigt wird.
Trotz langjähriger Bekenntnisse ist ‚Nachhaltigkeit‘ im Bildungsbereich eine nicht ins Kerngeschäft integrierte Zusatzaufgabe geblieben. Foto: Tobias Weinhold / Unsplash.com (U.L.)

Gemeinsam untersuchten Jorrit Holst, Mandy Singer-Brodowski, Antje Brock und Gerhard de Haan insgesamt über 11.000 Dokumente aus den Bereichen Früher Bildung, Schule, berufliche Bildung und Hochschule und ließe die Ergebnisse zusätzlich von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bewerten. Hochwertige Bildung solle Menschen dazu in die Lage versetzen, an der Bewältigung der zentralen Herausforderungen ihrer jeweiligen Zeit mitwirken zu können, betonen die Autorinnen und Autoren. In Zeiten von Klima- und Biodiversitätskrise, sozialer Spannungen und zunehmender Ungleichheiten sei jungen Menschen, Lehrenden und Leitungen von Bildungseinrichtungen längst klar: Nachhaltigkeit müsste eigentlich Kernaufgabe guter Bildung sein, unterstreichen sie diesen Anspruch.

Angesichts ihrer Untersuchung gebe es hinsichtlich des Themas aber noch viel Luft nach oben. Nachhaltigkeit werde in Gesetzen, Bildungsplänen, Modulbeschreibungen, Prüfungen und anderen Dokumenten zwar zunehmend aufgegriffen, sei jedoch meist eine von vielen weiteren Nebenaufgaben. Nachhaltigkeit werde bislang meist als ein „Add-on“ aufgegriffen, das den eigentlichen Kern des Bildungssystems kaum betreffe. Zwar fänden sich in den letzten Jahren zunehmende Bezüge zu Nachhaltigkeit und dem Konzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) in allen Bildungsbereichen, die Verankerung in den Strukturen sei jedoch noch weit von den von Bund, Ländern und Vereinten Nationen gesetzten Zielen entfernt.

Zu den von den Bildungspsychologinnen und -psychologen untersuchten Dokumenten zählten besonders Curricula, Gesetze, Prüfungsordnungen und Prüfungsaufgaben aus frühkindlicher Bildung bis hin zu Hochschule und beruflicher Bildung. Bezüge zu Nachhaltigkeit fänden sich dabei oft konzentriert auf einzelne Fächer und Disziplinen, einzelne Standorte und Bundesländer. Besonders deutliche Entwicklungen seien zuletzt unter anderem in den Ausbildungsordnungen der Beruflichen Bildung sowie in den Gesetzen und Zielvereinbarungen im Hochschul­bereich erkennbar. Als größte Lücke identifiziert die Studie die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften aller Bildungsbereiche zu BNE und Nachhaltigkeit.

Mit Blick auf das UN-Ziel, alle Menschen in die Lage zu versetzen, zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen zu können, sehen Holst, Singer-Brodowski, Brock und de Haan einen großen Handlungsbedarf, Nachhaltigkeit als Kernaufgabe hochwertiger Bildung im Bildungssystem stärker zu priorisieren. Dies schließe auch daran an, dass sich junge Menschen laut weiterer Studien eine stärkere Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit in Schule, Ausbildung und den Hochschulen wünschten. Damit der Alltag an Schulen, Kitas und Hochschulen den vereinbarten Zielen entsprechen könne, müsste Nachhaltigkeit substanziell in den Strukturen des Bildungswesens integriert werden. Dies bedeute, Fragen der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit als zentrales Ziel von Kompetenzentwicklung in allen Bildungsbereichen zu verstehen. Dafür bedürfe es jedoch unter anderem der Festschreibung von Nachhaltigkeit als Kernaufgabe hochwertiger Bildung in den relevanten Gesetzen, einer umfassenden Verankerung von Nachhaltigkeit als Inhalt und Orientierung in Curricula aller Fächer und Disziplinen, sowie einer deutlichen Stärkung der inhaltlichen und methodischen Aus- und Weiterbildung zu BNE und Nachhaltigkeit. (pm)

„Wir brauchen eine neue Generation von Menschen“: 47 Organisationen schließen Pakt für eine Bildung zur Nachhaltigkeit

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

8 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Lera
5 Monate zuvor

„Als größte Lücke identifiziert die Studie die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften aller Bildungsbereiche zu BNE und Nachhaltigkeit.“

Bitte hinten anstellen, mich wollen vorher noch 42 andere mit höchster Priorität fortbilden. Scheint sehr attraktiv zu sein…

Canishine
5 Monate zuvor
Antwortet  Lera

Ein Zwei-Fach-Studium ist nun wirklich nicht genug …

Dil Uhlenspiegel
5 Monate zuvor
Antwortet  Lera

Da wir die allmächtigen Weltenlenker zu sein scheinen, haben übernatürlich alle Interesse an einem. Nur dass wir dann verbrennen und nicht mehr aus der Asche erstehen: ausgebildet.

Am Limit
5 Monate zuvor

Beispiele aus dem nicht nachhaltigen Schulalltag:

  • Studienfahrten dürfen mit dem Flugzeug gemacht werden und bei der Zielwahl gilt das Motto „möglichst weit weg“.
  • Funktionsfähige elektronische Tafeln werden im Rahmen des Digitalpakts ausgetauscht und verschrottet.
  • Die Stundenpläne vieler Kollegen (in Teilzeit) werden so gestaltet, dass diese wegen einer Unterrichtsstunde an einem Tag in die Schule fahren müssen.

Ich empfinde es äußerst fragwürdig, über Nachhaltigkeit zu reden und gleichzeitig in vielen Bereichen anders zu handeln. Ich brauche keine Fortbildung, um vieles zu erkennen und entsprechend zu handeln reicht gesunder Menschenverstand.

Lisa
5 Monate zuvor

Die Digitalisierung der Schulen ist das Gegenteil von nachhaltig. Jede Menge Elektroschrott.

Dagmar Schäfer
5 Monate zuvor

Es beginnt in unseren Grundschulen. Sie sind überlastet und schlecht aufgestellt. Weder Integration, noch Inklusion, noch Nachhaltigkeits – und Demokratiebildung oder Kompetenzaufbau für alle können so geleistet werden.
Kinder und Lehrkräfte brauchen zuerst einen verlässlichen Rahmen, damit sie diese wichtigen Qualitäten entwickeln können.
Bitte unterstütze die Petition
https://www.openpetition.de/!jxbss 

Mondmatt
5 Monate zuvor

Bei uns steht die Nachhaltigkeit explizit in Lehrplan SK.

Alx
5 Monate zuvor

Was stellen sich sie Studienautoren denn konkret vor?

Ein Viertel der Viertklässler kann nicht richtig lesen. Es wäre sehr nachhaltig, wenn sie das lernten.

Dann könnte man noch eine Solaranlage und Regenwassersammler für Strom und WC-Spülung installieren und fertig ist der Lack.

Stattdessen macht man das lieber nicht und tut so als ob.