Abitur: Gender-Sonderzeichen als notenrelevante Fehler – ohne gültige Rechtsgrundlage?

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WIESBADEN. Das Hessen-Abitur startet in der kommenden Woche. Etwa einen Monat später beginnen die Abschlussprüfungen für Haupt- und Realschüler. Anders als im vergangenen Jahr gelten dabei Genderzeichen innerhalb von Wörtern wie Doppelpunkt, Unterstrich und Sternchen als notenrelevante Fehler. Das sorgt für politischen Streit. Die Grünen werfen die Frage auf, ob das Genderverbot in der vorliegenden Form überhaupt rechtsgültig ist.

Wurde beim Genderverbot in Schulen vielleicht etwas vergessen? Foto: Shutterstock

Hessens Bildungsminister Armin Schwarz (CDU) wünscht den Prüflingen an rund 280 Schulen im Land viel Erfolg: «Das Abitur markiert einen Meilenstein im Leben aller Absolventinnen und Absolventen.» Es gelte, die Prüfungen mit Entschlossenheit zu meistern. «Ob Ausbildung, Studium oder Weltreise – nach dem Abitur öffnen sich viele Türen.»

Allerdings sorgt es in diesem Jahr auch für einen besonderen politischen Streit. Die Grünen-Opposition im Landtag hat wegen des unlängst erlassenen Genderverbots für Dienstag, 16. April, eine dringliche Sondersitzung des kulturpolitischen Ausschusses beantragt und die schwarz-rote Landesregierung um Antworten auf 15 Fragen gebeten.

Die Grünen-Fraktion ruft Schwarz-Rot erneut auf, den «Kulturkampf» auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler zu beenden. Die kurzfristige Ankündigung, Genderzeichen als notenrelevante Fehler zu werten, verunsichere die Prüflinge und sei juristisch fraglich, «da das hessische Schulrecht bisher überhaupt kein Genderverbot vorsieht».

Hintergrund: In den vergangenen drei Jahren hat das CDU-geführte Kultusministerium wegen Corona-Schulausfällen vermutet, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler die Positionierung des Rates für deutsche Rechtschreibung von 2021 kennen konnten – daher die damalige Milde bei Korrekturen. Doch das ist laut Ministerium vorbei: Jetzt sei «das Regelwerk des Rates für deutsche Rechtschreibung bei der Korrektur und Bewertung der schriftlichen Prüfungen anzuwenden» – so wie auch schon früher vor der Corona-Pandemie. Verwiesen wird auf zulässige Gendermöglichkeiten wie «Schülerinnen und Schüler».

«Dieser Aussage nach zu urteilen, gibt es in Hessen bisher keine rechtsverbindliche Regelung für alle Schulen, wonach das Gendern mit Sonderzeichen im Unterricht und in Prüfungen als Fehler zu werten ist»

Dieser Position widersprechen die Grünen ausdrücklich. «Fraglich ist, inwiefern die ausdrückliche Anweisung des Kultusministeriums der vergangenen drei Jahre tatsächlich eine Ausnahme von einer bestehenden Rechtsgrundlage darstellte und die nun erfolgte Korrekturregeländerung damit tatsächlich eine Rückkehr zu einer bestehenden Rechtsgrundlage darstellt. Denn bislang kennt das hessische Schulrecht kein ausdrückliches Genderverbot – ein solches steht in keiner der einschlägigen Verordnungen (VOGSV, VOBGM, VOGO)», so heißt es in dem Antrag.

Ein im Mai 2022 vom Kultusministerium angekündigter Gender-Erlass, «der das Gendern bzw. den Umgang damit rechtsverbindlich für alle Schulen regeln und für Klarheit sorgen» sollte, sei nie verabschiedet worden. «Dieser Aussage nach zu urteilen, gibt es in Hessen bisher keine rechtsverbindliche Regelung für alle Schulen, wonach das Gendern mit Sonderzeichen im Unterricht und in Prüfungen als Fehler zu werten ist. Demnach ist die kurzfristige Regeländerung vor Beginn der diesjährigen Abschluss- und Abiturprüfungen nicht als Rückkehr zu einer bestehenden Praxis, sondern als eine neue Regelung zu werten» – und damit in der vorliegenden Form rechtlich nicht bindend.

Die Prüfungen nach hessenweit einheitlichen Standards beginnen laut Kultusministerium am nächsten Mittwoch in den Fächern Kunst, Musik, Politik und Wirtschaft, Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Erdkunde, Religion, Informatik und Sport. Abschlusstag ist der 8. Mai mit Prüfungen in Chemie. Die ersten Vorbereitungen für die Erstellung der Aufgaben starteten bereits vor rund zwei Jahren. 48 Fachkommissionen kümmerten sich darum.

Die schriftlichen Abschlussprüfungen an Haupt- und Realschulen sind in Hessen vom 13. bis 17. Mai terminiert. An den Hauptschulen werden dafür rund 13.000 Schülerinnen und Schüler erwartet – und an den Realschulen circa 19.000 Prüflinge. News4teachers / mit Material der dpa

Kultusministerium verfügt: Gender-Sonderzeichen sind in bevorstehenden Abschlussprüfungen notenrelevante Fehler

 

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26 Kommentare
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Unfassbar
1 Monat zuvor

Profitipp: Um auf Nummer sicher zu gehen, gibt Hessen nur Abituraufgaben raus, in denen das Thema Gender keine Rolle spielt.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

„[…] nicht als Rückkehr zu einer bestehenden Praxis, sondern als eine neue Regelung zu werten.“
Eben! Hessens Regierung kann und wird diese Regeln erlassen, aber sie bitte aufhören, sich als Verfechterin der Redefreiheit (in diesem Punkt) aufzuspielen oder vor der Sprachpolizei durch andere als sie zu warnen.

Eine traurige Veranstaltung auf dem Rücken einer Minderheit. Aber hey, garantiert werden rechtsextreme Wähler*innen dadurch zurück gewonnen -___+

EureErlauchte
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Jedenfalls haben mich die Grünen als Wähler verloren. Statt Umwelt- und Klimaschutz bekommt man bei ihnen Glyphosat, Globbuli und Gendern. Achja, und Cannabis. Was noch das Beste ist.

Walter Hasenbrot
1 Monat zuvor
Antwortet  EureErlauchte

Wieso statt Umwelt und Klimaschutz? Die Grünen treiben eine sehr ambitionierte Energiewende voran. Sie ist so ambitioniert, dass noch nicht klar ist, ob sie in vollem Umfang gelingt.

Irgendwie glaube ich Ihnen nicht, dass sie je die Grünen gewählt haben.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Die Grünen haben schon viel angestoßen und müssen aufpassen, nicht (schon wieder) politisch ausgeschlachtet zu werden.
Der Ausbau der Erneuerbaren wird von manchen Grokos in einen jahrzehntelangen Prozess umgedeutet, rechte Fakenews von Wärmepumpen, kalten Wintern, teurem grünen Strom, Blackouts kommen regelmäßig und werden unkritsch hingenommen.

Zuletzt regte man sich groß darüber auf, dass eine CSU-Stadt sich auf die Zukunft vorbereitet und der Wirtschaftsminister Kund*innen vor zu hohem Netzendgeld schützen gedenkt…

Deren Politik kann man zustimmen oder widersprechen, aber die Kommunikation der Grünen muss sich dringend verbessern

Dirk Z
1 Monat zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Ich sehe ein daß eine Energiewende notwendig ist und grundsätzlich ist es gut wenn sie versuchen das auch voranzubringen. Vielleicht sollten die Grünen ihre Energie damit verwenden gemäß ihren ursprünglichen Wurzeln das Ganze auch handwerklich gut und für alle verträglich voranzubringen anstatt mit diesen anderen Thema wie Gendern, Canabis usw. sich das Volk gegen sich aufzubringen. Mit soetwas beweisen insbesondere die beiden grossen Parteien der aktuellen Ampel daß sie nicht fokussiert Probleme angehen und deswegen haben die sich in eine Ecke gebracht, wo sich jeder vernünftig denkende Mensch fragt ob die überhaupt regierungsfähig sind.

Walter Hasenbrot
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Ich stimme Ihnen zwar weitgehend zu, aber der „Volkswille“ ist keine Erfindung der Nazis. Mindestens seit Rousseau gibt es diesen problematischen Begriff, der auch schon während des Terrors der französischen Revolution missbraucht wurde.

Dirk Z
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Meine ehrliche Meinung zum Gendern und da stehe ich bei weiten nicht alleine da – ich finde es sehr anstrengend solche Texte zu lesen oder gegenderte Beiträge mir anzuhören. Diese sind unnötig aufgebläht und es macht keinen Spass sich soetwas anzutun. Und ob gegendert wird oder nicht ist für das Überleben überhaupt nicht wichtig und bringt uns auch nicht irgendwie weiter voran. Hinzu kommen bei der aktuellen Regierung die Themen Energiewende und Freigabe Canabis, die erhebliche Auswirkungen auf uns alle auch in existenzieller Form haben und wo hier handwerklich viel Murks aufgetreten ist. Und dann als I-Tüpfelchen das Genendere – und schon hat man als Regierung seine Meinung weg…

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Dirk Z

Ich will Ihre Meinung zu Dialekten gar nicht lesen müssen ^^

gilmore girl
1 Monat zuvor
Antwortet  Dirk Z

Solche Kommentare kommen irgendwie immer von Männern…hm…

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  EureErlauchte

Wen wählen Sie jetzt? Wer verspricht bei diesen Themen mehr/ besseres?

A.J. Wiedenhammer
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Es war für mich immer ein Unding (quasi die Leugnung einer staatsbürgerlichen Pflicht), aber im Augenblick tendiere ich tatsächlich zum Nichtwählen. Das sagt viel aus und finde ich selbst nicht gut. Allein, hier stehe ich…

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Kein Stress, aber bitte wählen Sie eine Quatschpartei oder parken Sie Ihre Stimme in einer Nische.

Wählen ist wie Zähneputzen: Wenn Sie es nicht machen, wirds braun 😉

Zudem fühlen sich Regierende dann in ihrem Kurs vermeindlich bestätigt.
Lieber deren Ergebnis prozentual ausdünnen, ohne Rechtsextreme zu stärken

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Diesmal bin ich vollkommen Ihrer Meinung. Mir geht es genau so wie A. J. Wiedenhammer, schon seit den 2-3 letzten Wahlen, und trotzdem gehe ich, aus den von Ihnen genannten Gründen, immer zur Wahl.Bei der letzten habe ich auch nur eine Minipartei wählen können. Ich habe sogar eine junge Kollegin mit diesen Gründen überzeugen können, zur Wahl zu gehen, die eigentlich nicht wählen wollte. Obwohl Akademikerin hatte sie nicht verstanden, dass nicht- wählen die schlechteste Option ist (Mathematik abgewählt). Vielleicht sollte man das einmal im Mathe-Unterricht der Schulen thematisieren. Viele! wissen nämlich nicht, dass nur die abgegebenen Stimmen die Wahlergebnisse beeinflussen und man als Nichtwähler evtl. die Parteien damit stärkt, die man ganz und gar nicht will!

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  EureErlauchte

Ich erweitere meine Enttäuschung auf SPD, FDP und früher die CDU, der Esotherik nicht die Stütze durch Krankenversicherungen zh kappen.

Ich weiß nicht, wie hoch hier die Kosten tatsächlich sind, aber Masernimpfungen und Corona sollten doch gezeigt haben, dass es um Vertrauen und wissenschaftliche Verfahren geht!

Küstenfuchs
1 Monat zuvor

Egal, wie man zum Gendern steht: Das Argument der Grünen ist erschreckend dumm.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Haben die etwa nur plumpe Werurteile verbreitet, anstatt ihre Meinung zu begründen?

Wombatlover
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Dann probiere ich es mal mit Argumenten:

  1. Es gibt kein Genderverbot in Hessen, nicht mal für Abiturprüfungen
  2. Dass die Verwendung von Genderzeichen in Prüfungen nicht korrekt ist, folgt eigentlich aus der Tatsache, dass der Duden als Grundlage für die Bewertung von Fehlern gilt. Und Genderzeichen sind im Duden nicht enthalten.
  3. Wenn ich noch einmal höre, dass diese Bekanntmachung für die Abiturienten zu kurzfristig ist, fange ich an zu schreien. Von einem Abiturienten erwarte ich, dass er das umsetzen kann, sobald man es ihm sagt. Seine Abiprüfungen für ein politisches Statement zu nutzen, dass aus dem Lehrer niemand sieht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.
Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Wombatlover

1. Irritierend, Medien und Politik sprechen von einem Genderverbot (https://www.zeit.de/gesellschaft/2024-03/gendersprache-verbot-hessen-landesverwaltung)
Aber kein Stress, wir wollen sensible Sprache verbieten – viel besser 😉

2. Würden wir nur die Wörter aus dem Duden verwenden und alles andere verbieten, würde sich unsere Sprache niemals weiterentwickeln – was sie tut und muss

Punkt 3 erwähnte ich nie zuvor und werde ich nie wieder erwähnen – kratzt mich nicht.

Walter Hasenbrot
1 Monat zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Egal wie man zu Ihrem Kommentar steht:

Anderen argumentlos so etwas vorzuwerfen, zeugt nicht von hoher Intelligenz.

Küstenfuchs
1 Monat zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Sie haben doch ganz offenbar die Argumente selbst gefunden. Ich dachte, sie würde so offensichtlich auf der Hand liegen, dass sie keiner Aufzählung bedürfen.

Walter Hasenbrot
1 Monat zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Immer noch keine Argumente?

Kaffeetasse
1 Monat zuvor

Komisch, bedarf es denn auch einer gesetzlichen Grundlage zur notenrelevanten Kennzeichnung anderer Rechtschreibfehler? Gründerzeichen entsprechen doch eben nicht der geltenden Rechtschreibung.

Man könnte es aber auch eventuell als Ausdruckfehler ankreiden. Wie umgangssprachliche Formulierungen. Ich will aber nur darauf hinaus, dass es dafür doch auch keiner gesetzlichen Grundlage bedarf. Oder gibt es da eine?

Chhaha
1 Monat zuvor

Von welcher Startbahn startet das Hessenabi denn?