„Euthanasie“-Programm: Schüler wollen mit Kunstprojekt an NS-Verbrechen erinnern

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BERLIN. Die heutigen Träger der Orte der damaligen NS-«Zwischenanstalten» werden als Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen kaum mit den Verbrechen in Verbindung gebracht. Das will ein Schulprojekt ändern.

Kinder und Jugendliche in einer psychatrischen Klinik 1934. Das Foto wurde für die NS-Propaganda genutzt, um Stimmung gegen Menschen mit Behinderungen zu machen. Foto: Bundesarchiv, Bild 102-15662 / CC-BY-SA 3.0

Aufgeregt stecken die Schüler die Köpfe zusammen. Vor ihnen auf dem Tisch liegen Laptops mit Bildern, die sie vor einiger Zeit im Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg in Neuruppin aufgenommen haben. Heute erinnert in der ehemaligen NS-«Zwischenanstalt» kaum mehr etwas an die Verbrechen der Nationalsozialisten. Das wollen die Schüler mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) ändern. Mit sogenannten Prompts – Befehlen für das Bildprogramm Midjourney – erstellen sie Bilder, die die Wirklichkeit und eine gedachte Wirklichkeit vermischen. Und tatsächlich tauchen plötzlich Geister auf, die durch die leeren Hallen wandeln und wie ehemalige Insassen aussehen.

Der Philosophie-Kurs der Stufe 11 des Gymnasiums Allee in Hamburg-Altona nimmt teil am bundesweiten Projekt «NS-Euthanasie erinnern – inklusive Gesellschaft gestalten» der Zeitbild-Stiftung, gefördert durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und das Bundesfinanzministerium. An fünf damaligen NS-«Zwischenanstalten» – heute meist Krankenhäuser oder Heil- und Pflegeeinrichtungen – erarbeiten die Schülerinnen und Schüler mit Künstlerinnen und Künstlern im Rahmen von Workshops die ortsspezifischen NS-Verbrechen und Opferbiografien in Form von Kunstwerken und präsentieren diese als Fassadenmalerei, Skulpturen oder Installationen im öffentlichen Raum.

«Nach wie vor gibt es zu wenige kreative und digitale Zugänge für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen, um jungen Menschen eine passende Form des Forschens und Erinnerns an die Hand zu geben», erklärt Projektleiterin Ayla Wopker von der Zeitbild-Stiftung. Neben den Ruppiner Kliniken nehmen noch die Bezirkskliniken Schwaben in Kaufbeuren (Bayern), die Klinik Langenfeld (NRW), der Kalmenhof in Idstein (Hessen) und das Klinikum Weilmünster (Hessen) teil. Bei Events vor Ort sollen die Kunstwerke und damit auch die Verbrechen der NS-Euthanasie der Öffentlichkeit präsentiert werden. Lehrkräfte können zudem digitales Unterrichtsmaterial zu dem Thema auf der Homepage der Stiftung herunterladen.

«Das, was im Nationalsozialismus passiert ist, ist zwar Geschichte. Es ist aber noch lange nicht abgeschlossen, weil die Ideologie bis heute fortwirkt. Auch heute gibt es noch Behindertenfeindlichkeit», erklärt Sonja Begalke von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) den Jugendlichen. Insgesamt hätten die Nationalsozialisten mehr als 300.000 Menschen im Rahmen der «Euthanasie»-Morde umgebracht: Menschen mit psychischen Erkrankungen, Behinderungen oder sozialen Auffälligkeiten, aber auch politisch Andersdenkende, die kurzerhand für geisteskrank erklärt worden waren. «Die Menschen waren in den Augen der Nationalsozialisten nichts wert und sollten deshalb systematisch ermordet werden», erklärt Begalke.

Die 16 bis 18 Jahre alten Schülerinnen und Schüler haben mit ihrem Philosophie- und Theaterlehrer Levin Handschuh die Ruppiner Kliniken besucht, sammelten Eindrücke, machten Fotos und setzten sich im Unterricht mit ihren Erlebnissen auseinander. Der Berliner Fotograf Boris Eldagsen unterstützte sie dabei, mit Hilfe des KI-Bildprogramms Midjourney eine digitale Bilderserie zu erstellen, die am 7. Mai auf eine Hauswand der Klinik in Neuruppin projiziert werden soll. «Mit KI zu arbeiten, ist vergleichsweise neu in den Schulen. Aber ich glaube, das wird nach und nach ein normales Werkzeug im Unterricht sein», sagte Eldagsen.

«Ich finde es sehr cool, dass wir selber kreativ werden können und wir auch zu den Orten hingefahren sind», sagt Jule Ketelhut (18). Dabei hätten sie viel über Einzelschicksale erfahren, was im normalen Unterricht nicht so oft der Fall sei. Das Schicksal eines siebenjährigen Mädchens habe sie besonders berührt, aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Pfleger einfach das ausgeführt haben, was ihnen befohlen wurde. Ihr Mitschüler Jonathan Lange (16) ist vom Einsatz der KI begeistert, da so die Geschichte wieder lebendig werden könne. «In Neuruppin gab es fast gar keine Dokumente mehr aus dieser Zeit. Die Beweise wurden alle zerstört. Und dadurch, dass wir mit der KI arbeiten, können wir Bilder erstellen, wie es damals ausgesehen haben könnte.» Von Carola Große-Wilde, dpa

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1 Kommentar
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Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Ein starkes Projekt!

Ich würde auch gerne den KI einsatz vorbehaltlos loben, möchte aber nochmals darauf hinweisen, dass massenhaft geistiges Eigentum unbezahlt verwendet wurde, um die KI zu programmieren -___-