Lehrer Sebastian Schmidt: Nicht auf die Schul-Revolution warten (die kommt nicht) – pragmatisch neues Lernen ermöglichen!

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NEU-ULM. Schlechte Nachrichten gibt es in der Bildung zuhauf. Wie wäre es dagegen mal mit etwas Optimismus? Der ist durchaus angebracht – meint der Lehrer Sebastian Schmidt, der der erweiterten Schulleitung der Inge-Aicher-Scholl Realschule Neu-Ulm angehört und sich dort insbesondere für die Digitalisierung des Unterrichts engagiert. „Ich rede nicht nur über die Transformation, ich versuche sie praktisch umzusetzen. Dabei habe ich viele Fehler gemacht, viel gelernt, vieles wieder verworfen, aber zwischendurch wohl auch manchmal etwas richtig gemacht.“ Von seinen Erfahrungen berichtet der 2019 mit dem Deutschen Lehrerpreises ausgezeichnete Pädagoge auf dem Blog flippedmathe.de. Dem ist sein folgender Beitrag entnommen.

Es kommt auf den Blickwinkel an (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Die Schule ist nicht kaputt!

In den letzten Jahren ist es immer mehr zum Trend geworden, das „System Schule“ (was auch immer das ist und wer auch immer dafür verantwortlich ist) als kaputt zu bezeichnen. Zur Untermauerung des Arguments werden gerne aus vielen Bereichen Forderungen an Schulen getragen, wie man die Kids am besten auf die Welt von morgen vorbereiten sollte.

Irgendwie kann ich das auch nachvollziehen, in einigen Bereichen braucht Schule ein Upgrade oder aber die Strukturen sind derart veraltet, dass Neuerungen oft nur on top kommen können. Ich sehe auch, dass viele „im System“ mehr und mehr die Lust verlieren – das ist sehr schade und braucht eine Veränderung.

Ich verfolge den Diskurs schon lange und möchte dann immer der Lösung auf dieses Problem auf den Grund gehen: allein – ich finde sie immer seltener. Überspitzt formuliert: Fasst man alle Forderungen an Schulen zusammen, ist eine neue Schule wahrscheinlich gar nicht möglich? Wir bewegen uns meiner Meinung nach in den meisten Diskussionen bereits in der Utopie.

Das ist ein verheerendes Signal: Untergangsszenarien und schlechte Beispiele für das Lernen finden wir mittlerweile zuhauf, echten Innovationsgeist immer weniger. Damit verhindern wir in meinen Augen eine pragmatische Veränderung, weil wir auf die Revolution warten – die in meinen Augen nicht kommt. Dazu sind viele Forderungen zu sehr von der Realität entfernt. Heute sorgen schon kleine Veränderungen in der Gesellschaft für einen Aufschrei (Beispiel Wegfall Bewertung bei Bundesjugendspielen), wie sollen radikale Veränderungen getragen werden? Aber ein neues Lernen ist jetzt möglich und dazu müssen wir nicht die Schulhäuser und „das System“ einreißen.

Gestaltungsfreiheit fordern oder nutzen?

Häufig wird am System Schule bemängelt, dass Lehrpläne veraltet sind und keine Freiheiten beinhalten. Ich habe das in den letzten Jahren anders wahrgenommen. Ich werde dem Lehrplan gerecht und habe viele Freiheiten bei der Unterrichtsgestaltung und auch z. B. in der Notengebung. Vielleicht ist das „System Schule“ zu sehr mit individuellen oder gedanklichen Traditionen (das war doch schon immer so) verheiratet, aber Freiheiten gibt es eigentlich auch genug.

Schulhaus neu bauen oder in alten Räumen individuelles Lernen ermöglichen?

Im Gespräch mit einem Fernsehmoderator wurde mir das einmal schön gespiegelt: „In der Schule in Wutöschingen findet toller Unterricht statt, das Gebäude lädt regelrecht zum Lernen ein. Ihr in Pfuhl habt ein altes Schulhaus, macht aber ähnlichen Unterricht.“ Tatsächlich ist die Alemannenschule state of the art, ganz tolle Arbeit wird da geleistet – da kommen wir auch nicht hin. Aber brauchen wir dringend das neue Gebäude? Individuelles, kooperatives oder kreatives Lernen geht auch in bestehenden Schulhäusern. Es wäre schöner, wir würden alle in Wutöschingen unterrichten, aber unser Alternativgebäude sollte nicht verhindern, guten Unterricht zu ermöglichen. Die wiederum kann man auch neu denken, Raum und Lernen kann auch ohne Umbau geöffnet werden.

Noten abschaffen oder Feedbackkultur verbessern?

Beinahe die populärste Forderung: Noten abschaffen, denn man konnte damit wenig Objektivität und kaum Auswirkungen auf das Lernen nachweisen. Ich sehe das ähnlich. Aber wie realistisch ist eine Schule ohne Noten, wenn sich halb Deutschland über das Abschaffen von Bewertungen bei den Bundesjugendspielen aufregt? Dabei wären Noten meiner Meinung nach deutlich aussagekräftiger, wenn man das Thema Feedback viel höher hängt. Ständige Begleitung von Prozessen, Feedback zu Zwischenergebnissen, ein gemeinsamer Plan fürs Bessermachen, … die Note nach solchen Prozessen ist dann das Ergebnis eines Lernwegs. Gerade das Verwenden von Tools wie bettermarks, fiete.ai, Diagnose-Tools, ANTON… sie alle könnten Lehrkräfte entlasten, damit mit mehr Feedback auch objektivere Eindrücke beim Lernen entstehen können.

Mehr von allem oder mit weniger mehr?

Bei Veränderungsprozessen wird auch auf die stärker werdende Belastung bei Lehrkräften verwiesen. Da ist auf jeden Fall etwas dran, vor allem, wenn immer weniger diesen Job machen wollen. Gleichzeitig haben wir in meinen Augen aber auch drei weitere Probleme, die behebbar sind: 1. Neuerungen planen wir on top (Hörempfehlung!), durch unsere Tradition an Schulen will man aber gleichzeitig Vieles beim Alten belassen. Das betrifft auch die Arbeit der Lehrkräfte. 2. In der Zusammenarbeit mit Kollegen könnte ich mir viel Zeit sparen – wird aber zu selten praktiziert. 3. Einige Lehrkräfte machen immer weniger, so dass andere immer mehr machen müssen.

Schüler das Lernen selbst gestalten lassen oder kompetenzorientiert fordern und fördern?

Ein gefährliches Thema. Mich nervt aber an der aktuellen Diskussion, dass man anscheinend den Kids nur genügend Freiheiten geben muss, damit Lernen gelingt. Das wiederum überfordert meiner Meinung nach das System Schule. Es gibt auch Schüler:innen, die mit Freiheiten (noch) nicht umgehen können oder diese für Dinge nutzen, die nichts mit Lernen zu tun haben. Das stört nicht nur deren Lernen. Wer den aktuellen Lehreralltag erlebt, ist immer wieder auch mit Disziplinlosigkeiten und einem Entfliehen vom Unterricht konfrontiert – nicht immer ist daran der Unterricht oder die Lehrkraft schuld. Wenn freiheitliches Lernen gelingen soll, muss auch Partizipation und einachtsames Wir hergestellt werden. Nicht durch Druck, Noten oder Disziplin, sondern durch Angebote und einer positiven Energie. Manchmal bleibt dann aber auch erst einmal die Pflicht, bis alle dabei sind und Lernangebote wahrnehmen können. Ein freiheitliches Lernen kann heute schon gestaltet werden, aber erst wenn Beteiligung sichergestellt ist.

Digitale Bildung oder Lernen in den Mittelpunkt

Die Digitale Transformation (oder Revolution?) überfordert unsere Diskussion und führt zu komischen Berichterstattungen aus dem Ausland. Die Überbetonung des Digitalen tut dem System Schule nicht gut. Unterricht ist so viel mehr als nur digital. Auch die Schulentwicklung hat mehr Themen als nur Tabletklassen.

Nimmt man das Lernen in den Mittelpunkt, können wir auch die heutige Generation gut auf die Welt von morgen vorbereiten. Dabei ist dann wieder „das Digitale“ eine wunderbare Unterstützung. Aber eine Digitale Transformation braucht erst einmal eine Transformation des Lernens – und die ist schon seit Jahren möglich und hat nichts mit dem Dauerlehrervortrag zu tun. Mich nervt an der Diskussion erst die völlige Fokussierung auf das Digitale, um dann wieder zu fordern in den Wald zu gehen oder Smartphones zu verbannen. Das gesunde Mittelmaß wäre der Weg und der ist jetzt möglich. Wir brauchen nicht den „heiligen Gral der Digitalen Transformation“ suchen, wenn das Lernen im Klassenzimmer noch im Frontalunterricht festhängt.

Neue Fächer schaffen oder Fachunterricht zukunftsfähig machen?

Eine ewige Diskussion, je nachdem, welche Unwucht in der Gesellschaft aktuell herrscht, brauchen wir neue Fächer: Glück, Resilienz, Informatik, Demokratie, Militär in die Schule, … Manchmal würde ich das befürworten, aber auch hier gibt unsere Stundentafel nicht mehr her. Aber alle genannten „Fächer“ und viele mehr können in den bestehenden Kanon integriert werden. In meinen Fächern kann ich alle oben genannten Themen unterbringen. Einerseits in der Methodik, andererseits lässt sich in so vielen Fächern ein Alltagsbezug zu aktuellen Themen auch inhaltlich darstellen. Dazu bräuchten wir eine kleine Verschlankung des Lehrplans, einen Fokus auf die Zukunftskompetenzen in jedem Fach, mehr fächerübergreifende Projekte oder sogar Projekttage zu Überthemen. Dann brauchen wir aber nicht auf neue Fächer warten, sondern können jetzt loslegen. Immer auf etwas zu warten verschleppt in meinen Augen die Veränderung.

Alternative Prüfungsformate oder… oder … oder…

Ok. Die sind alternativlos. Diese Forderung ist in meinen Augen notwendig. Damit einhergehend auch andere Abschlussprüfungen. Hier wäre es nur fahrlässig, erst auf die veränderten Formate im Abitur zu warten, bevor man Leistungsnachweise davor in andere Formate überführt. Die Schulordnungen geben diesen Spielraum oft her, in der Notengebung gibt es bei reflektiertem Vorgehen erstaunlich viele Freiheiten. Daher: jetzt Prüfungsformate ändern.

Mir ist bewusst, dass Lehrer entlastet, Bürokratie abgebaut, Infrastrukturen verbessert, Ängste ernst genommen, Lehrkräften und Schüler:innen mehr zugehört, … werden muss/müssen. Aber das hält uns nicht davon ab, jeden Tag ein wenig mehr innovatives Lernen zu initiieren. Wenn Du nur lange allen sagst, dass das System Schule grundsätzlich geändert werden muss, glaubst Du irgendwann dran, dass es kaputt ist. Wenn dann aber die Veränderung nicht kommt, bist Du mit dem Status Quo unzufrieden. Das ist für mich ein circle of shit: dadurch wird Schule nicht besser, sondern sie verharrt in der Hoffnung auf die Zukunft: „Schule muss erst…“ Dabei ist so viel Veränderung möglich und es wäre schade, den Kids von heute diese Chance zu lernen zu verwehren.

Mir gefällt diese Untergangsstimmung vor allem deshalb nicht, weil sie Innovation aufschiebt. Als gäbe es „ein System“, das sich erst verändern muss. Das System sind wir: Lehrkräfte, Eltern, Schüler, Gesellschaft, Politik … Die breite Mehrheit entscheidet, wie es weitergeht. Die Politik orientiert sich an der Mehrheit und immer nur lauter das System kaputt reden ohne Konsens in der Veränderung, wird das Problem verschieben, aber nicht ändern.

Mit mehr positivem Blickwinkel, einer wertschätzenden Haltung zu neuen Möglichkeiten des Lernens und einem reflektierten Machen, werden wir glaube ich mehr bewegen. Ich gehe wieder zurück zum #wowdw (Instagram, Bluesky, Twitter, Threads) und versuche weiterhin, Positives aus dem Lehreralltag in die Welt zu tragen. News4teachers

Ein Gastbeitrag von Bob Blume: „Es ist Zeit, aufzuwachen“ – KI wird den Unterricht radikal verändern!

 

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vhh
1 Monat zuvor

Kleine Veränderungen sorgen für einen Aufschrei, aber wir sollen nicht auf den großen Wurf warten (tut das noch jemand ernsthaft?). Bedeutet allerdings, dass wir jeden Tag, bei jeder kleinen Veränderung kämpfen. Kämpfen gegen Beharrungskräfte und externe Widerstände. Ist es ein Wunder, dass ein System als kaputt oder defizitär empfunden wird, das nicht gut funktioniert, aber von allen Seiten gegen Veränderungen verteidigt wird?
Wie stellt man ein „wir“ her, wenn immer mehr nur noch „ich“ sehen und das sind nicht nur die SuS? Wenn immer mehr verhaltensauffällige oder psychisch kranke oder förderbedürftige Kinder in den Klassen sitzen, aber die Zeit dafür gleich bleibt? Nein, auch für mich gibt es ein „ich“ und das beinhaltet, die eigene psychische und physische Gesundheit im Blick zu behalten.
Sind diverse Apps wirklich eine Entlastung bei der Bewertung? Pseudoobjektiv wird jede abgegebene Leistung identisch bewertet, aber haben nicht alle aussagekräftigen Bewertungen auch eine subjektive, schülerbezogene Komponente? Was ist, wenn die automatisch empfohlenen Lerneinheiten ganz einfach nicht erledigt werden?
Die wertschätzende Haltung, den Willen zu Verbesserungen haben fast alle Lehrkräfte. Natürlich machen wir alle Fehler, aber hier wird wieder ein viel zu einfaches „wollt ihr wirklich?“ angeboten.
Vieles ist m.E. richtig, Digitalität um ihrer selbst Willen, Beharrungsvermögen, absurde neue Fächer, alles sinnvolle Punkte. Es fehlen noch die zunehmenden Absurditäten aus den Ministerien, fern aller Alltagserfahrung. Die breite Mehrheit, die Veränderungen initiieren könnte, sehe ich nicht, denn dazu braucht man genau die Menschen, die Bundesjugendspiele ohne Punkte ablehnen. Wenn ich einen positiven Blickwinkel und eine wertschätzende Haltung habe, kann ich gewisse Dinge verbessern. Das System und vor allem dessen allgemeine Verdammung nicht, denn meine Haltung steckt Externe nicht an und bewirkt kein Umdenken. Für Eltern ist der Lehrer ein Teil des Systems…
Lehrer können nicht die gesellschaftliche Meinung ändern. „Schule ist kaputt“ ist über eine Stimmung längst hinaus, der Satz wird auch politisch instrumentalisiert, mit aller Schwarzweißmalerei die dazugehört. Positiv bleiben…, nun gut, Vorbild „Sisyphus, den wir uns als glücklichen Menschen vorstellen müssen“.

Nicki
1 Monat zuvor
Antwortet  vhh

“ .. Wenn immer mehr verhaltensauffällige oder psychisch kranke oder förderbedürftige Kinder in den Klassen sitzen, aber die Zeit dafür gleich bleibt? Nein, auch für mich gibt es ein „ich“ und das beinhaltet, die eigene psychische und physische Gesundheit im Blick zu behalten. .. “

Ja. Wenn genauer hingeschaut würde, auch psychisch kranke Lehrer. Gerade das ist ein Tabu. Es wäre dringend notwendig das zum Thema zu machen, bevor sich etwas verbessern kann.

Tobsi
1 Monat zuvor

Unterricht aufbrechen, Lernorte einrichten, homeschooling teilweise möglich machen und für Lehrkräfte 4 Tage Woche einrichten.
Zuhause gibt es genug an Planung und Vorbereitung.

Alternativ Gehalt anheben, so dass sich BWL er für Leheramt entscheiden können (könnten)

🙂

Unfassbar
1 Monat zuvor
Antwortet  Tobsi

Woher wissen Sie, dass das besser klappt als das Präsenzsystem? Die Pandemiephase zeigte, dass Heimarbeit die Eigenverantwortung der Schüler noch viel stärker erfordert als sowieso schon. Ich erwarte daher eine noch stärkere Streuung nach unten.

Tabsi
1 Monat zuvor
Antwortet  Tobsi

Es war die letzten Tage echt entspannend hier und das Forum war geprägt von Inhalten und Diskussionen (gut, über die zugrundeliegenden Welt- und Menschenbilder und das Niveau lässt sich streiten).
Und jetzt, kurz vorm Wochenende ist es wieder so weit: die Forderung nach mehr Geld und Arbeitszeitmodellen, die nicht zum Beruf passen.

Hans Malz
1 Monat zuvor
Antwortet  Tabsi

Das ist aber der einzige Kommentar, der in die Richtung geht. Der Rest der Foristen kommentiert ziemlich genau das, was ich auch erlebe.

Doreen Teacher
1 Monat zuvor
Antwortet  Tabsi

Ihr könnt ja gerne so weitermachen.
5 Tage und immer bis 18 Uhr.
Aber regt euch nicht auf, wenn es um Veränderungen und Optimierung geht.
1 -2 Homeoffice Tage wären super und für Korrekturen perfekt!!!

"Experte"
1 Monat zuvor
Antwortet  Doreen Teacher

Zwei Tage Homeoffice zum Korrigieren – ist doch jetzt schon Realität. Nennt sich Wochenende.

Pensionist
1 Monat zuvor
Antwortet  Tobsi

Ausgerechnet BWLer. Wir wissen doch alle, was die für Schüler waren!

Kompetenzfan
1 Monat zuvor

Der „heilige Grahl“ …
Das Rechtschreibsystem der Redaktion (von Microsoft) scheint doch nicht so perfekt zu sein wie es gesagt wurde. Es kennt den Gral nicht.

Lisa
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Darum geht es beim Lehrerdasein 😀 Rotstift!!! ( Das war nur Spaß)

Canishine
1 Monat zuvor

Grundsätzlich begrüße ich eine positive Einstellung zum eigenen Beruf. Es ist allerdings genau diese konstruktive Einstellung, die schon viel praktiziert wird, so dass dadurch viele Probleme nicht überhandnehmen und eben vieles doch funktioniert. Man kommt als Lehrer nur schwer darum herum, im direkten Kontakt mit den (vielen) hilfs- und unterstützungsbedürftigen Kindern nicht so einiges in Gang zu setzen und zu halten. Das Problem liegt da, wo man dieses unmittelbare Verantwortungsbewusstsein „überstrapaziert“. Dies ist vielleicht kein „kaputtes System Schule“, aber eine sehr ungünstige, herbeigeführte gesellschaftliche Entwicklung. Ich zähle im Übrigen auch das vielfach propagierte sog. „selbstbestimmte“ Lernen zu dieser Entwicklung, aber das ist eine andere Diskussion.
Ich habe nicht so sehr den Eindruck, dass Lehrerinnen und Lehrer erst eine Revolution des „kaputten Systems“ Schule erwarten, es wird eigentlich primär von Außen immer wieder formuliert, man müsse „Schule ganz neu denken“. (Hier schlägt mir die Tablet-Tastatur ein Rauchwölkchen-Symbol vor, was meine persönliche Reaktion auf diesen Slogan ganz gut beschreibt …). Ich habe eher den Eindruck, dass Lehrer einfach ihren Job machen möchten, ohne dass man ihre Arbeit ständig als (ich überspitze jetzt) unzulänglich, uninspiriert, weil unmodern und gestrig, egozentriert, empathielos und an Freiheitsberaubung grenzend den Kindern gegenüber darstellt.

Realist
1 Monat zuvor

Ich übersetze einmal:

Die Angestellten in Grünheide müssen einfach pragmatischer, wertschätzender und mit einem „positven Blickwinkel“ ranklotzen, um den Erwartungen von Herr Musk gerecht zu werden und nicht darauf hoffen, dass dieser von sich aus die Arbeitsbedingungen verbessert….

Hans Malz
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Ganz ähnlich ist es auch bei Amazon und Co … nicht auf den großen Wurf warten, sondern einfach positiv rangehen.

Hysterican
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Auch finde ich, dass die Arbeiter in Grünheide einfach mal ein wenig kreativer out-of-the-Box denken sollten und z.B. die finanziellen Belastungen, mit denen Herr Musk auch in Grünheide bei seinem zukunftweisenden Produktionen vermindern könnten, indem sie sich – z.B. wie die LuL benötigte Materialien mit ins Werk bringen und damit ihren Arbeits- und Produktionsprozess konstruktiv voranbringen … Herr Musk wird – so wie wir ihn ja kennengelernt haben, vor Dankbarkeit überschwappen und seine kooperativ und innovativ Schaffenden über den grünen Grünheider Klee loben.

Die Welt könnte so viel schöner sein, wenn wir uns alle etwas mehr „einbringen würden“

447
1 Monat zuvor

Ähm…100% konformes Gelaber?
Von einem (guten, keine Frage) Youtube-Star?

Sorry, bei allem Respekt vor der Leistung…aber das sind reine Durchhalteparolen, wirklich 100% das übliche Zeug.

Schule wird nicht als kaputt EMPFUNDEN, Schule IST in zahlreichen Standorten kaputt.

Die Lösung?
„Bleib positiv!“
„Mach einfach mal!“
„Noch mehr, mehr, mehr!“

Öhhhhhh, nein, danke.
Bei dieser Drohne läufts jetzt andersrum, die ANDEREN dürfen gerne mal „machen“.

Die Videos empfehle ich gerne trotzdem weiter. 😉

Mondmatt
1 Monat zuvor

Tolle Ideen mit einem keinen Haken.

Kreativ und innovativ sein und Spielräume ausnutzen klingt immer toll.

In der Praxis bedeutet das meist persönlichen Einsatz bis zur Grenze und darüber hinaus, verbunden mit einer kreativen Beugung des bestehenden Schulrechts bis in Grauzonen hinein.

Ich persönlich habe schmerzhaft erfahren, dass meiner Gesundheit und meinen Nerven persönliche Grenzen gesetzt sind.

Ich habe ein sehr menschliches Bedürfnis nach Freizeit und Sicherheit.

Wieso sollte ich also durch einen extrem hohen persönlichen Einsatz die institutionellen Schwächen des Schulsystems ausbessern, wenn dies institutionellen Schwächen meinen Dienstherren einen feuchten Dreck kümmern?

Wieso sollte ich persönlich die Notengebung oder andere Verwaltungsvorgänge durch kreative Auslegung der Dienstvorschriften pädagogischer gestalten?

Um mir Elternbeschwerden mit einer nachfolgenden Abmahnung ein zu fangen?

Ich liefere wie bestellt und sorge dabei dafür meine persönlichen Grenzen nicht zu überschreiten.

Missstände im Schulsystem zu beheben wäre eventuell für die Lehrer möglich. Dies aber nur auf Kosten der eigenen Gesundheit oder Sicherheit.

Grundsätzlich ist die Reform des Schulsystems jedoch Aufgabe der vorgesetzten Ministerien.

Lisa
1 Monat zuvor

Mich interessiert, wie es gelingt, dass alle Schüler mitmachen und verstehen, was sie machen sollen. Also so ganz Banales.

Hysterican
1 Monat zuvor

„Mir ist bewusst, dass Lehrer entlastet, Bürokratie abgebaut, Infrastrukturen verbessert, Ängste ernst genommen, Lehrkräften und Schüler:innen mehr zugehört, … werden muss/müssen. Aber das hält uns nicht davon ab, jeden Tag ein wenig mehr innovatives Lernen zu initiieren.“

Alles, was man vor einem ABER sagt meint man nicht so und kann daher weggelassen werden.

Zusammengefasst kann man diesem Kollegen getrost unterstellen, dass nach seiner Einschätzung alle aktuellen Probleme, Bedrängnisse, Gefährdungen, Belastungen usw. lediglich eine Frage des eigenen „mind-settings“ sind und es lediglich in unserer Hand und damit auch in unserer Verantwortung liegt, dass Schule besser, zukunftswirksamer wird und davon auch das bessere Ansehen der LuL in der Gesellschaft abhängt.

Ich wünsche dem Kollegen viel Erfolg und ein gutes Durchhaltevermögen und rufe ihm von hier aus zu „Toi-Toi-Toi!“

…für allen anderen hier meine persönliche Meinung zu solchen Positionen, die zudem dazu geeignet sind, der Kultusbürokratie zu vermitteln, dass von deren Seite keinerlei Anstrengungen unternommen werden müssen … den die LuL machen das Ganze von sich aus – gutgelaunt – positiv eingestellt und anhaltend:

Dieser völlig unangemessene Optimismus kotzt mich wahrlich an!
Und ja….ich bin einer von denen, die die Faxen dicke haben von der Fahrlässigkeit, mit der die politisch und verwalterisch Verantwortlichen dieses ursprünglich mal funktionstüchtige System – mutwillig oder auch aus Doofheit – zerstört haben.

PaPo
1 Monat zuvor
Antwortet  Hysterican

Danke! 🙂

Katze
1 Monat zuvor
Antwortet  Hysterican

Jawohl, so ist es.
Dieser völlig unangemessene Optimus kotzt mich auch an. Bis Ende der 1990-er Jahre konnte ich in meinen MINT-Fächern noch fachliche Leistung auf gymnasialem Niveau und Anstrengungsbereitschaft einfordern.
Das Verhältnis von Schülern der Oberstufe und Lehrern war von gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz geprägt. Noten spiegelten noch relativ realistisch die kognitiven Fähigkeiten (Wissen) und experimentellen Fertigkeiten (Können) der Schüler wider. Studenten waren noch studierfähig und mit Abitur nicht nur studierberechtigt.
Das alles war einmal.
Seitdem ständig neue Bildungsreformen aus Wolkenkuckucksheim, welche zum Sinkflug und zu dem disziplin- und leistungsfeindlichen Klima geführt haben, welches heute viele Lehrer psychisch krank macht oder schon krank gemacht hat.

„Wir haben ein verrücktes System geschaffen, das Menschen zu Low-Performern sozialisiert, mit denen wir nicht zukunftsfähig sind.“ Florian Becker

Viele von uns gehören (gehörten noch nie) zu diesen „Wir“. Wir haben auch die Faxen schon lange dicke. Unsere Positionen haben nie interessiert. Wir warten nicht auf eine Revolution. Wir sehen eher den Aufprall nach den (Ab)Sturzflug im deutschen Bildungssystem.

Also doch alte, renitente Pessimisten. Es wird Zeit für die wertschätzende Angestellten-Rente. Wer will sich das noch antun. Generation Z steht doch schon hochmotiviert in den Startlöchern.

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  Hysterican

Optimismus bleibt halt für die, die Realismus nicht kennen oder können.

Bernh
1 Monat zuvor

Lieber Herr Schmidt,

es braucht vielleicht doch beides. Pragmatiker, die versuchen aus der Situation heraus das beste zu machen. Ich finde das bewundernswert! Und solche Pragmatiker, die sich auch schulpolitisch zur Wehr setzen.

An deutschen Schulen werden nach Andreas Schleicher nur 17% der aufkommenden Entscheidungen selbst gefällt, in den Niederlanden sind es über 90%. Ich glaube auch nicht an eine durchbrechende Reform, schon gar nicht von oben. Aber ich glaube an die Kompetenz von engagierten Schulleitern und Lehrern (Preisträgerschulen sind die besten Beispiele): und die brauchen Gestaltungsräume! Die brauchen Freiheiten. Damit sich also (von unten) etwas bewegen kann. Und erstmal nur für diejenigen, die wollen.

Zum anderen sprechen Sie das Thema Noten an. Nicht nur für mich, auch für viele andere Experten (https://pruefungskultur.de/) ist das „die“ Stellschraube, die wir uns genauer anschauen müssten. Ich selbst bin in einer großartigen Rolle, ich gebe nur formatives Feedback und muss keine Noten machen (Montessori Lehrer 11 – 13). Somit bin ich für meine ‚Schüler‘ in der Rolle eines Trainers, der sie auf die Abschlussprüfung vorbereitet (staatliche Kollegen bewerten dann). Glauben sie mir, das verändert das Spiel gewaltig. Ich bin damit sehr glücklich, wenngleich ich mit der Art der Abschlussprüfungen alles andere als glücklich bin.
Beides gilt es zu grundlegend zu überdenken, die Rolle des Lehrers und die Art von Prüfungen. Da müssen wir ran und das können sie als Lehrer nicht ändern.

„Wir können uns die schönsten Dinge für den Lernprozess ausdenken. Lernende werden immer danach fragen, welche Prüfungen am Ende auf sie warten“ (Institut für zeitgemäße Prüfungskultur, ebd., Startseite).

Mondmatt
1 Monat zuvor
Antwortet  Bernh

Ich halte das pragmatische Umgehen einer Mehrheit der Lehrer (mich eingeschlossen) eigentlich für das Kernproblem.

Da kommen von den Ministerien mal wieder völlig realitätsfremde pädagogische Konzepte, nicht praktikable neue Vorschriften zur Notengebung oder absolut unsinnige Verwaltungsvorschriften.
Was tut der gute und erfahrene Lehrer dann?
Er erkennt sofort die daraus entstehenden Probleme und biegt die Durchführung dann so hin, dass es doch irgendwie geht und den Anschein erweckt man würde sich an die genialen Vorgaben von oben halten.

Was bewirkt dieses pragmatische Vorgehen in den Elfenbeintürmen der KMK?
Die glorreichen Herren und Frauen Minister stellen sich in einen großen Kreis und klopfen sich gegenseitig ob ihres offenkundigen Genies auf die Schulter.

Warum setzen wir den Stuss aus den Ministerien eigentlich nicht mal 1 zu 1 um.
Dann bricht eben mal jegliche Ordnung im schulischen Umfeld zusammen, der Unterrichtserfolg der SuS geht dann eben mal gegen Null oder ganze Klassenjahrgänge erhalten geschlossen die Note „sehr gut“ oder „ungenügend“ bei Anwendung der neuen Bewertungsrichtlinien.

Sofern man die Vorgaben, wie vom Ministerium vorgesehen, einhält, kann das eigentlich nicht das Problem der Lehrer sein.
Für Beschwerden der Eltern braucht man dann halt viele Zettel mit der Telefonnummer des Kumi.

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Mondmatt

Diese Drohne ist da hart am aktuellen Updatestand.
Steht so da?
Ist damit bestellt.
Wird geliefert.

Nur so wird gelernt.

vhh
1 Monat zuvor
Antwortet  Mondmatt

Viel Vergnügen beim Nachweis, die Vorgaben eingehalten zu haben. Immer „mit einem Fuß .im Knast“ wird dann schnell ziemlich real, irgendein Fehler findet sich immer.
Um ganze Jahrgänge so vor die Wand laufen zu lassen, sind Lehrer im allgemeinen nicht die passenden Menschen. Könnten sie das, wären sie vermutlich nicht Lehrer geworden…
Zugegeben, einfach mal den Schwachsinn machen, den die Vorgaben verlangen, daran habe ich auch schon öfter gedacht.

laromir
1 Monat zuvor

Klar, man muss nur genügend positive Gedanken haben und dann wird alles gut. Und während meine Gesundheit dem Bach runter geht,.weil ich ja meine Sache gut machen möchte, für SuS da sein möchte neue Dinge ausprobieren möchte, ständig am Limit arbeite und Feuer lösche, muss ich mir bloß einreden, dass es ja so viele schöne Möglichkeiten gibt und ich einfach nur besser drauf sein muss. Ich muss mir bloß einreden, dass keiner außer mir für die Veränderung verantwortlich ist und im Umkehrschluss bin ich natürlich auch verantwortlich, wenn die Dinge nicht laufen, selbst wenn ich die Begleitumstände gar nicht verursacht habe. Dann sollte ich mich mies fühlen, weil ich nicht genug Einsatz gezeigt habe. Ja, ist klar. Sehr gesundheitsförderliche Haltung. Ich kann mir Mühe geben wie ich will, ich kann die „Umweltbedingungen“ in denen ich Unterrichten nicht über meine positiven Gedanken wegzaubern. Ich kann nicht mit nicht vorhandenem Material unter nicht vorhandenen Bedingungen arbeiten und NEIN, ich kaufe das nicht von meinem Geld in meiner Freizeit!
So viele Lehrer*innen geben sich unendlich viel Mühe, sind äußerst verantwortungsvoll und den Schüler*innen zugewandt (oft über Belastungsgrenzen hinaus), zu unterstellen, man würde sich nur beklagen und Untergangszenarien propagieren ist echt unfair. Wer sich geradeso über Wasswr halten kann, der konzentriert sich aufs Überleben und nicht darauf, nebenher noch einen
neuen Schwimmstil erfinden zu müssen. Jetzt müssen andere Stellen sich mal Mühe geben, damit Lehrkräfte Kapazitäten (zeitlich wieder finanziell) für innovative Ideen bekommen. Ständige Überlastung tötet Kreativität!

Hysterican
1 Monat zuvor
Antwortet  laromir

Danke!!

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Ich teile den Optimismus des Kollegen nicht, bin aber dankbar, dass es ebensolche Kolleg*innen noch gibt, die sich zwischen Wünschen und Beschweren im Raum des Handelns eingefunden haben.

Wie gesagt, ich teile die Einschätzung nicht, sie ist mit aber immer willkommener im Vergleich zu „Die Eltern müssten das tun!“, „Die Kinder sind schuld!“ usw.