Studie zeigt global auseinander strebende Wertvorstellungen – vor allem bei Erziehung

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CHICAGO. Vielfach wurde angenommen: Werden Länder wohlhabender, nehmen Toleranz und Offenheit zu. Analysen zeigen nun, dass Staaten Asiens und Afrikas diesem westlichen Weg keineswegs folgen. Autoritäre Erziehungsvorstellungen verschwinden dort nicht – im Gegenteil.

Auf Leistungsbereitschaft wird in Chinas Schulen – hier eine Schule im Kreis Luannan – sehr viel Wert gelegt. Foto: Shutterstock / chinahbzyg

Die Wertvorstellungen westlicher und anderer Gesellschaften unterscheiden sich einer Studie zufolge zunehmend. In den vergangenen 40 Jahren seien sich Länder im Zuge von Globalisierung, Massenmedien und der Verbreitung von Technologien zwar in vielen Aspekten ähnlicher geworden – kulturelle Werte zählten jedoch nicht zwingend dazu, berichten US-Forscher im Fachmagazin «Nature Communications» über Ergebnisse wiederholter Umfragen unter rund 400.000 Menschen in 76 Ländern.

Demnach haben sich die Wertorientierungen insbesondere für Toleranz und Offenheit in den vergangenen vier Jahrzehnten zwischen Ländern auf verschiedenen Kontinenten auseinanderentwickelt. Innerhalb von Kontinenten wurden sie ähnlicher. Die Daten zeigen auch, dass sich die Wertorientierungen westlicher Länder mit hohem Einkommen besonders von denen anderer Länder unterscheiden.

Eine Theorie besagt den Forschenden zufolge, dass mit zunehmender Modernisierung und ökonomischem Wohlstand weltweit verstärkt liberale, individualistische Werte, die persönliche Rechte und Freiheiten betonen, übernommen werden. Insbesondere in asiatischen und afrikanischen Ländern ist dieser Zusammenhang aber viel weniger ausgeprägt als im Westen, wie die Studie nun zeigt. Die zunehmende Wertekluft könne Konsequenzen für die politische Polarisierung und internationale Konflikte haben, warnt das Forschungsduo Joshua Conrad Jackson und Danila Medvedev.

Demnach gibt es große Differenzen etwa bei der Beurteilung, wie wichtig es ist, Kinder zu Gehorsam zu erziehen

«Wenn die kulturellen Differenzen bei Einstellungen und Werten zunehmen, die religiöse Intoleranz wächst und gleichzeitig die Bereitschaft zur Kooperation in wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fragen abnimmt, dann können Konflikte innergesellschaftlich oder auch zwischen Gesellschaften stark zunehmen, bis hin zu militärischen Auseinandersetzungen», erklärte Roland Verwiebe von der Universität Potsdam, der selbst nicht an der Studie beteiligt war.

Das Autorenduo aus Chicago hatte Daten des World Values Survey zwischen 1981 und 2022 ausgewertet. Erfasst wurden kulturelle Unterschiede bei 40 Werten, verbunden etwa mit Offenheit, Gehorsam und Glauben. Demnach gibt es große Differenzen etwa bei der Beurteilung, wie wichtig es ist, Kinder religiöse Überzeugungen zu lehren und sie zu Gehorsam zu erziehen.

Auch bei anderen Aspekten entwickelten sich westliche und andere Länder deutlich auseinander: Während Menschen in Australien und Pakistan zum Beispiel vor Jahrzehnten Scheidungen gleichermaßen für nicht vertretbar hielten, haben sich ihre Ansichten in entgegengesetzte Richtungen entwickelt, wie Jackson und Medvedev erläutern. Eine ähnliche Entwicklung habe es beim Wert des Gehorsams von Kindern gegeben.

Die Entwicklung von Wohlstand bedeute nicht automatisch eine Angleichung von Werten, so die Forschenden. Er sei beispielsweise in Hongkong und Kanada zwischen 2000 und 2020 ähnlich gestiegen, die Akzeptanz von Homosexualität habe aber in Kanada schneller zugenommen. Auf hohe Leistungsbereitschaft von Kindern werde in Kanada inzwischen weniger, in Hongkong hingegen deutlich mehr Wert gelegt.

Zwar sehe er Einschränkungen bei der Vergleichbarkeit der Messbedingungen in den einzelnen Ländern, sagte Verwiebe, Professor für Sozialstrukturanalyse und soziale Ungleichheit. «Gleichzeitig ist aufgrund der Verwendung von sehr vielen Datenpunkten von einer sehr hohen Robustheit der Ergebnisse auszugehen, und die berichteten Trends der weltweiten Divergenz von Werten halte ich für sehr plausibel.» Es hätten sich neue Spaltungslinien zwischen westlich geprägten, sehr wohlhabenden europäischen Ländern einerseits und asiatischen und afrikanischen Staaten andererseits herausgebildet.

«Ist die Demokratie auf dem Rückzug, nimmt die Intoleranz zu»

Zudem gebe es eine weitere wesentliche Entwicklung: «Die liberalen Demokratien europäischer Prägung befinden sich weltweit zunehmend in der Defensive; in Teilen nimmt ihre Akzeptanz auch in stark demokratisch geprägten Gesellschaften deutlich ab, etwa in den Niederlanden, Frankreich, den USA und Deutschland.» Die Demokratie beruhe auf dem Ausverhandeln von Interessendifferenzen, auf Akzeptanz von Meinungsunterschieden. «Ist die Demokratie auf dem Rückzug, nimmt die Intoleranz zu.»

Auch Constanze Beierlein von der Hochschule Hamm-Lippstadt erklärte, es sei weltweit zu sehen, dass Demokratien als Ausdruck emanzipatorischer Werte unter Druck geraten und dass auch in Europa autoritäre Einstellungen und Parteien Zulauf finden, in Deutschland etwa die AfD. «Wir haben bereits erlebt, dass sich europäische Länder, wie beispielsweise Ungarn, dann politisch umorientieren und auch den Kontakt zu anderen autoritären Regimen ausbauen.»

Wenn Werte wie nationale Sicherheit und Dominanz gegenüber anderen Ländern im Mittelpunkt politischen Handelns stünden, habe das auch direkte Auswirkungen auf Deutschland, so Beierlein, Leiterin des Lehrgebiets Kulturvergleichende Sozialpsychologie und Diagnostik und selbst nicht an der aktuellen Studie beteiligt. Etwa wenn es um Ziele wie Friedenssicherung, Umweltschutz und Menschenrechte gehe, die nur gemeinsam zu erreichen seien. News4teachers / mit Material der dpa

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DerechteNorden
2 Monate zuvor

Demokratie kann aus unterschiedlichen Gründen nachlassen.
Bei uns wird das z.B. durch die Verdummung durch die „sozialen“ Medien bzw. den übermäßigen Gebrauch von KI kommen. Selbstdenkerei kommt immer mehr aus der Mode, da sie zu anstrengend ist.

Dil Uhlenspiegel
2 Monate zuvor

Abbeizhypothese:
Je mehr es den anthropogenen Klimawandel in einem Land gibt, desto demokratischer ist es eingestellt. … ne, passt nicht richtig. Je mehr man den anthropogenen Klimawandel in einem Land akzeptiert, desto demokratischer ist es eingestellt. … auch noch nicht. Je mehr der anthropogene Klimawandel in einem Land als wissenschaftliche Tatsache anerkannt ist, desto thermostatischer ist es eingestellt. … das wird ja immer schlimmer, wo will ich überhaupt hin damit? Australien oder Pakistan, Hongkong oder Kanada? Egal, irgendwas mit Breitband, damit meine Zeit schneller verrinnt: „Tik, Tok“

Strebe dieses globale Koan zu lösen ohne die Zuflucht zu Wertvorstellungen oder Anerzogenem. Und iss weniger Zucker.

Realist
2 Monate zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

„Und iss weniger Zucker.“

Und vor allem: Iss weniger Fleisch!, deshalb sollten wir die Mehrwertsteuer dafür heraufsetzen. Ist nur zu deinem Besten!

Iss stattdessen einfach Fisch! Ach ne, geht nicht wegen Überfischung der Meere und so.

Also iss doch einfach Pflnazen! Aber halt, die Flächen brauchen wir für die Energiewende: Biofuels und Platz für Solarzellen. Schließlich will auch die KI gefüttert werden, die du so gerne benutzt!

Also iss doch einfach weniger. Oder Soylent Green. Ist auch „voll Bio“!

Dil Uhlenspiegel
2 Monate zuvor
Antwortet  Realist

🙂 Jetzt sind wir im Geschäft!

Hans Malz
2 Monate zuvor
Antwortet  Realist

In Brawndo steckt, was Pflanzen schmeckt – es enthält Elektrolyte!

447
2 Monate zuvor
Antwortet  Hans Malz

Igitt, aber kein Toilettenwasser!

Dil Uhlenspiegel
2 Monate zuvor
Antwortet  447

„Ein Eau de Toilette ist leichter als ein Eau de Parfum und kann daher etwas großzügiger aufgetragen werden. Zwei Spritzer auf die Handgelenke, einen auf den Hals und auf den Bauchnabel […]“*
Moment, sind wir noch beim Thema? Ich schau mal kurz … „auseinanderstrebende Vorstellungen“ – jep, passt!

*https://www.vogue.de/artikel/eau-de-parfum-oder-eau-de-toilette-richtig-anwenden

Dil Uhlenspiegel
2 Monate zuvor
Antwortet  Hans Malz

„Gluck, gluck, weg war er.“
(Frei nach Schiller.)

Pit2020
2 Monate zuvor
Antwortet  Realist

@Realist

Jaa, ist voll Bio.

Allerdings:
Da werden ja Boomer und noch Ältere „verfüttert“ (Wer den Film nicht kennt, kann ja googeln.).
Ob DAS gesund ist?! … Also für die Boomer? 😉
Und die jüngeren werden mit ranzigem Fett buchstäblich abgespeist.

Ich weiß ja nicht, ich weiß ja nicht …

Dil Uhlenspiegel
2 Monate zuvor
Antwortet  Pit2020

„Da werden ja Boomer und noch Ältere „verfüttert“.“
Ist doch Wurst.
[Ein Beitrag zur Rechtschreibdiskussion]

Pit2020
2 Monate zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

@Dil Uhlenspiegel

„Ist doch Wurst.“
Und so trägt es sogar zum Tierwohl bei. 🙂

447
2 Monate zuvor
Antwortet  Realist

Wenn Sie so weiter reden tun, dann werden Sie rehabilitiert!

PaPo
2 Monate zuvor
Antwortet  447

„Soylent Green ist […]!“
Ach… egal, schmeckt totzdem – Armin Meiwes meint: Nach Schwein. Und er muss es wissen.

Lisa
2 Monate zuvor

Diese Entwicklung war abzusehen. Man darf das Gesicht nicht vergessen, dass die freiheitlichen Demokratien, besonders USA, in der sogenannten dritten Welt gezeigt haben, ein sehr interessegeleitetes nämlich . Sie sprachen von Werten, und ihr Wert war der Dollar. Sie haben schöne Worte von Demokratie und Menschenrechten benutzt, und hässliche Facts vorexerziert. Die Ablehnung westlicher gesellschaftlicher Werte wird eben auch als antikolonialistischer Kampf (miss) verstanden. Auch die Geschichte Osteuropas nach dem Fall der Sowjetunion ist doch nicht die Geschichte des Lichtbringers nach dem Fall des Reiches des Bösen. Diese Narrative können gar nicht eingehalten werden. Wie wäre es mit: Wir sind nicht perfekt, wir sind Menschen, wir bemühen uns und streben, doch auch wir lernen noch und brauchen Hilfe….
Was wäre sonst noch nötig? Nicht weniger als eine globale gerechte Wirtschaftsordnung, die als Basis humanistische Werte hat. Tun wir endlich, was wir gesagt haben. Und behandeln wir die anderen endlich als Gleichgestellte, ohne sie zu belehren oder abzukanzeln. Leider haben wir auch Politiker, die denken, dass nur sie die Guten sind. Das ist das Gegenteil von Diplomatie.

DerechteNorden
2 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Na ja, wenn man erlebt, wie Menschen unterdrück werden, dann ist das nicht immer so einfach, nicht versuchen zu wollen, etwas zu verändern. Insbesondere heutzutage, wo man durch die sozialen Medien ja sehr viele authentische Nachrichten, Informationen, Bilder aus allen möglichen Ländern der Erde erhält.
Das Problem ist doch, dass in jenen Ländern selbst viele Mitbürger*innen nicht als Gleichgestellte behandelt werden: Opposition, „Ungläubige“, Frauen, Menschen mit anderer sexueller Ausrichtung/Identität …

Wir könnten natürlich auch sagen: „Macht mal! Nicht unser Problem. Wir handeln mit euch. Aber helfen? Nö, müsst ihr selber sehen, wie ihr klarkommt. Ach ja, wir nehmen auch keine Leute mehr aus euren Staaten auf, wenn ihr euch wieder bekriegt oder sonstwas bei euch nicht läuft.“

wolfgang Endemann
2 Monate zuvor

„Eine Theorie besagt den Forschenden zufolge, dass mit zunehmender Modernisierung und ökonomischem Wohlstand weltweit verstärkt liberale, individualistische Werte, die persönliche Rechte und Freiheiten betonen, übernommen werden.“
Der Begriff „Modernisierung“ bezeichnet den Übergang von einer Gesellschaft mit Subsistenzwirtschaft zu einer Industriegesellschaft. Ich halte den Begriff für gerechtfertigt, aber man muß sich über seine Implikationen im Klaren sein. Er setzt eine im Großen eindeutige Entwicklungsrichtung voraus, und die ist, wenn sich die Menschheit nicht einmal atomar dezimiert, wohl unbestreitbar, es wird keine Rückkehr zu einem „einfachen Leben“ geben. Allerdings verbindet sich mit der Modernisierung oft die Vorstellung eines à la longue eindeutigen Entwicklungsziels, diese Vorstellung ist falsch. Die Selbstorganisation hochkomplexer Systeme ist ein verzweigter Graph, es gibt nicht die Zukunft, sondern eine Pluralität von Zukünften. Das müssen die westlichen Wissenschaftler wohl noch lernen, und irgendwann auch einmal die Bürger unserer Gesellschaften.
Eigentlich sollte die Wissenschaft schon weiter sein, denn es gibt mit der Kuhnschen Entwicklungstheorie, mit den unterschiedlichsten Ansätzen zur Selbstorganisation (Autopoiesis), dem (funktionalen) Strukturalismus und nicht zu vergessen der linkshegelianisch-marxistischen Gesellschaftstheorie sowie der Kritischen Theorie der Gesellschaft, die die Entwicklung richtiger als Dialektik statt als linear-kausal beschreiben und erklären, die theoretischen Grundlagen, auf denen die Entwicklung des Sozialen sehr gut verstehbar ist.
Die in der vorliegenden Studie sichtbar werdende Spaltung ist die zwischen einer individualistischen und einer kollektivistischen paradigmatischen Grundeinstellung, der Mensch ist ein Individual- sowie ein Gemeinschaftswesen, er kann sich mehr aus der Einheit und mehr aus der Einzelheit definieren. Es ist offen, ob es zu einer Koexistenz von individualistischen und kollektivistischen Gesellschaften oder zu einer neuen Synthese beider Zweige kommt (das Marxsche Ideal ist die dialektische Entwicklung von beidem, der Individualität und des integralen Gemeinsinns), die Zukunft wird gefunden und gemacht. Allerdings wird eine zu stark einseitige Gesellschaft (individuell oder kollektivistisch) zu defizitär sein, um bestehen zu können. Ein wie bisher sich entwickelnder Westen wird untergehen, wie ein Osten, der auf die individuellen Produktivkräfte verzichtet.
Ich will hier keinen Essay schreiben, daher verzichte ich darauf, die Problematik in der Frage nach autonomem „freien“ Willen und Disziplin, Autorität sowie der Entwicklung der Demokratie weiterzuverfolgen, aber das ergibt sich im Grunde schon aus dem Gesagten.