BERLIN. Union und SPD haben sich darauf geeinigt, Koalitionsverhandlungen führen zu wollen. Grundlage ist ein Papier, das in den Sondierungsgesprächen vereinbart wurde – und das auch ein Bekenntnis zur Bildung beinhaltet. Darin findet sich (neben der bereits veröffentlichten Einigung über ein 500 Milliarden Euro umfassendes Investitionsprogramm, von dem auch Schulen und Kitas profitieren sollen) eine konkrete Ankündigung: Das Startchancen-Programm – ein 20 Milliarden Euro umfassendes Förderprogramm für Schulen in besonders herausfordernden Lagen – wird auf Kitas ausgeweitet.
Unter der Überschrift „Startchancen für Kinder verbessern“ heißt es im gemeinsam von den Spitzen von Union und SPD beschlossenen Papier: „Als rohstoffarmes, von Industrie geprägtes, exportorientiertes Land sind wir auf ein leistungsfähiges, innovatives Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungssystem angewiesen. Eine hervorragende Bildung auf allen Ebenen ist dafür das Fundament. Alle Kinder und Jugendliche in Deutschland sollen gerechte und gleiche Bildungschancen für ein selbstbestimmtes Leben haben. Dazu gehören Lernfreude und Leistungsbereitschaft.“ So weit, so unkonkret.
Darüber hinaus heißt es allerdings: „Wichtig ist eine frühe Sprachdiagnostik- und förderung in der Kita und im Übergang zur Grundschule, die Sicherung des Kompetenzerwerbs in Lesen, Schreiben, Rechnen und Kommunizieren bis zum Ende von Klasse 4. Wir werden die Anzahl der Schulabbrecher deutlich reduzieren. Dafür werden wir die Sprachkitaprogramme wieder einführen und das Startchancenprogramm fortführen und weiterentwickeln sowie auf Kitas ausweiten.“
Und weiter: „Damit der Übergang ins Berufsleben besser gelingt, wollen wir gemeinsam mit den Ländern ermöglichen, dass jeder junge Mensch einen Schulabschluss und eine Ausbildung machen kann. Dafür werden wir die frühe Berufsorientierung in Schulen, in Kooperation mit den beruflichen Schulen und der Bundesagentur für Arbeit, weiter stärken, ebenso wie die Jugendberufsagenturen.“
„Unbestreitbar wird das gesamte Bildungs- und Hilfesystem unseren Kindern und Jugendlichen (…) nicht mehr gerecht‘“
Schulabbrecher reduzieren – durch mehr Förderung in den Kitas? Der Passus stammt offensichtlich aus der Feder der schleswig-holsteinischen Bildungsministerin Karin Prien, die als CDU-Vize-Bundesvorsitzende an den Sondierungsgesprächen teilnahm. Ihre Ideen, wie die Bildung in Deutschland bis 2035 verbessert werden kann, hatte sie bereits vor einigen Wochen in einer Broschüre der Wübben Stiftung Bildung dargelegt (News4teachers berichtete).
„Unbestreitbar wird das gesamte Bildungs- und Hilfesystem unseren Kindern und Jugendlichen angesichts der stark veränderten Zusammensetzung der Schülerschaft und der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr gerecht‘“, so schreibt Prien.
Und: „Bildungs- und Hilfesysteme passen nicht mehr zu den Kindern und Jugendlichen, den Schülerinnen und Schülern, die in diesen (aus-)gebildet und erzogen werden sollen. Auch Eltern und Familien nehmen ihren Erziehungs- und Bildungsauftrag heute anders wahr, im Ergebnis nicht mehr in dem Maße, in dem es erforderlich wäre, und haben zu gleich eine wachsende Anspruchshaltung gegenüber den Bildungseinrichtungen Kita und Schule. Ressourcenknappheit, insbesondere Lehrkräfte- und Personalmangel, sanierungsbedürftige Schulgebäude, intransparente Zuständigkeiten und Verantwortungsdiffusion sowie mangelnde Kooperation auf allen Ebenen werden zu nehmend öffentlich sichtbar und reihen sich ein in die allgemeine Wahrnehmung einer sinkenden Leistungsfähigkeit von Staat und Politik.“
Die CDU-Vize-Vorsitzende fordert eine strategische Neuausrichtung, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden und die Bildungsgerechtigkeit zu verbessern. Sie kritisiert eine Überbetonung quantitativer Messungen und den Mangel an strategischen Lösungen. „Der öffentliche Diskurs konzentriert sich zumeist auf die Ressourcenfrage oder verfassungsrechtliche Reformen, die aber die eigentlichen strukturellen Probleme nicht lösen können“, stellt sie fest.
Eine Verlagerung von Kompetenzen auf den Bund werde die Bildung nicht entscheidend voranbringen. Geld allein hilft ihrer Meinung nach auch nicht. „Mehr Ressourcen im Sinne einer Zukunftsquote in den Haushalten von Bund, Ländern und Kommunen sind zwar grundsätzlich erstrebenswert, aber mehr vom Gleichen wäre nicht zuletzt angesichts des Fachkräftemangels keine Lösung“, so betont sie. „Es kommt vielmehr darauf an, mit den vorhandenen Ressourcen das Richtige zu tun.“
„Eine der wichtigsten kulturellen Veränderungen, die in diesem Land erforderlich wären, ist ein Umdenken in Bezug auf die Rolle der Kitas“
Und was ist das Richtige? Prien beruft sich dabei auf den neuseeländischen Bildungsforscher Prof. John Hattie. Die Erkenntnisse in seiner jüngsten Metastudie „Visible Learning: The Sequel“ wiesen darauf hin, dass es nicht nur weiter auf die Lehrkräfte ankomme, sondern auch entscheidend auf deren Wirksamkeit. Prien: „Diese Wirksamkeit erfordert Zielklarheit im gesamten Schulsystem, eine Schulkultur des Wohlbefindens, eine Evaluationskultur auf allen Ebenen des Schulsystems in Bezug auf guten Unterricht und den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler und natürlich auch eine kohärente Datenstrategie.“
Kritik am Schulpersonal schimmert durch, wenn sie betont: „Kinder und Jugendliche wollen herausgefordert werden. Langeweile ist der größte Feind guter Bildung. Dazu gehört die konsequente, möglichst frühe zusätzliche systemische Förderung von Kindern mit schlechteren Startchancen mit und ohne Zuwanderungshintergrund – wobei sich bei allen Akteuren und Mitarbeitenden auf allen Ebenen des Schulsystems die professionelle Haltung durchsetzen muss, dass jedes einzelne Kind mit seinem Potenzial zu sehen und zu stärken ist.“
Gleichzeitig hebt sie die Bedeutung von frühkindlicher Bildung und einer stärkeren Zusammenarbeit der verschiedenen Systemebenen hervor. „Eine der wichtigsten kulturellen Veränderungen, die in diesem Land erforderlich wären, ist ein Umdenken in Bezug auf die Rolle der Kitas“, schreibt die Bildungsministerin.
Sie betont: „Kitas müssen in Deutschland endlich vom ersten Tag an als Bildungseinrichtungen anerkannt und auch tatsächlich genutzt werden. Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher ist keine Kinderbeaufsichtigung, sondern eine elementar wichtige pädagogische Begleitung in den ersten Lebensjahren. In der Kita werden Sprachdefizite schneller und einfacher behoben als in jedem anderen Lebensbereich. Kulturelle Integration und Hinführung zu Neugier und basalen Kompetenzen müssen als Vorbereitung auf die Schule in der Kita erfolgen. Im Sinne einer Priorisierung sollte ab sofort eine nationale Agenda für Kinder im Alter von 0 bis 10 Jahren im Mittelpunkt stehen – mit verbindlichen Bildungsplänen für dieses Alter und der Entwicklung eines gemeinsamen Bildungsverständnisses für Kita und Grundschule sowie einer erleichterten Kooperation der Hilfesysteme, einschließlich Datenübermittlung, die hier bildungskompensatorisch wirken sollen.“
Dabei bringt sie (mit Blick auf die Migration) auch das nun vereinbarte Startchancen-Programm für Kitas ins Spiel: „Kitas und Schulen könnten Integrationskraftwerke sein. Die Ergänzung des Startchancen-Programms um eine Kita-Säule – wiederum geknüpft an konkrete Ziele, etwa beim Erreichen sozialer Kompetenzen und der Sprachbildung, vor allem aber auch bei einer strategischen Vorbereitung auf den Übergang von der Kita zur Schule – wäre ein wichtiger erster Schritt.“ News4teachers
