KMK fordert Schulen zu besserer Demokratiebildung auf – Ressourcen dafür? Fehlanzeige

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BERLIN. Mit großen Worten ruft die Kultusministerkonferenz die Schulen in Deutschland auf, den 35. Jahrestag der Wiedervereinigung für Demokratiebildung zu nutzen. Doch der Philologenverband mahnt: Ohne zusätzliche Mittel bleibt es beim Appell.

Heiße Luft? Foto: Shutterstock

Die Bildungsministerkonferenz, der für Schulen zuständige Ableger der Kultusministerkonferenz (KMK), ruft die Schulen dazu auf, „sich dauerhaft anlässlich des 35. Jahrestags der Wiedervereinigung konkret mit Aspekten und Fragestellungen zum Thema ‚Deutsche Einheit‘, zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, mit Fragen der Demokratie- und Wertebildung und schließlich mit den Gefahren von Diktaturen auseinanderzusetzen“.

So heißt es in einer Erklärung, die die KMK heute veröffentlicht hat. Schulen werden bundesweit aufgefordert, sich mit Projekten, Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte aktiv zu beteiligen.

„Das Bekenntnis allein reicht nicht“

Die Initiative der Bildungsminister war bereits im Juni angekündigt worden. Schon damals meldete sich der Deutsche Philologenverband kritisch zu Wort (News4teachers berichtete). Dessen Bundesvorsitzende, Prof. Susanne Lin-Klitzing, machte klar: „Das Bekenntnis allein reicht nicht.“

Zwar begrüße der Verband die Betonung der Demokratiebildung, doch diese brauche Mittel. „Erinnerungskultur und auch Gedenkstättenpädagogik brauchen personelle Ressourcen, so dass Erinnerungsorte auch mit voll ausgestatteten Bildungsstellen für die Begleitung der pädagogischen Arbeit mit Schulklassen unterstützt werden.“ Lehrkräfte stellten sich täglich der Aufgabe der Demokratie- und Wertebildung – „doch angesichts eines zu hohen Stundendeputats sowie einer wachsenden Aufgabenfülle stoßen sie zunehmend an ihre Grenzen“.

Lin-Klitzing forderte ein „entschlossenes politisches Umsteuern“. Demokratiebildung müsse in den kleinen Fächern wie Politik und Geschichte gestärkt, organisatorische Freiräume geschaffen und die Auseinandersetzung mit dem Grundgesetz bereits in der ersten Phase der Lehrkräftebildung verbindlich verankert werden. „Für die Stärkung der Demokratiebildung und Erinnerungskultur braucht es jetzt nicht nur Worte, sondern Taten.“

Welche Akzente setzen die Ministerinnen?

Die Präsidentin der KMK, Simone Oldenburg (Mecklenburg-Vorpommern, Linke), erklärte: „Die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung sind Teil unserer kollektiven Erinnerung – und zugleich Auftrag für die Zukunft. Demokratiebildung bedeutet nicht nur Wissen über politische Prozesse, sondern auch das Verstehen unterschiedlicher Lebensrealitäten. Gerade die Erfahrungen der Menschen in Ostdeutschland nach der Wende zeigen: Wir müssen mehr Empathie wagen, um gesellschaftliche Brüche zu erkennen und gemeinsam zu überwinden.“

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Dorothee Feller (CDU) mahnte angesichts aktueller Herausforderungen: „Die Wiedervereinigung war eine Errungenschaft der Demokratie über die Diktatur. Gerade heute, wo demokratische Werte unter Druck geraten, müssen wir jungen Menschen zeigen, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist und wir unsere demokratische Gesellschaft mitgestalten müssen.“

Christine Streichert-Clivot, Bildungsministerin des Saarlands (SPD), hob die Rolle der Schulen hervor: „Die Erklärung macht deutlich: Demokratie braucht Herz und Haltung. Es ist unsere Aufgabe, Schülerinnen und Schüler zu ermutigen, sich aktiv in unsere Demokratie einzubringen – mit Wissen, Haltung und Engagement für unsere gemeinsame Zukunft.“

Bleibt Erinnerungskultur eine Daueraufgabe ohne Mittel?

Die Erklärung erinnert auch daran, dass die Wiedervereinigung nicht nur Befreiung und Freiheit bedeutete, sondern für viele Menschen in Ostdeutschland mit tiefgreifenden Brüchen verbunden war – von Betriebsstilllegungen über verschwundene Berufsbilder bis hin zu persönlichen Enttäuschungen im sozialen Umfeld. Diese Erfahrungen verdienen, so die KMK, besondere Aufmerksamkeit, gerade angesichts neuer gesellschaftlicher Spannungen und Polarisierung.

Im Wortlaut heißt es dazu: „Umso wichtiger wird es sein, die Geschichte erfahrbar zu vermitteln und junge Menschen auf ihrem Weg zur aktiven Teilhabe am demokratischen Prozess adressatengerecht und motivierend zu begleiten. Wir wünschen den Schulgemeinschaften kreative Ideen rund um den 35. Jahrestag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 2025, denn unsere Demokratie muss täglich neu gelebt und gelernt werden.“

Ressourcen dafür? Fehlanzeige. News4teachers 

Hier lässt sich die vollständige Erklärung im Wortlaut herunterladen. 

Ein „wegweisender Beschluss“? Die Bildungsminister feiern sich – und lassen die Schulen im Kampf um die Demokratie allein

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7 Kommentare
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Rainer Zufall
1 Monat zuvor

“Die Wiedervereinigung war eine Errungenschaft der Demokratie über die Diktatur.”
Denke ich auch, teilen so manche Forumsteilnehmenden nicht.

Was die kleinen Fächer betrifft: keine neuen Ressourcen? Ok, dann muss deimplementiert werden. Angesichts des Lehrkräftemangels können und sollten die Kultusministerien schauen, diese “kreativen Freiräume” in der Stoffverteilung schaffen.
Unser Geschichtsmaterial am SBBZ ist bspw. für 10 Jahre ausgelegt, unsere Schüler*innen bleiben aber nur neun – aber dafür haben wir immerhin zu wenig Stunden…

Hans Malz
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Was würden Sie denn genau weglassen? Vielleicht auch mal ein paar Beispiele, wie das an andern Schulformen laufen soll. Da gibt es doch bestimmt Quellen zu, die den historischen Kontext (den ja nicht unbedingt jeder Laie überschaut) berücksichtigen.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Hans Malz

Das ist ein echt hartes Problem. Habe Geschichte nicht studiert und wäre über eine Empfehlung der Expert*innen dankbar, die seitens der Kultusminister*innen durchgesetzt werden, bevor ich mir etwas zusammenschustern muss 🙁

Grillsportler
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Wozu dann überhaupt ihr Beitrag oben?

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Grillsportler

Weil ich den Stoff nur durchbekomme, wenn ich einen Weg finde, Raum und Zeit zu trotzen – aber ob das im Sinne der Geschichtsfachschaft wäre? ^^

Ich wende mich da lieber an die Expert*innen vom Fach und/ oder fordere die Verantwortlichen zu einer Entscheidung auf (unter Zurateziehen der Expert*innen).

Würde mich beim Zusammenschustern erheblich besser fühlen, ne zweite – und qialifiziertere – Meinung zu lesen

DerechteNorden
1 Monat zuvor

In SH wurden gerade auch in der Oberstufe massiv Stunden gekürzt. Z.B. im 11. Jg. Da gibt es auf das Schuljahr gerechnet jeweils nur noch eine Stunde Geschichte und Reli/Philo. Man darf aber auch entweder im ersten oder zweiten Schulhalbjahr auch eine Doppelstunde einplanen.
Frau Dr. Steinke ist doch Teil der KMK. Ach nee, die Kürzungen wurden ja noch von Frau Prien vorgenommen. …

Ohne Worte.

Lukas
1 Monat zuvor

Ehrlich gesagt kann ich das Wort “Demokratie” kaum mehr hören wegen seines inflationären Gebrauchs von allen Seiten. Jeder behauptet für sich und seine politischen Vorstellungen, damit nur die Demokratie stärken und schützen zu wollen.
Auf diese Weise kann man “Demokratie” auch überfrachten, zerreden und letztlich zu einem parteipolitischen Chamäleon machen. Und wem schadet das letztlich? Der Demokratie!!Durch verbale Inflationierung kann sie auch sinnentleert und zerstört werden.