MÜNCHEN. Eine neue Studie des ifo Instituts zeigt, dass soziale Mobilität in Deutschland deutlich abgenommen hat. Der wirtschaftliche Status der Eltern bestimmt heute stärker als früher, wie viel Kinder später verdienen. Die Befunde passen zu aktuellen Analysen über ungleich verteilte Bildungsinfrastruktur – und stellen das Leistungsversprechen des deutschen Bildungssystems grundsätzlich infrage.

Der soziale Aufstieg in Deutschland ist schwieriger geworden. Kinder aus einkommensarmen Familien bleiben als Erwachsene häufig arm, während Wohlstand aus wohlhabenden Elternhäusern in vielen Fällen weitervererbt wird. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuen Studie von Wirtschaftswissenschaftlern des Münchner ifo Instituts, über die die Zeit berichtet. Die Analyse zeigt, dass die Abhängigkeit des späteren Einkommens vom Elternhaus seit den 1970er-Jahren deutlich zugenommen hat – und inzwischen ein Niveau erreicht, das mit den Vereinigten Staaten vergleichbar ist.
Die Forscherinnen und Forscher Julia Baarck, Moritz Bode und Andreas Peichl stützen sich auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), die es erlauben, Einkommensverläufe von Eltern und ihren erwachsenen Kindern über mehrere Jahrzehnte hinweg miteinander zu verknüpfen. Erfasst werden Geburtsjahrgänge von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Gesellschaft, in der Herkunft wieder stärker über Lebenschancen entscheidet.
Konkret zeigt die Studie: Wer in einem Haushalt aufwächst, der zum untersten Viertel der Einkommensverteilung gehört, landet später in vier von zehn Fällen selbst wieder im unteren Einkommensbereich. Nur etwa zehn Prozent dieser Kinder schaffen es in die Spitzengruppe der Einkommen. Umgekehrt bleiben Kinder aus wohlhabenden Familien häufig auch im Erwachsenenalter wohlhabend. Rund 44 Prozent der Kinder aus dem obersten Einkommensviertel gehören später ebenfalls zur obersten Einkommensgruppe, drei Viertel bleiben zumindest in der oberen Hälfte der Einkommensverteilung.
Um soziale Durchlässigkeit vergleichbar zu machen, verwenden die Autoren einen Mobilitätsindikator auf einer Skala zwischen null und eins. Ein Wert von null steht für maximale Durchlässigkeit, bei der das Einkommen der Eltern keinerlei Einfluss auf die Einkommensposition der Kinder hat. Ein Wert von eins würde bedeuten, dass alle Kinder exakt die Einkommensposition ihrer Eltern einnehmen. Für Deutschland lag dieser Wert in den frühen 1970er-Jahren noch zwischen 0,1 und 0,2. Für die in den 1980er-Jahren geborenen Kohorten liegt er inzwischen oberhalb von 0,3.
In der Studie heißt es dazu: „Wir stellen fest, dass die relative intergenerationale Einkommensmobilität im Zeitverlauf deutlich zurückgegangen ist und inzwischen ein Niveau erreicht, das mit den USA vergleichbar ist.“ Weiter schreiben die Autoren: „Der Grad, zu dem die Position eines Kindes in der Einkommensverteilung durch das relative Einkommen der Eltern bestimmt wird, ist für in den 1980er-Jahren geborene Kohorten deutlich höher als für diejenigen der späten 1960er- oder frühen 1970er-Jahre.“
„Basierend auf unseren Schätzungen scheint die Einkommensmobilität in Deutschland mit der in den USA vergleichbar zu sein“
Damit widersprechen die Ergebnisse älteren Studien, die Deutschland lange eine deutlich höhere soziale Durchlässigkeit als den Vereinigten Staaten attestiert hatten. Nach Einschätzung des ifo-Teams beruhten diese Befunde jedoch auf älteren Geburtsjahrgängen und konnten den seit den 1980er-Jahren einsetzenden Rückgang der Mobilität nicht erfassen. „Basierend auf unseren Schätzungen scheint die Einkommensmobilität in Deutschland mit der in den USA vergleichbar zu sein“, halten die Autoren fest.
Als zentrale Erklärung für diese Entwicklung identifiziert die Studie die zunehmende soziale Ungleichheit beim Bildungserfolg. Zwar wurde der Zugang zu höherer Bildung seit den 1970er-Jahren politisch (von SPD-geführten Regierungen) gezielt ausgeweitet, insbesondere durch die Einführung des Bafögs und den Ausbau der Hochschulen. Doch von dieser Bildungsexpansion profitierten vor allem Kinder aus mittleren und oberen Einkommensschichten.
„Wir schlagen einen steiler werdenden Zusammenhang zwischen dem Einkommen der Eltern und dem Bildungsabschluss der Kinder als unmittelbare Erklärung vor“, schreiben die Forscher. Übersetzt bedeutet das: Der Bildungserfolg ist im Zeitverlauf stärker von der sozialen Herkunft abhängig geworden – trotz staatlicher Bemühungen, den Hochschulzugang zu öffnen. Besonders deutlich wird dies beim Hochschulabschluss. Während sich der Anteil der Akademikerinnen und Akademiker unter Kindern aus einkommensstarken Familien deutlich erhöht hat, blieb er im untersten Einkommensviertel nahezu unverändert.
In der Studie heißt es wörtlich: „Während sich der Anteil der Kinder mit Hochschulabschluss im untersten Viertel der Einkommensverteilung der Eltern im Laufe der Zeit kaum verändert hat, hat er sich bei Kindern aus einkommensstärkeren Familien etwa verdoppelt.“ Die Bildungsexpansion habe somit zwar den Aufstieg für die Mittelschicht erleichtert, die unteren sozialen Gruppen jedoch kaum erreicht.
Hinzu kommt, dass politische Weichenstellungen in den 1990er-Jahren den Trend verstärkt haben könnten. Die Autoren verweisen auf Änderungen beim bedarfsabhängigen BAföG, durch die der Zugang zur Studienfinanzierung zeitweise erschwert wurde. Diese Entwicklung habe insbesondere Kinder aus einkommensschwachen Haushalten getroffen und damit die soziale Selektivität im Bildungssystem weiter erhöht.
Bemerkenswert ist zudem der Zusammenhang zwischen sozialer Mobilität und wachsender Einkommensungleichheit. Die Studie zeigt, dass der Rückgang der intergenerationalen Mobilität zeitlich mit dem Anstieg der Einkommensungleichheit in den 1990er- und 2000er-Jahren zusammenfällt. Die Autoren sprechen von einer „intertemporalen Great-Gatsby-Kurve“: Nicht nur seien die Abstände zwischen den Einkommensgruppen größer geworden, auch die Chancen, diese Abstände zu überwinden, hätten sich verschlechtert.
Zusätzlich verweisen die Forscher auf Befunde zur sogenannten absoluten Mobilität. In einer weiteren Studie habe sich gezeigt, dass der Anteil der Kinder, die real mehr verdienen als ihre Eltern, von 81 Prozent für die Jahrgänge 1962 bis 1966 auf 59 Prozent für die Jahrgänge 1984 bis 1988 gesunken sei. Zusammengenommen, so die Autoren, zeichne dies „ein eher pessimistisches Bild der Chancen von Kindern in Deutschland“.
Diese Befunde lassen sich kaum losgelöst vom Bildungssystem betrachten. Denn Bildung ist der zentrale Mechanismus, über den sich soziale Herkunft in spätere Einkommensunterschiede übersetzt. Genau hier setzen auch jüngste Analysen zur Verteilung von Bildungschancen in Deutschland an. Wie News4teachers gestern berichtete, zeigt eine umfangreiche Datenanalyse der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass Schulen und insbesondere Gymnasien überdurchschnittlich häufig in wohlhabenden Wohngegenden angesiedelt sind. Kinder aus ärmeren Vierteln haben vielfach längere Schulwege – und schon deshalb geringere Chancen, überhaupt ein Gymnasium zu besuchen.
„Die entscheidenden Faktoren für die Bildungschancen von Kindern in Deutschland sind Bildung und Einkommen der Eltern“
Bereits der ifo-Chancenmonitor aus dem Jahr 2023 hatte offengelegt, wie stark der Gymnasialbesuch vom Elternhaus abhängt. Die Wahrscheinlichkeit reicht demnach – je nach Bildung, Einkommen und Familiensituation der Eltern – von gut 20 bis über 80 Prozent. „Die entscheidenden Faktoren für die Bildungschancen von Kindern in Deutschland sind Bildung und Einkommen der Eltern“, hatte ifo-Bildungsökonom Prof. Ludger Wößmann erklärt. Der nun vorgelegte Befund zur sinkenden Einkommensmobilität zeigt, welche langfristigen Folgen diese Ungleichheiten haben.
Wenn Bildungsangebote räumlich und sozial ungleich verteilt sind, verfestigen sich Unterschiede nicht nur im Schulalltag, sondern über ganze Erwerbsbiografien hinweg. Die neue Studie macht deutlich, dass diese Mechanismen inzwischen messbare Auswirkungen auf die gesellschaftliche Durchlässigkeit insgesamt haben. Leistung allein reicht immer seltener aus, um die soziale Position der Eltern zu überwinden.
Damit rückt die Frage nach Leistungsgerechtigkeit in ein neues Licht. Zwar gilt das deutsche Bildungssystem offiziell als leistungsorientiert, tatsächlich aber sind die Startbedingungen so ungleich, dass von gleichen Chancen kaum die Rede sein kann. Die Ergebnisse des ifo Instituts legen nahe, dass Deutschland sich zunehmend zu einer Gesellschaft entwickelt, in der vor allem soziale Herkunft über Lebenswege entscheidet – mit Folgen, die die Schulen direkt betreffen, aber weit über das Bildungssystem hinausreichen.
Denn die Entwicklung ist offensichtlich spürbar und führt bei jungen Menschen bereits zu Ernüchterung. Eine aktuelle Umfrage des Ludwig-Erhard-Forums (über die die tagesschau berichtet) zeigt, dass 41 Prozent der befragten 18- bis 25-Jährigen nicht daran glauben, dass sie es durch Fleiß und harte Arbeit in Deutschland einmal besser haben können als die Elterngeneration. Nur 16 Prozent sind noch absolut davon überzeugt, dass der soziale Aufstieg gelingen kann. Der Studie zufolge haben ein Drittel der Befragten schon mal darüber nachgedacht, Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen zu verlassen. Ebenfalls ein Drittel gibt an, dass sich die Motivation, sich mit den eigenen Fähigkeiten einzubringen und das Land voranzubringen, in den vergangenen drei Jahren nachgelassen habe.
Studienleiter Prof. Stefan Kolev untersucht in regelmäßigen Abständen das Wohlstands-Gefühl junger Menschen. Er warnt vor gravierenden Folgen des sich ausbreitenden Pessimismus: „Entweder man verlässt Deutschland oder man bleibt in Deutschland, aber man zieht sich in so eine Art innere Migration zurück. Und diese innere Migration bedeutet, dass man nicht besonders aktiv ist in der Zivilgesellschaft oder in der Wirtschaft, dass man sich in so eine Art Schneckenhäuschen zurückzieht und sagt, ich mache Dienst nach Vorschrift.”
Zu ergänzen wäre: eben auch schon beim Lernen in der Schule. News4teachers









Wir betreuen zu gut 85% Kinder aus einkommensschwachen Familien mit wenig Bezug zu Bildung. Davon haben die allermeisten Haushalte gemein, dass man darin keine Bücher findet, wohl aber die neuesten technischen Errungenschaften des Handy- und Tabletmarktes. Interessant ist also, in was genau das geringe Einkommen der Eltern investiert wird.
Bildung und Schule werden häufig nicht ernst genommen. Gerade in einkommensschwachen Familien finden wir vermehrt Schulabstinenzler wieder. Und hier schließt sich ein Kreis, aus dem diese Familien teilweise gar nicht ausbrechen wollen. Das mag paradox klingen, doch die Welt dieser Menschen ist recht einfach. Daher finden sich unter ihnen auch viele AfD-Wähler.
Ist hier ein Muster erkennbar?
Bildung muss nicht nur beim Kind, sondern auch irgendwie bei den Eltern ansetzen. Das Bewusstsein dafür, das eigene Kind richtig zu fördern und zu fordern, es zum Lesen zu animieren, es dazu zu bringen, sich in einem Verein zu engagieren – häufig fehlen genau diese Dinge in einkommensschwachen Familien. Coaches würden vom falschen “Mindset” sprechen. Dabei sind Bücher wesentlich günstiger als das neue iPhone. Aber Junior hat keine Lust aufs Lesen und möchte lieber auf dem Pausenhof mit den neuesten Geräten strunzen.
Schule kann nicht alles kompensieren, was im Elternhaus versäumt wird, auch wenn dies gerne suggeriert wird. Wie viele Programme und Schulreformen gab es in den letzten Jahren? Nichts hat sich verbessert, also wäre es nun an der Zeit, sich komplett andere Maßnahmen zu überlegen – auch außerschulische und auf die Erziehungsberechtigten bezogen.
Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Warum soll sich eine Familie/ein Jugendlicher mit überproportionalem Aufwand für Bildung engagieren, wenn daraus keine Perspektive auf sozialen Aufstieg erwächst?
Herzliche Grüße
die Redaktion
Weitere Frage, die mich immer wieder umtreibt: Warum sollte sich eine Familie/ein Jugendlicher mit überproportionalem Aufwand für Bildung engagieren, wenn man immer wieder weich fällt, wenn man nichts tut?
Richtig. Man kann das auch so lesen, dass die soziale Hängematte des Staates zu bequem gestaltet wird.
Aber in den USA ist das meines Wissens nicht der Fall, und dort ist die Aufstiegschance anscheinen auch nicht gut…
Vielleicht hinkt der Vergleich mit den USA, die nicht nur ein anderes soziales Netz haben als wir, sondern auch ein anderes Bildungssystem.
Sie meinen, dass Bildung in Deutschland keinen sozialen Aufstieg ermöglicht?
Da in meiner Heimat Bildung ein guter sozialer Lift war, versuche ich zu verstehen, was in Deutschland anders sein soll.
Weil wir mal einen Grundkonsens in der Gesellschaft hatten (auch bedingt durch Aufklärung), dass Bildung Freiheit bedeutet. Freiheit zum eigenen Denken, Freiheit vor einem Herren, Freiheit sich zu entfalten.
Es geht nicht nur ums Geld. Abgesehen davon führt hohe Bildung natürlich zu höherem Einkommen.
Hatten wir den? Oder ist das nur die (groß)bürgerliche Perspektive, in der wirtschaftliche Existenzsicherung oder gar sozialer Aufstieg naturgemäß keine Rolle spielt?
Die sozialdemokratische war eine andere:
“Die 1960er und frühen 1970er Jahre waren eine Hochphase der Bildungspolitik. Vor allem die SPD und die Gewerkschaften drängten darauf, Chancengerechtigkeit zu schaffen. Soziale Ungleichheiten sollten nicht mehr länger durch das Bildungssystem reproduziert werden, die Herkunft nicht mehr über die Zukunft entscheiden. Die Förderung von bildungsfernen Schichten sowie von Frauen wurde massiv ausgeweitet.” Quelle: https://collections.fes.de/publikationen/ident/fes/07926
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ausbildung bedeutet nicht immer einen guten Einkommen. In meiner Heimat sind Ärzte und Lehrer fast am schlechtesten bezahlte Jobs. Und trotzdem geben sich Kinder viel Mühe, Diplome zu kriegen, weil es doch Perspektiven gibt, man was gutes tut und im schlimmsten Fall kann man dahin auswandern, wo man geschätzt wird.
“Förderung von bildungsfernen Schichten” ist meiner Meinung nach unmöglich ohne mehr Disziplin seitens Familien oder mehr Druck seitens Schule, wo einzige Kinder öfter nacharbeiten müssen mit der Unterstützung von den Lehrern/Klassenkameraden.
Ihre Heimat ist Russland, stimmt’s?
Eine Kleptokratie als Vorbild? Gerne hier nachlesen: https://www.buergerundstaat.de/23_01/russland11.htm
“Bildungswesen in Russland: Denken unerwünscht” – gerne hier nachlesen: https://sacharow.de/briefing-akademische-freiheit-russland-gruska
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ist das denn so? Ist es tatsächlich der Regelfall, dass überproportional großes Engagement für die eigene und die Bildung der Kinder keine Perspektiven für einen sozialen Aufstieg (was genau verstehen Sie darunter? Den Aufstieg von Unterschicht zu Mittelschicht? Von Mittelschicht zu Oberschicht? Was ganz anderes?) bietet? Bedeutet also im Regelfall: Ich kann mich für die Bildung meines Kindes engagieren, mich mit ihm hinsetzen und Vokabeln abhören, ihm den Wert von Bildung vermitteln, es zum Lernen anhalten – oder ich kann es auch einfach sein lassen, denn mein Kind hat keine Chance auf „sozialen Aufstieg“? Bedeutet das auch, dass ein einfacher Arbeiter minderwertig ist gegenüber einem Arzt? Handwerker minderwertig gegenüber Philosoph? Elon Musk ist die Krone der Schöpfung, weil er die meiste Kohle hat?
Nee, ich hab ein anderes Wertesystem.
Es geht um handfeste materielle Werte. Herzliche Grüße Die Redaktion
@Redaktion
“Es geht um handfeste materielle Werte.”
Ah so.
Was ist der Unterschied zwischen Smartphone und Buch? – Das Buch zeigt grundsätzlich keine Filmchen. (Altersbeschränkung der Filmchen ist in dem Fall egal.) 😉
Was genau meinen Sie? Dass Personen mit Abitur per se besser verdienen würden (gern über das gesamte Leben nach dem ersten Schulabschluss gerechnet und nicht nur ab Berufseintritt) und dass dieser Verdienst das einzige Kriterium der Berufswahl ist? Ich bezweifle stark, dass ein Abiturient per se mehr verdient als ein Mensch mit MSA. Das kommt doch sehr auf den dann erlernten Beruf an und das, was man selbst draus macht.
Des Weiteren: sollten „handfeste materielle Werte“, sprich: das Maximaleinkommen, das einzige Kriterium sozialen Aufstiegs sein, dann gute Nacht, Marie. (Das stimmt meiner Ansicht nach auch nicht: meines Wissens sind Lottomillionäre nicht zwangsläufig in der gesellschaftlichen Oberschicht unterwegs.
Nach Ihrem Argument sind alle dämlich, welche ihren Berufsweg nach ihren Interessen und nicht nach dem zu erzielenden Einkommen ausrichten.
Ehrlich jetzt?
Wir reden zum Beispiel darüber, dass junge Menschen aus Ostdeutschland (wo wenig vererbt wird) kaum Chancen haben, gesellschaftlich aufzusteigen.
Wir reden auch darüber, dass Spitzenpositionen in der Wirtschaft nicht nach Leistung, sondern nach sozialer Herkunft vergeben werden.
Wir reden dann darüber, dass “Leistung” am Ende in dieser Gesellschaft nur eine hohle Phrase ist, weil es darum gar nicht geht.
Und wir reden auch darüber, dass junge Menschen sich alternative “Karrieren” suchen, wenn das bürgerliche Versprechen “Aufstieg durch Leistung” nicht mehr gilt.
Schließlich reden wir darüber, was aus einem Land wird, das sich zunehmend zur Oligarchie entwickelt.
Kein Problem? Na, dann…
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Wie soll man das verstehenß
Sollen Lehrkräfte etwa Kindern aus der unteren sozioökonomischen Schicht davon abraten höhere Schulabschlüsse und akademische Abschlüsse zu erwerben, weil das den Aufwand eh nicht rentieren würde?
Bücher zu lesen und sich mit seinem eigenen Kind sinnvoll zu beschäftigen, damit es gefordert und gefördert wird, ist für Sie ein „überproportionaler Aufwand“?
Wir reden über Menschen, die um ihre Existenzsicherung kämpfen müssen – wie diese hier: https://www.youtube.com/watch?v=drW5aYQBSd0
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ist das die Regel?
So kann man Faulheit und Bequemlichkeit auch legitimieren. Ein Buch mit meinem Kind zu lesen, das ist doch kein überproportionaler Aufwand- aber macht halt Mühe. Für eine vermeintlich fehlende Perspektive kann man gut anderen die Schuld geben. Der Verantwortung für mein und das Leben meiner Kinder enthebt mich das nicht.
Lässt sich immer schön leicht fordern, wenn man selbst nicht betroffen ist. Hier mal ein Stückchen Realität: https://www.youtube.com/watch?v=VhaV71gwNUU
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Sorry, aber das Problem liegt hier doch darin, dass Herr Merz und Konsorten enorm weit entfernt vom normalen Leben sind und deshalb Familienpolitik kaum stattfindet. Das Finanz- und Zeitproblem insbesondere alleinerziehender Eltern könnte doch einfach gelöst werden, indem Eltern je nach Alter/Bedarf des Kindes Arbeitszeit bezahlt reduzieren können.
Die nachvollziehbare finanzielle und zeitliche Überforderung insbesondere alleinerziehender Eltern erklärt bzw. begründet doch aber nicht Ihre (von mir zugespitzte) Aussage, dass das Engagement von Eltern und Kindern im Bildungsbereich diesen nichts bringen würde, weil eh kein „sozialer Aufstieg“ möglich wäre (das bezieht sich dann übrigens auf alle gesellschaftlichen Schichten).
Das ist stark vereinfacht, ich sehe das als Henne/Ei-Problem für das die Studien in der hier referierten Form kaum Belege liefern. Nur die Umfrage des Ludwig-Erhard-Forums bietet da Hinweise. Diese Einstellung fällt aber auch zusammen mit einem Pessimismus, der oft verwendet wird, um jedem Aufwand aus dem Weg zu gehen, ebenso mit einem Bild von ‘Erfolg’, das häufig nur noch absurd ist. Millionen per Youtube, Ruhm als Realityteilnehmer, Einfluss als Rapper mit Street-Credibility, das hat mit dem klassischen Aufstieg – Haus statt Mietwohnung, Anzug statt Blaumann, Gehalt statt Lohn- nicht mehr viel zu tun.
Es ist richtig, dass die durch soziale Herkunft Benachteiligten bei Bildung auf Abitur- oder akademischem Niveau unterrepräsentiert sind, aber ich lese nichts darüber, dass diejenigen, die das dann erreichen generell deutlich schlechtere weitere Chancen haben. Vitamin B und gläserne Decken müssen auch 90% der anderen, der ‘Privilegierten’ erleben. Wenn jemand den märchenhaften Aufstieg will und alles darunter nicht ausreicht, um sich zu bemühen, dann ist für ihn Bildung nicht der richtige Weg.
Niemand in meiner weiteren Familie hatte je ein Gymnasium von innen gesehen, für meinen Jahrgang liegt die Abiturientenquote bei 25%. Geholfen gaben Eltern, die sich ihrer formalen Wissenslücken bewusst waren, die Zeitungen und Bücher gelesen, mit den Kindern geredet haben. Nicht sozialer Aufstieg oder bessere Bezahlung waren wichtig, sondern die Idee, später Chancen zu haben, wählen zu können. Nicht die Schule war die große Hürde, die Uni war eine fremde Welt, die Sprache eine andere, die Codes kaum zu entschlüsseln…Fleiß und harte Arbeit, das allein reicht sicher nicht. Es hilft aber dabei, sich ‘social skills’ anzueignen, die letztendlich einen großen Einfluss haben. Sagt nur kaum jemand den Schülern, denn sehr viele Kollegen sind so bildungsbürgerlich aufgewachsen, dass sie dieses Problem nicht erkennen können.
Gibt ja 16 Bundesländer mit 16 Bildungssystemen, da wäre eine differenzierte Betrachtung vermutlich nicht uninteressant. Zu Berlin gab es z.B. mal einen Studie, dass die Abschaffung der bisherigen Schultypen und die Einführung der ISS kaum Auswirkungen auf die soziale Segregation hatte.
https://wzb.eu/de/pressemitteilung/die-soziale-kluft-an-berliner-schulen-bleibt-gross
Die Entwicklung der Studienanfängerquote zeigt in den Jahren 2006 = 35,6% bis 2011 = 55,6% einen ziemlich steilen Anstieg. Scheint dann laut Studie aber nur die Mittel- und Oberschicht betroffen zu haben.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72005/umfrage/entwicklung-der-studienanfaengerquote/