Ohne DDR-Historie zum Abitur? Geschichtslehrer verhindern Lehrplan-Kürzung in Berlin (!)

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BERLIN. Der Geschichtsunterricht steht seit Jahren unter Druck. Stundenkürzungen, fachfremder Unterricht und die Zusammenlegung mit anderen Gesellschaftswissenschaften haben das Fach vielerorts geschwächt. Gleichzeitig wächst der Anspruch an Schulen, demokratische Urteilsfähigkeit, politische Orientierung und historisches Bewusstsein zu vermitteln. Wie widersprüchlich diese Entwicklung ist, zeigte sich in den vergangenen Tagen in Berlin. Die Bildungssenatorin hatte allen Ernstes geplant, die DDR-Geschichte als Pflichtstoff aus dem Lehrplan der gymnasialen Oberstufe zu nehmen – wurde aber in letzter Sekunde gestoppt. 

Verblassende Erinnerung: DDR-Logo am früheren Checkpoint Charlie. Foto: Shutterstock / Alexey Fedorenko

 

Gerade nochmal eine peinliche Posse vermieden. Ursprünglich hatte die Berliner Schulverwaltung vorgesehen, die Geschichte der DDR und der deutschen Teilung in der gymnasialen Oberstufe nicht mehr verpflichtend zu unterrichten. Nach den Planungen sollten künftig nur noch zwei Semesterthemen verbindlich sein, während die DDR-Geschichte und die Erinnerungskultur fakultativ geworden wären. Darüber berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Damit hätten – ausgerechnet – Berliner Schülerinnen und Schüler das Abitur ablegen können, ohne sich in der Oberstufe mit der Geschichte der SED-Diktatur zu befassen. Aus Sicht von Geschichtslehrkräften ist das besonders schwer nachvollziehbar. Berlin sei wie kaum eine andere Stadt mit den beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts verbunden – als Hauptstadt der DDR, als Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit, als Zentrum des Kalten Krieges und als Ort der Friedlichen Revolution.

Nach anhaltender Kritik hat Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) diese Pläne nun verworfen. Wie die FAZ aktuell berichtet, bleibt die Geschichte der DDR in der gymnasialen Oberstufe nun doch verpflichtender Unterrichtsstoff. Auslöser des Wendemanövers war ein Protest der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, des Verbands der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands sowie des Berliner Landesverbands.

Demnach einigte sich die Senatorin mit Vertretern des Berliner Landesverbands darauf, die Geschichte des Nationalsozialismus sowie die Geschichte der DDR verbindlich für die ersten beiden Halbjahre der Oberstufe festzulegen. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Teilung und der SED-Diktatur bleibt damit weiterhin prüfungsrelevant für Berliner Abiturientinnen und Abiturienten.

„Wir begrüßen die Entscheidung sehr, dass die Geschichte der deutschen Teilung der DDR und ihrer Überwindung verpflichtend für Berliner Abiturienten bleibt“

Der Berliner Landesverband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer begrüßte diese Entscheidung. Die Landesvorsitzende Lea Honoré sagte der FAZ: „Wir begrüßen die Entscheidung sehr, dass die Geschichte der deutschen Teilung der DDR und ihrer Überwindung verpflichtend für Berliner Abiturienten bleibt.“ Dass in einer Stadt wie Berlin weiterhin die Geschichte der DDR prüfungsrelevant bleibe, sei dringend notwendig.

Zugleich machten die Geschichtslehrkräfte deutlich, dass mit der Entscheidung lediglich das aus ihrer Sicht Schlimmste verhindert worden sei. Der Verband hatte gefordert, alle vier Halbjahre der gymnasialen Oberstufe mit verbindlichen Themen zu belegen – wie es etwa im Nachbarland Brandenburg der Fall ist. Dieses Ziel konnte jedoch nicht erreicht werden. „Dass keine Stärkung des Faches Geschichte durch eine Belegung von vier Pflichtsemestern erreicht werden konnte, bedauern wir als Verband nach wie vor sehr, vor allem vor dem Hintergrund der gravierenden Kürzungen des Geschichtsunterrichts in der Mittelstufe“, heißt es in der Stellungnahme.

Denn die strukturellen Probleme des Geschichtsunterrichts bleiben bestehen. Zwar ist die DDR-Geschichte nun weiterhin verpflichtender Bestandteil der Sekundarstufe I, doch wird Geschichte dort häufig nur einstündig unterrichtet und „gelegentlich auch fachfremd vom Erdkunde-, Ethik- oder Politiklehrer erteilt“, wie die FAZ zuvor berichtet hatte. Der Stoff werde an vielen Schulen verkürzt und vereinfacht dargestellt. Der Berliner Landesverband fordert deshalb seit Jahren mindestens zwei Wochenstunden Geschichte – bislang ohne Erfolg.

Hinzu kommt, dass der Geschichtsunterricht nach Darstellung der Fachverbände auch an anderer Stelle weiter unter Druck gerät. So kritisiert der Berliner Landesverband die geplante Einführung einer zusätzlichen Wochenstunde Berufsorientierung in der neunten Klasse. In einer Stellungnahme zur Änderung der Sekundarstufe-I-Verordnung heißt es, die Schulen müssten diese Stunde „bei Beibehaltung der Stundentafel“ selbst organisieren, was zwangsläufig Kürzungen in anderen Fächern nach sich ziehe. „Dies wird in aller Regel den politisch-historischen Bereich betreffen, da kaum eine Schule themenentferntere Fächer wie Englisch oder Mathematik für die Berufsorientierung beschneiden wird“, warnt der Verband.

Auch auf Bundesebene wird diese Entwicklung kritisch gesehen. Der Bundesvorsitzende des Verbands der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands, Nico Lamprecht, beklagte eine „Diskrepanz zwischen das Fach Geschichte wertschätzenden Erklärungen aus der Politik und dann stattfindenden strukturellen Maßnahmen, die dem in der Realität widersprechen“. Historisches Bewusstsein sowie „Faktenchecker- und damit auch Demokratiekompetenzen“ benötigten ausreichend Unterrichtszeit und fundierten Fachunterricht.

Die Entscheidung der Berliner Bildungssenatorin, die DDR-Geschichte in der Oberstufe verpflichtend zu belassen, wird von den Geschichtslehrkräften daher allenfalls als Zwischenerfolg gewertet. An der grundsätzlichen Sorge, dass ihr Fach weiter an den Rand gedrängt wird, ändert sie aus ihrer Sicht jedoch wenig – unbegreiflich gerade in einer Stadt, deren Geschichte so eng mit Diktatur, Teilung und demokratischem Neubeginn verbunden ist. News4teachers 

Ostbeauftragter: DDR-Geschichte kommt im Unterricht zu kurz (und wird falsch vermittelt)

 

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ShellingFord
3 Stunden zuvor

Ich kann dem Artikel nur beipflichten. Ich unterrichte in Hamburg an einer Stadtteilschule. In der Sek. I gibt es nur das Fach Gesellschaft, das eine Kombination aus Geschichte, PGW und Geografie darstellt. Dadurch wird viel fachfremder Unterricht erteilt. Erst ab Klasse 11 werden die Fächer getrennt. Dann wissen die meisten SuS nicht, was eine Quelle ist oder können sich historisch kaum orientieren. Ein echter Nachteil im Vergleich zum Gymnasium. Das Thema DDR wird übrigens kaum unterrichtet und ist auch kein Pflichtthema der Oberstufe. In Hamburg wird da nämlich ohne feste Pflichtthemen gearbeitet.