BERLIN. Auf Bundesebene wächst die Unterstützung für verbindliche vorschulische Sprachförderung. Der Deutsche Philologenverband (DPhV) begrüßt die zunehmenden Initiativen mehrerer Länder, Sprachdefizite bereits vor der Einschulung systematisch zu diagnostizieren und gezielt zu fördern. Anlass sind unter anderem anhaltend hohe Wiederholungsquoten von Erstklässlern in der Grundschule, die nach Einschätzung des Verbandes auf unzureichende sprachliche Voraussetzungen beim Schuleintritt hinweisen.

Baden-Württemberg führt sogenannte Juniorklassen ein, Nordrhein-Westfalen kündigt verbindliche ABC-Klassen zur vorschulischen Sprachförderung an, und Hessen verweist auf positive Evaluationen seiner seit Jahren bestehenden Vorlaufkurse. Für den DPhV markieren diese Schritte eine bildungspolitische Weichenstellung.
Die Bundesvorsitzende Prof. Susanne Lin-Klitzing erklärt: „Wir freuen uns über diese weiteren wichtigen bildungspolitischen Schritte für mehr Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungswesen. Sprache ist die Grundlage von Bildung, Teilhabe und schulischem Erfolg. Je früher sprachliche Schwierigkeiten erkannt und Kinder daraufhin gezielt gefördert werden, desto größer sind die Chancen für gelingende Bildungsbiografien. Auch die ABC-Klassen in Nordrhein-Westfalen sollen nun an genau dieser zentralen Stellschraube angreifen. Wir begrüßen diese Initiative ausdrücklich und bauen darauf, dass solche Modelle zu Blaupausen für die anderen Bundesländer werden.“
Der Verband betont seit Jahren die Notwendigkeit einer diagnosegestützten und verbindlichen Sprachförderung im Vorschulalter. Nach seiner Auffassung reicht es nicht aus, Sprachstände lediglich zu erheben; vielmehr müsse die Diagnose zwingend mit einer differenzierten Förderung verknüpft sein. Lin-Klitzing formuliert dazu: „Alle Kinder, unabhängig von Herkunft, sozialer Situation oder dem Bildungshintergrund ihrer Familien, erhalten so die Chance, mit ausreichenden Deutschkenntnissen in die Schule zu starten.“
„Nur wer versteht und sich sprachlich präzise ausdrücken kann, ist in der Lage, Wissen zu erwerben, zu vertiefen und darauf nachhaltig aufzubauen“
Die Vorsitzende unterstreicht zugleich die grundsätzliche Bedeutung sprachlicher Kompetenzen für schulisches Lernen und gesellschaftliche Teilhabe. „Nur wer versteht und sich sprachlich präzise ausdrücken kann, ist in der Lage, Wissen zu erwerben, zu vertiefen und darauf nachhaltig aufzubauen. Zudem schafft Sprache Verständigung und trägt so entscheidend zur Demokratiefähigkeit bei. Gerade in Zeiten wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen ist es so unerlässlich, nach der vorschulischen Förderung in der Schule auch die Bildungssprache Deutsch konsequent zu stärken.“ Der Anspruch differenzierter Förderung dürfe sich dabei nicht auf die frühe Sprachbildung beschränken. Bildungserfolg erfordere eine konsequent am individuellen Bedarf orientierte, passgenaue Förderung entlang der gesamten Lernlaufbahn. In diesem Zusammenhang spricht sich der DPhV auch für eine verbindliche Schulartempfehlung als Grundlage für passende Bildungswege aus.
Als Beispiel für eine langfristig angelegte Förderstruktur verweist der Verband auf Hessen. Dort werden sprachfördernde Vorlaufkurse bereits seit dem Schuljahr 2002/2003 angeboten; seit dem Schuljahr 2021/2022 sind sie für Kinder mit festgestellten Sprachdefiziten verpflichtend. Hessen war nach Angaben des DPhV das erste Bundesland, das eine systematische Deutschförderung vor der Grundschule eingeführt und weiterentwickelt hat. Nach Verbandsangaben erreichen rund 95 Prozent der Kinder nach Absolvierung der Vorlaufkurse den Übergang in die erste Klasse. Kinder mit weiterem Förderbedarf können vom Unterricht zurückgestellt und im Schuljahresverlauf erneut überprüft werden.
„Es ist Zeit, auf erfolgreiche Maßnahmen in deutschen Bundesländern zu schauen und voneinander zu lernen“
Auch Hamburg wird vom DPhV als Beispiel angeführt. Dort habe sich eine konsequent differenzierte Sprachförderung in den Ergebnissen der regelmäßigen Bildungstrends niedergeschlagen. Das Land, das lange gemeinsam mit Bremen und Berlin am unteren Ende gemessener Schulleistungen rangierte, habe diese Position inzwischen verlassen.
Gleichzeitig verbindet der Verband seine Zustimmung zu den aktuellen Initiativen mit einer klaren Forderung an die Politik. Lin-Klitzing erklärt: „Es ist Zeit, auf erfolgreiche Maßnahmen in deutschen Bundesländern zu schauen und voneinander zu lernen. Zugleich müssen wir betonen, dass eine erfolgreiche Umsetzung solcher Maßnahmen nur eintreten kann, wenn von Anfang an ausreichende Ressourcen, personell mit qualifizierten Fachkräften sowie materiell auch für zusammenhängende außerschulische Fördermaßnahmen, von der Politik bereitgestellt werden. Sonst kommen wir über Sonntagsreden nicht hinaus!“ News4teachers








