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Nach IQB-Debakel: KMK beschließt “Roadmap” für bessere Schülerleistungen (vergisst aber, konkrete Zielmarken zu benennen)

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BERLIN. Die Bildungsministerkonferenz im Rahmen der KMK hat gemeinsam mit dem Bund eine umfassende „Roadmap“ beschlossen, um auf die im jüngsten IQB-Bildungstrend  festgestellten dramatischen Kompetenzrückgänge zu reagieren. Ziel ist eine grundlegende Trendwende innerhalb eines Jahrzehnts – verbunden mit dem Anspruch, sowohl leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler gezielter zu fördern als auch die Leistungsspitze zu stärken. Der VBE begrüßt zwar die Marschrichtung der enthaltenen Maßnahmen, äußert aber Kritik an der Prioritätensetzung.

Jeder Schuss ein Treffer? (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Ausgangspunkt der Entscheidung ist die Einsicht, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen. In der Präambel der Roadmap heißt es ausdrücklich, „dass es […] gemeinsamer kraftvoller Anstrengungen bedarf, damit alle jungen Menschen ihre Potenziale unabhängig von ihrer Herkunft bestmöglich entfalten können“. Zugleich formulieren Bund und Länder ein Ziel, nämlich: „innerhalb der nächsten zehn Jahre den Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Mindest- und Regelstandards […] nicht erreichen, […] deutlich zu reduzieren“. Was „deutlich“ bedeutet – lässt das Papier allerdings offen.

Hintergrund: Der jüngste IQB-Bildungstrend zeigte wachsende Defizite bei Neuntklässlern in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften. So verfehlte jeder dritte Schüler in den Testaufgaben die Mathe-Mindeststandards für den mittleren Schulabschluss (News4teachers berichtete).

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Die politische Dimension des Beschlusses unterstreicht die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, Anna Stolz (Freie Wähler). „Der IQB-Bildungstrend ist für uns ein klarer Handlungsauftrag. Erkenntnisse müssen konsequent genutzt und konkrete Verbesserungen im Unterricht umgesetzt werden. Von Daten zu Taten, vom Testen zur gezielten Förderung – das muss unser Anspruch sein“, erklärte sie. Bund und Länder arbeiteten eng zusammen, „damit Unterstützung frühzeitig dort ankommt, wo sie gebraucht wird“.

Auch Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) betont den Handlungsdruck: „Wir dürfen uns mit rückläufigen Kompetenzen nicht abfinden. Jedes Kind soll die Chance auf bessere Bildung haben und sein Potenzial zu entfalten – unabhängig von Herkunft oder Startbedingungen.“ Entscheidend sei nun, „dass wir als Bund und Länder gemeinsam konsequent evidenzbasiert handeln, wirksame Ansätze zügig in die Umsetzung bringen und Schulen spürbar stärken“.

Christine Streichert-Clivot (SPD), Bildungsministerin des Saarlandes, verweist auf die zunehmende Ungleichheit: „Der IQB-Bildungstrend 2024 war kein Grund zur Resignation, sondern ein deutliches Signal. Gerade die wachsende Ungleichheit bei den Bildungschancen macht deutlich, dass wir gezielter und wirksamer werden müssen.“ Es gehe darum, „jedes Kind in den Blick zu nehmen und die Unterstützung dort zu stärken, wo sie am dringendsten gebraucht wird“.

Für Nordrhein-Westfalen hebt Schulministerin Dorothee Feller (CDU) vor allem den Unterricht hervor: „Die IQB-Bildungstrends geben uns einen klaren Auftrag: Wir müssen die Qualität des Unterrichts noch konsequenter als bisher in den Mittelpunkt stellen.“ Zugleich warnt sie vor nachlassendem Interesse an bestimmten Fächern: „Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass sich Schülerinnen und Schüler immer weniger für die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer interessieren.“

„Wissenschaftliche Evidenz ist die Grundlage systematischer Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht“

Im Zentrum der Vereinbarung stehen sieben Handlungsfelder, die das gesamte Bildungssystem betreffen und künftig enger aufeinander abgestimmt werden sollen.

Das erste Handlungsfeld zielt auf Steuerung und Wirksamkeit durch datengestützte Qualitätsentwicklung. Die Roadmap beschreibt Daten ausdrücklich als zentrale Grundlage bildungspolitischen Handelns: „Wissenschaftliche Evidenz ist die Grundlage systematischer Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht und ermöglicht die gezielte Steuerung und Überprüfung der Wirksamkeit bildungspolitischer Maßnahmen.“ Bund und Länder wollen bestehende Instrumente ausbauen und zu einem kohärenten Gesamtsystem weiterentwickeln, das Transparenz erhöht und Bildungsungleichheiten verringert.

Wie? Dazu hat Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz Empfehlungen herausgegeben (News4teachers berichtete).

Das zweite Handlungsfeld rückt die Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler in den Fokus, insbesondere im sozial-emotionalen Bereich. Die Roadmap stellt fest, dass „zunehmend mehr Kinder und Jugendliche […] unter psychischen Belastungen“ leiden. Daraus leiten Bund und Länder die Verpflichtung ab, Maßnahmen zur Förderung von „Wellbeing, Selbstwirksamkeit und Mitbestimmung“ auszubauen, um bessere Lernbedingungen zu schaffen und individuelle Potenziale zu stärken.

Im dritten Handlungsfeld geht es um das Leitungshandeln im Bildungssystem. Gemeint sind sowohl Schulleitungen als auch Schulaufsicht. Ziel ist ein gemeinsames Verständnis darüber, „das […] ein kohärentes und zielorientiertes Handeln zur Verbesserung von Unterrichtsqualität und Lernergebnissen gewährleisten“ soll. Die Steuerungsverantwortung der Leitungsebene wird dabei ausdrücklich betont, insbesondere im Zusammenhang mit datengestützter Schulentwicklung.

Das vierte Handlungsfeld betrifft die Sprachbildung. Die Roadmap hebt hervor, dass „bildungssprachliche Kompetenzen in der deutschen Sprache […] wesentliche Voraussetzung für Bildungserfolg“ sind. Entsprechend sollen Sprachfördermaßnahmen von der frühkindlichen Bildung bis in die Schule systematisch ausgebaut und stärker standardisiert werden, auch mit Blick auf eine zunehmend heterogene Schülerschaft.

Im fünften Handlungsfeld steht die Qualität von Bildungs- und Unterrichtsmaterialien im Mittelpunkt. Angesichts wachsender Heterogenität und individueller Förderbedarfe messen Bund und Länder hochwertigen Materialien eine steigende Bedeutung bei. Die Roadmap verweist darauf, dass „digitale Bildungsmedien und mit KI erstellte Unterrichtsmaterialien […] großes Potential für die individuelle Förderung“ bieten. Gleichzeitig sollen Qualitätskriterien weiterentwickelt und bestehende Programme systematisch genutzt werden.

Das sechste Handlungsfeld widmet sich der Lehrkräftebildung. Die Roadmap formuliert hier einen direkten Zusammenhang zwischen Qualifikation und Unterrichtsqualität: „Die Qualität des Unterrichts hängt unmittelbar von der fachlichen und didaktischen Kompetenz der Lehrkräfte ab.“ Bund und Länder planen eine stärkere Verzahnung aller Ausbildungsphasen sowie den Ausbau evidenzbasierter Fortbildungsprogramme, insbesondere in den MINT-Fächern.

Das siebte Handlungsfeld schließlich betrifft die Bildungsforschung. Sie soll stärker als bisher in die Praxis wirken. Die Roadmap bezeichnet sie als Grundlage für evidenzorientiertes Handeln und kündigt an, den Transfer zu verbessern: „Diese Ressource wollen Bund und Länder viel stärker als bisher nutzen und ins System bringen.“ Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch in Unterricht und Schulentwicklung zu überführen.

Ergänzend zur Darstellung der sieben Handlungsfelder konkretisiert die Roadmap deren Zusammenspiel und Gewichtung im weiteren Prozess. Zwar betonen Bund und Länder ausdrücklich „die hohe Relevanz aller sieben identifizierten Handlungsfelder für die Verbesserung der Bildungsqualität in Deutschland“. Zugleich wird aber festgelegt, dass für einen „produktiven, zielorientierten Arbeitsprozess“ zunächst eine Fokussierung erfolgt: In einem ersten Schritt sollen vor allem die datengestützte Qualitätsentwicklung, die Lernvoraussetzungen sowie die Bildungsforschung mit konkreten Maßnahmen unterlegt werden.

Für die übrigen Handlungsfelder – darunter Leitungshandeln, Sprachbildung, Unterrichtsmaterialien und Lehrkräftebildung – sieht die Roadmap hingegen einen gesonderten Arbeitsmodus vor. Diese Bereiche sollen „im Rahmen eines zeitlich begrenzten und strukturierten länderoffenen Austauschs“ weiterentwickelt werden, organisiert durch sogenannte Patenschaften einzelner Länder. Ziel dieses Verfahrens ist es, „die vielfältigen Erfahrungen, Perspektiven und Expertisen der Länder und des Bundes zu vereinen“ und daraus tragfähige Maßnahmen abzuleiten, die anschließend in die Beschlussfassung der Bildungsministerkonferenz überführt werden können.

„Das ist es, was wir sehen wollen: Konkrete, messbare Ziele, die ins Zentrum jeglicher Weiterentwicklung des Bildungssystems gehören“

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßt die grundsätzliche Stoßrichtung, äußert jedoch Vorbehalte bei der Gewichtung. Bundesvorsitzender Tomi Neckov erklärte: „Das ist es, was wir sehen wollen: Konkrete, messbare Ziele, die ins Zentrum jeglicher Weiterentwicklung des Bildungssystems gehören.“ Zugleich kritisiert er die Prioritätensetzung: „Bei der Schwerpunktsetzung zeigt sich aber ein strategischer Fehler: Lehrkräftebildung und das Leitungshandeln (noch) nicht ins Zentrum der Bemühungen zu stellen, verkennt deren Relevanz für das pädagogische Handeln in Schule.“

Neckov stellt die zentrale Frage nach der Umsetzbarkeit: „Wie sollen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler verbessert werden, wenn die Lehrkräfte darauf nicht adäquat vorbereitet werden?“ Seine Kritik verweist damit auf ein mögliches Spannungsfeld der Roadmap: die Balance zwischen datenbasierter Steuerung und der konkreten Ausstattung sowie Professionalisierung der handelnden Akteure im System.

Und was ist mit Zielmarken – also einer konkreten Angabe, um wie viel Prozent der „Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Mindest- und Regelstandards nicht erreichen“ reduziert werden soll? Prien, die selbst (noch als schleswig-holsteinische Bildungsministerin) das Ziel von 50 Prozent weniger Schulabbrecher binnen zehn Jahren ausgerufen hatte, konnte dafür bislang kein verbindliches Commitment unter den Bildungsminister*innen erreichen. Auf Nachfrage des Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda erklärte sie lediglich: gemeinsame Bildungsziele seien „weiterhin Gegenstand des Roadmap-Prozesses“, man habe sich aber „noch nicht darauf verständigt, dass es bestimmte sind“. News4teachers 

Hier lässt sich die vollständige Roadmap herunterladen. 

Zahl der Schulabbrecher halbieren! Kultusministerinnen von CDU, SPD und Grünen definieren Bildungsziele bis 2035

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ed840
1 Stunde zuvor

“die die Mindest- und Regelstandards […] nicht erreichen, […] deutlich zu reduzieren“.

Ich würde es für sinnvoller halten als Ziel festzulegen, dass der Anteil junger Menschen erhöht werden sollte, die die Standards erreichen.

Wäre aber natürlich schwieriger zu erreichen als das Ziel der KMK.

ed840
1 Stunde zuvor

” Prien, die selbst (noch als schleswig-holsteinische Bildungsministerin) das Ziel von 50 Prozent weniger Schulabbrecher binnen zehn Jahren ausgerufen hatte, “

Als Bundesministerin kann sie leicht reden, allerdings hat sie ihrer Nachfolgerin in SH kein leichtes Erbe hinterlassen:

Schüler ohne Abschluss: Neuer Höchststand in Schleswig-Holstein erreicht

Jugendliche mit Migrationshintergrund in SH scheitern dreimal so oft am Schulabschluss”

Wenn man bedenkt dass die Unterschiede bei den Quoten zwischen den Bundesländern über 100% betragen, würde das je nach BL auch ganz andere Zielmarken bedeuten .

Katze
58 Minuten zuvor

Gestern feierte die KMK ihre neue „Kultur des Hinschauens“ – ein hübsches Etikett für ein System, das seit Jahren alles tut, um Probleme unsichtbar zu machen. Heute folgt die große „Roadmap“ zur Rettung der Bildung, angeblich als Antwort auf die dramatischen IQB‑Kompetenzrückgänge.
Der eigentliche Treppenwitz: Das IQB hat genau jene Bildungsstandards mitentwickelt, die man über Jahre systematisch gesenkt und entkernt hat – immer unverbindlicher, immer diffuser, immer weiter weg von fachlicher Substanz. Parallel hat auch die KMK das Leistungsprinzip weichgespült, bis Spitzenleistungen kaum noch entstehen konnten. Und nun will man plötzlich die Schwächsten und die Spitze stärken. Ein Rollenwechsel, der nur funktioniert, wenn man auf kollektive Amnesie setzt.
Auf die Frage, warum die Roadmap keinerlei konkrete Ziele enthält, erklärt Karin Prien, gemeinsame Bildungsziele seien „weiterhin Gegenstand des Roadmap‑Prozesses“, man habe sich aber „noch nicht darauf verständigt, dass es bestimmte sind“.
Hurra. Eine Roadmap ohne Ziele, weil man sich nicht sicher ist, ob man welche haben möchte. Bildungssteuerung als dadaistische Kunstform.
Und dazu wieder ein neuer Begriff der KMK, der alles und nichts verspricht: Roadmap‑Prozess – klingt nach Silicon Valley, meint aber nur: Man läuft schon los und sucht den Weg erst hinterher.
Damit ist das Buzzword‑Bingo komplett: Roadmap, Prozess, Kultur, Handlungsfelder, Monitoring, Evidenz, Transformation – alles da.
Auch die sieben Handlungsfelder passen perfekt ins Gesamtbild: viel Bewegung, null Richtung.
Und damit bleibt die KMK ihren drei gut gepflegten Kulturen treu:
Kultur des Durchwinkens – Standards senken, bis jeder Befund irgendwie als Erfolg durchgeht.
Kultur des Abspeckens – Inhalte verdünnen, bis nur noch Kompetenzschaum übrig bleibt.
Kultur des Wegschauens – Probleme ignorieren, die man selbst geschaffen hat.
Wer jahrelang die Grundlagen weichgespült, Standards gesenkt und das Leistungsprinzip zerstört hat, kann später nicht glaubhaft den Retter spielen.

Aber vielleicht passt das ja perfekt zu: Bildungsinitiative Schland 2035 ambitioniert unkonkret, konsequent folgenlos.

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