BERLIN. Kurz vor der Bildungsministerkonferenz im Rahmen der KMK formiert sich Widerstand gegen die Abiturpolitik der Länder. Nachdem der Deutsche Philologenverband vor einer Entwertung des Abiturs gewarnt hatte, fordert nun auch die Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien Konsequenzen. Die Schulleitungen sehen weiterhin erhebliche Probleme bei der Vergleichbarkeit der Abschlüsse und verlangen Maßnahmen gegen die Noteninflation. Der Vorwurf wiegt schwer: Die Zahl sehr guter Abiture steigt, während Leistungsstudien seit Jahren in die andere Richtung zeigen.

Kurz vor der nächsten KMK-Bildungsministerkonferenz am 11. und 12. Juni wächst der Druck auf die Länder, die Regeln für Oberstufe und Abitur erneut zu überprüfen. Nachdem der Deutsche Philologenverband bereits strengere Kriterien für die Zulassung zur Abiturprüfung und höhere Mindestanforderungen bei Abiturklausuren gefordert hatte, schließt sich nun auch die Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien der Kritik an. Die Vereinigung der Oberstudiendirektorinnen und Oberstudiendirektoren fordert unter der Überschrift: „Die nächsten Schritte müssen folgen! Vergleichbarkeit herstellen! Noteninflation beenden!“ weitergehende Beschlüsse der Kultusministerkonferenz.
Die BDK verweist darauf, dass die Abiturnoten verschiedener Schulformen in einigen Bundesländern aufgrund unterschiedlicher Regelungen in Oberstufe und Abitur nicht vergleichbar seien. Das betrifft nach Auffassung der Schulleitungsvereinigung nicht nur die Prüfungen selbst, sondern vor allem die Kursphase davor. Denn die Noten der Oberstufe machen zwei Drittel der Abiturgesamtnote aus. Deshalb müsse die Vergleichbarkeit der Oberstufennoten zwischen den Ländern erhöht werden.
Die Bundesdirektorenkonferenz knüpft ihre Kritik ausdrücklich an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2017. Die Karlsruher Richter hatten damals zwar über die Vergabe von Medizinstudienplätzen entschieden, dabei aber auch auf Probleme bei der Vergleichbarkeit von Abiturnoten hingewiesen. Wegen unterschiedlicher Anforderungen und einer wachsenden Zahl sehr guter Abschlüsse könne die Abiturnote nur eingeschränkt als bundesweit einheitliches Auswahlkriterium herangezogen werden. Der im Urteil kritisierten Noteninflation müsse nun mit konkreten Maßnahmen begegnet werden – meint die Bundesdirektorenkonferenz.
Zwar sei die KMK-Vereinbarung zur gymnasialen Oberstufe im Jahr 2023 überarbeitet worden. Die damals vereinbarten Angleichungen reichten nach Auffassung der BDK jedoch „bei Weitem nicht aus“. Selbst innerhalb einzelner Bundesländer gebe es zwischen Schulformen unterschiedliche Regelungen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führten. Maßnahmen gegen die große Anzahl sehr guter Abiturschnitte seien bislang nicht vereinbart worden.
„Die Zunahme von sehr guten Abiturdurchschnittsnoten ist bei gleichzeitiger Abnahme der Leistungen im IQB-Bildungstrend und anderer Vergleichsstudien nicht nachvollziehbar“
BDK-Vorsitzender Arnd Niedermöller fordert deshalb weitergehende Beschlüsse. „Die Bildungsministerkonferenz muss beim Thema Abitur und Oberstufe dringend weitreichende Beschlüsse fassen. Es ist nicht verständlich, dass seit Jahrzehnten die Vergleichbarkeit nicht gewährleistet ist. In der Oberstufe und im Abitur müssen die Noten an den verschiedenen Schulformen eine vergleichbare Grundlage haben. Die Zunahme von sehr guten Abiturdurchschnittsnoten ist bei gleichzeitiger Abnahme der Leistungen im IQB-Bildungstrend und anderer Vergleichsstudien nicht nachvollziehbar.“
Die BDK verweist darauf, dass sie seit Jahrzehnten für mehr Einheitlichkeit im Abitur eintrete. In der Bundesdirektorenkonferenz sind nach eigenen Angaben die Vorsitzenden der Schulleitungsverbände der Gymnasien aus allen Bundesländern organisiert; sie verträten mehr als zwei Drittel aller Schulleitungen der Gymnasien in Deutschland. Die aktuellen Forderungen schließen an frühere Erklärungen der BDK aus den Jahren 2014, 2017 und 2023 an.
Damit erweitert sich die Debatte, die der Deutsche Philologenverband wenige Tage zuvor angestoßen hatte. Der DPhV kritisiert vor allem zwei Punkte der geltenden KMK-Beschlusslage: Zum einen dürfen bis zu 20 Prozent der in die Abiturwertung eingebrachten Kurse mit weniger als fünf Punkten bewertet sein. Nach Darstellung des Verbands kann dies dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler während der gesamten Oberstufe in einem Kernfach wie Deutsch oder Mathematik unterhalb der Bestehensgrenze bleiben und dennoch zum Abitur zugelassen werden, sofern sie die Defizite rechnerisch in anderen Fächern ausgleichen.
„Die Politik dreht an der Notenschraube. Es ist politisch gewollt, gute Noten für weniger Leistung zu geben“
DPhV-Bundesvorsitzende Susanne Lin-Klitzing hatte dazu erklärt: „Die Hochschulzugangsberechtigung muss mehr gewährleisten als einen fächerübergreifenden Durchschnittswert. Wer vier Semester lang in einem Kernfach kontinuierlich unterhalb der Bestehensschwelle bleibt, hat in diesem Fach keine ausreichende fachliche Grundlage erworben – unabhängig davon, wie stark Punkte in anderen Fächern dies kompensieren.“
Der Philologenverband fordert deshalb eine fachbezogene Mindestbestehensregelung. Künftig soll bei Beibehaltung der 20-Prozent-Quote in jedem belegten Fach mindestens die Hälfte der eingebrachten Kurse mit fünf Punkten oder mehr bewertet worden sein.
Der zweite Kritikpunkt betrifft die Bewertung von Abiturprüfungen. Nach den geltenden KMK-Regelungen gelten Klausuren bereits ab 45 Prozent der erreichbaren Leistung als bestanden. Eine 1− wird ab 85 Prozent vergeben, eine 1,0 ab 90 Prozent und eine 1+ ab 95 Prozent. Der DPhV sieht darin eine rechnerische Begünstigung von Spitzennoten, ohne dass die fachlichen Anforderungen gestiegen wären.
Gegenüber der „Bild“-Zeitung formulierte Lin-Klitzing die Kritik schärfer: „Die Politik dreht an der Notenschraube. Es ist politisch gewollt, gute Noten für weniger Leistung zu geben. Mutmaßlicher Grund: Die Durchfallquoten sollen gering gehalten und bessere Abschlüsse vergeben werden.“ Die Folge beschrieb sie so: „Das Ergebnis für den Bildungsstandort Deutschland ist aber verheerend: weniger Anspruch, weniger Leistung, dafür mehr Durchschnitt und weniger Exzellenz.“
Die Kultusministerkonferenz verweist demgegenüber auf die gemeinsame Beschlusslage der Länder. Gegenüber der „Bild“-Zeitung erklärte ein Sprecher, die Länder hätten sich „in einem einstimmigen Beschluss“ auf die geltenden Grenzen verständigt. Die Bewertungstabelle stehe zudem „in Zusammenhang mit dem gemeinsamen Abituraufgabenpool, um einen einheitlichen Bewertungsmaßstab über alle Länder hinweg zu sichern“. News4teachers
Ich wiederhole meinen Kommentar zum Artikel über den Philologenverband wörtlich, weil nach wie vor passend:
Leider beschränkt sich der Artikel überwiegend auf die Notenstufung und nicht auf die deutlich abgesenkten inhaltlichen Anforderungen. Das reicht von Computeralgebrasystemen als Taschenrechner über zweisprachige Wörterbücher bis hin zu Romanen in einfacher Sprache.
Ja so ist es – leider. Dabei gab und gibt warnende Stimmen!
„Jene, die „Faktenwissen“ denunzieren, Ziffernzeugnisse verteufeln und Lehrer zu „Lernbegleitern“ oder zu Hospitanten ihrer eigenen Schüler degradieren – sie müssen sich fragen lassen, ob sie denen, in deren Namen sie zu handeln vorgeben, wirklich helfen. Ob es am Ende nicht ausschließlich auf das Ergebnis ankommt: Kann ein Absolvent lesen, schreiben und denken?
Daran, nicht an erfundenen Noten und Wohlfühl-Zertifikaten, muss sich eine gute Schule messen lassen. Nur das ist im wohlverstandenen Interesse der jungen Leute: Denn im Berufsleben wird auch heute nur derjenige Wahlmöglichkeiten und Bewegungsfreiheit haben, der wirklich und ernsthaft etwas kann.“
Susanne Gaschke 2018
Die Vorgehensweise der Politik ist doch vollkommen logisch:
Die Eltern sind happy, weil ihre Kids alle das Abitur schaffen. Dadurch mucken sie nicht auf, wenn die Lernbedingungen in den Schulen immer schlechter werden. Check.
So ist es.
„Das Ergebnis für den Bildungsstandort Deutschland ist aber verheerend: weniger Anspruch, weniger Leistung, dafür mehr Durchschnitt und weniger Exzellenz.“
Bei der Exzellenz möchte ich widersprechen. Diese ist selbstverständlich weiterhin da, bildet sich aber leider nicht in der Note ab, da mit deutlich weniger Exzellenz ebenfalls 15 Punkte erzielt werden. Diese Benotungsform benachteiligt sehr stark die wirklich leistungsstarken Abiturienten und Abiturientinnen.
Wundert mich auch, dass es für lediglich 95% der Maximalpunktzahl die Note 0,7 gibt.
Bei IHK-Prüfungen gibt es bei 100% die Note 1,0 , bei 95% die Note 1,3.
IHK-Prüfungen und deren Benotungen sind ohnehin ein besonderes Kapitel.
Die Benotung von Abschlussprüfungen an Schulen in NRW ist ja ministeriell vorgegeben.
Folglich müssen mehr als 86% der Gesamtpunktzahl erreicht werden, um ein „sehr gut“ zu erreichen. Das ist ein Wertebereich von 14 Prozentpunkten, der die Teilnoten von „schwach sehr gut“ (1-) bis „voll sehr gut“ (1+) abdecken soll.Also gibt es die 1+ ab 98%.
Btw der Schwellenwert, um eine 4- zu erreichen, liegt oberhalb der 44%-Marke.
„IHK-Prüfungen und deren Benotungen sind ohnehin ein besonderes Kapitel.„
Ich finde den Zusammenhang zwischen Noten und Punkten bei der IHK-Prüfung halt logischer: maximale Punktzahl = maximale Note
Demnach darf es ein „ungenügend“ auch nur bei null Punkten geben. Ab 0,5 Punkten ist es dann ein „mangelhaft“. Aber alle anderen Notenstufen stehen aber dennoch für eine vorgegebene Bandbreite.
Warum haben Juristen dann neben dem befriedigend noch das voll befriedigend als eigenständige Notenstufe? Obwohl es (theoretisch) nicht mehr als 18 Punkte zu gewinnen gibt. Sind die Juristen jetzt döfer als die IHK-Prüfer? Ach ja, judex non calculat:)
Ich kritisiere das „GESUNDLÜGEN“ schon seit vielen Jahren. Es ist peinlich, wenn Schulleitungen auch noch stolz darauf sind, dass es an ihrer Schule über 50 % Einserabiturienten gibt.
Und dann spricht keiner von einem anderen Grundübel des Bildungssystem: Dem Föderalismus.
Es gibt keinerlei Begründung warum Bildung Ländersache ist. Das erhöht die Kosten massiv und senkt die Qualität über faule Kompromisse ab.
Länderübergreifende Abituraufgaben von der bundesweiten Zentrale sind im Vergleich zum bisher üblichen Niveau in RLP lächerlich einfach, zumindest in meinen Fächern. Das weist nicht darauf hin, dass ein bundesweit einheitliches Schulsystem irgendwas verbessern müsste.
Es gab einst die Begründung, eine Gleichschaltung zu erschweren. Die Nazizeit steckte allen noch in den Knochen. Nach 75 Jahren stabiler Demokratie könnte man allerdings überlegen, dass die Länder nur noch ausführende Organe sind. Der Bund hätte das Geld, darf aber nicht helfen, das ist absurd.
Sind Sie doch, sie exekutieren doch die Gesetze des Bundes in Auftragsverwaltung. Lediglich im „Kultusbereich“ liegt die ausschließliche Gesetzgebungskompetenz bei den Ländern.
Gäbe es die Noteninflation nicht, hätten die OStD ja auch keine Bestbeurteilungen, die ihnen den Job erst einmal ermöglichen.
Um es kurz zu fassen: Wer an zentralen Prüfungsformaten des Abiturs teilnehmen muss, der zeigt, wie gut man auswendig gelernt hat. Dafür muss man sicher sein im Anforderungsbereich II der Bildungsstandards (Wiedergabe des Gelernten= Realschulnieau). Wer an dezentralen Abiturprüfungsformaten teilnimmt, kann zeigen, wie gut sie/ er denken und urteilen gelernt hat. Dafür muss man sicher sein im Anforderungsbereich III der Bildungsstandards (Transfer, Bewertung, Beurteilung und Diskursfähigkeit=gymnasialen Niveau). Die Inflation sehr guter Noten hängt nun damit zusammen, dass von Anfang an auf gymnasialem Niveau unterrichtete Schülerinnen und Schüler bei zentralen Abiturprüfungsformaten so gut abschneiden. Sie müssen ja „nur“ zeigen, wie gut sie auswendig gelernt und die Abitutaufgaben der letzten Schuljahre trainiert haben. Wer zum Beispiel nach der 10.Klasse eines Gymnasiums an die Oberstufe einer IGS wechselt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bessere Abiturnote bekommen als bei einem Verbleib am Gymnasium.
Na dann bearbeiten Sie mal das diesjährige Abitur in Mathe nur mit auswendig gelerntem. Wenn Sie Ihr Wissen nicht auf die dort dargelegten Probleme anwenden können, wirds bestenfalls ne 4-.
Das dezentral für den einzelnen SoS anspruchsvoller sein soll als das Zentralabitur, halte ich für ein Gerücht. Das dezentrale Abi entwerfe ich selbst: Ich weißalso ganz genau, worauf ich meine SuS trainieren muss.
Die Debatte über die Prozentgrenzen ist fast nebensächlich. Das eigentliche Problem liegt tiefer.
Wir erleben seit Jahren einen schleichenden Zielkonflikt:
Das Ergebnis ist vorhersehbar: Die Anforderungen werden schrittweise angepasst und die Noten immer besser. Gleichzeitig zeigen nationale und internationale Vergleichsstudien eher nach unten.
Das ist nicht nur ein Problem für Hochschulen. Es ist vor allem unfair gegenüber den wirklich leistungsstarken Schülerinnen und Schülern. Wenn immer mehr Menschen Spitzennoten erhalten, obwohl die Unterschiede im Können groß sind, verlieren die Noten ihre Aussagekraft.
Dabei geht es nicht um nostalgische Forderungen nach einem „härteren Abitur“. Hohe Anforderungen sind nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Junge Menschen haben Anspruch auf ehrliche Rückmeldungen und auf Abschlüsse, die tatsächlich etwas aussagen.
Was mich allerdings besonders irritiert: Die Kritik kommt inzwischen nicht mehr nur von „ewig gestrigen“ Philologen oder einzelnen Kommentatoren. Mittlerweile schlagen sogar Gymnasialdirektoren Alarm – also diejenigen, die täglich mit der Realität in den Schulen leben. Wenn selbst diese Gruppe von einer Noteninflation spricht, sollte die Politik vielleicht aufhören, das Problem kleinzureden.
Und noch eine unbequeme Frage:
Wenn immer mehr Schülerinnen und Schüler mit immer besseren Noten die Schule verlassen, warum klagen Hochschulen, Ausbildungsbetriebe und Unternehmen gleichzeitig über fehlende Grundlagen in Mathematik, Deutsch, Naturwissenschaften und über mangelnde Selbstständigkeit?
Entweder irren sich Universitäten, Betriebe und internationale Vergleichsstudien alle gleichzeitig.
Oder die Noten erzählen inzwischen eine schönere Geschichte als die Realität.
Sie stellen eine rhetorische Frage, diese Drohne antwortet:
Weil -zum Beispiel- im aktuellen Englischabitur 22 von ZWEIHUNDERT Punkten auf „sprachliche Richtigkeit“ entfallen.
Rechtschreibung ist noch lustiger: VIER (ja, 4, richtig gelesen) von ZWEIHUNDERT Punkten.
Man kann also ohne weiteres englisches Gestammel in Schriftform von sich geben wie Dota-Lother nachts um drei beim lane-Wechsel nach siebzehn Monster-Energy – und locker eine gute oder sehr gute Note erhalten.
In Kurzform:
Der Satz „thee kar drrove in ze otha kar, so itt waas an akkzidähnt“ wäre (genuin nach Abitur-EWH!) voll verständlich (jaja, wer es nicht glaubt schaut in die seit Jahren extra so zurechtmanipulierten EWH-Tabellen für die Vergabe der Orthografie-Punkte, der Trick ist es die „Verständlichkeit“ anzulegen statt schlicht die Richtigkeit!) und daher nicht groß zu bemängeln.
Also…warum GENAU sollte ich als Schüler richtig schreiben lernen, was einen großen und nervigen Aufwand darstellt?
Genau, richtig, gibt es keinen Grund für.