BIELEFELD. Viele Jugendliche halten sich früh für einen „Mathe-Typ“ oder einen „Sprach-Typ“ – und richten ihre Entscheidungen in Schule, Ausbildung und Beruf daran aus. Solche Selbstbilder entstehen oft durch Vergleiche mit Mitschülerinnen und Mitschülern, zwischen verschiedenen Fächern oder anhand früherer Leistungen. Forschende der Universität Bielefeld haben nun untersucht, ob sich diese Vorstellungen gezielt verändern lassen. Das Ergebnis: Bereits eine 90-minütige Unterrichtseinheit kann das akademische Selbstbild von Schülerinnen und Schülern nachhaltig beeinflussen.

Viele Jugendliche ordnen sich in der Schule früh bestimmten Kategorien zu. Sie halten sich für einen „Mathe-Typ“ oder einen „Sprach-Typ“ und entwickeln daraus Erwartungen an die eigenen Fähigkeiten. Diese Einschätzungen wirken oft weit über einzelne Unterrichtsfächer hinaus. Sie beeinflussen die Motivation im Schulalltag ebenso wie spätere Bildungs- und Berufsentscheidungen. Eine neue Studie der Universität Bielefeld legt nun nahe, dass sich solche Selbstbilder verändern lassen – und zwar bereits durch kurze pädagogische Interventionen.
Die Untersuchung entstand im Rahmen des Forschungsprojekts COMPASS („Comparison Processes in Students’ Academic Self-Concept Formation“), das von Prof. Fabian Wolff von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft geleitet wird. Die jetzt im Fachjournal Educational Psychology Review veröffentlichte Studie befasst sich mit der Frage, wie akademische Selbstbilder entstehen und ob sie sich durch gezielte Unterrichtsangebote langfristig beeinflussen lassen.
Ausgangspunkt der Forschenden ist eine Beobachtung, die in der Bildungspsychologie seit Langem bekannt ist: Jugendliche beurteilen ihre Fähigkeiten häufig nicht isoliert, sondern im Vergleich zu anderen Menschen und anderen Fächern. Wer sich in Deutsch erfolgreicher erlebt als in Mathematik, entwickelt leicht das Bild, eher sprachlich als mathematisch begabt zu sein. Umgekehrt können vergleichsweise schwächere Leistungen in einem Fach dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten dort dauerhaft geringer einschätzen.
„Viele Jugendliche ziehen bestimmte Wege für sich gar nicht erst in Betracht, weil sie glauben, dafür nicht geeignet zu sein“, erklärt Wolff. Selbst kleine Leistungsunterschiede könnten dazu führen, dass sich Jugendliche langfristig bestimmten Typen zuordnen. „Schon kleine Unterschiede in Leistungen können dazu führen, dass Jugendliche sich selbst dauerhaft bestimmten Typen zuordnen“, sagt der Bildungsforscher.
Um diesen Mechanismen entgegenzuwirken, entwickelten die Forschenden eine Unterrichtseinheit für die Jahrgangsstufen 9 bis 11. In rund 90 Minuten setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Frage auseinander, wie Vergleiche das eigene Selbstbild beeinflussen und wie solche Zuschreibungen hinterfragt werden können.
Im Mittelpunkt standen drei zentrale Botschaften. Erstens schließen sich Fähigkeiten in Mathematik und Sprachen nicht gegenseitig aus. Zweitens sind Fähigkeiten nicht festgelegt, sondern können sich entwickeln. Drittens lassen sich erfolgreiche Lernstrategien häufig auch von einem Fach auf andere Bereiche übertragen.
An der Langzeitstudie nahmen rund 600 Schülerinnen und Schüler aus zehn Schulen teil. Die Forschenden begleiteten die Jugendlichen über einen Zeitraum von sechs Monaten. Dabei zeigte sich insbesondere beim mathematischen Selbstkonzept ein deutlicher Effekt. Schülerinnen und Schüler schätzten ihre Fähigkeiten in Mathematik nach der Intervention positiver ein als zuvor. Diese Veränderungen waren auch ein halbes Jahr später noch nachweisbar. Für das Fach Englisch fanden die Forschenden ebenfalls positive Entwicklungen, die jedoch weniger stabil ausfielen.
„Wenn Jugendliche glauben, Fähigkeiten seien unveränderlich, verlieren sie nach Misserfolgen schnell die Motivation“
Nach Einschätzung des Forschungsteams verdeutlichen die Ergebnisse, dass schulische Selbstbilder nicht allein von Noten und Leistungen abhängen. Ebenso bedeutsam seien die Vorstellungen darüber, wie Fähigkeiten entstehen und ob sie veränderbar sind. Genau an diesem Punkt könnten pädagogische Maßnahmen ansetzen.
„Wenn Jugendliche glauben, Fähigkeiten seien unveränderlich, verlieren sie nach Misserfolgen schnell die Motivation“, sagt Wolff. „Erleben sie dagegen, dass Fähigkeiten sich entwickeln können, trauen sie sich häufig mehr zu und investieren mehr Zeit, um ihre Fähigkeiten auszubauen.“
Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. In einem nächsten Schritt wollen die Forschenden die COMPASS-Intervention für den Einsatz in Grundschulen weiterentwickeln. Für eine neue Untersuchung im kommenden Schuljahr sucht das Team derzeit weitere Schulen, die sich an der Forschung beteiligen möchten.
Das Projekt ist zugleich Teil des strategischen Forschungsbereichs REFLECT der Universität Bielefeld. Dort beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der Frage, wie kritisches Denken bei Kindern und Jugendlichen gefördert werden kann. Die aktuelle Studie deutet darauf hin, dass dazu auch gehört, Vorstellungen über die eigenen Fähigkeiten kritisch zu hinterfragen – und Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass schulische Begabungen keine unveränderlichen Eigenschaften sind. News4teachers