Home Tagesthemen „PISA-Schock“: Söder will für Bayerns Grundschüler die meisten Unterrichtsstunden Deutschlands

„PISA-Schock“: Söder will für Bayerns Grundschüler die meisten Unterrichtsstunden Deutschlands

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BAD STAFFELSTEIN. Mehr Deutsch, mehr Mathematik, eine dritte Sportstunde und mehr Musik: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will die Stundentafel der Grundschule ausbauen. Sein Ziel ist, dass Kinder im Freistaat innerhalb von zwei bis drei Jahren mehr Wochenstunden Unterricht erhalten als Grundschüler in jedem anderen Bundesland. Wie viele Stunden hinzukommen und wer sie unterrichten soll, ist allerdings noch offen. Die Lehrerverbände begrüßen den Blick auf die Grundschule – und fragen nach dem Personal.

„Im PISA-Schock“: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Foto: Shutterstock / Martina Birnbaum

„Wir sind natürlich alle jetzt im PISA-Schock“, sagte Söder bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion im oberfränkischen Kloster Banz. Nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks warnte er vor Folgen schlechterer Bildungsergebnisse für die Innovationskraft des Freistaats: „Wenn die Ausbildung schlechter wird, dann wird die Leistungsfähigkeit bei Spitzentechnologie automatisch weniger.“ Deshalb brauche es „maximale Bildung“ für Bayerns Kinder.

Ansetzen will Söder bei der Grundschule. Bayern solle dort in den nächsten zwei oder drei Jahren „die meisten Stunden“ und damit „die intensivste Betreuung“ aller Bundesländer bieten, sagte er dem BR zufolge. Konkret nannte der Ministerpräsident mehr Mathematik und Deutsch, eine dritte Sportstunde und mehr Musik.

Bislang haben Kinder in Bayern in den ersten beiden Klassen jeweils 24, in der dritten und vierten Klasse jeweils 28 Wochenstunden. Über die vier Schuljahre addiert sind das 104. Hamburg liegt mit viermal 27 Wochenstunden bei 108. Wie viele Stunden in welchen bayerischen Jahrgangsstufen hinzukommen sollen, steht laut BR noch nicht fest. Eine dritte Sportstunde für Erstklässler ab dem Schuljahr 2027/28 hatte das Kabinett bereits beschlossen.

Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) bezeichnete die neuen deutschen Pisa-Ergebnisse gegenüber dem BR als inakzeptabel. „Kinder brauchen vor allem Zeit. Und Schule braucht Zeit“, erklärte sie. Zusätzlicher Unterricht solle Raum schaffen, damit Kinder sicher lesen, schreiben und rechnen lernen. Sport und Musik sollten ihnen helfen, sich zu starken Persönlichkeiten zu entwickeln. Stolz sieht darin auch einen Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

Mehr Deutsch und Mathematik hatte die Staatsregierung bereits mit ihrer „PISA-Offensive“ ab dem Schuljahr 2024/25 in die Grundschule gebracht. Damals wurden Stunden innerhalb der bestehenden Stundentafel umgeschichtet. Schulen konnten unter anderem Unterricht in Englisch oder musischen Fächern reduzieren. Nun soll die Gesamtzahl der Stunden steigen.

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, begrüßte Söders Ankündigung im Gespräch mit dem BR grundsätzlich. Es sei gut, dass der Ministerpräsident die Grundschule als Fundament der schulischen Bildung erkenne und mehr Zeit für Kernkompetenzen vorsehe. Entscheidend sei neben der Unterrichtszeit aber auch deren Qualität. „Es kommt jetzt auf die Umsetzung an: Was heißt das denn jetzt eigentlich? Woher kommen denn dann diese Stellen?“, fragte Fleischmann.

Söder verwies laut BR auf 1.500 neue Lehrerstellen, die für 2027 eingeplant seien; ab 2028 sollten weitere folgen. Die Stellen sind allerdings für sämtliche Schularten vorgesehen. Wie viele davon an Grundschulen gehen, ist offen. Im laufenden Schuljahr wurden wegen eines Stellenmoratoriums keine neuen Lehrerstellen geschaffen, obwohl die Zahl der Schülerinnen und Schüler gestiegen ist.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bayern macht deshalb das Personal zur zentralen Frage. „Jede zusätzliche Wochenstunde muss jemand unterrichten. Wer mehr Unterricht verspricht und zugleich keine neuen Stellen zulässt, reicht die Rechnung an die Kollegien weiter“, kritisiert ihr stellvertretender Landesvorsitzender Markus Weinberger. Eine Ankündigung auf einer Fraktionsklausur ersetze keinen Haushaltsbeschluss. „Jede Ausweitung der Stundentafel muss mit Planstellen hinterlegt sein.“

Nach Angaben der GEW müssen die Schulen im laufenden Schuljahr rund 20.000 Schülerinnen und Schüler mehr unterrichten als im Vorjahr. Zugleich werde die Unterrichtsversorgung auch dadurch gesichert, dass vorhandenes Personal verstärkt eingesetzt werde. Solange nicht feststehe, ab wann welche zusätzlichen Stunden eingeführt und mit welchen Lehrkräften sie besetzt würden, bleibe Söders Versprechen offen.

„Mehr Musik ist richtig. Aber warum wurden die musischen Fächer dann vor zwei Jahren erst zurückgefahren?“

GEW-Landesvorsitzende Martina Borgendale kritisiert außerdem den Kurswechsel bei den musischen Fächern. Mit der PISA-Offensive anlässlich der schon desaströsen Studie 2023 seien Musik, Kunst sowie Werken und Gestalten erst vor zwei Jahren zugunsten von Deutsch und Mathematik gekürzt und zu einem Fächerverbund zusammengefasst worden. „Mehr Musik ist richtig. Aber warum wurden die musischen Fächer dann vor zwei Jahren erst zurückgefahren? Offenbar entdeckt der Ministerpräsident gerade, wie wertvoll die kreativen Fächer sind. Das ist kein Konzept, sondern ein Zickzackkurs“, sagt Borgendale.

Sie wirft Söder überdies vor, sich erneut in Einzelheiten der Schulpolitik einzumischen: „Und wieder einmal gibt der Ministerpräsident den Kultusminister: erst die Hymnenpflicht für die Abschlussfeier, jetzt der Stundenplan der Grundschule. Vielleicht braucht es ja tatsächlich mehr Musikunterricht – damit bei der Zeugnisfeier die Bayernhymne sitzt.“

In einem Punkt gibt Borgendale Kultusministerin Stolz ausdrücklich recht: Schule brauche Zeit. Mehr Stunden allein lösten aber nicht das Problem, dass der Bildungserfolg immer stärker vom Elternhaus abhänge. Dafür brauche es „multiprofessionelle Teams, längeres gemeinsames Lernen – und Menschen, die die Zeit im Stundenplan füllen“. News4teachers / mit Material der dpa

BLLV-Präsidentin Fleischmann: „Warum nimmt sich die deutsche Bildungspolitik nicht die internationalen PISA-Spitzenreiter zum Vorbild – und macht’s auch so?“

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