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Filme über Schulunterricht – immer nur verzerrte Wirklichkeit?

WÜRZBURG. Filme über den Schulunterricht gibt es wie Sand am Meer. „Die Feuerzangenbowle“ und Doku-Soaps wie „SOS Schule“ gehören dazu, aber auch Fortbildungsvideos für Lehrer und Unterrichtsmitschnitte für Forschungszwecke. In all diesen Werken transportieren die Filmemacher ihre ganz eigenen Vorstellungen vom Unterricht. Diesem Phänomen geht Dr. Astrid Baltruschat an der Universität Würzburg auf den Grund.

„Objektives Filmen ist gar nicht möglich": Filme zum Thema Unterricht. Foto: Astrid Baltruschat

„Objektives Filmen ist gar nicht möglich": Filme zum Thema Unterricht. Foto: Astrid Baltruschat

Mit Filmen über die Schule hat sich Baltruschat schon in ihrer Doktorarbeit an der Freien Universität Berlin befasst. „Ich habe dort Filme analysiert, die Schüler und Lehrer über ihre eigenen Schulen gedreht hatten.“ Diese Studien hatten Folgen: Zunehmend suchten Fachkollegen den Rat von Baltruschat – zum Beispiel Sozialwissenschaftler, die für ihre Forschungsarbeit einzelne Schulstunden aufzeichnen und über das „Wie“ und „Was“ sprechen wollten.

Reicht es nicht, die Kamera hinten im Klassenzimmer laufen zu lassen, um ein objektives Bild vom Unterricht zu gewinnen? Scheinbar nicht: „Objektives Filmen ist gar nicht möglich, da sind sich die Filmwissenschaftler einig. Jeder Film ist das Ergebnis einer subjektiven Interpretation“, sagt Baltruschat. Schon allein durch die Platzierung der Kamera hinten im Klassenraum werde der Lehrer ins Zentrum gerückt, seine dominante Rolle stark betont. Die Schüler sind nur von hinten zu sehen, ihre Interaktionen mit dem Lehrer bleiben dem Zuschauer verborgen. Ein objektives Bild vom Unterricht wird so wohl eher nicht eingefangen.

Eine Kamera, die den Unterricht von hinten in der Totalen erfasst: Mit dieser Methode wurden in den 1990er-Jahren auch Filme im Rahmen der internationalen TIMSS-Bildungsstudien gedreht. Später kamen die Streifen als Anschauungsmaterial im Lehramtsstudium und in der Lehrerfortbildung zum Einsatz. Astrid Baltruschat hält das für bedenklich: „Weil diese Art von Filmen eine Perspektive auf den Unterricht schafft, die außer dem Kameramann niemand sonst im Klassenzimmer hat und die darum die Wirklichkeit nicht widerspiegelt.“ An diesem Beispiel macht die Wissenschaftlerin deutlich, dass es extrem wichtig ist, die Art und Weise des Filmens im Klassenzimmer gut zu hinterfragen.

Mit Filmen über den Unterricht befasst sich Astrid Baltruschat jetzt in einem neuen Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Würzburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben drei Jahre lang. „Wir wollen unterschiedlichste Filme analysieren und daraus ableiten, welches Bild von Unterricht die jeweiligen Produzenten in ihren Köpfen hatten und wie sie es umgesetzt haben“, erklärt die Wissenschaftlerin. In die Analysen einbezogen werden Fortbildungsfilme für Lehrer ebenso wie Videos, die Wissenschaftler zu Forschungszwecken gedreht haben, aber auch Spiel- und Dokumentarfilme, Doku-Soaps und Videoclips wie etwa „Another Brick in The Wall“ von Pink Floyd.

Verschiedene Filmgenres gegenüberstellen

Spielfilme und Videoclips? „Gerade darin sind Techniken umgesetzt, die in Forscherfilmen häufig fehlen“, so Baltruschat. „Zum Beispiel fängt die Kamera verschiedene Perspektiven ein, oder die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern ist durch Schnitt und Gegenschnitt ins Bild gesetzt.“ Die so unterschiedlichen Filmgenres sollen einander in dem Projekt dann gegenübergestellt werden. Für die Unterrichtsforschung mittels Videoaufzeichnung ergeben sich daraus vielleicht neue Anstöße.

Die Chancen, aber auch die Grenzen von Lehrerfortbildungsfilmen aufzeigen zu können – das ist ein Ergebnis, das sich Astrid Baltruschat von ihrem DFG-Projekt erhofft. Der zweite Ertrag, den sie sich verspricht: Dazu beizutragen, dass Unterrichtsfilme künftig mit noch mehr Bedacht geplant und realisiert werden, wenn sie der Studierendenausbildung, der Fortbildung oder der Forschung dienen sollen.

Ihr drittes Anliegen ist akademischer Natur: „Ich möchte zwei Traditionen der Unterrichtsforschung verknüpfen, die bisher eher nebeneinander herlaufen.“ Damit meint sie zum einen die deutsche Tradition der allgemeinen Didaktik, des rein theoretischen Nachdenkens über Unterrichtskonzepte. Diese möchte sie mit der angelsächsischen Tradition der empirischen Bildungsforschung verbinden, die auf konkreten Beobachtungen im Unterricht basiert. idw

 

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