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Zum Abschied ein großes Fest – kleine Dorfschulen schließen

HANNOVER (Mit Leserkommentaren). Nach Post, Bäcker oder Apotheke ohne ausreichend Kundschaft müssen jetzt vielerorts auch kleine Grundschulen schließen: Ihnen gehen die Kinder aus. Auf dem Land verändern sich gewachsene Strukturen.

Schon lange geschlossen: Die ehemalige Dorfschule im brandenburgischen Biesenbrow. Foto: Jonas Rogowski / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Schon lange geschlossen: Die ehemalige Dorfschule im brandenburgischen Biesenbrow. Foto: Jonas Rogowski / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Eigentlich ist es ein trauriger Tag. Doch im kleinen Dörfchen Stollhamm, nur ein paar Kilometer von der Nordseeküste entfernt, feiern sie ihn trotzdem: Die niedersächsische Gemeinde Butjadingen (Kreis Wesermarsch) schließt dort nach vielen Jahrzehnten die alte Grundschule. «Neue Schule, neues Glück, es führt kein Weg zurück», singt die dritte Klasse, die nach den Ferien in den Nachbarort Burhave zur größeren Grundschule umziehen muss.

Mit zuletzt 45 Kindern und zwei Klassen lief alles auf einen Zusammenschluss der beiden Häuser hinaus. «Es ist immer schade, eine Schule schließen zu müssen», bedauert der kommissarische Leiter Wolfgang Zappe. Andererseits sieht er auch viele Vorteile: «Der pädagogische Austausch mit nur zwei Lehrerinnen und einer Feuerwehrkraft funktioniert nicht so gut wie an einer größeren Schule, es fehlen auch die Vergleichsmöglichkeiten.» Nach 18 Jahren in Stollhamm wechselt auch Lehrerin Christa Mann an die neue Schule: «Das macht schon sehr wehmütig. Aber wenn eine Schule zu klein wird, lässt sich das kaum auffangen.»

Die Kinder beurteilen die Schließung ganz unterschiedlich: «Is’ ok», «Schade», «Ein bischen traurig», sagen Jakob, Wiebke und Elina (9). Stefan (10) freut sich über bald größere Klassen und neue Lehrer: «Da werde ich bestimmt auch viele neue Freunde finden.» «Das Kinderlachen in der Schulstraße wird jedenfalls verstummen», bedauert Anwohnerin Elke Kußmann, «das war immer beruhigend, unsere eigenen Kinder so in der Nähe zu haben.»

In wie vielen Schulen in Niedersachsen sonst noch mit dem letzten Schultag am Freitag endgültig die Lichter ausgegangen sind, das weiß das Kultusministerium in Hannover nicht – Entscheidungen über Standortschließungen seien Sache der Kommunen, sagt Sprecherin Corinna Fischer. Zahlen hat sie nur im Rückblick: In den vergangenen acht Jahren machten 98 öffentliche Grundschulen in Niedersachsen dicht, das waren rund fünf Prozent.

1765 Grundschulen gibt es landesweit im Moment noch. Doch 67 davon sind so klein, dass es nicht mal mehr für eine Klasse pro Jahrgang reicht. Oft wird dort wie früher jahrgangsübergreifend unterrichtet, die kleinen Kinder lernen von den Großen, die Lehrer widmen sich mal den einen, mal den anderen. Die allermeisten Schüler, Lehrer und Eltern hängen an ihren Zwergschulen, kämpfen wie in Heinsen im Kreis Holzminden mit aller Kraft für den Erhalt.

Für die alte Backsteinschule in Adensen im Kreis Hildesheim ist das Aus nicht mehr abzuwenden: Auch dort werden Freitag die letzten Zeugnisse ausgeteilt, zum allerletzten Mal stürmen die Kinder nach dem Pausengong auf den Hof und in die langersehnten großen Ferien.

In Adensen wären es im September nur noch acht Mädchen und Jungen gewesen – und zwar in den Klassen 1 bis 4 zusammen. Die müssen nun per Bus in die Nachbarorte fahren. «Über die Schließung reden wir hier schon lange», sagt Norbert Pallentin, Bürgermeister der Gemeinde Nordstemmen, zu der Adensen gehört. Er sieht das Ende ganz nüchtern – sparen tut die Gemeinde dadurch keinen Cent, alle freigewordenen Gelder sollen nun an die anderen Grundschulen gehen.

Im 1000-Einwohner-Dorf Adensen haben sie aber Hoffnung, dass das Aus der alten Dorfschule kein endgültiges ist. Eine Elterninitiative macht sich dafür stark, in dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude eine Privatschule anzusiedeln. Unterschriftsreif ist noch nichts, doch der Bürgermeister ist guter Hoffnung. «Schule bedeutet Leben und Zukunft», sagt er.

In anderen Dörfern hatten engagierte Eltern mit ähnlichen Projekten schon Erfolg, etwa in der Wedemark nördlich von Hannover. Nachdem die Gemeinde dort die winzig kleine idyllische Waldschule in Bissendorf-Wietze schloss, wurde das Gebäude von einer Elterninitiative erfolgreich als Montessori-Schule wieder belebt. SIGRUN STOCK und HANS-CHRISTIAN WÖSTE, dpa

(22.7.2012)

2 Kommentare

  1. Ich bin ja ein großer Befürworter “kleiner Strukturen” so auch im Bereich Schule. Von der ganzen Atmosphäre her sind mir kleine Schulen sympathischer als “Schülerfabriken”, wie sie landauf, landab entstehen. Aber ich frage mich schon, wie kann eine Privatschule sich finanzieren, wo sich eine öffentliche nicht mehr rentiert. Ist es nur das Schulgeld, das die Eltern zahlen oder sind es nicht auch die Gehälter der Beschäftigten, die um bis zu einem Drittel niedriger ausfallen?!? Es ist doch eigentlich überall so, dass die Privatwirtschaft billiger ist als die öffentliche Hand, weil die in ihr Beschäftigten weniger verdienen. Kann man das guten Gewissens befürworten?!?

  2. Auch ich bin ein großer Anhänger kleiner Strukturen. Wie der Artikel verdeutlicht, werden sie aber leider irgendwann unweigerlich geschlossen werden. Es gibt eben zu wenig Kinder in unserem Land.
    Als Sek.I – Lehrer war ich öfter einmal an kleine Grundschulen abgeordnet. Dort beeindruckte mich
    regelmäßig das unaufgeregte Arbeiten in einer fast
    familiären Atmosphäre. Natürlich kommt es in diesen kleinen Einheiten noch mehr auf gutes kollegiales Miteinander an als in großen Schulen.
    Ich habe noch als Schüler eine Einklassige Dorfschule erlebt. Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang das Buch von Walter Kempowski: “Heile Welt.” Ein einziger Lehrer unterrichtete in einem Raum maximal acht Klassen. Die damaligen Lehrer verfügten quasi über eine fachliche Omnipotenz. Außerdem konnten sie die täglichen schulischen Herausforderungen nur als wahre Organisationsgenies bewältigen. Nicht selten wurde vom aktuellen Stundenplan abgewichen, wenn z.B. ein platter Schlauch geflickt werden musste oder die SchülerInnen überlegten, wie einem aus seinem Nest gefallenen Amseljungen das Überleben gesichert werden konnte. Unruhe gab es während der Schulstunden so gut wie überhaupt nicht. SchülerInnen aus den höheren Klassen entlasteten die Lehrkraft und betreuten die “Kleinen” im Lesen, Schreiben und Rechnen. In jedem Jahr gingen Kinder zur höheren Schule. Wegen der zu großen Entfernung war das Gymnasium für uns allerdings unerreichbar. Das musste später nachgeholt werden. Viel Überzeugungsarbeit musste geleistet werden, damit die zumeist von einem Bauernhof kommenden SchülerInnen die Zustimmung ihrer Eltern für den Besuch der weiterführenden Schule erhielten. Für die Eltern reichten acht Jahre Schule. Praktische Fähigkeiten wurden damals sowieso viel höher eingeschätzt als theoretische. Mit den SchülerInnen aus größeren schulischen Einheiten konnten wir Dorfschulkinder locker mithalten. Es stimmt eben einfach nicht, dass SchülerInnen aus kleinen Schulen von vornherein benachteiligt sind.

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