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Philologen-Chef fordert Notausstieg für Schulen bei der Inklusion

KÖLN. Interview auf der „didacta“: Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen-Verbandes Nordrhein-Westfalen, äußerte sich im Gespräch mit News4teachers zu den Themen Inklusion, Sitzenbleiben – und dem vorläufigen Abschied der CDU von der Schulpolitik.

"Traditionen sind ja nichts schlechtes": Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen-Verbands Nordrhein-Westfalen, auf der "didacta". Foto: News4teachers.

“Traditionen sind ja nichts schlechtes”: Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen-Verbands Nordrhein-Westfalen, auf der “didacta”. Foto: News4teachers.

News4teachers: Mit dem Niedersachsen Bernd Althusmann ist in Deutschland der vorerst letzte Kultusminister mit CDU-Parteibuch abgetreten. Ist der Abschied der Konservativen aus der Schulpolitik ein Verlust?

Silbernagel: Er bedeutet einen Mangel an politischen Alternativen. Es ist gerade beim Thema Schule nicht unvernünftig, unter verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen. Dass das bürgerlich-konservative Lager sich hier verabschiedet, ist in jedem Fall zu beklagen.

News4teachers: Warum ist Schulpolitik so schwierig zu besetzen?

Silbernagel: Die Schul- und Bildungspolitik hat sich in den letzten Jahren zunehmend als unkalkulierbares politisches Feld erwiesen. Selbst Politiker, die hier mit viel gutem Willen angetreten sind und über finanzielle Rückendeckung verfügten, fanden sich plötzlich im Zentrum einer hitzigen Kontroverse wieder. Die Schulpolitik schürt Emotionen, sie unterliegt Stimmungen wie kaum ein zweites Ressort. Das ist vielen Politikern geradezu unheimlich.

News4teachers: Unter dieser Angst scheinen aber vor allem Vertreter des bürgerlichen Lagers zu leiden.

Silbernagel: Grüne und Sozialdemokraten haben offenbar mehr Mut, wohl auch mehr Sendungsbewusstsein.

News4teachers: Auf Traditionen zu beharren, scheint heute nicht mehr mehrheitsfähig zu sein. Was müsste denn eine bürgerlich-konservative Schulpolitik heutzutage leisten?

Silbernagel: Zunächst mal: Traditionen sind ja nichts schlechtes, sondern das Fundament, auf dem wir stehen. Eine bürgerlich-konservative Schul- und Bildungspolitik sollte erstens den Eltern glaubhaft vermittelt, dass Strukturen sinnvoll sind, aber nur eine dienende Funktion haben – sie dürfen niemals Bildungswege, gar Berufswege blockieren. Zweitens, sie sollte klarmachen, dass neben der Vermittlung von Inhalten auch die Erziehung in der Schule, die Vermittlung von Werten wichtig ist. Drittens, sie müsste auf eine bessere Verzahnung der Bildungsinstitutionen – vom Kindergarten, über Schule und Hochschule bis zur beruflichen Weiterbildung – hinarbeiten. Hier fehlt uns oft der Blick auf das Gesamte.

News4teachers: Was halten Sie vom Streit um das Sitzenbleiben?

Silbernagel: Das ist eigentlich eine Geisterdebatte. Die PISA-Studie hat uns zwar attestiert, dass das Sitzenbleiben nicht automatisch in jedem Fall sinnvoll ist. In den letzten Jahren wurde daraufhin allerdings in allen Bundesländern die Wiederholerquote reduziert. Wir unterstützen den Weg Nordrhein-Westfalens, den Schulen die Möglichkeit zu geben, rechtzeitig zu intervenieren.

News4teachers: Also kann das Sitzenbleiben abgeschafft werden?

Silbernagel: Darauf generell zu verzichten, wäre ein falsches pädagogisches Signal. Es gibt Schüler – gerade in der Pubertät – die Leistung bringen könnten, aber sie wollen nicht. Denen muss ich als Lehrer Konsequenzen aufzeigen können.

News4teachers: In Hessen kehrt die Hälfte der Gymnasien zu G9 zurück. Ist G8 gescheitert?

Silbernagel: Ein Zurück zu G9 hielte ich nicht für sinnvoll, aber die Probleme mit G8 sind noch nicht gelöst. Die KMK muss sich darüber unterhalten, ob es bei den 265 Wochenstunden bis zum Abitur bleiben muss. Die Vorgabe führt zu einem zeitlich ausgesprochen hohen Stundenmaß. Und letztlich zu der Frage, ob wir den Stoff nicht weiter verschlanken müssen. Es braucht mehr Mut zur Lücke. Wir können in acht Jahren nicht das gleiche Programm durchziehen wie in neun. Wir brauchen auch mehr Ganztagsangebote an Gymnasien, nicht verpflichtend, aber als Angebote in der Fläche. Und wir müssen stärker mit außerschulischen Partnern zusammenarbeiten, um den Kindern und Jugendlichen weiterhin ihren Tennisverein und ihre Musikschule zu ermöglichen. Wenn Eltern darüber klagen, dass diese Aktivitäten mit der Schule kaum mehr zu verbinden sind, dann – und das sage ich durchaus selbstkritisch – müssen wir sie damit ernster nehmen. Deshalb aber die Reform ganz einzukassieren, oder teilweise – wie es in anderen Bundesländern geschieht –, kann nicht die Lösung sein. Lehrer und Eltern haben auch einen Anspruch auf Verlässlichkeit.

News4teachers: Und schon steht mit der Inklusion die nächste große Herausforderung bevor.

Silbernagel: Die Gymnasien werden quantitativ wohl von der Inklusion nicht so stark betroffen sein wie andere Schulformen. Da setze ich auch auf die Vernunft der Eltern. Verstärkt mit emotional und sozial auffälligen Schülern umzugehen, das wird allerdings auch für die Gymnasien eine Herausforderung. Mehrere solcher Kinder oder Jugendliche in einer Lerngruppe zu haben, das birgt Sprengstoff.

News4teachers: Der Knackpunkt ist der Rechtsanspruch der Eltern.

Silbernagel: Den Schulen sollte nicht gänzlich die Möglichkeit genommen werden, ein Diagnoseverfahren einzuleiten – in dem dann auch gegen den Willen der Eltern im Interesse des Kindes entschieden werden kann. Das muss in Ausnahmefällen möglich sein.

News4teachers: Also sind Doppelstrukturen –  mit Förderschulen einerseits, Regelschulen andererseits – auch weiterhin notwendig?

Silbernagel: In einem bestimmten Rahmen: Ja. Das wird teuer. Aber wenn wir Inklusion wollen, dann muss sie uns auch etwas wert sein.

News4teachers, 21.2.2013

Zum Bericht: Auf der “didacta” führt am digitalen Lernen kein Weg vorbei

5 Kommentare

  1. Warum “Notausstieg”?
    Grundsätzlicher Ausstieg muss her, weil die Inklusion eine einzige Not für alle ist.
    Die meisten wissen das, doch kaum einer wagt es zu sagen. Die Inklusion ist so geschickt mit Moral verbunden, dass jeder befürchten muss, als behindertenfeindlich zu gelten, wenn er Bedenken gegen die Einheits- bzw. Gemeinschaftsschule anmeldet.

  2. @Knut: “Die meisten wissen das, doch kaum einer wagt es zu sagen” – Solch ein Kommentar hilft doch niemandem weiter. Deutschland hat doch gar keine Entscheidungsfreiheit beim Thema Inklusion. Im Vergleich zu anderen Ländern hinken wir hoffnungslos hinterher. Auch wenn es ein Kraftakt wird und es vielen Leuten nicht gefallen mag, ist Deutschland verpflichtet, alles für die Umsetzung zu tun. Also sparen wir uns die Energie lieber auf, um sie für Sinnvolleres umzusetzen als uns drüber aufzuregen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/UN-Konvention_%C3%BCber_die_Rechte_von_Menschen_mit_Behinderungen

    siehe Absatz 24

  3. @ Knut M.
    Das Thema “Inklusion” ist vergleichbar mit dem Thema “Krippe”. Da können die Skeptiker und Gegner noch so gute Argumente anführen, die Inklusion werden sie nicht aufhalten. Sie wird durchgedrückt, weil es einfach zu wenig Protest dagegen gibt. Sie schrieben selber in einem Beitrag, dass die Mehrheit der Lehrkräfte politisch links denkt, und deshalb der GEW viel Sympathie entgegenbringt.

  4. @mehrnachdenken: “Sie wird durchgedrückt, weil es einfach zu wenig Protest dagegen gibt” – Da nützt kein Protest – und die GEW ist auch unschuldig. Deutschland ist gezwungen, die Inklusion einzuführen. Link so.o. Ich verstehe diese ganze Diskussion darum nicht. Man kann zur Inklusion stehen wie man will, sie MUSS kommen, aus o.a. Grund. Die einzige Frage ist, wie man sie umsetzen kann, wenn die personellen und finanziellen Mittel dafür nicht ausreichen. Der bisherige Ansatz ist total ungeeignet, weil die Politik uns Glauben machen will, Inklusion gäbe es zum Nulltarif in Form eines Verschiebebahnhofs für die Lehrkräfte der Förderschulen.
    Wenn also Protest, dann nicht gegen die Inklusion, sondern gegen die Art und Weise, wie sie in Deutschland erfolgen soll. Warum kann man nicht von anderen Ländern lernen, wo es gut funktioniert?

  5. @klexel
    Ihre 3-Punkte-Argumentation scheint bei Inklusionsanhängern gemeinsame Strategie:
    1. Die Inklusion MUSS kommen.
    2. Die einzige Frage ist, wie man sie umsetzen kann.
    3. Wir sollten von anderen Ländern lernen, wo sie gut funktioniert.
    Mich beeindrucken solch leere Behauptungen wenig, gebe aber zu, dass sie geschickt gewählt sind und in ihrem Dreiklang die Kraft eines Totschlagsarguments haben.
    Ich stimme “mehrnachdenken” zu: Die Inklusion “wird durchgedrückt, weil es einfach zu wenig Protest dagegen gibt.”
    Und warum gibt es so wenig Protest? Nicht zuletzt deswegen, weil die stereotype 3-Punkte-Argumentation eben so gut funktioniert und überdies keiner in den Geruch von Hartherzigkeit gegen Behinderte kommen möchte, mit dem auch gern Widersacher aus dem Feld geschlagen werden.

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