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Parteilos, aber mit Profil: Bildungsministerin Waltraud Wende

KIEL. Illusionen abgeschminkt, Überzeugungen behalten – Bildungsministerin Wende macht als Seiteneinsteigerin Politik in Schleswig-Holstein. Sie bescheinigt sich viel Lernfähigkeit, sieht sich aber nicht als Politik-Profi. Und verteidigt auch als Mitglied eines rot-grünen Kabinetts die CDU-Politikerin Annette Schavan, die sie ungerecht behandelt sieht.

Waltraud Wende sieht sich nicht als Profi-Politikerin.  (Foto: Steffen Voss/Bildungsministerium Schleswig Holstein)

Waltraud Wende sieht sich nicht als Profi-Politikerin. (Foto: Steffen Voss/Bildungsministerium Schleswig Holstein)

Der folgsamste «Mitarbeiter» von Waltraud Wende heißt Wolpino. Er gehorcht der Kieler Bildungsministerin aufs Wort, und wenn sie es will, vollführt er in ihrem Büro Kunststücke und tanzt um sie herum. Wende macht es sichtlich Spaß mit dem fünf Jahre alten Norfolk-Terrier, doch mit den Erwartungen an ihre Partner im Job hat dessen Folgsamkeit nichts zu tun: Die 55-Jährige, Prof. Dr. phil. habil., betont den kritischen Diskurs als Voraussetzung, Neues zu entwickeln.

«Ich habe mein ganzes Leben politisch gedacht», sagt die parteilose Literaturwissenschaftlerin zu ihrem Quereinstieg in die Politik vor einem halben Jahr. «Aber als Profipolitikerin sehe ich mich nicht – und ich weiß auch nicht, ob das mein Ziel ist.» Wende hatte kaum Vorstellungen, wie ein Kabinett funktioniert. «Hier musste ich dazulernen.»

Als Wissenschaftlerin und Präsidentin der Uni Flensburg (seit 2010) war das Suchen nach Lösungen im Diskurs selbstverständlich für sie. In der Politik läuft das etwas anders. Mit dem Wechsel an die Spitze des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft veränderte sich die Erwartungsperspektive der Anderen: «Wenn ich sage, ich denke mal über den Sinn der Schulnoten nach, dann denke ich in der Tat darüber nach und habe sie noch nicht abgeschafft», sagt Wende. Ihr neues Umfeld schlussfolgere dagegen: «Ach, sie will jetzt mal gerade die Schulnoten abschaffen.» Das finde sie schwierig. «Also muss ich lernen, Dinge, die sich in meinem Kopf bewegen, nur partiell zu äußern, denn die Anderen hören in meinen Worten schon das Gesetz, das ich jetzt gleich verabschieden will.»

Das hinterlässt Spuren. «Ich möchte authentisch bleiben», sagt Wende. «Aber ich merke, dass ich in den ersten Wochen spontaner war.» Auch im Landtag ist das zu sehen. Nachdem sich die Neu-Ministerin im Plenum auch schon heftig echauffiert hatte, las sie ihre letzten Reden unterkühlt vom Blatt ab, um keine Angriffsfläche zu bieten. Wende hätte es sich einfacher vorgestellt, über Regierungs- und Oppositionsgrenzen hinweg Argumente austauschen und im Konsens Lösungen zu finden. «Aber da war ich wohl einfach ein bisschen naiv.»

Ganz verbiegen lassen will sie sich dennoch nicht. In der Debatte um die Aberkennung des Doktortitels von Bundesbildungsministerin Annette Schavan stellte sich Wende an die Seite der CDU-Politikerin. «Nicht die junge Doktorandin von damals hat versagt, sondern die Universität», meinte sie. Schließlich würden solche Arbeiten von Doktorvater oder Doktormutter begutachtet. «Im Übrigen sei der Fall ihres Erachtens verjährt.

„Wir haben tolle Gymnasien, ich will sie nicht abschaffen“

Dem Vorwurf der schleswig-holsteinischen Opposition, die Koalition wolle die Gymnasien abschaffen, widerspricht Wende: Neben starken Gemeinschaftsschulen solle es auch künftig starke Gymnasien geben. «Wir haben tolle Gymnasien, ich will sie nicht abschaffen.» Auch hier sieht sie ein Verständnisproblem: «Wenn ich sage, ich will die Gemeinschaftsschulen entwickeln, dann hört der Philologenverband, ach ja, sie will die Gymnasien schädigen. Will ich gar nicht, auch aus Überzeugung. Die Gymnasien sind fest verankert in der deutschen Kultur und haben sehr viel beigetragen zur Bildung in diesem Land.» Sie würden immer ihre Klientel finden. «Warum soll ich da bevormunden und sagen, ich weiß es besser? Ich möchte Pluralität und beide Elternwünsche bedienen.»

Nicht in Stein gemeißelt ist für Wende die Vereinbarung im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und SSW, dass sich die sogenannten Y-Gymnasien, die parallel Abitur nach acht und neun Jahren anbieten, zwischen beiden Modellen entscheiden müssen. «Da gibt es Bewegungsspielräume», sagt sie. «Ich glaube, wir finden eine Lösung, mit der alle leben können und mit der es keine Proteste im Sommer geben wird.»

Wende macht auch klar, weshalb sie beim Abi auch auf Gemeinschaftsschulen mit Oberstufen setzt: «Dort schaffen mehr junge Menschen das Abitur als an den Gymnasien.» Schnell-Lerner und von vornherein leistungsstarke Schüler seien an den Gymnasien richtig. «Wir wollen aber trotz des Schülerrückgangs um 34 000 in den nächsten fünf Jahren mehr Gemeinschaftsschulen mit Oberstufen haben, weil wir insgesamt mehr Abiturienten brauchen.» Dieses Mehr sei über die Gymnasien nicht zu schaffen, weil dort zu viele Schüler scheiterten, die nicht genug Unterstützung von ihren Familien bekämen. «An den Gemeinschaftsschulen können wir solche Kinder im System halten, bis sie mit 15 oder 16 selbst entscheiden, das Abitur zu machen.»

Wende erfuhr persönlich, wie schwer der Aufstieg sein kann, wenn die Voraussetzungen schlecht sind. Nach dem Wechsel aus einer kleinen Volksschule zur Realschule war sie dort überfordert, blieb in der 5. Klasse sitzen. «Mathe, Deutsch, Englisch – nur Fünfen und Sechsen. In Englisch habe ich in zwölf Arbeiten zwölfmal die Sechs geschafft», erzählt Wende. «Einige Lehrer wollten mich von der Schule schmeißen, andere sagten, der helfen wir, die schafft das. «Dann machte ich das jahrgangsbeste Abitur, aber nur, weil ich tolle Lehrer hatte.»

Auch für die Gymnasien sind aus Sicht Wendes noch Hausaufgaben zu erledigen. Das Abitur nach acht Jahren (G8) sei eingeführt worden, ohne die Lehrpläne groß zu korrigieren. «So geht’s nicht – wenn man G8 haben will, muss man es so organisieren, dass die Schüler ohne großen Stress durchkommen, auch noch freie Zeit haben. Ihr Leben darf nicht ausschließlich von Schule bestimmt werden.» Zusätzliche G9-Gymnasien würden aber nicht zugelassen, bekräftigt Wende. «Die elf, die es jetzt gibt, werden aber so bleiben dürfen.» dpa

(13.2.2013)

Zum Bericht: „Ministerin Wende will Frauenquoten für Professuren festschreiben lassen“

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