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Deutscher Lehrertag: Beckmann warnt Politiker vor einem Scheitern der Inklusion

DORTMUND. Zustimmung macht selbstbewusst. Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) war am Donnerstag mit dem bemerkenswerten Votum von 100 Prozent Ja-Stimmen von der VBE-Bundesversammlung im Amt für die nächsten drei Jahre bestätigt worden – entsprechend forsch trat er nun vor mehr als 1.000 Pädagoginnen und Pädagogen beim Deutschen Lehrertag in Dortmund auf. Mit Blick auf das Schwerpunktthema Inklusion sagte er, „es ist die verdammte Pflicht der Politik, die nötigen Gelingensbedingungen bereitzustellen. Davon sind wir bis heute noch meilenweit entfernt“. Eine prominente Adressatin der Kritik war anwesend: die künftige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne).

VBE-Vorsitzender Udo Beckmann zeigte sich auf dem Deutschen Lehrertag kämpferisch. Foto: Eduard N. Fiegel / VBE

VBE-Vorsitzender Udo Beckmann zeigte sich auf dem Deutschen Lehrertag kämpferisch. Foto: Eduard N. Fiegel / VBE

Unter dem Motto „Individuell fördern. Wie geht das?“ hatte der VBE Lehrinnen und Lehrer aus ganz Deutschland eingeladen, um sich zum Thema fortzubilden. Der Deutsche Lehrertag war ausgebucht; in den letzten Tagen hatte der Verband noch etliche Teilnahmewünsche abweisen müssen. Im Programm wurden 36 Weiterbildungsseminare angeboten – recht spezielle Veranstaltungen wie „Niveaudifferenzierter Unterricht mit der analytischen Silbenmethode des ‚ABC‘ der Tiere“, aber auch Grundlegendes: „Erfahrungen mit Gott gewinnen Gestalt“. Am stärksten nachgefragt war – neben Angeboten zum Fach Deutsch – der Workshop: „Inklusion als Chance, Beispiele aus der Praxis“. Der Bedarf an Mut machender Anschauung ist offenbar groß in der Lehrerschaft; kein Wunder angesichts der Herausforderung des anstehenden Systemwandels.

Inklusion könne nicht gelingen, solange die nötigen personellen, sächlichen und räumlichen Ressourcen unter Finanzierungsvorbehalt gestellt würden, befand Beckmann. Die Lehrkräfte zeigten eine hohe Bereitschaft, sich für die neuen Aufgaben weiter zu qualifizieren (was der Deutsche Lehrertag belege), doch sie fühlten sich von der Politik im Stich gelassen. „Der VBE fordert einen transparenten breiten Dialog, in dem die Sorgen und Nöte der Beteiligten nicht klein geredet, sondern ernst genommen werden. Bei der Umsetzung der Inklusion darf es keine Verlierer geben, weder bei den Kindern mit noch ohne Beeinträchtigung“, sagte der VBE-Vorsitzende.

Beckmann kritisierte auch, dass der Koalitionsvertrag von CDU und SPD im Bund bislang keine Abschaffung des „Kooperationsverbotes“ bei den Schulen vorsehe. So bleibt der Bund wohl weiterhin außen vor, obwohl die beiden Parteien über für eine Grundgesetzänderung notwendige Mehrheit verfügen. Beckmann: „Es ist falsch verstandener Föderalismus, angesichts der Herausforderungen, die allein auf den Bereich Schule zukommen, den Bund komplett aus der Verantwortung für die Schulpolitik in Deutschland zu nehmen. Wir fordern von der Politik: Schluss mit dem Zuständigkeitsgerangel.“ Inklusion sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und müsse gemeinsam von Bund, Ländern und Kommunen verwirklicht werden.

Den Ball nahm Löhrmann gerne auf. Sie halte die in der Verfassung festgeschriebene Kompetenzverteilung nicht für zielführend. Bei der Finanzierung der Schulsozialarbeit, von Inklusionshelfern sowie des Ausbaus von Ganztagsangeboten könne der Bund wichtige Beiträge leisten, sagte sie – und erntete dafür Applaus. Mit Skepsis dagegen war von der versammelten Lehrerschaft die Bilanz aufgenommen worden, die sie zuvor gezogen hatte: Nordrhein-Westfalen halte allein für die Inklusion 3.200 Lehrerstellen bis 2017/2017 parat, Lehrerstellen die aufgrund sinkender Schülerzahlen eigentlich abgebaut werden könnten. „Wir wissen auch: Wir benötigen zusätzliche Ressourcen, Zeit und Mittel“, sagte die künftige KMK-Präsidentin (ab dem 1. Januar übernimmt Nordrhein-Westfalen turnusmäßig die Führung des Gremiums). Und: „Insgesamt versechsfachen wir die Ressourcen, die wir für eine Verdreifachung der Inklusionsquote einsetzen.“

Zuvor hatte auch der Vorsitzende des Verband Bildungsmedien, Wilmar Diepgrond, die oft unzureichenden Rahmenbedingungen an den Schulen kritisiert. Er forderte angemessene Arbeitsbedingungen für Lehrer ebenso wie angemessene Etats für Bildungsmedien und technologische Ausstattung. News4teachers

Zum Kommentar: Deutscher Lehrertag – vorbildliches Engagement

Zum Bericht: VBE-Umfrage: Deutsche wollen Inklusion – aber nur in kleineren Klassen

 

2 Kommentare

  1. „Der Deutsche Lehrertag war ausgebucht; in den letzten Tagen hatte der Verband noch etliche Teilnahmewünsche abweisen müssen.“

    „Am stärksten nachgefragt war – neben Angeboten zum Fach Deutsch – der Workshop: ‚Inklusion als Chance, Beispiele aus der Praxis‘. Der Bedarf an Mut machender Anschauung ist offenbar groß in der Lehrerschaft; kein Wunder angesichts der Herausforderung des anstehenden Systemwandels.“

    Der „Käse scheint gegessen“. Alle guten Argumente gegen diesen „Systemwandel“ prallen offensichtlich in großen Teilen der Lehrerschaft ab. Es lohnt sich offensichtlich auch hier nicht mehr, weitere Kommentare zu diesem Thema zu schreiben. Ich kann es immer noch nicht fassen, wie sich eine Berufsgruppe so blenden lässt. Mein Gott, das sind doch keine doofen Leute!
    Es ist alles verdammt frustierend!!

    • Ja, das ist es. Aus meinem Lehrer-Umfeld ist intern nur einer halbwegs für die Inklusion, nach außen aber fast jeder. Dort heißt es dann wie üblich, Inklusion sei gut und richtig, man brauche aber mehr Geld und Personal.
      Ich habe mich schon dumm und dämlich geredet, dass dies feige sei und einem System helfe, das doch in Wahrheit nicht befürwortet würde.
      Reaktion: Achselzucken oder „Du hast gut reden.“
      Die Inklusion ist einfach ein Selbstläufer. „Alle guten Argumente gegen diesen “Systemwandel” prallen offensichtlich in großen Teilen der Lehrerschaft ab.“ Zumindest ist das äußerlich der Fall und das allein zählt. Wenn die Lehrer zwar nicht faule, aber feige Säcke sind, sollen sie sich nicht hinterher über die Suppe beklagen, die sie selbt mitgekocht haben mit dem kleinmütigen Einwand, dass nur noch das ein oder andere Gewürz fehle.

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