Startseite ::: Aus den Verbänden ::: Inklusion: Lehrer schlagen Alarm – „Kinder mit Verhaltensstörungen in Regelschulen kaum zu betreuen“

Inklusion: Lehrer schlagen Alarm – „Kinder mit Verhaltensstörungen in Regelschulen kaum zu betreuen“

MAINZ/DÜSSELDORF. Realschullehrer in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen schlagen Alarm. „Inklusion kann nicht per Gesetz über Nacht zur Aufgabe der  Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen deklariert werden“, kritisiert der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende des Verbandes Reale Bildung (VRB), Bernd Karst. Brigitte Balbach, Vorsitzende von „lehrer nrw“, schlägt in die gleiche Kerbe. „Die Lehrerinnen und Lehrer werden buchstäblich allein gelassen“, sagt sie.

Eine optimale Förderung behinderter Schüler setze ein hohes Maß an Professionalität und Erfahrung voraus. „Ohne zusätzliche, vollausgebildete Förderschullehrkräfte in ausreichender Zahl ist an einen ‚inklusiven Unterricht‘, der behinderten wie nicht behinderten Kindern gerecht wird, nicht zu denken“, meinte Karst. Ohne zusätzliche Investitionen sei absehbar, dass die Akzeptanz für Inklusion bei Schülern, Eltern und Lehrkräften immer mehr schwinden werde. Die Politik dürfe bei der Umsetzung der Inklusion nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen. Hat Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) eine falsche Information gegeben, als sie in der Sendung von Günther Jauch am Sonntag sagte: „Wir haben im Schnitt an den Schwerpunktschulen eine Förderschullehrerstelle für fünf Inklusionskinder“? Diese Quote, meint jedenfalls der VRB, sei nach Auskunft der Schwerpunktschulen noch weit von der Realität entfernt.

Auch im Nachbarland Nordrhein-Westfalen ist Kritik an der Umsetzung der Inklusion zu hören. Ab dem 1. August gilt dort das neue Schulgesetz, das einen Rechtsanspruch für behinderte Kinder auf einen Platz an einer Regelschule enthält. „Gut zwei Monate vor dem Start der Inklusion sind immer noch gravierende Probleme ungelöst“, meint „lehrer nrw“-Vorsitzende Balbach. So sei eine Doppelbesetzung von einem Lehrer und einem Förderschullehrer in inklusiv arbeitenden Klassen nicht möglich, hätten Vertreter der Dienststellen in Personalversammlungen unlängst mitgeteilt. „Wie soll eine einzelne Lehrkraft in einer Klasse mit 30 Kindern sowohl den stärkeren Schülern als auch denen mit sonderpädagogischem Förderbedarf gerecht werden? Auf diese Frage gibt es bisher keine Antwort“, kritisiert Balbach.

Sie meint: Die UN-Behindertenrechtskonvention verlange weder „eine Schule für alle“ noch die Auflösung der Förderschulen. Genau darauf läuft die im letzten Jahr für Nordrhein-Westfalen beschlossene Mindestgrößenverordnung jedoch hinaus. Für Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen zum Beispiel sei die Mindestschülerzahl auf 144 hinaufgesetzt worden. Die Folge: Viele Förderschulen würden die vom Schulministerium geforderten Mindestgrößen nicht erreichen und seien daher von Schließung bedroht. „Für viele Kinder kann eine gemeinsame Beschulung förderlich sein – für viele aber eben auch nicht“, betont Brigitte Balbach. „Gerade Kinder mit schweren Verhaltensstörungen sind an einer Regelschule kaum adäquat zu betreuen. Wir brauchen eine Wahlmöglichkeit. Viele Eltern wollen ausdrücklich einen geschützten Raum für ihre Kinder. Den können die Förderschulen mit ihrem geschulten Personal und ihren speziellen Förderschwerpunkten bieten.“ News4teachers

Zum Bericht: Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium? Der „Fall Henri“ spaltet Deutschland

3 Kommentare

  1. „angekündigte Katastrophe“?

  2. …die Damen und Herren Politiker haben es sich schon immer leicht gemacht mit schulpolitischen Entscheidungen:
    Um sich als neugewählte Regierung zu profilieren, werden Wünschen aus der Wirtschaft oder irgendeinem Trend populistisch folgend gutklingende Ideen und Theorien in Gesetzesform gegossen und diese den Lehrern vor die Füße geworfen, die – natürlich zum Nulltarif – dies alles in der Praxis umsetzen sollen. Letztes Beispiel: die überhastete und planlose Einführung von G8. Zum Dank müssen die Lehrer sich – ebenso populistisch – dann noch beschimpfen lassen wie beispielsweise seinerzeit vom Ex-Bundeskanzler G.Schroeder (G=Gazprom), der vor laufenden Kameras pauschal alle Lehrer als „faule Säcke“ verunglimpfte.
    Glauben Sie mir: auch mit der vieldiskutierten Inklusion wird’s wieder genauso laufen: Einführung zum Nulltarif und dann das große Lamento, dass die Lehrer – die ja beispielsweise neben vielem anderen ihre Schüler so nebenbei auch noch aufs Zentralabitur vorbereiten müssen – das mit der Inklusion irgendwie nicht richtig hinkriegen. Faule Säcke eben!

  3. Das war doch vorauszusehen oder? Deshalb ist es so wichtig die Förderschulen zu erhalten, damit sie diese Kinder auffangen und die Regelschulkollegen entlasten können. Wer von den lernschwachen Kindern noch nicht auffällig ist, der wird es im Regelschulsystem oder er zerbricht daran. so wie es jetzt läuft wird Inklusion zur Katastrophe für alle Beteiligten.

    Schon abgestimmt?

    https://www.openpetition.de/petition/online/frau-loehrmann-senken-sie-die-mindestschuelerzahl-an-foerderschulen?utm_source=extern&utm_medium=widget&utm_campaign=frau-loehrmann-senken-sie-die-mindestschuelerzahl-an-foerderschulen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*