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Der berechtigte Streik der Erzieherinnen: Es geht ums Geld – und um viel mehr

Ein Kommentar von ANDREJ PRIBOSCHEK.

BERLIN. Beim Streik der Erzieherinnen und – eine oft übersehene Gruppe – Sozialarbeiter geht es um weit mehr als ums Geld. Seit 2009 hat sich die Bezahlung von Erzieherinnen (es handelt sich ja zu 97 Prozent um Frauen) schon deutlich verbessert, nämlich um gut 30 Prozent, wie die „Zeit“ berichtet. Das ist eine Lohnsteigerung weit über dem Durchschnitt der meisten Branchen. Allerdings natürlich auf immer noch vergleichsweise geringem Niveau: Im Schnitt verdienen Erzieherinnen laut Lohnspiegel der Hans-Böckler-Stiftung, bedingt auch durch eine oft ungewollte Teilzeit, monatlich 2.519 Euro in Westdeutschland und 2.239 Euro in Ostdeutschland (brutto, versteht sich) und damit weniger als Paketzusteller.

Die Kita-Beschäftigten haben sich mit großer Mehrheit für einen unbefristeten Streik ausgesprochen. Foto: GEW

Die Kita-Beschäftigten haben sich mit großer Mehrheit für einen unbefristeten Streik ausgesprochen. Foto: GEW

Betrachten wir die Sache mal rein ökonomisch. Wonach bemisst sich denn das Einkommen von Arbeitnehmern? In einer Marktwirtschaft ist es eine Frage der Knappheit des Angebots (nicht des gesellschaftlichen „Wertes“ von Arbeit, wie viele meinen). Deshalb verdienen zum Beispiel Spitzenfußballer, von denen es relativ wenig gibt, viel – und Journalisten in Zeiten, in denen die meisten Verlage ums Überleben kämpfen und Redakteure entlassen, wenig. Hier sieht es für Erzieherinnen perspektivisch gut aus: Durch den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz auch schon für die Kleinsten hat sich der Bedarf an Kita-Personal deutlich erhöht. So haben viele Träger zunehmend Probleme, freie Stellen zu besetzen. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, steigt der Preis. Also: Die Einkommen müssen steigen, im ökonomischen Modell jedenfalls.

Dass das in der Praxis nicht immer so reibungslos funktioniert, belegt die jetzige Tarifauseinandersetzung. Denn auf der Nachfrageseite mischt der Staat kräftig mit, und der schert sich eben oftmals nicht um Marktregeln – er agiert nach politischen Vorgaben. Und deshalb ist dieser Tarifstreit im Kern eine politische, keine wirtschaftliche Auseinandersetzung. Wer beispielsweise will, dass Kita-Beiträge nicht steigen dürfen, um das Personal besser zu bezahlen (das lässt sich sozialpolitisch ja begründen), wer einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz schon für Einjährige durchsetzt (das macht sich familienpolitisch durchaus gut) und damit die Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen drastisch verschlechtert, der muss auch für die Folgen geradestehen. Und das ist der Bund. Nicht die Kommunen, die jetzt mit den Gewerkschaften ringen müssen.

Insofern ist es scheinheilig, wenn Frau Schwesig als Bundesfamilienministerin eine grundsätzlich bessere Bezahlung für das Kita-Personal fordert, sich aus dem aktuellen Tarifstreit aber vornehm heraushält. Dabei ist mehr als Geld nötig: Es geht, wie eingangs erwähnt, um deutlich mehr. Nämlich um gesellschaftliche und politische Anerkennung.

Wie wenig davon Erzieherinnen zu spüren bekommen, hat eine unlängst auf dem Deutschen Kitaleitungskongress vorgestellte Studie offenbart. Danach sind drei Viertel des pädagogischen Fachpersonals in den Kitas der Meinung, dass in der Gesellschaft ihre Arbeit gering geschätzt wird und das Vorurteil herrscht: „Ihr spielt und bastelt doch nur!“ (Ein Problem, das im Prinzip auch Grundschullehrer betrifft: Je kleiner Kinder sind, desto weniger ist die sie betreffende Pädagogik in Deutschland wert).

Tatsächlich gibt es Belege für fehlende Wertschätzung: Dass die Ausbildung zur Erziehung je nach Wohnort zwischen zwei und vier Jahren dauert, also in keiner Weise einheitlich geregelt ist, dass eine akademische Qualifikation für eine Beschäftigte in der Branche keinerlei Vorteile bringt, also völlig wurscht ist, und dass die damalige Bundesarbeitsministerin von der Leyen (die es als Mutter von sieben Kindern eigentlich besser wissen müsste) Schlecker-Frauen mal flott zu Kita-Beschäftigten umschulen wollte – dies alles zeigt, wie viel hier noch zu tun ist.

Dazu kommt eine schier brutale Belastung der Beschäftigten, die von aktuellen Studien bestätigt wird – bedingt durch einen hohen Lärmpegel, fehlende Pausen- und Rückzugsmöglichkeiten, starke körperliche Anstrengung durch das Herumtragen der jüngeren Kinder und über das Sitzen auf zu kleinen Stühlen. Entsprechend hoch ist der Krankenstand. Die Wahrscheinlichkeit für eine Erzieherin, im Laufe ihres Berufslebens zum Beispiel eine Muskel-Skelett-Erkrankung zu bekommen, ist 2,8-mal höher als für eine Durchschnittsdeutsche.

Keine Frage: Der Erzieher-Beruf ist einer der härtesten in Deutschland. Und das verdient Anerkennung.

Zum Bericht: Über 90 Prozent Zustimmung unter Erzieherinnen – Bsirske kündigt unbefristete Streiks in Kitas ab Freitag an

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