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Jetzt doch: Kretschmann will das Gymnasium umbauen, denn: „Wir lieben es“

STUTTGART. Chaostage in Stuttgart: Die grün-rote Koalition in Baden-Württemberg streitet sich um eine Reform des Gymnasiums. Widersprüchliches kommt dabei von Regierungschef Kretschmann. Gestern noch ließ er verlauten, an der Schulform werde nicht gerüttelt. Heute sagt er: Reformen müssten schon sein. Seine Begründung: „Wir wollen das Gymnasium stärken“.

Stellt klar, dass er beim Gymnasium Reformbedarf sieht: Winfried Kretschmann (Grüne). Foto: BÜNDNIS 90/Die Grünen/Flickr CC BY 2.0

Stellt klar, dass er beim Gymnasium Reformbedarf sieht: Winfried Kretschmann (Grüne). Foto: BÜNDNIS 90/Die Grünen/Flickr CC BY 2.0

Das Zukunftspapier «Gymnasium 2020» hat Zoff zwischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und den grün-roten Regierungsfraktionen ausgelöst. Der Regierungschef reagierte verärgert auf öffentlich geäußerte Kritik von Grünen und SPD im Landtag an der Ideensammlung zur Zukunft der 400 Gymnasien im Südwesten. «So geht’s wirklich nicht», sagte Kretschmann am Dienstag in Stuttgart. Bildungspolitiker von SPD und Grünen im Landtag hatten die Vorschläge eines vom Kultusministerium eingesetzten Arbeitskreises abgelehnt. «Innerhalb der Landesregierung liegen anscheinend die Nerven blank», kommentierte CDU-Fraktionschef Guido Wolf.

Kretschmann argumentierte, keine Regierung könne darauf verzichten, Arbeitsgruppen und Kommissionen zu Rate zu ziehen. «Wie soll sonst Innovation entstehen?» Auch die Lehrergewerkschaft GEW rief zu einer sachlichen Debatte auf. «Die vielen Tausend Mitglieder an den Gymnasien erwarten eine Weiterentwicklung ihrer Schulart», betonte Landeschefin Doro Moritz.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) rechtfertigte seinem Umgang mit den Anregungen des Arbeitskreises, die ihm seit Frühsommer 2014 vorliegen. Sie müssten nach Dringlichkeit sortiert und vor allem bei Bedarf an zusätzlichen Ressourcen mit dem Finanzressort diskutiert werden. Dann erst sei mit einer Entscheidung des Regierung zu rechnen.

Er könne sich nicht im «stillen Kämmerlein» einschließen und seine Referenten Papiere erstellen lassen, sagte Stoch. Externer Sachverstand sei unverzichtbar. Der Arbeitskreis besteht aus Vertretern von Eltern, Schülern, Direktoren und des Landesschulbeirates. Stoch stellte mit Blick auf die Kritik der Opposition an den Vorschlägen klar: «Ich kann allen sagen, die grün-rote Landesregierung hat weder vor, das Gymnasium abzuschaffen, noch es zu schwächen, noch etwas an den Leistungsanforderungen zu verändern.»

Kretschmann warnte vor dem Festhalten am Status quo. Auf das Gymnasium wechseln mehr als 40 Prozent der Grundschüler. Dass sich das Gymnasium als beliebteste Schulart weiterentwickeln müsse, sei unbestreitbar. Ergebnisse von Expertenzirkeln würden ohnehin nicht eins zu eins umgesetzt. «Sonst bräuchte es uns ja nicht», sagte der Regierungschef. Die letzte Entscheidung über das Gymnasium der Zukunft liege bei der Politik. Kretschmann bekräftigte: «Wir wollen das Gymnasium stärken.» Er fügte hinzu: «Das deutsche Bildungsbürgertum liebt nun mal sein Gymnasium, und wir teilen diese Liebe.»

Oppositionspolitiker sehen in dem Papier des Gremiums, das noch von der ehemaligen Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) eingesetzt wurde, eine Schwächung des Gymnasiums. Die FDP-Fraktion nimmt Kretschmanns Bekenntnis zum Gymnasium nicht ernst. Es komme nicht von Herzen, sondern entspringe rein taktischem Kalkül. Er fürchte offenbar, bei einem offenen Angriff auf das Gymnasium von den Bürgern abgestraft zu werden, sagte Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke.

Amtsinhaber Stoch warnte vor «Schwarz-Weiß-Denken». Er selbst sehe sowohl interessante als auch nicht realisierbare Punkte in dem Papier. So gebe es Handlungsbedarf bei dem von den G8-Schülern empfundenen Schulstress. Dieser könne durch ein Coaching-System, wie es der Arbeitskreis vorschlägt, abgemildert werden. Dabei besprechen Beratungslehrer mit den Schülern Lernziele und -schritte. Allerdings würden für diese Maßnahme laut Arbeitskreis zusätzlich 456 Lehrerstellen benötigt.

Als schwierig erachtet Stoch dagegen Zugeständnisse bei den Fremdsprachen, die das Papier vorsieht, um Gemeinschafts- und Realschülern den Übergang auf das allgemeinbildende Gymnasium zu erleichtern. In diesem Punkt befürchte er eine Debatte über eine drohende Leistungsabsenkung, wie sie etwa der Philologenverband bereits vom Zaun gebrochen hat. Solche strukturellen Eingriffe seien nicht sinnvoll, betonte der Minister. dpa

Zum Bericht: Basta vom Chef – Kretschmann bremst Stoch beim «Gymnasium 2020» aus

7 Kommentare

  1. Wenn das Wort „stärken“ auftaucht, ist Vorsicht geboten. Mit dem umstrittenen „Bildungsplan“ zur sexuellen Vielfalt soll die Toleranz gestärkt werden, mit der Weiterentwicklung der „beliebtesten Schulform“ soll das Gymnasium gestärkt werden, mit Ganztagsschulen soll die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestärkt werden..usw. Nur lauter gute Dinge werden beabsichtigt und gestärkt.

  2. Auch Kretschmann liebt das Gymnasium. Darum ist wichtig, es durch weiter steigende Schülerquoten zu stärken.

  3. Ich war Zeuge, als im Wahlkampf eine Grünen-Politikerin die Frage „stimmt es, dass die Grünen langfristig das Gymnasium abschaffen wollen?“ so beantwortete: „Nein, das wollen wir nicht. Wir wollen sozusagen ein Gymnasium für alle.“ Auch die Jugendorganisation der Grünen in BW will ja wohl ein „Gymnasium für alle“, indem das eigentliche Gymnasium abgeschafft wird und es nur noch die Gemeinschaftsschulen gibt, bei denen Noten, Sitzenbleiben und jede Form von Leistungsdruck abgeschafft sind.
    Es gibt ernsthafte Leute, die preisen die „besondere Lernatmosphäre“ am Gymnasium und wollen sie allen zugute kommen lassen. Aber sie übersehen, dass die „besondere Atmosphäre“ nur deswegen überhaupt bestehen kann, weil eben nicht ALLE Schüler am Gymnasium sind. Bei den Sport-Eliteschulen sind ja auch nicht alle am Start, gell? Man vergleiche auch die „besondere Atmosphäre“ in Gourmet-Restaurants mit der nicht so besonderen Atmosphäre in einem gewöhnlichen Bierkeller. Es wäre nicht hilfreich, alle Lokale in „Gourmet-Restaurants“ umzubenennen.
    Unsere Politiker sind offenbar blind gegen eine simple Wahrheit, die die meisten Lehrer zumindest hinter vorgehaltener Hand zugeben: „Wenn man 50 oder mehr Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium schickt, dann muss das Niveau halt sinken, das ist doch klar.“ Stattdessen wird das tapfer geleugnet, und es wird das Gegenteil behauptet. Nur das renitente Volk glaubt es nicht mehr. Bei der nächsten Wahl wird man sehen.

    • Ja und, wo ist das Problem? Das ist nichts Anderes als das französische Schulsystem bzw. das, was Herrn Schleicher von der OECD vorschwebt, und was er aus Australien kennt.

      Ich selbsz fände eine 12-jährige Schulzeit für alle erstrebenswert. Wenn Sie z.B. das australische Schulsystem nehmen, dann gehen alle Kinder in eine Schulform, von der ersten bis zur letzten – 12. – Klasse.
      Innerhalb der Schulen gibt es eine wesentlich breiter angelegte Differenzierung der Kurse, die nach Kompetenzstufen unterschieden werden. Es gibt fünf Kompetenzstufen – von Kursen auf Förderschulniveau bis hin zu Kursen auf LK-Niveau in allen Jahrgängen. Wenn in einem Jahrgang also nur ein oder zwei Schüler das A-Niveau erreichen, dann wird für diese ein Kurs eingerichtet.
      Des Weiteren gibt es ein wesentlich größeres Angebot an (Neigungs-)Fächern, aus denen man auswählen und somit ein Profil bilden kann. Englisch als Landessprache muss nicht einmal von den Absolventen der Abschlussjahrgänge als Pflichtfach belegt werden.

      Hinzu kommt, dass der Unterricht anders organisiert ist. Es werden thematische Blöcke gebildet. Zwar gibt es einen Fächerkanon, der wie bei uns in den Hauptfächern immer wiederkehrend im wöchentlichen Turnus gleich bleibt, die Nebenfächer werden aber als Blöcke quartalsweise in die Studnenpläne integriert. Also ein Vierteljahr Geschichte, anschließend ein Vierteljahr Erdkunde usw.

      Bis zum Ende der Schullaufbahn müssen dann je nach Leistungsprofil eine bestimmte Menge Kurse in den einzelnen Fächern belegt und mit entsprechenden Noten abgeschlossen sein. Die Abschlüsse werden vergeben zum einen nach der Anzahl der Kurse mit der höchsten Kompetensstufe (A-Level) und den darin erreichten Noten. Am Ende der 12 wird also festgelegt, Schüler X hat so und so viele Kurse studienrelevaanter Fächer mit dem A-Level mit mindestens „gut“ abgeschlossen, der darf sich auf einen Studienplatz an einer Universität bewerben. Schüler Y hat sich ein handwerkliches Kursprofil zusammengestellt und mit schlechteren Noten abgeschnitten, er kann sich beim Militär bewerben, das der größte Ausbilder in Handwerksberufen wie zum Beispiel Schweißer, Elektriker usw. ist.
      Es gibt daneben unendlich viele Fächerkombinationen die besondere Profile bilden, so dass auch eine Möglichkeit besteht nahtlos in die Ausbildung/Studium zur Krankenschwester überzugehen.

      Das GY als Teil der bürgerlichen Bildungsgesellschaft ist so aus Sicht der Grünen bestimmt nicht ertrebenswert. Der Ansatz Bildung allen zu vermitteln ist auch also m.M.n. richtig und wichtig. Das alle die gleichen Abschlüsse und Berechtigungen erwerben, nur weil sie 12 Jahre gemeinsam zur Schule gegangen sind, ist Teil dieser Entwicklung. Das ist weder in Frankreich noch in Australien und auch bei uns an den Integrierten Gesamtschulen so. Die Tatsache, dass jedes Kind die Möglichkeit hat, an einer GeS oder Gemeinschaftsschule den Mittleren Bildungsabschluss mit Qualifizierungsvermerk zu machen, heißt ja ebe nicht, dass das auch jeder schafft. er hat aber innerhalb einer Schulform die Möglichkeit.

      • mit dem australischen Modell könnte ich mich sogar anfreunden. es wird in Deutschland aber entweder an zu kleinen Gebäuden (nicht alle Schüler eines Stadtteils passen in einen Komplex) oder an zu wenig Personal bzw. den Finanzen scheitern (nienand richtet für zwei Schüler einen LK ein). ich gehe davon aus, dass in Australien schon früh getrennt bzw. differenziert wird.

        werden die Bildungsmenschen jemals die Unterschiede zwischen tolerieren und akzeptieren, Korrelation und Kausalität, jeder und alle lernen? ich fürchte, diese Begriffe werden noch lange synonym verwendet …

      • Milch der frommen Denkungsart

        @dickebank:

        Völlig d‘ accord – viele Wege führen nach Rom; und das hiesigenorts so gepflegte, selbstverleugnerische Gesalbader über das gleichsam kastenartige deutsche Schul- wesen würde sich nicht einmal mehr ein indischer Märchenerzähler zu verbreiten getrauen, da es tatsächlich vertikal höchst durchlässig ist und faktisch über die Hälf-
        te der Studenten an deutschen Hochschulen ihr Reifezeugnis gar nicht am Gymna-
        sium erworben hat; mithin ist das Postulat eines „Gymnasiums für alle“ an sich hohl
        wie naiv zugleich und entlarvt sich letztlich als stupide Klassenkampfrhetorik.
        Die crux besteht doch darin, daß die grünen Bildungsuniformisten mit derart wolkigen Beschwichtigungsfloskeln, wie von „Cavalieri“ geschildert, letztlich ein arglistiges Appea- sement verfolgen ähnlich Herrn Ulbricht, der ja vorgeblich auch nie die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten; das Endziel, nämlich das Gymnasium allmählich zu entkernen und endlich sturmreif zu schießen, kann freilich nicht einmal ein Blinder übersehen.

        P.S.: Das französische (Einheits)schulsystem gilt inzwischen als das marodeste in ganz
        Europa.

        • Ob die Kisten nun Gymnasium oder wie in Polen Lyzeum oder sonst wie heißen ist egal. Selbst die empirische Schulforschung zeigt, dass die Schulform keinen Einfluss auf den Bildungserfolg hat.

          Es geht um die fachliche Leistungs- und die Interessen geleitete Neigungsdifferenzierung innerhalb eines Schulsystemes.

          Warum sollen suS mit Fördrbedarf Lernen nicht gemeinsamen Sport- oder Kunstunterricht mit hochbegabten SuS haben. Und wenn in einem Jahrgang an einer Schule nur 2 oder 3 SuS besondere Fähigkeiten und Fertigkeiten in einem bestimmten Fach haben, dann müssen sie ein entsprechendes Unterrichtsangebot bekommen. – Selbst wenn dieses dann jahrgangsübergreifend organisiert wird.

          Auch in den diversen Alters- und Leistungsklassen im Fußball gelten die gleichen Spielregeln und die gleiche Spielzeit. Und wie der Pokal zeigt, können auch unterklassige Vereine den Bundesligaprofis „ein Beinchen stellen“.

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