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Büffeln für bessere Noten – Nachhilfe ist Milliarden-Geschäft – GEW empfiehlt schulischen Förderunterricht

MÜNCHEN/BOCHUM. Wenn es in der Schule für den Nachwuchs nicht rund läuft, werden Eltern schnell unruhig. Viele setzen auf Nachhilfe, das verschafft kommerziellen Anbietern Milliarden-Umsätze.

Nachhilfeschüler

Erschöpft? Nachhilfe ist in vielen Familien zur Normalität geworden. Foto: Pink Sherbet Photography / flickr (CC BY 2.0)

Azubis und Fachkräfte willkommen, aber bitte mit gutem Schulabschluss – auch in Zeiten des Nachwuchsmangels bleiben die Anforderungen der Unternehmen an Bewerber in Deutschland hoch. Im neuen Schuljahr müssen deshalb wohl wieder gut eine Million Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Schule für bessere Zensuren büffeln, wenn sie später einen guten Ausbildungs- oder Studienplatz ergattern wollen. Der Nachhilfe-Branche in Deutschland verschafft das jährliche Umsätze von schätzungsweise rund zwei Milliarden Euro.

Große Gewinne fahren viele Anbieter allerdings schon wegen hoher Personal- und Servicekosten nicht ein, sagt die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen, Cornelia Sussieck. Pro Schüler und Monat geben die Eltern etwa 100 bis 110 Euro aus. Eigentlich wäre der Markt viel größer, denn nur etwa ein knappes Drittel der Eltern bucht Hilfe bei professionellen Anbietern. Weitaus häufiger kommt die Lern-Unterstützung aus der Familie oder dem Freundeskreis. Aber auch ältere Schüler, Studenten, pensionierte Lehrer oder arbeitslose Akademiker verdienen sich mit Nachhilfe gerne ein paar Euro hinzu – und das nicht selten am Fiskus vorbei.

Schon Grundschüler nehmen Nachhilfe

Ihre Klientel finden all diese Anbieter schon unter den Dritt- und Viertklässlern: Große Klassen an vielen Grundschulen und gestiegene Anforderungen durch gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderungen machen es den Lehrern tendenziell schwerer, allen Schülern gerecht zu werden. Manche Eltern sehen deshalb ihren Nachwuchs nicht mehr ausreichend gefördert, vor allem wenn zum Ende der Grundschulzeit der Übertrittsdruck Richtung weiterführende Schulen steigt.

Die meisten Nachhilfe-Stunden aber werden von Gymnasiasten in Anspruch genommen, denen auch die teils verkürzte Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre zu schaffen macht. Und schließlich ist auch der Trend zum Studium ungebrochen: Mehr als die Hälfte der jungen Leute eines Jahrgangs will sich nach Schulende an der Universität oder Fachhochschule bilden und braucht dafür ein gutes Zeugnis. Unterstützung suchen die Schüler vor allem in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch, aber auch in Physik und den anderen Fremdsprachen, wobei die Halbjahreszeugnisse meist wie ein Weckruf sind.

GEW empfiehlt Austausch mit der Schule

Hat ein Kind Probleme in der Schule, werden viele rasch in einer kommerziellen Nachhilfe-Gruppe angemeldet, kritisiert Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).  Dabei sei es sinnvoll, erstmal mit der Schule zu sprechen. «Viele Schulen bieten Förderunterricht, der direkt mit den Unterrichtsinhalten abgestimmt ist.» Das könnten kommerzielle Anbieter normalerweise nicht leisten.

Die Schüler könnten es auch erst mal mit speziellem Trainingsmaterial für zu Hause versuchen, das die Schulbuchverlage anbieten. «Wer in einer Universitätsstadt wohnt, kann vielleicht auch einen angehenden Lehrer für Nachhilfestunden gewinnen», sagt die Expertin. Das sei für Schüler und Studenten eine Win-win-Situation – und für die Eltern in der Regel kostengünstiger.

Sinnvoll ist eine professionelle Nachhilfe hingegen beispielsweise, wenn ein Kind große Rechtschreibprobleme hat. Das hängt nicht direkt mit der Aufgabenstellung zusammen und lässt sich in einer Nachhilfe-Einrichtung gezielt üben.

Der Markt ist gesättigt

Trotz der vielen Schüler, für die Nachhilfe mittlerweile zum Alltag gehört, könne von einem Nachhilfe-Boom keine Rede sein, sagt Thomas Momotow von der Studienkreis GmbH, die mit bundesweit rund 1000 Nachhilfe-Schulen neben der Schülerhilfe zu den zwei großen Anbietern in Deutschland gehört. Zum einen sinken die Schülerzahlen wegen rückläufiger Geburtenraten, zum anderen nehmen Ganztagesklassen und Betreuungsangebote am Nachmittag den Schülern schlichtweg die Zeit, zusätzlich auch noch Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. Der Markt sei relativ gesättigt und es herrsche ein Verteilungskampf, sagt Momotov.

Dabei bleibt der Bedarf an besserer Schulbildung durchaus groß: Noch immer gebe es zu viele Schulabgänger ohne Schulabschluss und junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung, beklagt etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Den Arbeitgebern wirft er zugleich vor, schwächere Schüler von vornherein auszusieben. «Hauptschülern bleiben zwei von drei Ausbildungsplätzen verwehrt», heißt es in einer DGB-Auswertung der IHK-Lehrstellenbörse aus dem April dieses Jahres.

Elternverband warnt vor zu viel Druck

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) will das aber nicht gelten lassen: Rund drei Viertel aller Hauptschüler mit Abschluss begännen eine betriebliche Ausbildung – «Tendenz steigend», sagt der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Die Unternehmen böten viele Unterstützungsmöglichkeiten auch für Leistungsschwächere. «In anspruchsvollen Ausbildungsberufen bleibt eine entsprechende schulische Vorbildung jedoch unerlässlich.»

Dennoch empfehlen Elternverbände, nicht zu früh zu viel Druck aufzubauen. «Viele Eltern denken, nur mit einem möglichst hohen Schulabschluss kann es das Kind zu was bringen», sagt etwa der Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes, Martin Löwe. Auch in Bayern, das als das Bundesland mit dem anspruchsvollsten Schulsystem gilt, böten sich aber schwächeren Schülern Chancen durch Querverbindungen zwischen den einzelnen Schulformen. Dennoch sei Nachhilfe «leider zur Normalität» geworden, sagt Löwe. «Wenn ein staatliches Schulsystem existiert, sollte es auch gewährleisten, dass die Kinder innerhalb dieses Systems zu vernünftigen Abschlüssen kommen.» Christine Schultze

2 Kommentare

  1. Wenn ein staatliches Schulsystem existiert, sollte es auch gewährleisten, dass die Kinder innerhalb dieses Systems zu vernünftigen Abschlüssen kommen.

    Richtig. Schulformwechsel innerhalb des gleichen Systems sind davon nicht ausgeschlossen.

  2. Da steht jetzt in dem Artikel, der gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern, mache es den Lehrern schwer, allen gerecht zu werden. Deshalb nähmen Dritt – und Viertklässler Nachhilfe. Was wollen eigentlich alle von einem?

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