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Wie ist es möglich, dass in Deutschland 7,5 Millionen Erwachsene kaum Lesen und Schreiben können?

DÜSSELDORF. Wenn Erwachsene in Deutschland kaum lesen und schreiben können, liegen die Ursachen oft in der Kindheit. Für die Eltern war damals Bildung nicht wichtig, die Kinder fehlten oft. Tausende Erwachsene besuchen jedes Jahr Lese- und Schreibkurse. Heute ist der von der Weltkulturorganisation Unesco ausgerufene Alphabetisierungstag – Anlass, an ein verbreitetes, aber oft verdrängtes Problem zu erinnern.

In Deutschland sind Frauen seltener von Analphabetismus betroffen als Männer. Foto: Mark Kujath / Flickr

In Deutschland sind Frauen seltener von Analphabetismus betroffen als Männer. Foto: Mark Kujath / Flickr

Die Notlügen sind bekannt: «Brille vergessen», «Hand verstaucht». Und dann folgt die Bitte, etwas vorzulesen oder ein Formular auszufüllen. Anzeigetafeln, Fahrpläne, Speisekarten oder Formulare sind für etwa 1,5 Millionen Menschen allein in Nordrhein-Westfalen ein Buchstaben-Brei. Diese Männer und Frauen haben Lesen und Schreiben nie richtig gelernt. Viele haben aber gelernt, dieses Manko zu überspielen. Denn es ist ein Tabu-Thema, und kaum einer will sich offenbaren. Viele trauen sich erst im Alter über 40 wieder auf die Schulbank.

Bei Gundula Haude-Ebbers in der Volkshochschule Düsseldorf melden sich sogar Rentner. «Ich bin über 60, möchte aber zur Schule gehen!» Das hört die Leiterin des Fachbereichs immer wieder. Andere kommen, weil das eigene Kind eingeschult wird. Oder das Jobcenter schickt die Leute.

Im Raum 2.05 der Düsseldorfer VHS sitzen erwachsene Schüler zwei Mal in der Woche an den Tischen. Sie tragen zum Beispiel fehlende Wörter in einen Text mit Lücken ein. «Ich möchte Briefe selbst schreiben können», erzählt eine Frau mit angegrautem Haar und lächelt schüchtern. Sie kommt seit mehreren Jahren. Ihre Übungsbögen sind akkurat im Ordner abgeheftet, die Schrift wie gemalt. Düsseldorf bietet in diesem Halbjahr zehn Deutschkurse für Deutsche an, kostenlos. Tausende Erwachsene gehen in NRW jedes Jahr wieder zur Schule.

Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem seit Generationen die Schulpflicht gilt, Millionen Menschen gar nicht oder nicht sicher lesen und schreiben können? «Es gibt nicht die eine Ursache», erklärt Ghada Muhsin von der Koordinierungsstelle Alphanetz-NRW. Oft wurde in der Kindheit der Zeitpunkt verpasst. Ein Fall wie dieser: Vater ist Fernfahrer, Mutter hat zehn Putzstellen, zu Hause übt keiner mit dem Jungen.

Oder die Eltern – selbst wenig gebildet – halten nichts von Büchern. Oder die Familie zieht oft um, das Kind fehlt wochenlang in der Schule. Und dann scheint der Zug abgefahren. «Je älter die Schüler werden, desto mehr entwickeln sie Strategien, um zu vertuschen, dass sie nicht lesen und schreiben können», weiß Muhsin: Die Geschwister machen die Hausaufgaben.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 können bundesweit 7,5 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene nur eingeschränkt lesen und schreiben und brauchen oft Hilfe. Mehr als jeder Zweite hat sogar eine Arbeit oder ist in Ausbildung. Mit einem Anteil von 60 Prozent sind Männer in der Mehrheit.

Inzwischen gibt es mehr maßgeschneiderte Hilfen für die erwachsenen Schreibschüler. Ein neuer, dicker Band kombiniert Übungen mit Themen aus dem Berufsleben: Es geht um Messinstrumente, Gesundheitsschutz, Kundenkontos, Werkzeug und das Wochenende.

«Ich möchte einmal ein richtiges Buch lesen», hat sich eine Schülerin bei ihrer Lehrerin gewünscht. Aber das Lernen fällt Erwachsenen sehr viel schwerer als Kindern, das liegt auf der Hand. Über ihre erwachsenen Schüler sagt eine der Düsseldorfer Pädagoginnen jedenfalls entschieden: «Es hat überhaupt nichts mit Intelligenz zu tun!» Von Ulrike Hofsähs, dpa

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