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Der Osten hängt den Westen ab: Sachsen-Anhalt bei Kita-Betreuung ganz vorn, Bayern hinten

WIESBADEN. Kinder zu Hause aufziehen oder nicht? In der Börde in Sachsen-Anhalt geben so viele Eltern ihren Nachwuchs in eine Kita wie nirgends sonst. In den Alpen ist das Gegenteil der Fall – aus Tradition.

Seit 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder, die älter als ein Jahr sind. Foto: Belzie / Flickr (CC BY-ND 2.0)

Seit 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder, die älter als ein Jahr sind. Foto: Belzie / Flickr (CC BY-ND 2.0)

Mit anderen Kindern den ganzen Tag toben, unter den wachsamen Augen der Erzieher basteln und fernab des eigenen Kinderzimmerbettchens einen Mittagsschlaf machen: Im Bördekreis in Sachsen-Anhalt ist das für die meisten Kleinkinder ganz normal. In keinem anderen Landkreis in Deutschland geben so viele Eltern ihre unter Dreijährigen in eine Kita oder zu einer Tagesmutter wie hier, wie aus der am Dienstag in Wiesbaden veröffentlichten Bundesstatistik hervorgeht. Das hat viele Gründe – vor allem historische.

Die Betreuungsquote lag den Angaben zufolge zum Stichtag am 1. März 2015 im bundesweiten Durchschnitt bei 32,9 Prozent. Der Landkreis Börde führte die Statistik mit 63,1 Prozent an – noch vor dem Landkreis Jerichower Land (ebenfalls Sachsen-Anhalt) mit 62,9 und dem Landkreis Elbe-Elster (Brandenburg) mit 62,2 Prozent. Schlusslicht war der bayrische Landkreis Berchtesgadener Land in den Alpen. Hier lag die Quote bei nur 13,0 Prozent.

Zwischen Ost und West klafft ein starkes Gefälle. Den Angaben zufolge wird im Osten mehr als die Hälfte aller Kinder unter drei Jahren in einer Kita betreut. Im Westen lag die Betreuungsquote am 1. März 2015 mit 28 Prozent deutlich darunter – trotz massiven Ausbaus der Angebote in den letzten Jahren.

«Was uns vom Westen Deutschlands unterscheidet, ist die gute Akzeptanz bei Eltern und Großeltern», sagt der Sachgebietsleiter für die Kindertagesbetreuung im Landkreis Börde, Matthias Wendt, in Haldensleben. Diese sei historisch gewachsen. In der DDR ging faktisch jedes Kind in einen Kindergarten, während beide Elternteile arbeiteten. Im Westen blieben die Mütter oft mit den Kleinen daheim.

Heute profitiert die Börde – wie der gesamte Osten – von den Strukturen. «Wir haben noch heute ein flächendeckendes Netz an Kitas», erklärt Wendt. Nach der Wende wurden die Einrichtungen in der Börde einfach saniert. Das Resultat heute: Knapp 180 Einrichtungen, kurze Wege und breit aufgestellte Kita-Profile – von der Kneipp-Kita bis zum Waldkindergarten wird alles geboten.

Nicht nur die DDR hinterlässt in der rund 170.000 Einwohner großen Börde ihre Spuren. Auch die wirtschaftliche Lage im Norden von Sachsen-Anhalt gestaltet sich relativ komfortabel. Nach Angaben der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit in Halle war die Arbeitslosenquote in der Börde landesweit gesehen mit 8,0 Prozent im März 2015 am geringsten. Zum Vergleich: Die Quote lag im landesweiten Schnitt bei 10,8 Prozent.

«Wer arbeitet, braucht einen Kita-Platz», sagt Wendt. Da das Einkommensniveau in der Region zudem relativ gering sei, müssten meist beide Elternteile arbeiten – entweder in der angrenzenden Landeshauptstadt Magdeburg oder im Dutzende Kilometer entfernten, aber wirtschaftsstarken Wolfsburg, so der Betreuungsexperte. Die Folge: Lange Arbeitswege, weniger Zeit für den Nachwuchs. «Die Kinder sind oft acht bis zehn Stunden in den Einrichtungen.»

Anders gestaltet sich das im äußersten Süden Deutschlands, im Berchtesgadener Land – dem Schlusslicht der Statistik. Viele Gemeinden in der Region sind traditionell geprägt, mit malerischen Bauernhöfen, saftigen Wiesen, hohen Bergen – und konservativen Wertvorstellungen. «Dazu gehört auch eine Versorgung der Kinder in der eigenen Familie», sagt eine Sprecherin des Landratsamtes in Bad Reichenhall. «Es gibt immer wieder vereinzelten Bedarf an Betreuungsplätzen, jedoch kann dieser seitens der Gemeinden gedeckt werden.»

Viele Mütter mit kleinen Kindern blieben lieber zu Hause oder spannten die Großmütter für die Betreuung ein. Doch ein Wandel ist bereits spürbar. «Die Bedarfe für Kinderbetreuungsplätze steigen», registriert das Landratsamt. Das liegt nicht nur an Frauen, die trotz Kind weiter arbeiten wollen oder müssen. Ein wichtiger Grund sind auch Flüchtlingskinder, die in den Gemeinden unterkommen. Diesem Bedarf müsse man gerecht werden, hieß es beim Landratsamt.

Seit dem 1. August 2013 hat in Deutschland jedes Kind nach dem ersten Lebensjahr einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Doch die Qualität der Betreuung sei regional sehr unterschiedlich, kritisiert der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler. In Sachsen etwa kam ein Betreuer 2015 im Schnitt auf 8,6 Kleinkinder. In Baden-Württemberg betreute eine Fachkraft 4,1 Kinder unter drei Jahren. Schuld sind die hohen Kosten, die Länder und Kommunen stemmen. «Der Bund ist in der Pflicht und in der Verantwortung für ein chancengerechtes Aufwachsen aller Kinder zu sorgen.» Von Romina Kempt und Cordula Dieckmann, dpa

Ein Kommentar

  1. Gibt es eine Korrelation zwischen Kitaplatzdichte und Wirtschaftsleistung einer Region?

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